Testbericht

Vergleichstest: Surround-Receiver

Die beiden Marken Arcam und NAD stehen für erschwingliches High-End mit Spitzenklang und spartanischer Ausstattung. Wir wandelten auf den Spuren dieser Legenden und nahmen die aktuellen AV-Receiver-Schöpfungen unter die Lupe.

Surround-Receiver

© Archiv

Surround-Receiver

Die beiden Marken Arcam und NAD stehen für erschwingliches High-End mit Spitzenklang und spartanischer Ausstattung. Wir wandelten auf den Spuren dieser Legenden und nahmen die aktuellen AV-Receiver-Schöpfungen unter die Lupe.

Surround Receiver

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Unser Testsieger: Der A/V-Surround-Receiver Arcam AVR 280.

Das runde Eingabefeld des großen grauen Receivers erinnert an das einem Lautsprecher-Chassis nachempfundene Clickwheel des iPod - jener fahl weißen Mutation, welche sich zu Beginn des dritten Jahrtausends anschickt, die gerade mal 30 Jahre alte CD in den Ruhestand zu versetzen. Was soll?s, auch wenn der Zeitgeist Spuren am Frontplatten-Design des NAD hinterlassen hat - von der Rückseite mit unzähligen Lautsprecher-Kanälen und AV-Eingängen ganz abgesehen - diese Geschichte erzählt von zwei Produkten, deren Marken längst Legenden sind, von zwei Unternehmen, die noch mit der Stereo-Schallplatte groß wurden, den Siegeszug der CD nicht nur unbeschadet überstanden, sondern aktiv mitgestalteten. Und schließlich fassten die beiden sogar im Multi-Kulti- Mehrkanal-Zeitalter Fuß. Arcam und NAD, das sind die Arbeiterhelden einer Zeit, als HiFi noch die Avantgarde der Unterhaltungselektronik verkörperte. Die Kreationen beider Hersteller stehen noch heute im Kern für solide, aber nicht abgehobene Konstruktionen mit besonderem Fokus auf den Klang.

Das spiegelt sich an den aktuellen AV-Receivern Arcam AVR 280 und NAD T 765 nicht zuletzt an den nicht gerade üppig gesäten und nur mit reiner Umschaltfunktion versehenen HDMI-Anschlüssen. ?Der Verzicht hat klangliche Gründe?, erklärt Sven Schlicher vom deutschen Arcam-Vertrieb GP-Akustik in Lünen. Keine Frage, bei einem Preis von 2.500 Euro hätte ohnehin niemand etwas anderes erwartet, wenn die japanischen Mitbewerber schon für ein Fünftel des Preises umfangreiche HDMI-Funktionalität inklusive Video-Upscaling und Entgegennahme von HD-Ton bieten.

Surround Receiver

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Der NAD T 765 hat im Gegensatz zum Arcam AVR 280 drei HDMI-Schnittstellen.

Ausstattung

Keine Video-Wandlung geht bei den beiden Puristen einher mit Verzicht auf hilfreiche On-Screen-Menüs, wenn Benutzer ihren Fernseher über HDMI anschließen. Da heißt es zumindest zur Grundeinstellung: Strippen ziehen und eine zusätzliche, analoge Einfach- Video-Verbindung zum TV-Monitor legen, denn speziell am Arcam geht sonst ohne Geduld und Anleitungsstudium so gut wie gar nichts. Und auch die Eingabelogik des NAD bleibt selbst mit Bildschirmunterstützung sehr eigenwillig. Immerhin hat der T 765 eine hochmoderne Audissey-Einmessautomatik, die ausgesprochene Laien schneller und zuverlässiger zum Ziel führt, selbst wenn Experten bisweilen lieber das Setup von Hand durchführen. Sehr lobenswert erscheint zudem der faltbare, farbige Quick-Start-Guide, der ? ganz untypisch in diesen Kreisen ? einen schnellen Überblick über die Anschlüsse und Quellenwahl am NAD-Receiver gibt. Überhaupt fielen uns an den beiden puristisch angehauchten Outsidern die überdurchschnittlich gut gemachten Bedienungsanleitungen positiv auf.

Surround Receiver

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Das Highlight: Der NAD T765.

