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Smartphone-Kamera

Xiaomi Mi Note 10: Kamera im Test

Das aktuelle Topmodell von Xiaomi hat gleich fünf Kameras auf der Rückseite, die von 13 mm bis 80 mm KB reichen, eine von ihnen hat gar 108 Megapixel Auflösung. Ist das bloße Pixelprotzerei oder tatsächlich von Vorteil?

© Xiaomi

Das Xiaomi Mi Note 10 wartet auf der Rückseite mit fünf Kameramodulen auf

Der chinesische Anbieter Xiaomi hat große Ambitionen. Seine Topmodelle verwenden hochwertige Komponenten und scheuen sich nicht, neue Wege einzuschlagen. So kommt das neue Mi Note 10 mit gleich fünf Kameras auf der Rückseite und liefert teilweise Bilder mit 108 Megapixeln Auflösung.

Gleichwohl ist die technische Ausstattung des 440 Euro (128 GB) teuren Smartphones zwar gut, aber doch eine Stufe unter den Topgeräten von Apple, Huawei oder Samsung anzusiedeln. An der einen oder anderen Stelle muss gespart werden.

Als Prozessor verwendet das Mi Note 10 den Qualcomm Snapdragon 730G. In der 256-GB-Version, die dann Note 10 Pro heißt, sind 8 GB für den RAM reserviert, in unserer 128-GB-Version sind es 6 GB. Das OLED-Display mit abgerundeten Kanten misst 6,47 Zoll in der Diagonale und hat eine Auflösung von 2340 x 1080 Pixeln.

Der Typ-C-Stecker unterstützt leider nur die Geschwindigkeit von USB 2.0. Dafür wurde nicht beim Akku gespart. Satte 5260 mAh sorgen für lange Laufzeiten. Die einige Gramm Gewicht extra lassen sich da gut verkraften.

Fotoausstattung

Ungewöhnlich ist die Kameraausstattung des Xiaomi. Vorne wird eine 32-MP-Einheit mit f2/26mm-KB-Optik verbaut. Auf der Rückseite findet man gleich fünf Kameramodule.

Die Hauptkamera hat einen Quad-Sensor mit 108 Megapixeln Auflösung von Samsung. Die maximale Auflösung ist aber nur in speziellen Modi (108 und 108 Pro) und nur als JPEG zu haben. Dann wird jedes Pixel einzeln ausgelesen. Normal fotografiert das Gerät JPEGs und RAWs mit 27 MP und rechnet dabei vier benachbarte Pixeln zusammen.

Der Sensor der Hauptkamera ist 1/1,33-Zoll groß. Werden die vier Pixel zusammen verrechnet, so gibt Xiaomi den Pixelpitch mit 1,4 μm an. Die Optik ist ein Weitwinkel mit f1,7/6,72 mm (24 mm KB) mit optischem Bildstabilisator und 82° Blickwinkel.

Noch mehr Blickwinkel – 117° – bietet die Superweitwinkeleinheit mit einem f2,2/2,35-mm-(16 mm KB)-Objektiv und 20-MP-Sensor mit 1/3-Zoll-Diagonale. Die Pixel dieses Sensors sollen 1,12 μm groß sein, was für Superweitwinkel überdurchschnittlich groß ist. Neben der Weitwinkelkamera ist auch diese RAW-fähig.

Als Normalbrennweite – oft „Tele“ genannt und von Xiaomi selbst als „Porträt“ bezeichnet – kommt ein 12-MP-Modul zum Einsatz mit f2/8,16 mm-(41 mm KB)-Objektiv ohne optischen Bildstabilisator. Sein Sensor gehört zur 1/2,5-Zoll-Klasse und hat 1,4 μm große Pixel.

Doch Xiaomi setzt noch einen drauf und verbaut zusätzlich ein echtes Tele mit f2/8,74-mm-Objektiv und Bildstabilisator. Allerdings ist die eigentliche Auflösung des Sensors klein – nur 5 Megapixel. Im Fotomodus rechnet Xiaomi das Bild auf 8 MP hoch. Optisch bietet diese Kamera ca. 80 mm KB.

