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Magine TV im Test - Was bietet der Zattoo-Rivale?

Live TV und Vorspulfunktion: Der TV-Streamingdienst Magine hat seinen Regelbetrieb gestartet. Wie schlägt sich der Konkurrent von Zattoo im ersten Praxistest?

Magine TV auf iPad

© Magine

Magine TV auf iPad

Bereits im Sommer 2013 ging Magine mit einem geschlossenen Betatest an den Start. Das Motto des TV-Streamingdienstes: Das Fernsehen so neu zu erfinden, als würde es heute nochmals eingeführt. Da kann sich ja jeder selbst überlegen, was er sich da wünschen würde. Besseres Programm? Aktuellere Filme? Keine Werbepausen? Oder freien Zugriff auf alle Inhalte? Aber halt - Magine stellt das Übertragungsmedium bereit - und nicht das Fernsehprogramm. So ähnlich wie das Kabelnetz, der TV-Satellit oder Zattoo, der bislang einzige Live-TV-Streamingdienst im Internet. Auf die Programmqualität hat man also keinen Einfluss, höchstens auf die Art und Weise, wie Sendungen übertragen werden, oder welche Kanäle überhaupt ins Haus kommen.

Magine Senderpaket

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Das Basis-Programmpaket Magine Free umfasst 42 öffentlich-rechtliche Sender. Nach Abzug aller Regional-Varianten von WDR, NDR & Co. bleiben davon 24 Vollprogramme. Daneben bietet das Access-Paket 25 Privat-Sender. Zusätzlich gibt es das Kids-Paket. Nach einem kostenlosen Monat werden dafür monatlich 4,99 Euro fällig.

Wachsendes Angebot inklusive Privatsendern

Also geht es um die Progammauswahl und deren Verfügbarkeit. Da hat Magine einiges zu bieten. Sein derzeit kostenloses Komplettprogramm umfasst zwei Progammgruppen: "Magine Free" mit 42 öffentlich-rechtlichen TV-Kanälen, wie sie auch über Satellit ausgestrahlt werden. Darunter befinden sich aber auch jede Menge Lokalvarianten der verschiedenen Dritten Programme, so dass unterm Strich 24 verschiedene SD-Vollprogramme von ARD und ZDF bleiben - sowie die beiden HDTV-Kanäle ARD HD und ZDF HD.

Das zweite Programmpaket heißt "Magine Access" und umfasst 25 Privatsender. Die großen Vollprogramme von der Senderguppe RTL und der Pro7Sat1 AG sind darin komplett vertreten, ebenso wie einige private Kinderkanäle und internationale Nachrichtensender wie Bloomberg oder Al Jazeera. Dazu kommt ein kostenpflichtiges Kids-Paket mit den Sendern Boomerang, Cartoon Network, Nick jr., yfe und Duck.tv. Das können Neukunden einen Monat lang kostenlos sehen,danach kostet der Zugang zu ihm monatlich 4,99 Euro.

Gegenüber dem kostenlosen Streamingangebot von Zattoo ist das Senderangebot mit diesem Senderportfolio auf jeden Fall ein Trumpf. Dort gibt es RTL- und Pro7Sat1-Sender erst im kostenpflichtigen HiQ-Premiumpaket zu Laufzeit-Preisen von 1,59 Euro für einen Tag über 9,99 Euro pro Monat bis 99,99 Euro für ein ganzes Jahr. Gratis gibt's bei Zattoo Live TV dagegen nur die öffentlich-rechtlichen Kanäle, und auch deren Wiedergabe wird bei jedem Umschalten mit Werbeclips von Zattoo unterbrochen.

Magine Timeline

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Der Magine-Progammguide lässt sich wahlweise als Zeitleiste oder in einer Liste der einzelnen Sender darstellen.

Zum Start ist bei Magine alles kostenlos

Eigens eingeblendete Werbepausen gibt es bei Magine derzeit ebenso wenig wie Zahlschranken. Doch die beiden Progammpakete sprechen bereits klar dafür, dass eine Teilung des Angebotes in kostenlose öffentlich-rechtliche und kostenpflichtige Privatsender kommen dürfte. Denn keines der großen Privat-TV-Netzwerke gibt seine Inhalte auf Dauer für lau zum Streaming im Internet frei. Magine gibt zu den künftigen Plänen bislang nur wenige Kommentare ab. Immerhin soll das Angebot auch auf Dauer kostenlos bleiben, auch auf zusätzliche Werbeclips wollen die Macher dauerhaft verzichten. Über die Weiterentwicklung der Pakete und mögliche künftige Preise gibt es aber derzeit keine Auskunft, außer dass man weiter auf eine Mischung aus freien und Premium-Kanälen setzen möchte. "Freemium" heißt das im Marketing-Sprech.

