Lichtfeldkamera

Lytro im Praxistest: Fotografie der anderen Art

Die Lytro-Kamera zwingt zum Umdenken. Nicht mehr ein Print des Fotos ist das Ziel der Lichtfeldkamera, sondern interaktive Darstellung auf dem Monitor. Damit bringt Lytro ganz neue Möglichkeiten, aber auch Anforderungen. ColorFoto-Autor Horst Gottfried macht den Test in der Praxis.

Lytro Praxis Test Kamera

© Horst Gottfried

Lytro Praxis Test Kamera

Die Lytro zeigt im Praxistest schon äußerlich, dass sie keine normale Kamera sein will. Radikal anders als bisher ist auch das Ziel der Lytro-Fotografie: statt zweidimensionaler Fotos entstehen sogenannte "Living Pictures" zur Wiedergabe per Monitor. Darin kann man interaktiv mit der Schärfe und perspektivisch auch in 3D experimentieren. Wer es trotzdem plan mag, kann mit der Lytro-Software JPGs mit 1.080x1.080 Pixel HD-Auflösung exportieren. Sie bieten die Qualität früher Handy-Fotos und eignen sich eher für einen Archiv-Katalog.

Das radikal reduzierte Gehäusedesign der Lytro-Kamera enthält auf engstem Raum die Kameraelemente. Der LCD-Monitor fällt mit 1,52-Zoll-Diagonale (3 x 3 cm) unnötig klein aus. Das macht die Touchscreen-Bedienung fummelig. Außerdem ist er sehr blickwinkelabhängig. Schräge Blicke mag er nicht, was sich bei der Suche nach manch Lytro-gerechter Perspektive (mehr dazu später) als hinderlich erwies.

Lytro: Gewöhnungsbedürftige Bedienung

Am länglichen Gehäuse der Lytro gibt es nur drei Bedienungselemente im Bereich  der Gummiarmierung: die Ein-Aus-Taste, die per Streichelfinger bediente Touch-Zoomsteuerung und der Auslöser. Einen Druckpunkt hat er nicht, da Vorfokussieren mit AF bei Lytro prinzipbedingt entfällt. Der Touchscreen lässt bei der Aufnahme die Wahl zwischen vollautomatischen Everyday-Modus mit Zoomfaktor 5,5x und dem Creative-Modus mit 8x-Zoom.

  • Wie funktioniert Lichtfeldfotografie?
Grundlagen der Lichtfeldtechnik Lytro Raytrix Wikipedia Lytro-Videos bei iTunes

Die Orientierung der Belichtung im Everyday-Modus per Fingertipp auf ein (nicht zu kleines) Detail erwies sich bei kontrastreichen Motiven als praktisch und wurde im Creative-Modus manchmal vermisst. Denn bei falscher Belichtung nützt die Optimierung des Refokussierbereichs wenig, wie sie im Creative-Modus stattdessen durch Antippen des Haupt-Motivdetails möglich ist. Die Aufnahme mit manuell korrigierter Zeit- und oder ISO-Einstellung ist wegen der fummeligen Bedienung der kleinen Touch-Felder des - zumal in heller Umgebung spiegelnden - LCD-Monitors keine praktische Alternative.

Lytro Zoom

© Horst Gottfried

Gezoomt wird per Touch-Fingerbewegung quer zur Kamera.

Lytro: Die Besonderheiten der Aufnahmepraxis

Die sichtbaren Unterschiede im Schärfeeffekt zwischen beiden Modi fielen erstmal gering aus. So habe ich im Test meist im Everday-Modus fotografiert und mich darauf konzentriert, praktisch die Art und Weise zu verstehen, in der die Kamera ihre Bilder aufnimmt. Bei den ersten Aufnahmen sind eine ganze Reihe mit schönem Aha-Effekt, aber auch viele, bei denen die nachträgliche Schärfeverlagerung kaum bis gar nicht funktioniert. Man kann es erstmal nur zur Kenntnis nehmen und sich weiter an die Besonderheiten der Lichtfeldfotografie herantasten.