Am Arcam gefiel uns sehr gut, dass sich die Quellen über Tasten auf der Frontplatte direkt anwählen lassen, während der NAD mit zwei Tasten zum Durchzappen der einzelnen Eingänge auffordert. Im Zeitalter der Fernbedienung, wo die meisten mit ihren Geräten nur noch via Infrarotübermittlung kommunizieren, allerdings ein marginaler Unterschied. Im Bereich der Fernübertragung von Befehlen bietet nämlich der NAD mit einer eigenen Kompakt- Fernbedienung für Zone 2 mehr Komfort. Zudem verspielt der Arcam seinen Vorsprung in der Übersichtlichkeit des Transmitters durch kleine, nicht von den anderen Tasten abgehobene Lautstärkeknöpfe. Die Wertigkeitwirkt dagagen top.

Surround Receiver

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NAD hat aufgeräumt im Innern des T 765: Die kompakten Kühlkörper (auf der Gehäuseunterseite unterstützt sie eine ganze Batterie von Ventilatoren) schirmen das üppig dimensionierte Ringkerntrafo-Netzteil von der empfindlichen Eingangs- und Prozessor-Sektion ab.

Aber mal ganz ehrlich: Wer sich angesichts der Ausstattungsflut von Denon, Yamaha und Co. für über 2.000 Euro nach einer Alternative umsieht, erwartet vor allem Spitzenklang und sonst kaum etwas.

Klangqualität

Kommen wir daher ohne weitere Umschweife zum Hörtest. In Stereo machten der AVR 280 und der T 765 für Vertreter ihrer Mehrkanal-Zunft eine starke Figur. Beide Geräte entwickelten eine derartige Spielfreude und bauten so energiegeladene emotionale Spannungsbögen auf, dass es mehr Freude als Pflicht war, ihnen zuzuhören. Selbst Hörprofis mussten sich mit diesen beiden Weltklasse-Musikern konzentrieren, den Sachverstand walten zu lassen, statt einfach in die Musik einzutauchen und mit den Füßen zu wippen. Besonders der Arcam entwickelte ein Timing und eine unerschütterliche Kontrolle im Tiefbass, die man unter AV-Receivern selten antrifft. Man sagt, ein solcher Klang geht in die Füße, was im Falle des Arcam doppelt richtig ist. Seine Ortungspräzision und Plastizität waren so gut, dass es den Autor nicht mehr auf dem Sitz hielt. Er stand auf und lief zum Center. Mit dem Ohr am mittleren Lautsprecher sollte sichergestellt werden, nur den beiden Stereo-Boxen von Audio Physic zu lauschen. Gibt es ein schöneres Kompliment für scharfen, stabilen Fokus der Solostimme von Musikern wie Paul Weller oder Vienna Teng?

Testergebnisse

Arcam AVR 280
Arcam
2.500 Euro

Surround-Receiver

Weitere Details

75 Prozent

Fazit:Arcam sah und siegte, wenn auch ganz knapp wegen seines extrem differenzierten und neutralen Klangs.

Testurteil
sehr gut
Preis/Leistung
gut
powered by
homevision

Der AVR 280 spielte recht laut, wenn es sein musste, verlor aber dann etwas von seiner frappierenden Detailpräzision und Durchhörbakeit. Seine Domäne waren die leisen bis mittleren Lautstärken, wo er ein bemerkenswertes subjektives Tempo vorlegte und Hochtonglanz ohne jegliche Schärfe bot: schwierig, den Arcam in dieser Klasse in seinen spezifischen Tugenden zu toppen. Doch genau das versuchte der NAD nicht einmal im Ansatz. Er stürzte sich im wahrsten Wortsinne mit Getümmel auf die Bereiche, die der Arcam außer Acht ließ: Der NAD spielte ziemlich laut. Dabei klang er niemals lästig und schaffte es, die imaginäre Bühne noch breiter und höher als der Arcam aufzubauen, der allerdings mehr in die Tiefe ging.

Trotz seines tendenziell weicheren Basses gelang es dem NAD unterm Strich ein vergleichbares Maß an Timing-Gefühl, wie der ebenfalls vortreffliche Arcam, aufzubauen. Seine Höhen wirkten darüber hinaus noch schmissiger und eignen sich speziell, um eher langweiligen Boxen noch eine Extraportion Pepp, aber keine lästige Schärfe mitzugeben. Der NAD trat den angeschlossenen Lautsprechern buchstäblich in den Hintern. Während der Arcam im direkten Vergleich Solisten oder Leadvocals zu bevorzugen schien, widmete sich der NAD auch dem Randgeschehen mit äußerstem Elan. So trumpften Begleitmusiker förmlich auf, vor allem, wenn es sich um hochtonreiche Bläser handelte. So profilierten sich die beiden Ausnahmetalente so unterschiedlich wie Dirigent Herbert von Karajan und Bandleader Benny Goodman, doch dirigierten sie ihre angeschlossenen Lautsprecher mit Verve und höchster Vollendung.