Bis hierher hält sich das mit dem innovativen Fernsehen bei Magine allerdings noch in Grenzen. Denn Live Fernsehen kann man eben auch sonst recht unproblematisch. Magine holt das TV-Programm eben recht umfassend in den Web-Browser und auf andere webfähige Geräte wie Smartphones, Tablets und Smart-TVs. Doch während die Apps für Apple- und Android-Devices eine tolle Sache sind, wird mir auch bei intensivem Nachdenken nicht ganz klar, warum man TV-Livestreaming am Smart-TV braucht, zumal auf hochwertigen XXL-Modellen von Samsung. Die haben schließlich digitale Twintuner für alle Empfangswege. Man sollte sie eigentlich nie ohne direkten HDTV-Empfang nutzen. Nun gut - was geht, wird eben auch umgesetzt. Warum auch immer gleich die Sinnfrage stellen?

Magine Pausensperre

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In den großen Sendern sind derzeit Pause, Archivwiedergabe und Vorspulen gesperrt. Nur einige kleinere Privatsender und Kinderkanäle erlauben die Funktionen. Archivierte und abrufbare Sendungen werden in der Progammliste in schwarzer Schrift angezeigt, andere in grau.

Fernsehen zum Vor- und Zurückspulen

Für eine Zusatzfunktion von Magine könnte aber auch eine Smart-TV-App Sinn machen. Immerhin verfolgt Magine bei seinen Zusatzdiensten wirklich innovative Ideen. Man kann, wenn der Sender das erlaubt, Sendungen im laufenden Progamm anhalten und später zeitversetzt weiter streamen. Und es ist möglich, vergangene Sendungen der letzten paar Tage über den Progammguide aufzurufen - ähnlich also wie in einer Mediathek, nur eben über den Magine-EPG wählbar. Bei manchen Sendungen ist es bei diesem zeitversetzten Fernsehen sogar erlaubt, vorzuspulen. Das ist tatsächlich mal was Neues, denn ansonsten gibt's das höchstens in Mediatheken einzelner Sender.

Praxis: TV-Serien auf dem Tablet sehen

Versucht man aber, eine Sendung im Ersten Programm zu pausieren, dann erscheint eine Fehlermeldung, dass dies im aktuellen Sender nicht möglich sei. Die gleiche Reaktion gibt's im ZDF, auf RTL, Pro7 und so weiter. Beim genaueren Hinschauen zeigen Icons im übersichtlichen Progammguide zu vielen Sendung an, ob man sie pausieren kann oder nicht. Aber nicht bei allen.

Besser, man betrachtet das Ganze einmal anders herum: Derzeit ist die Timeshift- und Archiv-Funktion bei keinem großen deutschen Sender freigeschaltet. Der Jugendsender "Joiz", "VIVA", die Kinderprogramme "Nic" und "Ric" sowie "Eurosport", "TCL" und die Nachrichtenkanäle "Bloomberg", "RT" und "Al Jazeera" aber erlauben Timeshifting und Abrufe bisheriger Sendungen. Bei den meisten dieser Kanäle funktioniert das Ganze mit Vorspulsperre. Nur bei "Joiz", "TLC", "RT", "Bloomberg" und "Al Jazeera" sowie bei den Sendern des Kids-Paketes darf vorgespult werden.

Magine Untertitel

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Magine zeigt auch Untertitel zu Sendungen an, sofern diese im Digital-TV-Datenstrom mitgesendet werden.

Laut Magine wird das Angebot kontinuierlich ausgebaut, und künftig sollen weitere Sender Komfortmerkmale wie Timeshiftig und Archiv-Wiedergabe bieten. Ob das bei bekannten Vollprogrammen dann Zusatzkosten mit sich bringt, ist bislang nicht bekannt. Es obliegt aber eben nicht Magine, dies zu entscheiden. Jeder einzelne Sender muss dem Dienst die Erlaubnis erteilen, Timeshifting, Archivwiedergaben oder das Vorspulen seiner Inhalte anzubieten. Und jeder, der das jahrelange Heckmeck rund um das Aufnehmen und Vorspulen von Sendungen im HD+-Paket der privaten HDTV-Kanäle mit verfolgt hat, kann den Magine-Machern bei diesem Unterfangen nur starke Nerven und einen langen Atem wünschen.

Dem Zuschauer ist's egal: Im Augenblick bietet Magine die wichtigsten Sender nur live an, die kleinen Spezialkanäle dienen aber als gute Beispiele für das Potential dieser praktischen Magine-Funktionen.

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Ein interessantes Extra hat Magine noch zu bieten: Die TV-Streams werden jeweils mit den selben Tonfassungen und Untertitelspuren übertragen wie im digitalen Fernsehen. Man kann so etwa ARTE auf Deutsch oder Französisch hören und in vielen Sendungen auf öffentlich-rechtlichen Kanälen Untertitel einblenden. Der eingesetzte Silverlight-Player zeigte die Untertitel allerdings nicht immer ganz zuverlässig an - am eingesetzten Apple Macbook-Pro-Notebook verschwanden sie teils nach einigen Sekunden wieder und wurden erst nach einem Kanalwechsel wieder eingeblendet.

