Zensur im Internet

Wenn Google mit der Schere kommt

"Google findet alles", lautet ein gängiges Vorurteil über die Suchmaschine. Dabei ist die Suchmaschine längst Erfüllungsgehilfe politischer Zensurstellen. Doch die virtuellen Mauern sind löchrig.

Google: Keine nackten Tatsachen

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Bestimmte Inhalte behält Google seinen Nutzern vor

Wer nach Neonazis bei Google sucht, wird verschiedene Ergebnisse bekommen, je nachdem in welchem Land er wohnt. Während die Amerikaner keine Probleme mit der Veröffentlichung extremistischer Ansichten haben, ist die Verbreitung nationalsozialistischer, rassistischer, Gewalt verherrlichender oder harter pornographischer Inhalte in Deutschland verboten.

Ob man sich für die braune Soße interessiert, ist dabei zweitrangig. Spannend hingegen ist die Frage, wie und warum Google Seiten zensiert. Ein US-Bürger gerät eben zum Beispiel schnell in den braunen Dunst, während Google in Deutschland Hyperlinks zu bestimmten Seiten nicht anzeigt. Auf den Ergebnisseiten findet sich stattdessen der Hinweis "Aus Rechtsgründen hat Google x Ergebnis(se) von dieser Seite entfernt."

Ein Link bietet weitere Informationen: "Ihre Suche hätte in den Suchergebnissen einen Treffer generiert, den wir Ihnen nicht anzeigen, da uns von einer zuständigen Stelle in Deutschland mitgeteilt wurde, dass die entsprechende URL unrechtmäßig ist."

Google warnt vor Nazis

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Links zu rechtsextremen Inhalten zeigt Google nicht an, dafür einen Warnhinweis

Wer die "zuständige Stelle" sein soll, erklärt Google nicht. Andere Suchmaschinen gehen sogar noch einen Schritt weiter, so filtert MSN auch Suchbegriffe: Virtuelle Sextouristen, die z.B. Youporn zur Suche aufgeben, bekommt nicht einen Treffer retour. Stattdessen erscheint die Meldung: "Der Suchbegriff youporn führt möglicherweise zu rechtswidrigen oder jugendgefährdenden Inhalten.

Diese Inhalte werden auf Live.com nicht angezeigt." Dabei gibt es durchaus ehrenwerte Suchen zu diesem Thema, etwa die gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Arcor und Kirchberg Logistik, in der es um die Sperrung von Youporn geht.

Ebenso wenig liefert das Stichwort Pornographie einen Treffer, ein Wort das bestimmt kein minderjähriges Hormonopfer auf der Suche nach Schmuddelbildern eingeben wird. Begriffskombinationen hingegen hat Microsoft frei geschaltet: youporn arcor liefert die gewünschten 42 000 Treffer.

Bei Google in den USA wiederum ist Youporn nicht gesperrt. Was insofern verwunderlich ist, als aggressive politische Inhalte dort zwar völlig unzensiert verbreitet werden können, die Unzuchtschwelle für Sex und Liebe aber weitaus niedriger ausfällt als im zwischengeschlechtlich freizügigen Europa.

Google-Filter umgehen

Der beste Weg, die deutschen Beschränkungen von Google auszuschalten, ist, über die amerikanische Seite zu suchen. Wer allerdings im Browser Google.com eingibt, wird automatisch auf die deutsche Seite umgelenkt. Erst der Link "Google.com auf Englisch" führt zum gewünschten Ziel. Mit folgendem Suchstring lässt sich das abkürzen: http://www.google.com/search?hl=en&q=suchbegriff. Auch wer den Anonymisierungsdienst Tor eingeschaltet hat, landet direkt auf der US-Seite.

Die Sittenwächter

Auf Google.com zurück zu den Suchwurzeln

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Erst wer diesen Link klickt, kommt auf die amerikanische Original-Seite von Google.