Erfolg versprechen Motive, bei denen auf dem LCD-Monitor Bildteile unscharf dargestellt werden. Damit gibt es für die Lytro-Software dann später Futter zum Nachfokussieren. Für erste Erfolgserlebnisse empfiehlt sich grob die Faustregel "Mit Weitwinkel bis auf eine Lytro-Kameralänge ran an's nächste Detail" des in der Tiefe gestaffelten Motivbereichs.

Schönes Beispiel für die Lytro-Effekte Refokussierung und perspektivisches 3D:

3D

Besonders der Nahbereich liefert dankbare Objekte für die Lytro:

Tastatur

Obst

Ein undankbares Motiv für den Refokussier-Effekt:

Nichts passiert

Von der Polizei enthüllt: vermutlich ein Teil der Microlinsen-Struktur auf dem Sensor:

Struktur

Im nächsten Schritt kann man sich mit Tele an Motive schön in der Tiefe gestaffelt wagen, am besten auf Zimmerdistanz. Für größere Distanzen empfiehlt sich eine längere Brennweite bei etwa 3x-Zoom und einer Mindestentfernung von etwa 1,5 m, damit der Refokus etwas zu arbeiten hat. Bei reinen Landschafts- und Fernaufnahmen ohne Vordergrund-Motiv ist der Lytro-Effekt minimal bis nicht mehr feststellbar.

Ein Grund dafür dürfte darin liegen, dass sich die auftreffenden Strahlen in ihren Einfallswinkeln um so weniger unterschieden, je weiter das Objekt entfernt liegt. 3D-Fotografen vergrößern in so einem Fall die Stereo-Aufnahmebasis. Das ist mit der Lytro nicht möglich. Bei anderen Motiven in nicht ganz so großen Entfernungen kann die Tiefenschärfe im Bild trotz f/2 schon so große sein, das es nichts mehr nachzufokussieren gibt.

Lytro-Erfolgserlebnisse winken jedenfalls vor allem im Nahbereich und über Zimmerdistanzen, so meine erste Erfahrung. Das bestätigen auch die meisten Motive der allgemeinen Lytro-Bildergalerie. Eine Auswahl meiner Fotos zu diesem Praxistest finden Sie hier unter dem Account CheckingLytro.

Bildergalerie

Lytro Belplasca 1
Galerie
Bilder

Die Screenshots zeigen die unterschiedlichen Fokussiermöglichkeiten im Vergleich.

Originalbild

Lytro: Was tun mit den Bildern?

Die Bilder werden nach Anschluss der Kamera per mitgeliefertem USB-Kabel automatisch von der Lytro-Software in den Bilderordner des Computers geladen. Die jeweils rund 16 MB großen Bilder existieren dort aber nicht wie gewohnt als sichtbare kleine Einzeldateien. Es gibt zwar viel "light field picture"-Dateien(.lfp), aber nur vereint in Form einer Riesendatei namens >>Lytro.lytrolib<<. Und da kommen sie nur mittels der Lytro-Software raus, entweder zum Hochladen ins Netz oder eben exportiert in eine JPG-Datei.

Lytro Mini USB

© Horst Gottfried

Außer mini-USB bietet die Lytro nur WLAN zur Bildübertragung. Neben der Buchse ist die Ein/Aus-Taste zu erkennen.

Die Bilder erscheinen beim Hochladen im Lytro-Programmfenster unter dem aktuellen Datum. Hier kann man die Fotos betrachten, in selbst definierte Sammlungen, sogenannte Stories einordnen, sich schon mal die Stärke des zu erwartenden Refokussier-Effekts in drei Stufen-Symbolen voranzeigen lassen oder ihn gleich im Bild prüfen.

