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Netflix im Test - der erste Eindruck der Online-Videothek

Netflix ist da - und video konnte sich unter Anleitung von Netflix-CEO Reed Hastings und anderen Insidern in Berlin ein erstes Bild von der deutschen Version der größten Online-Videothek der Welt machen.

US-Videothek Netflix nutzen

© Netflix

US-Videothek Netflix nutzen

Netflix hat die deutsche Version seiner Online-Videothek geöffnet. Bis zuletzt war es als großes Geheimnis gehütet: Wann genau kommt der VoD-Weltmarktführer nach Deutschland. Am Dienstag Morgen ging es los: Die Pressemeldung trudelte um 6.24 Uhr in meinen Posteingang ein, ungefähr um die Zeit, zu der sich die Familie langsam aus dem Schlaf wälzt. Nachdem es in den letzten Wochen viele Spekulationen gegeben hatte, was Netflix hierzulande zeigen würde, ist das wie eine Erlösung. Endlich Fakten, endlich das Streaming-Angebot selbst anschauen - was ich nach dem Frühstück gleich im Testraum startete und in Berlin einige Stunden später fortsetzte.

Die Anmeldung

Den Einstieg macht mir Netflix erwartungsgemäß leicht: Per E-Mail-Adresse und gewünschtem Passwort anmelden, Paket-Variante auswählen und Zahlungsdaten eingeben, schon kann's los gehen. Adressinformationen benötigt Netflix nur, wenn man per Lastschrift zahlen möchte. Es geht aber auch per Kreditkarte und Paypal. Ab Oktober will Netflix auch Geschenkkarten im Handel verkaufen, und wer sich über Apple TV anmeldet, der kann sogar über seinen vorhandenen iTunes-Account zahlen.

Die Pakete kosten, wie vorab berichtet, 7,99 Euro, 8,99 Euro und 11,99 Euro - jeweils für einen Stream in SD-Auflösung, zwei parallele Streams in HD- oder vier Streams in bis zu UHD-Auflösung. HD und UHD-Inhalte sind aber längst nicht bei allen Filmen verfügbar, doch dazu später. Ich wähle dennoch erst einmal die 11,99-Version - im ersten Monat kostet es ja nichts.

Als Nächstes werden Benutzer angelegt - bis zu fünf Nutzerprofile kann ich hinterlegen, das jeweils eine eigene Startseite mit persönlichen Empfehlungen bietet. Das geht bei jeder Paket-Variante - also auch, wenn man immer nur einen Stream sehen kann. Die lieben Kleinen bekommen Kinderprofile, in denen Inhalte über FSK 12 gar nicht erst auftauchen.

Netflix: Live dabei beim Deutschland-Launch in Berlin

Quelle: video
1:25 min

Inhalte und Empfehlungen

Jetzt geht's um Filme und Serien: Netflix fragt mich in mehreren Schritten nach meinen Vorlieben. Zunächst soll ich aus einer Liste einiger Filme drei auswählen, die ich mag oder die ich gerne sehen möchte. Dann soll ich eingeben, welche Genres ich nie, manchmal oder häufig schaue. Schließlich gibt's Vorschläge von Film- und Serientiteln aus den genannten Genres, die ich nach eigenem Geschmack per Fünf-Sterne-Wertung einstufen soll.

Das Ganze dauert wenige Minuten, bevor sich eine tatsächlich recht persönliche Startseite öffnet. Die zeigt in der ersten Zeile die großen Netflix- und andere Gassenhauer: Die Netflix-Original-Kultserie "House of Cards" ist da sofort ganz vorn gelistet, direkt daneben folgt "Breaking Bad". Nun gut, ich habe beide gesehen, gut bewertet, insofern ist das nicht sehr überraschend.

Darunter kommen dann meine Top-Empfehlungen. Die sind schon überraschender. Da steht zum Beispiel die US-Serie "Deadwood", von der ich schon gelesen habe, die ich aber bisher nirgends sehen konnte - nicht einmal im US-Angebot von Netflix. Weiter unten folgen weitere Empfehlungen, passend zu meinen Wertungen von Serien wie "Breaking Bad" oder Filmen wie "Kill Bill" - ja, ich stehe auf so etwas. Ich sollte mir mal "The Walking Dead" anschauen, meint Netflix. Und die Netflix-Original-Serie "Hemlock Grove", die Miniserien "Fargo" und "From Disk 'till Dawn" ebenso - beide gibt's exklusiv bei Netflix. Für einen Fan der gleichnamigen Spielfilme nicht schlecht für den Anfang. Es gibt für mich offenbar einiges zu sehen.

