Digitale Fotografie - Test & Praxis
Mittelformatkamera

Hasselblad X1D II 50C im Test

Der schwedische Hersteller Hasselblad bringt mit der X1D II 50C die zweite Generation seiner Mittelformatkamera auf den Markt. Hier unser Test.

© Hasselblad

Pro

  • Design ist modern und eigenständig
  • einfache Bedienung
  • Gehäuse gegen Staub und Spritzwasser abgedichtet

Contra

  • keine Matrix-Belichtungsmessung
  • kein kontinuierlicher Autofokus
  • kein AF-Tracking
  • keine einstellbaren JPEG-Parameter

Fazit

ColorFoto Testurteil: 72,5 Punkte (13 Punkte über Durchschnitt)

Alter Schwede? Keinesfalls. Die in Göteborg gefertigte X1D II 50C ist eine moderne spiegellose Systemkamera mit Mittelformatsensor. Im Vergleich mit analogen Kameraklassikern wie der Hasselblad 500 C wirkt sie eher futuristisch.

Wie bei der GFX 50R von Fujifilm​ sitzt in der Hasselblad ein 43,8 x 32,9 mm großer Sensor mit einer Nennauflösung von 8272 x 6200 Pixeln (51,3 Megapixel). Im Vergleich zur ersten Generation der X1D​ wurden Sucher und Display verbessert, das Bedienkonzept optimiert und ein GPS-Modul integriert. JPEGs können jetzt in voller Auflösung ausgegeben werden.

Und noch etwas hat sich geändert – der Preis: Kostete die X1D 50C zur Markteinführung 2016 noch 9.400 Euro, ist die X1D II 50C bereits für knapp 6.000 Euro erhältlich. Erklärtes Ziel dieser Preispolitik ist es, die Kamera für anspruchsvolle Amateure attraktiv zu machen.

Profis, die bereits viel Geld in Kameras und hochwertige Objektive investiert haben, lassen sich kaum noch zu einem teuren Systemwechsel vom Kleinbild zum Mittelformat bewegen. Für die X1D II 50C sind acht Festbrennweiten von 21 bis 135 mm und ein Zoom (35-75 mm) erhältlich, alle ohne optischen Bildstabilisator. Weitere 12 HC/HCD Objektive des Hasselblad-Systems können adaptiert werden (XH-Adapter).

Gehäuse & Ausstattung

Das Design der X1D II 50C lässt sich als Symbiose aus Spiegelreflex- und Sucherkamera interpretieren: Von vorne könnte man die Hasselblad aufgrund ihrer Geradlinigkeit für eine Sucherkamera halten. Von hinten aber sieht man, dass der Sucher in der Mitte der optischen Achse sitzt und nicht an den linken Gehäuserand verlagert wurde wie bei einer Fujifilm GFX 50R.

Von oben erkennt man die ungewöhnliche Konstruktion des Handgriffs, der das Gehäuse nach vorne und hinten verbreitert. Alle Finger der rechten Hand finden eine komfortable Grifffläche, auch der Daumen wird optimal abgestützt.

Das Gehäuse ist gegen Staub und Spritzwasser abgedichtet, das verwendete Material – Aluminium mit „Dark Grey“-Finish – wirkt zugleich edel und robust. Für eine Mittelformatkamera ist die X1D II 50C erstaunlich kompakt und leicht (766 g). Für die Objektive gilt das weniger, wenn man von Ausnahmen wie dem XCD 3,5/45 mm (36 mm/KB, 467 g) absieht.

© Hasselblad

Luxusmonitor. Der touchfähige 3,6-Zoll-Monitor, ergänzt durch fünf Bedientasten, ist die Schaltzentrale der Kamera. Der Info-Monitor zeigt kurzzeitig auch das Programmwahlrad an, wenn man daran dreht.

Als Bildspeicher verwendet die Hasselblad UHS-II-kompatible SD-Karten; zwei Steckplätze befinden sich unter einer Abdeckung oberhalb des Anschlussterminals. Zur Anbindung von PC oder Tablet gibt es eine schnelle USB-3.0-Schnittstelle, für die Drahtloskommunikation ist WLAN an Bord. Eine HDI-Buchse sucht man vergebens, Miniklinken-Buchsen für Kopfhörer und ein externes Mikrofon sind vorhanden.

