Testbericht

Surround per Kopfhörer

Beyerdynamic wagt das Undenkbare: Heimkino-Sound soll aus nur zwei Muscheln an den Ohren tönen. Mehr noch: ?Headzone? soll die ?virtuellen Schallquellen fest im Raum verankern? - eine mittlere Revolution. Wir haben uns diese Surround-Kopfhörer einmal genauer angesehen.

Beyerdynamic Headzone Home

© Archiv

Beyerdynamic Headzone Home

Je lauter ein Hersteller schreit, desto kritischer gehen wir an einen Test. Vor allem, wenn es wie in diesem Fall um das eigentlich Unmögliche geht: echten Surround-Klang aus einem Kopfhörer zu zaubern. Genau das verspricht Beyerdynamic mit einem Produkt namens ?Headzone?. Noch vor dem Auspacken erstaunt der stolze Preis: Fast 2.500 Euro wünscht sich der deutsche Qualitätshersteller aus Heilbronn als finanziellen Gegenwert von seinen Endkunden. Für diese Summe bietet so mancher Konkurrent bereits gehobene Sub/Sat-Lautsprecher inklusive Decoder und Verstärker an. Die Konkurrenz ist also groß, aber laut. Genau über diesen Vorteil will Beyerdynamic punkten. Egal, wie viel Geld manche Besserverdiener für ihre Surround-Kombi ausgeben, meist müssen sie gegen ein Problem aus Fleisch und Blut ankämpfen: Nachbarn, die unerbittlich sind, wenn ein Kinofan um zehn Uhr am Abend die komplette Herr-der- Ringe-Trilogie in Originaldynamik erleben will.

Beyerdynamic Headzone Home

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Doch Headzone schützt nicht nur vor juristischen Gefechten. Headzone liefert laut Beyerdynamic auch ein Ortungssystem für virtuelle Lautsprecher. Oder direkter: Wenn der stolze Besitzer den Kopf wendet, wandert der Klang eben nicht mit ? die Dialoge kommen wie im ?echten? Heimkino stets von der Front, aus Richtung des Bildes.

Lieferumfang

Doch der Reihe nach, sonst nehmen wir uns die Freude am Auspacken. Beyerdynamic liefert das Headzone-Set im feinen Köfferchen - in einer Schultertasche, die mancher Manager gern für sein Notebook reservieren würde. Darinnen liegen ein Kopfhörer mit extra langem Kabel und Volume-Regler, dazu eine Box, die die komplette klangliche Wandlung und Verstärkung übernimmt, und eine seltsame Konstruktion - eine Art Kompaktantenne im Design eines Raumschiff-Antriebs aus Star Wars. Das ist sehr futuristisch und maximal faszinierend, zumal auf dem Kopfhörer selbst ein etwas kleineres Pendant thront. Nur, was soll man damit anstellen? Die Bedienungsanleitung hilft schnell. Wir haben es tatsächlich mit einer Antenne zu tun, die, auf oder unter dem Fernseher fixiert, Ultraschallsignale empfängt, eben vom Kopfhörer. Die Beyerdynamic-Ingenieure nutzen die Laufzeitunterschiede von zwei Mini-Sendern, die permanent die Antenne am Fernseher mit Details über die Kopfhaltung versorgen. Wendet der Nutzer den Kopf, errechnet die Box in Echtzeit die neue Perspektive zu den fiktiven Surroundkanälen.

Eine bahnbrechende Technologie, die Beyerdynamic ursprünglich für Toningenieure in Filmstudios zum Abhörern komplexer Kinoabmischungen entwickelt hat. Nun ist das Know-how der Profis in die Wohnzimmerliga durchgesickert.