Schließlich findet sich noch eine Makrokamera für Aufnahmen auf kurze Distanzen auf der Rückseite. Ihr 1,5-Zoll-Sensor liefert nur 2-MP-Auflösung. Zudem ist die f2,4/1,94-mm-(24 mm KB)-Optik lichtschwach. Aber sie stellt mit AF scharf und nimmt im Pro-Modus RAWs auf.

© Wadim Herdt / Montage: ColorFoto

Pro-Modus bietet die üblichen manuellen Zugriffe, Auswahl zwischen den Kameras und je nach Kamera auch RAW. Zudem gibt es auch im Pro-Modus die Möglichkeit, JPEGs mit 108 MP aufzunehmen.

Motive scharf stellen

Schön, das alle Kameras auf der Rückseite per AF fokussieren. Xiaomi verwendet unterschiedliche Methoden: Phasen- und Kontrastmessung, aber auch Laser-AF. Die Performance ist zudem je nach Kameramodul unterschiedlich. So brauchen die Normalbrennweite und die Teleoptik mehr Zeit, um die Motive scharf zustellen. Dafür liegt die Weitwinkelkamera öfter als die Normalbrennweite daneben.

Gesichtserkennung und -verfolgung gibt es grundsätzlich ebenfalls bei allen Modulen – es kommt aber zu Aussetzern. Die Geschwindigkeit bei der Erkennung und der Verfolgung sind schlechter, als man es bei den Topgeräten gewohnt ist. AF/AE lassen sich bei allen Kameramodulen im Pro-, 108-(MP) und Fotomodus sperren, aber nicht trennen.

Insgesamt spielt das Xiaomi in Sachen AF nicht in der obersten Liga mit, ist aber für viele Aufgaben schnell genug.

Die Foto-App

Die Foto-App präsentiert sich in der typischen 3er-Teilung: Oben und unten finden sich die Funktionstasten sowie der Schiebereiter mit den Aufnahmemodi und in der Mitte quasi das Sucherbild mit weiteren Bediensymbolen je nach Aufnahmeprogramm.

Mit drei Video- und sechs Fotomodi (Foto, 108, Porträt, Nacht, Panorama und Pro) ist die Anzahl der Programme vergleichsweise klein und funktional auf die populärsten konzentriert.

Pro- und Fotomodus

Nur der Pro-Modus bietet Zugriffe auf Weißabgleich, Zeit, ISO und manuelle Fokussierung. Werden ISO oder Zeit vorgegeben, so kann die App den anderen Wert anpassen. Die Belichtungskorrektur wird per vertikalem Wisch angepasst. Zusätzlich kann auch das Kameramodul im Pro-Modus gewählt werden. Nur im Pro-Modus kann der Fotograf bei Makro, Superweitwinkel und Weitwinkel auch auf das RAW Formatzugreifen. 

Leider fehlen die Normal- und die Telekamera in der Liste: das wäre wünschenswert. Im Pro-Modus wechselt man mit einem Tipp auf die fünf Punkte für die fünf Kameras von Kamera zu Kamera. Auf dem Display zoomen führt nicht zum Kamerawechsel, sondern zu heftig hochgerechneten JPEGs auf Basis der einmal gewählten Optik. Die RAWs „ignorieren“ den Zoom-Wunsch.

Die fünf Punkte gibt es auch im Fotomodus, hier kann man ebenfalls auf dem Display mit zwei Fingern zoomen. Nun springt die App von Kamera zu Kamera. Nur wenn die Distanz zum Motiv zu kurz für die Fokussierung ist– also bei der Verwendung der Normal und der Telekamera – wechselt die App zur Weitwinkeloptik und rechnet den Crop auf 27 MP hoch. Manuell einstellen kann man im Fotomodus neben der Belichtungskorrektur HDR, Stile und AI.