Für den 3D-Effekt müssen die Bilder extra "entwickelt" werden, was bei 16 MB Dateigröße je nach Rechner dauern kann. Die Schärfeverlagerung erfolgt durch Klicken auf den gewünschten Punkt im Bild, der 3D-Effekt entsteht durch eine kreisförmige Bewegung mit dem Mauszeiger im Bild.

Lytro Software

© Horst Gottfried

Dieser Screenshot zeigt das Fenster der Lytro-Software mit aktiviertem Tiefen-Check der einzelnen Fotos (grün/gelb/orange).

Wer will, kann seine Favoriten-Bilder, die vielleicht zu Lytro.com geladen werden sollen, per Sternchen markieren und eventuell zuvor noch mit einem von neun interaktiven Living-Filtern behandeln. Die sind aber eher für den amerikanischen Geschmack. Mir wären traditionelle Basis-Korrekturen, von allem von Belichtung, Weißabgleich und Ausschnitt lieber. Das ist trotz des vielsprechenden Namens "Living Pictures" bei Lytro (zumindest noch) nicht möglich.

Lytro CPU Auslastung

© Horst Gottfried

Wieviel Rechner-Power die Lytro-Software beim 3D-Processing benötigt, zeigt ein Blick auf die CPU-Auslastung

Auch Kopieren oder Sicherungs-Backup der Dateien ist bei Lytro derzeit offiziell noch nicht vorgesehen. Im Lytro-Hilfeforum wird nur ein manueller Workaround beschrieben, der auch die Probleme dabei durch die spezielle Datenstruktur mit der ".lib"-Datei anspricht. Das erklärt wohl auch, warum die Lytro keinen Einsatz auswechselbarer Speicherkarten erlaubt.

Zur Veröffentlichung bestimmte Lytro-Fotos kann man per Lytro-Software nach Einrichtung eines Accounts hochladen auf den kostenlosen Speicherplatz bei Lytro.com. Die Bilder im öffentlichen Bereich kann jeder mit seinem Internet-Browser ansehen. Bilder im privaten Bereich lassen sich durch Verschicken eines Links ausgewählten Adressaten zugänglich machen.

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Andere Möglichkeiten sind das Teilen über Facebook, Twitter oder Google plus oder der Versand als animierte GIF-Dateien per E-Mail oder SMS an Familie, Freunde und Bekannte. Durch die Embed-Funktion per HTML kann man auch seine Homepage mit den lebendigen Lytro-Bildern aufpeppen, denn die Effekte lassen sich einfach im Browser nachvollziehen, so wie auch in den Beispielen hier auf dieser Webseite. Hier dürfte sicher einer der Haupteinsatzbereiche für Lytro-Fotos liegen, etwa auch in der Produktpräsentation.

Lytro iPad

© Lytro

Klassischer Einsatzort für Lytro-Fotos sind Mobilgeräte wie das iPad.

Lytro: Testfazit und wie geht's weiter?

Profitieren wird die Lichtfeld-Fotografie sehr stark von der immer weiteren Verbreitung von Smartphones und Tablets, den idealen Präsentationsmedien für Lytro-Bilder. So arbeiten inzwischen auch andere Firmen wie Adobe, Mitsubishi oder Nokia an dem Thema.

Hat auch gar nicht weh getan - Der Autor beim Selbstversuch als Lytro-Objekt (Foto: Josh Anon):

Selbstversuch

Für den Anfang bleibt trotz des in einigen Punkten kritischen Gesamteindrucks erst einmal die Erfahrung, dass das Experimentieren mit der Lytro einfach Spaß macht. Wie lange der Reiz der Living Pictures mit Nachfokussierung und 3D-Effekt, der anfangs als Selbstzweck funktioniert, auf Dauer anhält, muss sich zeigen.

In Deutschland ist die Lytro ab 15. Juli 2013 erhältlich. Der Preis liegt bei 580 Euro für die 16-GB-Variante und 480 Euro für die Version mit 8 GB.

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