Bildergalerie

Netflix mit House of Cards
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Das wollten video-Leser sehen: Die zweite Staffel von House of Cards wurde in UHD-Auflösung produziert - sie ist im 11,99-Euro-Paket über passende…

Spielfilme stehen ebenfalls einige in meinen Listen. Sie tauchen überwiegend in weiteren Zeilen unterhalb der Top-Tipps auf. "I am Legend", "Fluch der Karibik" sowie der Tarantino-Klassiker  "Reservoir Dogs" sind dabei, oder auch die "Matrix"-Trilogie. Und Kinderfilme, die ich als regelmäßiger Mitgucker auch wohlwollend bewertet hatte: Die ersten beiden Teile von "Madagascar", "Findet Nemo", "Alice im Wunderland" von Disney. Eine Reihe deutscher Filme werden auch empfohlen: "Liebesluder", "Soul Kitchen", "Gegen die Wand", "Die fetten Jahre sind vorbei", "Herr Lehmann", "Neue Vahr Süd" sind nur eine kleine Auswahl.

Auch deutsche Serien sind gelistet, teils erstmals in Online-Videotheken: "Im Angesicht des Verbrechens" etwa gibt es sonst nur auf Watchever, die ARD-Serie "Mord mit Aussicht" läuft nur auf Netflix. Mit "Stromberg" hat man einen Gassenhauer aus dem Portfolio der Pro7Sat1-Konkurrenz lizenziert, im Oktober soll laut Netflix-Pressemitteilung auch der zugehörige Film kommen. Allerdings: Als halbwegs fleißiger Cineast habe ich viele meiner Film-Empfehlungen schon gesehen. Filme aus der Rubrik "Die Besten Filme aller Zeiten" wie etwa "Der Pate" oder "Spiel mir das Lied vom Tod" fehlen dagegen - schade!

Lücken im Programm

Auf der Suche nach weiteren bekannten und aktuelleren Titeln zeigt sich, dass Netflix seinen Bestand recht sparsam bestückt ist. Es gibt zum Beispiel am Computer nur wenige Filme in HD-Auflösung. Das muss am Smart-TV oder auf HD-Tablets nicht unbedingt der Fall sein, wie Netflix-Sprecher Joris Evers mir sagt: Je nach Abspielgerät schickt Netflix unterschiedliche Streams übers Internet - es gebe nicht die eine Encodierung eines Filmes, sondern zig verschiedene. So ist etwa "Breaking Bad" bei meinem ersten Check auf dem Mac Book Pro nur in SD verfügbar, bei der Netflix-Demo im Berliner Showroom aber sogar in UHD-Qualität. Für einen ausführlichen Test muss ich also alle Filme auch am Smart-TV testen.

Bekannte US-Serien wie "How I met your Mother", "Californication" oder "Mad Men" fehlen allerdings komplett. An Filmen sind häufig die älteren Titel eines Genres vorhanden, nicht aber neuere Blockbuster. So zeigt Netflix etwa "Reservoir Dogs" aus dem Werk von Quentin Tarantino, nicht aber seinen Megahit "Pulp Fiction" oder neuere Werke wie "Inglorious Basterds". Die direkte Konkurrenz, also etwa Watchever oder Amazon Prime Instant Video, haben auch nicht die ganz neuen Titel, aber eben doch mehr und etwas aktuellere Filme des jeweiligen Genres.

Die Lücken werden von Netflix allerdings recht geschickt vertuscht: Sucht man nach bekannten Titeln, werden Alternativ-Filme oder -Serien vorgeschlagen: Statt "Eclipse - Biss zum Abendrot" empfiehlt Netflix "Vampire Diaries" und andere Titel rund ums untote Leben, statt "How I met your Mother" soll ich "Gossip Girl" anschauen. Das ist der Ruf, der Netflix voraus eilt: Überall lauert eine Empfehlung, die mich bei der Stange halten soll. Bei deutschen Titeln funktioniert die Ersatz-Empfehlung aber nur sporadisch. Hier gibt es noch viele Lücken in der Netflix-Filmdatenbank. Darauf angesprochen sagt Netflix-CEO Reed Hastings, dass solche Verknüpfungen automatisch entstehen, wenn das Angebot viel genutzt werde. Wenn viele Leute beispielsweise zuerst nach "Eclipse" suchten und später "Vampire Diaries" schauten, dann würde der viel zitierte Netflix-Algorithmus automatisch die Empfehlung bilden.