Testergebnisse

NAD T 765
NAD
2.000 Euro

Surround-Receiver

Weitere Details

75 Prozent

Fazit:Klang besitzt für NAD oberste Priorität. Dennoch bietet der T 765 besonders im Bereich Multi-Room viele Möglichkeiten.

Testurteil
sehr gut
Preis/Leistung
gut
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homevision

Daran änderte sich absolut nichts, wenn noch Center- und Surround-Boxen hinzukamen. Der akribisch genaue Arcam, der sich sinnigerweise in Sachen Pegelanpassung und Delay der einzelnen Surround-Kanäle in besonders feinen Schritten von 0,1 Dezibel respektive 0,1 Metern justieren ließ, schuf den perfekten Raumeindruck: lückenlos, nach allen Seiten weit offen und ohne den kleinsten Hinweis auf die Standorte der einzelnen Lautsprecher. Superbe Sprachverständlichkeit in Filmdialogen, schwarze, trockene Bässe machten Heimkino zu einer anspruchsvollen Angelegenheit. In U 571 ließen sich Torpedobahnen und andere Unterwasserbewegungen mit selten gehörter Präzision nachverfolgen. Nie zuvor erschien die Atmosphäre im unter Wasserbombenbeschuss leidenden deutschen U-Boot so beklemmend. Man konnte mit den Jägern in der Rolle des Gejagten auf der bequemen, trockenen Couch regelrecht mitfühlen. Die sehr feinen Höhen und die extrem gute Differenzierung von Klangnuancen kamen vor allem Mehrkanal-Musik zugute. Selbst der etwasverschwaschen wirkende Konzertmitschnitt der Gruppe Yeswirkte mit einem Mal griffig und konturiert. Drive und Räumlichkeit gewannen gegenüber dem gewohnten Klangbild der meisten Konkurrenten. Doch der T 765 war nicht irgendeiner. Der NAD zeigte sich den bemerkenswerten, richtiggehend packenden Vorgaben des Briten gewachsen und blies mit einem ähnlich hohen Niveau an Genauigkeit, aber noch mehr Gewalt zum Generalangriff. Größer, weiter, aber auch eine Spur weicher im Bass und etwas unschärfer in den Konturen bei vergleichbarer Ortungsschärfe von bewegten Schallquellen im gesamten Raum spricht der NAD Dynamik- Fans besonders an.

Fazit

Unterm Strich ergab sich ein Patt mit geringfügig unterschiedlichen Vorzeichen und einer Menge Gemeinsamkeiten. Der Feingeist von Arcam besticht durch besondere Präzision vor allem in Sachen Takt und Tiefbass, der NAD verbreitet ungestüme Spielfreude und wirkt mit seinen besonders spritzigen Höhen wie Viagra für Boxen mit schlaffen Hochtönern. Ganz gleich, welche dieser für eine klare Differenzierung der beiden Produkte auf höchstem Niveau für einen Käufer mehr Relevanz besitzen, lässt sich festhalten: Arcam und NAD schreiben die Legende ihrer Unternehmen eindrucksvoll im Mehrkanal-Zeitalter fort. Ob man im AVR 280 und dem T 765 die letzten Überlebenden eines goldenen Zeitalters oder die Vorreiter einer neuen Spezies ohne Spezialisierung auf nur eines der beiden Felder Stereo oder Surround sieht, liegt allein im Auge des Betrachters.

Standpunkt

Angesichts der Materialschlacht im AV-Receiver-Bereich, haben es Marken, die ihren Ruf wie Arcam und NAD auf Klangpurismus aufbauten wirklich nicht leicht, ihr Profil zu wahren. Umso erstaunlicher, dass es beiden am Ende so mühelos gelang, sich als echte Alternativen zur mitunter austauschbaren Einheitsware der Massenhersteller aus Übersee zu profilieren. Der Vergleich mit dem iPhone verdeutlicht die Philosophie von Arcam und NAD im AV-Bereich: Statt sich darin zu verlieren, sich eher am Wettbewerb mit den anderen Hersteller als am Bedürfnis der Kunden zu orientieren, schnürten beide souverän und unbeirrbar zwei Gesamtpakete, die im täglichen wirklich Gebrauch eine Menge Spaß bereiten. Verbesserungspotenzial gibt es allenfalls in der halbherzigen Menüführung der Grundeinstellungen.

Stefan Schickedanz

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Stefan Schickedanz

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NAD hat aufgeräumt im Innern des T 765: Die kompakten Kühlkörper (auf der Gehäuseunterseite unterstützt sie eine ganze Batterie von Ventilatoren)…

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