Als Stromquelle dient ein Lithium-Ionen-Akku mit 3400 mAh, der über das mitgelieferte USB-Netzteil in der Kamera geladen werden kann. Der Akku wird in einen offenen Schacht an der Kameraunterseite eingeschoben, rastet dort ein und schließt bündig mit dem Gehäuse ab. Ein als Zubehör erhältlicher Akkulade-Hub erlaubt das gleichzeitige Laden von zwei Akkus außerhalb der Kamera.

Sucher & Monitor

Für den OLED-Sucher der X1D II 50C nennt Hasselblad eine Auflösung von 1 230 000 RGB-Pixeln, das liegt auf dem Niveau der Fujifilm GFX 50R. Bei der Sucherbildvergrößerung gibt es einen kleinen Vorteil zugunsten der Hasselblad (0,87-fach gegen 0,85-fach). Leider hat der Sucher eine Tendenz zu Moiré- und Flimmer-Effekten. Bei geringer Umgebungshelligkeit wirkt das Sucherbild grieselig.

Der TFT-Monitor ist imposant und deckt die gesamte verfügbare Fläche unterhalb des Suchereinblicks ab. Die Bildschirmdiagonale beträgt 3,6 Zoll, während es die Konkurrenz im besten Fall auf 3,2 Zoll bringt. Die Auflösung bleibt mit 786 432 RGB-Pixeln dagegen im üblichen Rahmen. Verstellbar ist der Monitor nicht, aber berührungsempfindlich. Die Touch-Funktionalität ist umfassend ausgebaut und erinnert zum Teil an die Bedienung eines Smartphones.

Mehr lesen

APS-C-Kamera

Der Hybridsucher ist geblieben, als Sensor kommt die aktuelle 26-Megapixel-Generation zum Einsatz – lediglich ein integrierter Bildstabilisator fehlt…

Autofokus & Aufnahme

Zum automatischen Fokussieren verwendet die X1D II 50C einen Sensor-Kontrast-AF mit Einzelfeld-Messung in der Betriebsart „Einzelbild“ (AF-S). Kontinuierlicher Autofokus (AF-C), AF-Feld-Automatik und AF-Tracking bleiben außen vor. 117 AF-Punkte sind aktiv, wenn die kleinste von drei Messfeldgrößen eingestellt ist (mittel/groß:63/35 Messpunkte).

Zum Verschieben eines AF-Punkts verwendet man den TFT-Monitor als Touchpad – auch beim Blick durch den Sucher. Eine andere Möglichkeit: Man drückt die AF/MF-Taste etwas länger, um das AF-Feld-Raster aufzurufen. Dann verschiebt man den AF-Punkt horizontal und vertikal mit den beiden Einstellrädern. Ein Joystick zum Verschieben des AF-Punkts wäre dennoch wünschenswert.

Der Kontrast-AF arbeitete im Praxistest ziemlich genau, aber langsam. Für die Auslöseverzögerung inklusive AF-Zeit ermittelte das Labor 1,0/1,0 s bei 300/30 Lux. Die Fujifilm GFX 50R kann das besser (0,4/0,5 s), die GFX 100 legt noch einen Zahn zu (0,3/0,3 s). Auch die Einschaltverzögerung ist mit 7,4 s zu lang. Bildserien sind mit 2,6 B/s und 28/13 Bildern (JPEG/RAW) in Folge möglich. Manuelles Fokussieren unterstützt die Kamera mit einer Bildschirmlupe und Peaking.

Wie bei Hasselblad üblich, befindet sich der Verschluss nicht in der Kamera vor dem Sensor, sondern als Zentralverschluss im Objektiv. Die kürzeste Verschlusszeit mit XCD-Objektiven beträgt 1/2000 s, für HC/HCD-Objektive sind 1/800 oder 1/2000 s angegeben.

Blitzgeräte (Hasselblad empfiehlt diverse Nikon-SB-Modelle) lassen sich wegen des Zentralverschlusses mit allen Verschlusszeiten synchronisieren. Der elektronische Verschluss erlaubt noch kürzere Zeiten bis 1/10 000 s. Die ISO-Einstellung ist dabei auf 3200 limitiert. Lange Verschlusszeiten sind mit automatischer Steuerung mit bis zu 68 Minuten möglich, zudem gibt es eine B- und T-Einstellung für manuell gesteuerte Langzeitbelichtungen.