Netflix CEO Reed Hastings

© Reinhard Otter

Look, guys: Netflix-CEO Reed Hastings führte das Angebot in Berlin persönlich vor.

Wiedergabe und Steuerung

Einmal gewählt, startet der gewünschte Film oder eine Serienfolge per Klick aufs Cover. Eine Detailseite mit Inhaltsangabe und weiteren Infos lässt sich alternativ aufrufen. Der Player erlaubt neben der Timeline-Steuerung auch die Auswahl von Serienfolgen, Sprachfassungen und Untertiteln. Gut: Die allermeisten US-Filme bringen wahlweise die deutsche Synchronfassung oder die Originalsprache mit, alle bieten dabei deutsche Untertitel. Ein Großteil der US-Filme hat obendrein englische Untertitel, teils ergänzt mit Informationen für Hörgeschädigte (Close Caption).

Englische Untertitel sind praktisch für Fans der Originalfassungen in Filmen mit starken Akzenten in der Sprache. Ich habe sie etwa schon immer mal im US-Angebot von Netflix genutzt, etwa in der  Westernserie "Hell on Wheels". Hier hätte ich ohne Text-Hilfe kaum eine Chance gehabt, den teils subtilen Inhalten vieler Dialoge zu folgen. Die Serie ist übrigens für all diejenigen, die meinen Hang zu schonungslosen, abgründigen Dramen teilen, ein echter Tipp. Hierzulande läuft sie allerdings derzeit nur bei Watchever.

Untertitel sind ein echtes Alleinstellungsmerkmal von Netflix. Neben der Sprachsteuerung lassen sich in der Timeline auch Serienfolgen und -staffeln durchsuchen. Sie werden per Mouse-Over-Effekt im Browser sogar mit kurzen Inhaltsangaben eingeblendet - praktisch, um etwa den Handlungsstrang vergangener Folgen einer Serie nochmals schnell zu rekapitulieren.

Ein praktisches Feature ist natürlich das Gedächtnis von Netflix: Stets wird gespeichert, wo man eine Serie oder einen Film zuletzt gestoppt hat, die Wiedergabe startet automatisch von dort aus. Und nach dem Ende einer Serienfolge kommt eine kurze Überblendung zur nächsten Folge, die dann automatisch startet - sozusagen die Einladung zum Dauerglotzen, dem viel zitierten Binge Watching.

Online-Videothek,Netflix

© Reinhard Otter

Fernseh-Star: Auf TV-Geräten sieht Netflix stets ähnlich aus, egal ob es von einer Smart-TV-App oder aus einer Spielkonsole angespielt wird.

Bild- und Tonqualität

Die Bildqualität schaut auf den ersten Blick gut aus. SD-Filme haben natürlich auf großen (U)HD-Bildschirmen ihre Schwächen, die durch geringe Detailauflösung und wenig knackige Motivkanten schnell ins Auge fallen, wenn man Blu-ray-Filme gewöhnt ist. HD-Titel brauchen je nach Internetgeschwindigkeit 30 Sekunden bis zwei Minuten, bis sich der Stream auf HD-Qualität eingependelt hat. Auf meinem heimischen 6-Mbit-DSL-Anschluss hielt sich die HD-Qualität auch nicht immer dauerhaft. Es gibt, sagt Joris Evers, verschiedene HD-Streams in Bitraten ab zirka 3 Mbit/s, der höchste hat 5,6 Mbit/s und  1080p-Auflösung.

Wenn die HD-Wiedergabe stabil läuft, dann präsentieren sich Serien wie "House of Cards" oder "Breaking Bad" mit wirklich knackigen Bildern. Ein genauer Vergleich mit der Konkurrenz, insbesondere den recht gut getesteten Streams von Maxdome und Amazon Prime Instant Video, ist in so kurzer Zeit nicht abschließend möglich, doch besser als vergangene Stichproben bei Watchever ist die HD-Qualität bei Netflix allemal.

