Musik-TV im Internet

Tape.tv im Test - Musikvideos online

Tape.tv hat sich vom Web-MTV zum interaktiven Video-Musikstreamingdienst gemausert - am PC, auf Tablets, Smartphones und demnächst auch am Smart-TV.

Tape.tv Webseite

© Tape TV

Tape.tv Webseite

Musikangebote im Web, auf dem iPad oder Smartphone gibt es viele - und auch an das klassische Musikfernsehen a la MTV oder Viva kann sich der eine oder andere sicher noch erinnern. Eines bleibt dabei immer wieder gleich: Ideen gibt es viele, aber nur wenige setzen sich über viele Jahre hinweg durch. Beispiel QTom: Der preisgekrönte deutsche Musikvideodienst hat erst Anfang dieses Jahres den Betrieb eingestellt. Grund: Er hat es auf Dauer nicht geschafft, seine Kosten zu decken; Investoren waren nicht zu finden.

Besser steht es derzeit um PutPat. Das Musikvideo-Angebot bietet am PC, auf Mobilgeräten und Smart-TVs verschiedene Musikvideo-Kanäle zu bestimmten Themen wie auch einen nach persönlichen Vorlieben zusammenstellbaren Kanal. Der liefert bereits den Hauch von redaktioneller Auswahl, aber noch keine direkte Ansprache der Musikfans, wie man sie aus dem Radio oder vom früheren Musikfernsehen her kennt. Das ist sicher so gewollt, aber wollen wir Musikfans das? Zur Musik gehört schließlich mehr, als nur einzelne Titel anzuhören. Redaktionelle Führung ist gefragt, Tipps von Profis, ein Draht zu den Bands - was ganz früher eben "Formel Eins" in der ARD startete und später Viva und MTV perfektionierten.

Redaktionelle MTV-Nachfolger im Web

Musikfernsehen trägt im Web andere Namen: Da gibt es etwa Vevo.com, eine internationale Plattform, die auch mit Mobil-Apps, auf Apple TV, Chromecast und Samsung Smart TVs sowie über einige Konsolen zu sehen ist. Vevo ist stark auf Musik-Empfehlungen fokussiert und bietet einen internationalen Ansatz mit Playlisten der aktuellen Top-Stars. Tape.tv dagegen zäumte die Musikverbreitung im Internet von hinten auf: In den letztem Jahren etablierte sich das Berliner Musikportal eher als webbasiertes Musik-Produktionshaus und Sprachrohr der deutschen und europäischen Musikszene denn als technisch besonders ausgereifte Musik-App.

Mit vielen, speziell an die Web-Nutzungsgewohnheiten angepassten Sendungsformaten hat sich tape.tv dabei einen Namen gemacht: Zusammen mit ZDF.Kultur etwa produziert das Team die Musikshow "on tape". Unter dem Titel "Auf den Dächern" werden Bands mit je drei bis fünf Titeln aufgezeichnet, was nicht zuletzt das eigene Musikvideo-Archiv immer weiter aufstockt. Und mit Sendungen wie "Tape.Over" oder "6 Kurze, 6 Fragen" bringt tape.tv die Künstler selbst auf eine gewinnende Weise ins Spiel. Egal ob mit Boss Hoss, Turntablerocker, Cro und anderen Künstlern aus der ersten Garde oder mit neuen, unbekannteren Acts - die Sendungen sind durch die Bank professionell in TV-Qualität produziert und kommen locker rüber.

Es wirkt eben authentisch, wenn Bandmitglieder selbst ihre Lieblingsvideos präsentieren und aus dem Nähkästchen plaudern. Ein bisschen kommen da Erinnerungen an Formel-Eins-Zeiten mit Ingolf Lück und Peter Illmann auf, nur nicht in einer zusammenhängenden Sendung sondern in kleinen, Web-tauglichen Häppchen. Man kann sie anschauen, wann man möchte. Zum Beispiel eine geschlagene Nacht lang, wenn es darum geht, das Angebot von tape.tv einmal von vorn bis hinten zu erkunden.

tape.tv

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Bands und einzelnen Künstlern kann man "followen", um mitzubekommen, wann es neue Videos von ihnen auf tape.tv gibt.

tape.tv weiß, was ich hören wollen könnte

Denn tape.tv hat sich gerade neu erfunden. Es gab kürzlich einen Relaunch des Web-Angebotes, für das nicht nur das Erscheinungsbild der Seite neu gestaltet wurde. Laut Sprecherin Ulrike Leidiger wurde dabei nicht zuletzt auch die Mannschaft umstrukturiert. Mittlerweile arbeitet die Hälfte des gut 40-köpfigen Teams in der Web-Technik, die Produktionsabteilung wurde dagegen etwas verkleinert. Redaktion und die Produktion von Sendungen stehen aber nach wie vor im Fokus von tape.tv.