Bei der Belichtungsmessung beschränkt sich die Kamera auf mittenbetonte Ganzfeldmessung, ergänzt durch zwei Spot-Varianten. „Spot Mitte“ bezieht sich auf das Bildzentrum und erfasst etwa 25 Prozent der Bildfläche, während „Spot“ den Messbereich auf 2,5 Prozent reduziert. Da eine Matrixmessung fehlt, nutzt man häufig die AE-L-Taste zum Anmessen des Hauptmotivs und Speichern der aktuellen Belichtungswerte, bevor man den endgültigen Bildausschnitt festlegt.

© Hasselblad

Griffkomfort. Der Griff ist ein Handschmeichler erster Güte. An Vorder- und Rückseite sitzt jeweils ein Einstellrad; das Programmwahlrad lässt sich im Gehäuse versenken. Der Blitzschuh ist kompatibel mit den SB-Modellen von Nikon im Modus TTL BL (nicht iTTL).

Die Belichtungsprogramme wählt der Fotograf per Modusrad, das sich durch leichten Druck von oben im Gehäuse versenken lässt. Dort rastet es ein und springt erst nach erneutem Drücken wieder hoch – eine elegante Lösung.

Neben den Standardprogrammen (Auto, P, A, S, M) gibt es drei Benutzerprofile (C1-C3) und den Videomodus. Letzterer war bei der Testkamera noch inaktiv und soll erst durch ein Upgrade des Betriebssystems implementiert werden – vermutlich Anfang kommenden Jahres.

Bedienkonzept

Vorne und hinten am Handgriff befinden sich zwei Einstellräder, mit denen man unter anderem Blende und Belichtungszeit einstellen oder die AF-Punkte verschieben kann. Oben links vom Modusrad gibt es zwei Tasten für Direktzugriffe, zum einen für ISO/Weißabgleich, zum anderen für das Umschalten zwischen AF/MF. Die Taste für die Schärfentiefe vorne am Bajonett ist individualisierbar, ebenso die AE-L und AF-D-Taste an der Rückseite.

Ansonsten ist das Bedienkonzept vorwiegend auf Touchnavigation ausgerichtet. Vier ergänzende Tasten rechts vom Display haben teils festgelegte, teils wechselnde Aufgaben. Beispiel: Die Stern-Taste aktiviert bei der Aufnahme die Bildschirmlupe, während sie bei der Wiedergabe eine Thumbnail-Übersicht aufruft. Man zoomt dann durch Ziehen mit zwei Fingern oder durch „Doppelklick“ mit der Fingerspitze ins Bild.

Drückt man die Menü-Taste (Zeilen-Symbol), so zeigt sich rechts am Bildschirm ein überschaubares Hauptmenü mit drei Rubriken: Aufnahme, Video und Einstellungen. Links davon finden sich Icons, die an Smartphone-Apps erinnern und auf Funktionen wie Belichtung, Fokus, Blitz, GPS, Qualität oder Speicher verweisen. Neun solcher Icons können gleichzeitig angezeigt werden; 14 stehen zur Wahl. Icons lassen sich beliebig löschen und durch andere ersetzen.

Durch Wischen (Swipe) über den Bildschirm in vertikaler Richtung schalten Sie zwischen Hauptmenü und Info-Bildschirm um. Dieser zeigt alle wichtigen Aufnahme-Einstellungen, zum Teil in übergroßen Lettern, die sich auch in heller Umgebung gut ablesen lassen. Tippt man auf ein Funktionsfeld, so öffnet sich ein Auswahlmenü mit den vorhandenen Optionen. Das alles ist höchst übersichtlich und erschließt sich fast ohne Handbuch. Man darf gespannt sein, an welchen Stellen der Hersteller die Funktionalität der Kamera durch Upgrades des Betriebssystems noch erweitern wird.

© Hasselblad

Klare Linie. Die X1D II 50C besticht durch ihr modernes und eigenständiges Design. Das Aluminiumgehäuse ist ausgezeichnet verarbeitet, zudem gegen Staub und Spritzwasser abgedichtet.

Bildqualität

Die Hasselblad schafft eine extrem hohe Auflösung von 3131 LP/BH bei ISO 100 und damit noch etwas mehr als die Fujifilm GFX 50R (3097 LP/BH). Bis ISO 1600 verliert die Kamera nur 235 LP/BH und hält sich damit auf einem sehr hohen Auflösungsniveau. Bei ISO 3200 (2670 LP/BH) und bei ISO 6400 (2483 LP/BH) ist der Verlust an Auflösung größer, während die Fujifilm auf einem Niveau um 2900 LP/BH verharrt.