Am PC bietet Netflix gut klingenden Stereoton, auf Apple TV, manchen Smart-TVs und anderen 5.1-fähigen Geräten soll es aber auch Heimkino-Raumklang geben. Der Ton kommt im Format Dolby Digital Plus - alle Geräte die das wiedergeben können, liefern also zu vielen Filmen auch Kino-Raumklang.

Online-Videothek,Netflix

© Reinhard Otter

Einzel-Gänger: Die einzige TV-App, die aus dem Rahmen fällt ist laut Netflix-App-Verantwortlichem Bernd Hoidn (im Bild rechts) die Darstellung auf der Streaming-Box Apple TV. Ihm zufolge musste sich Netflix hier den Design-Vorgaben von Apple beugen.

Geräte fürs Streaming

Schon zum Start ist die Geräte-Unterstützung immens. Alle großen Smart-TV-Marken haben Netflix-Apps, teils sogar schon seit ein paar Wochen. Jetzt kann man sie auf Geräten von LG, Panasonic, Philips, Samsung, Sharp, Sony und Toshiba auch tatsächlich nutzen. Blu-ray-Player und -Anlagen der großen Hersteller sollen ebenso Netflix-Apps haben wie die am meisten verbreiteten Spielkonsolen und, wie oben erwähnt, die Streaming-Box Apple TV.

Die mobilen Betriebssysteme iOS, Android und Windows Mobile sind ebenso vertreten. Aus deren Apps lassen sich Inhalte über den HDMI-Streaming-Stick Chromecast (Preis: 35 Euro) auch auf ältere TVs übertragen. Keine Netflix-App gibt es dagegen zum Start auf den Tablets des Rivalen Amazon: Im Appstore des Kindle Fire HDX fehlte die Netflix-App zumindest zum Start. Im kommenden Fire TV von Amazon dagegen soll sie vertreten sein, wie Amazon bei der Vorstellung der Streaming-Box beteuerte.

A propos Tablet: Netflix fehlt derzeit eine Möglichkeit, Filme und Serien auf Mobilgeräte herunter zu laden und offline zu schauen. Das bieten Konkurrenten wie Amazon Prime, Maxdome, Sky Snap und Watchever. Ich schätze die Funktion sehr und nutze sie gerade bei Watchever häufig, um etwa Filme im Flugzeug zu schauen. Reed Hastings kontert meine Frage aber damit, dass Netflix ja das Fernsehen der Zukunft sei. Und in Zukunft sei das Internet eben überall erreichbar - ohne begrenzte Datenvolumen und sündhaft teure mobile Datentarife. Bis dahin, sagt er, würden sich eben iTunes & Co. um die Filmversorgung auf Reisen kümmern.

Mein erstes Fazit

Netflix bietet in seinem deutschen Angebot die selbe nutzerfreundliche Steuerung und ein hoch personalisiertes Filmangebot, wie ich sie schon im US-Angebot kennen lernen konnte. Dahinter versteckt sich fürs Erste eine recht überschaubare Auswahl an Filmen und Serien. Es gibt zwar einige exklusive Netflix-Serien und -Dokumentationen, ebenso wie überraschende Filme aus deutschen Archiven.

Für einen spontanen Durchmarsch reicht das längst nicht, und so ähnlich haben das die Netflix-Verantwortlichen angekündigt: Das Angebot soll überschaubar starten und dann passend zur ganz spezifischen Nachfrage im jeweiligen Land stark zulegen. Netflix kalkuliert dabei langfristig: In fünf bis zehn Jahren will man in einem Drittel der deutschen Haushalte vertreten sein, sagt Netflix-Boss Reed Hastings. Und es geht immer um den "Algorithmus" hinter dem Angebot. Der entscheidet, was künftig auf Netflix laufen soll. Ich nehme diese Ansage gern zur Kenntnis und schaue beizeiten einmal wieder, was es alles gibt. Doch auch jetzt schon ist Netflix in Deutschland mit Sicherheit die am besten bedienbare Onlinevideothek.

In video 11/2014 folgt ein ausführlicher Test von Netflix im Vergleich mit den übrigen Flatrate-Onlinevideotheken - die Ausagbe ist ab 02.10.2014 am Kiosk oder im Abo-Shop zu haben.

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