Das optische Signal in der Schleife

Diese Details darf man wissen, muss man aber nicht. Die Installation geht in wenigen Minuten von der Hand, simpel, perfekt geführt von wenigen Illustrationen in der Bedienungsanleitung. Die Datenbrücke zum DVD-Player kann entweder per Lichtleiter-Kabel oder per Cinch geschlagen werden. Zwischenfrage: Und wenn ich trotzdem parallel einen Receiver mit digitalen Klangsignalen versorgen will? Dann bietet Beyerdynamic den Luxus einer optischen Schleife. Was in die Steuerbox geht, kann zeitgleich auch am ?Optical-Out?-Port abgezapft werden.

Handhabung

Zur Kernfrage: Wie klingt`s? Überragend, vor allem, weil Beyerdynamic hier einen der besten Kopfhörer des Hauses als Basis genommen hat - den DT 880. Er ist schnell, dynamisch und vor allem für das Einsatzgebiet überraschend bassstark. Zudem ist Beyerdynamic nicht dem Fehlschluss erlegen, diesen Edelhörer per Funk anzusteuern. Man muss also mit einem Kabel leben. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn kein Funksystem erreicht die Präzision und Störungsfreiheit der guten, alten Kabelanbindung. Drei weitere Punkte sprechen für dieses Konzept. Kein Heimkinofan wird während ?Fluch der Karibik III? im Wohnzimmer umherwandeln wollen. Zudem hängt der DT 880 an einer extra langen Fünf-Meter-Leine, niemand muss sich wirklich eingeschränkt fühlen. Und: Wenn es zu laut oder leise wird, wartet ein qualitativ hochwertiger Volume-Regler im Kabelweg auf den Zeigefinger zum Feintuning.

Klangqualität

Man hört der Headzone-Kombi die Ernsthaftigkeit an. Wer mit so etwas Filigranem wie den Hörachsen spielt, muss sein Handwerk beherrschen. Zu viele Konkurrenten agieren mit falscher Rauminszenierung, Beyerdynamic bleibt in allen entscheidenden Werten im Wortsinn ?auf Achse?. Das dreidimensionale Surround- Abbild ist stabil, unaufgeregt und tatsächlich sehr nah am Eindruck eines realen Heimkino-Raumes. Das zwerchfell-erschütternde Bassgrummeln geht dem Hörer selbstverständlich nicht leicht von den Membranen. So albern es klingen mag: Wer sich partout danach sehnt, könnte zusätzlich einen Tieftonvibrator unter seinem Hörsessel installieren. Vor allem die leidige ?Im-Kopf-Ortung? weicht einer neuen Offenheit, Dialoge kommen tatsächlich aus der Mitte des Bildes. Man spürt noch immer die Herkunft aus dem Profisektor. Im Kern gibt sich Headzone als unbestechliches Messinstrument.

Medienformate

Kein Haken in der Gegenwart ? aber ein Stolperstein für die Zukunft: Headzone beherrscht die Wandlung von PCM-, Dolby-Digital-, ProLogic- und dts-Signalen. Die neuen Tonformate im Umfeld von Blu-ray und HD-DVD sind noch nicht eingebunden. Ebenfalls wurde die Option zur multikanaligen Ausbeute von Super- Audio-CDs verschenkt. Elegant und kostenfreundlich in der Umgehung von Lizenzabgaben wäre ein Sechskanal-Eingang gewesen. Konjunktiv! Die offene Architektur der Headzone-Box könnte aber Chancen für Upgrades bieten.

Fazit

Ein kleiner Schritt für das Wohnzimmer, ein großer Schritt für die Basistechnologie. Headzone zaubert tatsächlich Surround-Atmosphäre in ehrlicher, herrlich unaufgeregter Abstimmung an die Ohren. Hier tönt keine Show, sondern hochauflösende Profi-Qualität.

Testbericht

Beyerdynamic Headzone Home
Beyerdynamic
2.490 Euro

Surround-Kopfhörerverstärker

Weitere Details

80 Prozent

Fazit:Klang: Bassstark und temporeich in der Grundabstimmung. Viel Raumgefühl.

4/5
gut

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