Das entscheidende „Aber“ dabei ist, dass Fujifilm auf allen ISO-Stufen intensiv nachschärft, die Hasselblad dagegen so gut wie gar nicht. Noch drastischer macht sich das bei den Dead Leaves bemerkbar: Eine Anhebung des Farbkontrasts spart sich die Hasselblad komplett, was zu vergleichsweise niedrigen DL-Werten führt: 1592/1270 LP/BH bei ISO 100. Die Fujifilm schafft 2278/2253 LP/BH, jedoch zum Preis einer bereits übertriebenen Erhöhung des Farbkontrasts.

Auch beim Rauschen greift Hasselblad nur wenig ein – mit dem Ergebnis, dass bereits bei ISO 1600 die VN-2.0-Grenze knapp überschritten wird, was aber noch unproblematisch ist.

Mehr lesen

Kaufberatung

Spiegellose Systemkameras verbinden Kompaktheit mit großen Sensoren und guter Bildqualität. Wir stellen die besten Spiegellosen 2020 vor.

Die X1D II 50C ist eine der wenigen aktuellen Kameras, deren interne Bildverarbeitung äußerst zurückhaltend arbeitet. Dies kostet natürlich Punkte beim JPEG-Test, der nur das berücksichtigt, was direkt aus der Kamera kommt. Andererseits ist es kein Problem, JPEGs bei der späteren Bildbearbeitung nachzuschärfen und den Kontrast sowie andere Bildparameter zu verändern.

Dann aber stellt sich die Frage: Warum JPEG und nicht gleich RAW? Mit den Standard-Einstellungen im Adobe-RAW-Konverter ließen sich auf Anhieb sehr gute Ergebnisse erzielen (der RAW-Test folgt). Hasselblad empfiehlt zur RAW-Konvertierung die hauseigene Software Phocus.

Fazit

Die Hasselblad X1D II 50C ist ein Gegenentwurf zum Mainstream – das kennt man sonst nur noch von Leica-M-Modellen. Das Design der Mittelformatkamera ist modern und eigenständig. Es lässt althergebrachte Muster hinter sich, ohne die haptische Qualität zu vernachlässigen.

Im Gegenteil: Wenn man die X1D II 50C einmal in die Hand genommen hat, möchte man sie nicht mehr weglegen. Mut beweist der Hersteller mit der Entscheidung, die Funktionalität der Kamera zu beschneiden: keine Matrix-Belichtungsmessung, kein kontinuierlicher Autofokus, kein AF-Tracking, keine einstellbaren JPEG-Parameter. „Weniger ist mehr“ – so lautet wohl das Prinzip, das vielleicht nicht jedem gefallen wird.

Dafür lässt sich die Kamera sehr einfach bedienen, und einige Funktionen werden wohl im Zuge von Software-Upgrades noch dazukommen. Ein Fall für die Action-Fotografie ist die Hasselblad sicher nicht, schon eher ein Werkzeug für umsichtiges, entspanntes Fotografieren. Bei Landschafts-, Architektur- und Sachaufnahmen, aber auch in der klassischen Porträtfotografie spielt die X1D II 50C ihre Stärken aus.

Mehr lesen

Chronologische Liste und Netflix-Links -

Neuerscheinungen in der Übersicht -

Vorschau auf Film- und Serien-Highlights -

Mehr zum Thema

Spiegellose Mittelformatkameras

Fujifilm GFX 50S und Hasselblad X1D sind zwei spiegellose Mittelformatkameras, die kaum größer als Vollformat-SLRs sind. Der Vergleichstest.
Spiegellose Systemkamera mit Vollformat-Sensor

Sony hat mit der A7R IV sich selbst übertroffen. Das Kameragehäuse wurde überarbeitet, der OLED-Sucher verbessert und der Autofokus weiterentwickelt.
Smartphone-Kamera

Neben Topmodellen finden sich auch im mittleren Preissegment zunehmend Smartphones mit guten Fotofunktionen. Das Nokia 7.2 mit zwei Kameras – eine…
Kompaktkamera

Im leicht modifizierten Gehäuse mit 16-fach-Zoom und 20 Megapixeln tritt die Leica V-Lux 5 die Nachfolge der V-Lux an. Wir haben sie getestet.
Kompaktkameras

Die neuen Canon Powershots G5 X Mark II und G7 X Mark III platzieren sich als Alternative zu Sonys RX100-Serie. Wie schlagen sich die Kameras im Test?