Magine

© Magine

Im besten Fall liegt die Bild- und Tonqualität annähernd auf einem ähnlichen Niveau wie in der TV-Ausstrahlung. Zur Primetime abends oder zu anderen stark genutzten Zeiten sind solche Bildqualitäten aber nur selten anzutreffen.

Bild und Ton auf gutem Niveau

Last but not least geht es natürlich um die Wiedergabequalität - vor allem im Vergleich zum Konkurrenten Zattoo. Magine zeigt Sendungen am Computer zum Start in einem kleinen Fenster über dem Progammguide an, daneben stehen detaillierte Informationen zum aktuellen Programm. Das sieht alles sehr gut aus, und im Kleinformat wirkte das Bild stets einwandfrei.

In der Vollbilddarstellung waren im Test allerdings häufig Artefakte zu sehen. Die schwankten je nach Kanal und Tageszeit recht stark. Um die Mittagszeit oder zur abendlichen Primetime etwa sahen Streams im Praxistest deutlich schlechter aus als etwa gegen 15 Uhr oder zum Vorabend. Eine ARD-Serie zwischen 18 und 19 Uhr etwa wirkte auf dem hochauflösenden PC-Display mitunter fast so scharf wie der parallel ausgestrahlte Sat-Sender auf dem großen Flat-TV. Die Schwankungen verwundern kaum, denn nicht in erster Linie die DSL-Datenrate entscheidet über die erreichbare Bildqualität, auch die Zahl der gleichzeitigen Nutzer kann die Streamingqualität beeinflussen.

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Die wenigen verfügbaren HDTV-Sender, etwa Das Erste HD und ZDF HD, waren ebenfalls bisweilen von Artefakten beeinträchtigt, sahen aber in der Vollbild-Darstellung durchweg besser aus als ihre SD-Pendants. Auch insgesamt bot Magine eine bessere Bildschärfe als das kostenlose Angebot von Zattoo. Dem gegenüber lieferte das kostenpflichtige HiQ-Abo von Zattoo in den allermeisten Fällen eine nochmals hochwertigere Streamingqualität.

Magine Ipad-Apps

© Magine

Die iPad-App ist sehr aufgeräumt. Das Programm lässt sich darin wahlweise als Bild-Mosaik oder als EPG-Liste anzeigen, die aktuelle Sendung läuft in einem Fensterchen - oder im Vollbild.

Diese Qualitätseindrücke galten indes auch für die Darstellung der Streamingdienste auf Tablets und Smartphones. Zattoo ist dort allerdings weiter verbreitet: Neben Apple- und Android-Geräten können auch Windows-Mobilgeräte und die Kindle-Fire-Modelle den bekannten Dienst nutzen.

Die Bedienung der Apps gibt hier wie dort keine großen Fragen auf. Magine glänzt auch in seiner Mobilvariante mit einer sehr intuitiven Struktur, man kann sich das Programm aller Kanäle wahlweise in einer Mosaikansicht mit aktuellen Inhaltsbildern anzeigen lassen oder als EPG-Auswahl-Liste wie am Computer. Sendungen, die sich im Nachhinein abrufen lassen, sind hier schwarz geschrieben, die vergangenen Sendungen anderer Kanäle stehen grau im Programmguide.

Zattoo bietet ein etwas volleres EPG-Auswahlmenü mit einer Zeitleiste und dem Programm von bis zu 15 Kanälen untereinander. Darin lassen sich auch Sendungen der nächsten sieben Tage auswählen. Da sind deutlich mehr Infos zu sehen, die Ansicht taugt sogar als Ersatz für eine Programmzeitschrift.

Zattoo Ipad-App

© Zattoo

Die Zattoo-App wirkt im Vergleich deutlich voller, bietet aber auch mehr Infos auf einen Blick.

Guter Start für Magine - wie geht's weiter?

Mit seinem großen Gratis-Angebot avanciert Magine vorerst zur Nummer Eins unter den TV-Streamingdiensten. Die Qualität stimmt in der Regel, die Bedienung ist kinderleicht. Bleibt nur abzuwarten, wie's weiter geht. Zusätzliche Bezahlangebote, Werbepausen und Einschränkungen in den momentan kostenlosen Privatsendern dürften mit Sicherheit in Zukunft kommen, denn auch die Macher von Magine müssen Geld verdienen.

Andererseits spricht eigentlich nichts dagegen, dass man hier künftig auch Sendungen von ARD, ZDF oder ARTE zeitversetzt anschauen kann. In ihren eigenen Mediatheken bieten die Sender dies ja ohnehin an, warum also nicht auch bei Magine? Für Zattoo heißt es jetzt: Konkurrenz belebt das Geschäft. Wir dürfen gespannt sein, was die Schweizer sich einfallen lassen, um ihre Position als Nummer Eins gegen den Neuling zu sichern.

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