Bei Naim bleibt alles anders

HiFi- Unterhaltungselektronik

23.12.2008 von Redaktion pcmagazin und Stefan Schickedanz

ca. 2:20 Min
Ratgeber
  1. Report: Firmen im Wandel
  2. HiFi- Unterhaltungselektronik
Standardisierter Hörtest bei Naim
Aus der Fertigung ins Auditorium: Jede einzelne Naim-Komponente muss einen standardisierten Hörtest durchlaufen.
© Archiv

Die Sorgfalt und der ultimative Qualitätsanspruch, der in der schnelllebigen HiFi- Unterhaltungselektronik-Branche Seltenheitswert besitzt, zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Produktzyklus von der Entwicklung über die Produktion, die wie eh und je in der inzwischen ausgebauten Manufaktur stattfindet, bis zu abschließenden Einbrennen und Qualitätstests. Wo sonst muss jede einzelne Komponente neben umfangreichen Messprozeduren einen richtigen Hörtest über sich ergehen lassen?Naim nahm sich immer die Zeit, jedes Gerät von Anfang bis Ende von einem hochqualifizierten Mitarbeiter wie einen Bausatz fertig stellen zu lassen. Lediglich die auf höchsten Standards basierenden Platinen entstehen in einem automatisierten Fertigungsprozess im Haus, an dessen Ende auch wieder penible Kontrollen durch Mensch und Maschine stehen.

Handarbeit und Qualitätskontrolle sind in Salisbury keine Sprüche, sondern auf dem Rundgang durch die aufgeräumte und mit hochwertigem "Factory Radio" beschallte Fertigungsstätte fühlbar. Das beschauliche Treiben mit vielen kleinen Werkbänken, zu denen die vorselektierten Teile wie Bausätze auf Rollwagen herangekarrt werden, erinnert eher an ein Forschungslabor einer Universität als an eine Fabrik für größtenteils digitalisierte AV-Komponenten.

Ersatzteillager bei Naim
Jahrgangstreffen im Geburtshaus: Naim lagert selbst für über 30 Jahre alte Geräte noch Ersatzteile und poliert die Oldies in der Fabrik fachmännisch auf.
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"In China hätten wir ein junges Mädchen für ein paar Cent zum Kontrollieren der Platinen mit bloßem Auge dahinsetzen können. Aber diese alte Lady sieht so schlecht, dass wir Ihr sogar noch eine Spezialkamera mit Fernseher hingestellt haben, dass sie noch etwas erkennen kann", kommentiert Paul Stephenson während des Firmenrundgangs ein ebenso kostspieliges wie modernes Gerät, das jede einzelne Platine mit einem perfekten Muster ("Golden Sample") vergleicht.

Was woanders eine Anzeige wegen Diskriminierung nach sich ziehen würde, führt hier lediglich zu schelmischem Schmunzeln aller Beteiligten. Man kennt sich und achtet sich im Hause Naim, wo selbst Manager zunächst in der Fabrik arbeiten müssen.

Jeder Einzelne kann eine Geschichte erzählen, welche Komponente er am Abschluss seiner "Fabrik-Runde" als Abschlussarbeit gebaut hat. Massenfertigung in China - in den Ziegelsteinbauten im überschaubaren Industriegebiet von Salisbury allenfalls ein Thema für sarkastischen britischen Humor.

Eine große Familie

Grünes Firmenlogo
Grüne Welle: Auch am futuristischen Festplattenspieler HDX leuchtet das markante grüne Firmenlogo. Nach außen bleibt Naim der Tradition treu.
© Archiv

Der Teamgeist spiegelt sich auch im Großraumbüro, das Paul Stephenson mit einer ganzen Reihe von Kollegen teilt oder in der von allen gemeinsam genutzen Kantine wider. Apropos gemeinsame Nutzung: Ähnlich wie bei Bose steht hinter allen Naim-Produkten auch eine besondere Story - nur noch drastischer.

"Den Hitzebelastungstest der neuen Autoendstufe für Bentley haben wir nachts im Ofen der Kantine gemacht", amüsiert sich die vierköpfige Automobil-Task-Force um Technik-Vordenker Roy George, die über Weihnachten vor knapp zwei Jahren eilends eine rollende Machbarkeitsstudie für die britische Nobelschmiede aus Crewe auf die Räder stellte.

Einer der beiden Externen im Team, der schwedische Softwareconsultant Hjalmar Nilsson, hatte so viel Spaß an der von nächtlichen Überstunden gekennzeichneten Arbeit, dass er nach dem Bentley-Projekt mit seiner Lebensgefährtin nach Salisbury übersiedelte, um für Naim zu forschen.

Das Oberklasse-Audio-System für Bentley birgt die Chance, aus der 1.100 Watt starken 15-Kanal- Digitalendstufe mit ihrer DSP-Frequenzweiche und -Entzerrung sogenannte Multi-Room-Cluster-Endstufen oder selbsteinmessende Systeme fürs Wohnzimmer zu entwickeln.

Gemeinsam mit dem ebenfalls am Bentley-Projekt beteiligten deutschen Boxen-Experten Karl-Heinz Fink (ALR u.a.) tüftelt Naim derzeit an einer revolutionären Lautsprecherlösung. Aber auch die muss sich dann zuerst in Stephensons Haus bewähren. Dieser Zopf bleibt dran und wir warten gespannt.

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