© Wadim Herdt / Montage: ColorFoto

Im „108“ (MP)-Modus fotografiert man mit der Weitwinkelkamera bei maximaler Auflösung. Die Dateien sind ca. 20 MB groß und brauchen ein paar Sekunden, um fertig zu werden.

108 Megapixel

Wer Fotos mit 108 Megapixeln aufnehmen möchte, kann entweder den speziellen „108“-Modi nehmen oder im Pro-Programm das entsprechende  Symbol aktivieren. Dann fotografiert das Xiaomi mit der Weitwinkelkamera und nutzt jedes Pixel einzeln. In beiden Fällen erhält man ein JPEG. Allerdings kann man im Pro-Modus die Aufnahmeeinstellung auf Wunsch selbst bestimmen. Das Gerät braucht etwas mehr Zeit, um die ca. 20 MB großen JPEG-Bilder zu berechnen.

Porträt- und Nachtmodus

Im Porträtmodus fotografiert man mit der Normaloptik. Zoomen ist nicht möglich. Vor oder auch nach der Aufnahme kann die Wirkung einer Blende simuliert, der Grad der „Verschönerung“ gesteuert oder unterschiedliche Lichteffekte ausprobiert werden. Das Nachtprogramm arbeitet mit Serienbildern und verwendet die Weitwinkelkamera. Die Nachtaufnahmen haben wie bei der Konkurrenz Rauschen und Artefakte, aber auch ein gutes Detailniveau. Auf das Zoomen im Nachtmodus sollte man lieber verzichten, denn das Gerät cropt entsprechend der Zoomeinstellung die Aufnahmen der Weitwinkelkamera und rechnet das Bild wieder auf die 27 MP hoch.

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Bildqualität JPEG

Die Signalverarbeitung des Xiaomi ist je nach Kamera und Aufnahmemodus – Pro, 108 oder Foto – teils deutlich unterschiedlich, was nicht gerade praktisch für den Alltag ist. So sind die Aufnahmen der Weitwinkelkamera und des Superweitwinkels im Fotomodus knackig abgestimmt – mit angehobenen Kontrasten und schärferen Kanten. Im Pro-Modus parallel zu RAW aufgenommene JPEGs dieser Kameras sind dagegen wie weichgezeichnet.

Bei den Aufnahmen mit 108 MP (Weitwinkelkamera )sowie der Normal- und Telekamera arbeiten beide Modi agressiv, doch sind hier die Pro-JPEGs nochmal etwas härter abgestimmt als solche vom Fotomodus. Bei Aufnahmen mit gleichem Abbildungsmaßstab und unterschiedlicher Entfernung liefert die Weitwinkelkamera mit ihren 27-MPJPEGs die beste Bildqualität. Das gilt für gute wie für schlechte Lichtverhältnisse. Am nächsten kommt noch die Normalkamera dran, deren JPEGs aber wegen zu aggressiver Abstimmung weniger schön anzuschauen sind.

An sich ist die Performance des Superweitwinkels gut – diese Kamera gehört zu den besten unter ihres gleichen –, doch ihre Optik verzeichnet stark und kommt bei der Feinzeichnung erst an dritter Stelle. Ihr Einsatzbereich sind Panoramaaufnahmen. Die Teleoptik kann noch weniger mithalten, auch wenn der Bildstabilisator einen guten Job macht. Bei gutem Licht lohnt sich das Tele dennoch, wenn das Motiv es zulässt, bei schlechtem sinkt seine Performance zu stark. Auch das Superweitwinkel baut bei nachlassendem Licht stärker als das Weitwinkel ab.

Vom gleichen Standpunkt wie das Weitwinkel aus arbeitet sich die Normaloptik nach vorne. Trotz geringerer Auflösung – 12 versus 27 MP – kann sie dann bei gutem und auch schlechterem Licht mehr Details in ihrem engeren Bildausschnitt abbilden. Bei schlechterem Licht rauscht sie aber auch mehr.