Und schwerpunktmäßig sollte bei der Neugestaltung eben auch die Darstellung der Inhalte im Web optimiert werden. Die neue Menüführung und das "Gehirn" des Angebotes sind deshalb jetzt bei tape.tv selbst entstanden. Es soll eben aus sich selbst heraus die Musik-Kompetenz der Macher rüberbringen. Das bedeutet: tape.tv will dem Hörer mehr oder weniger automatisch genau die Musik servieren, die er gerne mag - oder die, die er mag, aber noch nicht kennt. Klingt einfach, ist aber eine ganz schön große Herausforderung.

Lesetipp: Spotify, Simfy & Co.: Apps fürs Musik-Streaming (Audio.de)

Die neue Startseite wie auch die übrige Struktur von tape.tv wirkt. Sie bietet einen zentralen, leicht steuerbaren Player mit wenigen Bedienelementen: Pause, Skip vor und zurück sowie "Like" und "Playliste" -  das war's. Aus allen Eingaben des Nutzers lernt der Player und stellt die automatisch hintereinander startenden Videos entsprechend zusammen. Nicht, dass dann immer nur Stücke kommen, die man zuvor gut bewertet hat oder die in den eigenen Playlisten stehen. Aber die Stilrichtung passt recht schnell ziemlich gut, Fehlgriffe des Systems lassen sich leicht weg skippen oder durch einen Neustart der Hauptseite eliminieren.

tape.tv Empfehlungen

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Spielt man einen Titel über die Band- oder Titelsuche an, erscheinen Vorschläge zu ähnlichen Künstlern.

Musik-Tipps zum Relaxen und...

Doch das ist längst nicht alles. Tape.tv spielt mir nicht nur Videos nacheinander ab, es bietet auch jede Menge aktuelle Musiktipps. Scrollt man auf der Hauptseite unter dem Videofenster nach unten, dann erscheinen allgemeine Musik-Tipps. Da gibt's redaktionell zusammengestellte Playlisten zu saisonalen Themen oder auch mal eine Mood-Playliste namens "Horny" - man weiß nie, wann man die braucht. Dazu werden Tipps zu tape.tv-Sendungen, musikalische Band-Portraits und einfach nur aktuelle und beliebte Videos gelistet. Das Ganze stellt sich ständig neu zusammen und wird um weitere Einträge ergänzt, je weiter man nach unten scrollt.

Mit eigenen Sendungen und einer Auto-Videoshow ist es aber längst nicht getan. Ich möchte in der Musik der Rolling Stones wühlen? Bitte sehr: Suchbegriff eingeben und aus einer üppigen Playliste wählen. Bands und einzelnen Künstlern kann ich dabei "followen" - damit ich mitbekomme, wann es neue Videos von ihnen auf tape.tv gibt. Mit der Suchfunktion finde ich die meisten meiner Lieblingsbands. Greenday ist mit wirklich vielen Titeln dabei, überwiegend aus der Dookie- und American-Idiot-Ära, aber auch mit Hits von den neueren Alben wie "21st Century Breakdown". Die Stones steuern eine gute Handvoll Konzertaufnahmen aus den siebziger und achtziger Jahren bei. Auch andere Künstler sind nur selektiv verfügbar: Von Joe Jackson gibt es nur einen Titel, INXS ist mit neun Songs vertreten.

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Dido flutet tape.tv dagegen regelrecht mit mehr als 20 Songs, ebenso Faithless - als ob es in der Familie läge. Die ganz großen Hits sind bei kaum einem Künstler komplett verfügbar, aber wir sind hier ja auch nicht bei Spotify, sondern bei einem redaktionell ausgerichteten Musik-Web-TV-Sender mit offensichtlichem Spass an außergewöhnlichen Zusammenstellungen. Hier stolpere ich nach Jahren mal wieder über die australische Punkband "The Living End" oder höre eine unsägliche englische Version von Nenas Debut-Single "Nur geträumt" - die Macher von tape.tv trauen sich schon was und graben sogar Musik aus, von der ich fast schon verdrängt hatte, dass ich sie mal gut fand. Fast.

tape.tv Lieblingssongs

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Alle Lieblingsvideos aus der Webseite sind auch direkt in der App abrufbar.