Der Vergleich zwischen JPEGs mit 108MP und 27 MP, beides Weitwinkelkamera, ergibt kaum einen Vorteil für die 108-MP-Files. Bei viel Licht und kurzen Aufnahmeabständen kann das 108-MP-JPEG bei manchen Strukturen tatsächlich etwas mehr auflösen, ohne aber groß vorne zu liegen.

© Wadim Herdt / Montage: ColorFoto

Bei manchen Aufnahmen, vor allem mit der Weitwinkelkamera, kommt es bei der Bildberechnung zu Fehlern. Es kann passieren, dass es im Foto Bereiche gibt, die wie verwackelt wirken, während rund herum alles scharf ist.

Bildqualität RAW

Die Superweitwinkel und die Weitwinkelkamera sind RAW-fähig. Ihre RAW Dateien zeichnen sich durch ein höheres Detailniveau, aber auch stärkeres Rauschen im Vergleich zu den JPEGs aus. Das Rauschen nimmt schon bei guten Lichtverhältnissen zu. Die RAWs des Superweitwinkels sind davon stärker betroffen. Auch neigt diese Kamera stärker zu Moiré. Die RAWs der Weitwinkelkamera liegen hin und wieder beim Weißabgleich daneben. Bei nachlassendem Licht verstärkt sich das Rauschen und zwingt den Fotografen, mehr dagegen zu unternehmen. Auf jeden Fall lohnt sich der Mehraufwand mit der Entwicklung der RAW-Dateien. Kleiner Wermutstropfen: Die parallel aufgenommenen JPEGS-Files wirken bei beiden Kameras verwaschen und sind eigentlich zum Wegwerfen.

Den Vergleich mit den RAWs von Huaweis P30 Pro gewinnt Xiaomi knapp, bei Weitwinkelkamera und Superweitwinkel. Zwar rauscht das Weitwinkelbild des Huawei weniger bei gutem Licht, doch Xiaomi hat noch etwas mehr Details. Bei der Telebrennweite hat aber Huawei die Nase vorn: Sein Tele kann RAW, fängt grundsätzlich mehr Details ein und hat die bessere JPEG-Abstimmung mit einem wesentlich natürlicherem Bildeindruck.

Makro-Optik

Die Makro-Optik hat eine sehr geringe Auflösung und ist die lichtschwächste Optik von allen – f2,4. Hinzu kommt ein deutlicher Randabfall. Doch damit kommt man ganz nah ans Motiv heran. Zwar fokussiert auch das Superweitwinkel auf ähnlich kurze Entfernung, doch seine Optik verzerrt die Motive zu stark. Außerdem hat die Makrokamera RAW und AF.

Sie kann für spezielle Fälle nützlich sein. Doch generell erreicht die Weitwinkelkamera auch aus der größeren Distanz – bis ca. Faktor 4 – ein vergleichbares oder gar besseres Detailniveau und bildet größere Flächen ab. Die JPEGs der Makrokamera sind hart abgestimmt. RAW kann helfen, überzogene Kontraste, nachgezeichnete Kanten und Schärfungsartefakte zu reduzieren, und kann trotz leichten Rauschens mehr Details als die JPEGs aus den Motiven holen.

Fazit 

Das Xiaomi Mi Note 10 ist ein hochinteressantes Gerät. Sein Prozessor ist eher gehobene Mittelklasse, doch seine Kameras konkurrieren mit denen der Topmodelle auf Augenhöhe. Zu verbessern gäbe es den AF, die Abstimmung der JPEGs und die noch fehlende RAW-Unterstützung für die Normal- und die Telekamera. Maßstäbe setzt Xiaomi aber mit der Bildqualität der Hauptkamera: Das Weitwinkel liefert 27-Megapixel-RAWs mit der aktuell besten Bildqualität.

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