Manch großer Name fehlt

Die Beatles allerdings fehlen komplett. Nicht, dass sie eine meiner aktuellen Lieblingsbands wären, aber wie fast jeder in meiner früheren Klasse hatte ich natürlich auch mal das "White Album". Und dieser Test muss einfach sein. Schließlich sind die Alben der "Fab Four" auch erst seit recht kurzer Zeit elektronisch bei iTunes zu haben. Titel von den Ärzten, Farin Urlaub oder den Toten Hosen suchte ich ebenfalls vergeblich - schade, denn diese deutschen Künstler zählen eigentlich zu den Must-Haves in jeder wohlsortierten Musiktruhe. Immerhin sind ihre Band-Protraits im Verzeichnis angelegt, es gibt also noch Hoffnung. Die Liste der Haves und No-Haves ließe sich beliebig fortsetzen und etwa mit vevo.com vergleichen. Unterm Strich schenken sich die Portale aber nicht wirklich viel und die Frage ist eher, ob das System stets etwas passendes, überraschendes oder originelles anspielt. Das tut tape.tv.

Unabhängig davon wächst die Musikbibliothek laut Ulrike Leidiger ständig weiter. Was einmal drin ist, das bleibt in der Regel auch, sagt die tape.tv-Frau. Und spielt man einen Titel über die Band- oder Titelsuche an, dann erscheint im Vorschlagsbereich darunter alles, was tape.tv an passenden Titeln und Künstlern dazu auf Lager hat. Zu den älteren Stones-Titeln wähne ich mich da schon wieder im Kreis der ganz Großen: Bowie, Queen, Jimmie Hendrix, die Kinks und the Who - alle sind sie unter den Empfehlungen dabei, teils mit schier historisch wertvollen Aufnahmen, zum Beispiel Pete Townshends berüchtigter Gitarren-Heli und die anschließende rituelle Zerstörung des Instruments zu "my Generation" - mit vollem schwarzem Haarschopf!

tape.tv Player

© tape.tv

Unter dem Videoplayer werden Werbebanner eingeblendet.

Qualität okay, viel Werbung

Die Tonqualität der Aufnahmen ist nicht hochauflösend, aber für einen Musik-TV-Sender allemal prima. Die Videos werden auch im Vollbildmodus nicht ganz formatfüllend abgespielt, die Bildauflösung ist auch überschaubar. Bei den meisten Videos stört das nicht weiter, es geht ja hier nicht um UHD-Filme, sondern eher um Musikvideos als Kunstform. Störend sind eher die regelmäßigen Werbepausen zwischen den Musikclips. Mit 20-sekündigen und längeren Werbeclips sind die Pausen schon recht üppig.

Die permanente Bannerwerbung unter dem Videoplayer und Promoflächen zwischen den Empfehlungen empfinde ich dagegen eher als normal und verständlich, ebenso wie verschiedene Sponsorings in den tape.tv-Shows. Das Angebot ist schließlich kostenlos und damit rein werbefinanziert. Vielleicht sollten sich die Macher aber mal überlegen, ob nicht eine günstige Bezahl-Version ohne Werbepausen eine Alternative wäre?

Das neue tape.tv schreit eigentlich nach dem Einsatz auf dem großen TV-Schirm - am Besten in HD-Bildauflösung. Das lässt allerdings noch auf sich warten - Smart-TV-Apps stehen laut tape.tv zwar auf der To-Do-Liste des Teams, zunächst haben die Berliner aber eine Mobil-App namens "tape.tv express" herausgebracht. Sie holt die persönlichen Lieblingsvideos und eine stark vereinfachte Allgemein-Playliste passend zu den eigenen Musikvorlieben auf Tablets und Smartphones (iOS und Android). Das Ganze setzt nur voraus, das man sich am Compuer und in der Mobil-App mit demselben Facebook-Account anmeldet. Dann sind auch alle Lieblingsvideos aus der Webseite direkt in der App abrufbar. Die Bedienung ist denkbar einfach: Zum nächsten Song geht's per Fingerwischen.

tape.tv iPhone

© tape.tv

Die Mobile-App "tape.tv express" für iOS und Android holt die persönlichen Lieblingsvideos auf Tablets und Smartphones.

Hier spielt die Musik

Doch egal von welcher Seite man das Ganze anschaut. Aus jeder Ecke von tape.tv dampft die große Lust an der Musik. Es ist erkennbar von Menschen für Menschen gemacht, die eben diese Leidenschaft verbindet. Weiter entwickeln lässt sich das Ganze immer, und so prangt auch ein "beta" unter dem Logo, das die tape.tv-Macher mir so erklären: Ist nicht das ganze Leben eine Beta-Version? Schon klar, aber wenn ich mir eines wünschen darf dann dies: Lasst tape.tv erst einmal in seiner jetzigen Form bestehen und bringt das Musikfernsehen der Neuzeit dorthin, wo es ursprünglich herkommt: Auf den Fernseher.

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