Irgendeine Form der Filterung führt jede deutsche Suchmaschine durch, denn es gibt klare Vorgaben dafür. Die meisten Suchmaschinen weisen im Gegensatz zu Google oder MSN aber nicht darauf hin, wenn sie etwas unterdrücken (Yahoo, Lycos, Web.de, Ask, Exalead, Wikia). Alle Anbieter haben sich dem Verein Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter angeschlossen (FSM), dessen Ziel es ist:

"Die Mitglieder der FSM teilen die Auffassung der Regierungen des Bundes und der Länder, dass auch von Seiten der Wirtschaft gehandelt werden muss, um die Verbreitung rechtswidriger und jugendgefährdender Inhalte in Online-Diensten zu verhindern.", heißt es auf der Webseite.

Für Suchmaschinen gibt es von der FSM einen eigenen Verhaltenskodex, der unter anderem besagt: "Nicht-Anzeige von Internetadressen, die auf dem Index jugendgefährdender Medien der BundesprA1/4fstelle fA1/4r jugendgefA¤hrdende Medien (BPJM)) stehen". Das ist die "zuständige Stelle" von oben. Die Filterung erfolgt automatisch, über das so genannte BPJM-Modul, wobei die Suchmaschinen selbst die vollständige Liste nicht zu sehen bekommen.

Bei der BPJM heißt eswiederum: "Bei den indizierten und mittels des BPJM-Moduls filterbaren Online-Angeboten handelt es sich zum einen um Angebote, die gemäß § 4 Abs. 1 Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) unzulässig sind". Und das sind eben: Volksverhetzung, Gewalt, Rassismus, extreme Pornographie etc. Eine vollständige Verbotsliste findet sich hier. 2000 Webseiten und -adressen stehen dort auf dem Index, die meisten pornographisch, auch mit Gewalt und Tieren, oder rechtsextrem.

Wie das Gesetz es befahl

Keine Pornos auf MSN

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Nicht nur Google: MSN filtert sogar manche Suchbegriffe zu pornographischen Inhalten aus.

Google hält sich zwangsläufig an die gesetzlichen Vorgaben jedes Landes. Die weltweite PR-Chefin Rachel Whetstone erklärt im Google-Blog, dass die Firma von sich aus nur Kinderpornographie, Spam, Kreditkarten- und Social-Secuity-Nummern blockiert. Ansonsten gilt: "Wir entfernen Treffer aus unserem Index nur, wenn es gesetzlich erforderlich ist (z.B. wenn Inhalte verlinkt sind, die Urheberrechte verletzen)". Hierunter fallen in Deutschland auch Seiten, die Gegenstand von zivilen Klagen wurden.

Das ist der Fall bei der Verletzung von Persönlichkeitsrechten, bei Verleumdung, bei Urheberrechtsverletzungen Während die deutsche Öffentlichkeit die Filterung von Gewalt und Porno ohne viel Murren hinnimmt, erhielt die Firma Schimpf und Schande, weil sie mit totalitären Regimen wie dem in Peking kooperiert:

"Aus unserer Perspektive müssen wir uns hier dem Gesetz anpassen. Wir sind tatsächlich Kompromisse eingegangen gegenüber der Regierung - dass wir dem chinesischen Gesetz absolut folgen. Wir haben keine Alternative", zitiert die Tagesschau Google-Boss Eric Schmidt. "Es ist also keine Option für uns, Informationen breit zugänglich zu machen, die illegal, unmoralisch, nicht passend oder was immer sind."

Die Alternative wäre, den chinesischen Markt der Konkurrenz zu überlassen, Yahoo, Baidu usw. Den Profit fest im Blick beteiligt sich Google - ebenso wie andere - an der Unterdrückung von Meinungen, die für die Einhaltung der Menschenrechte in China kämpfen: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Respekt der Menschenwürde etc.

Neuer Google-Konkurrent

Wikia will Google die Muskeln zeigen

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Die Macher des Online-Lexikons Wikipedia treten mit Wikia nun gegen Google an.

Ein ernsthafter Google-Widersacher ist angetreten und versucht dem auch noch nicht so alten Suchdienst mit einem ganz neuen Konzept Konkurrenz zu machen: Wikipedia. Die Suche Wikia ist wie das Online-Lexikon anwendergetrieben. Wikia verwendet ebenfalls einen Suchalgorithmus, aber die Anwender haben Einfluss auf die Ergebnisse. Mit einem Fünf-Sterne-System bewerten sie Treffer, so dass Wikia die Suche anhand derer verbessert.

Außerdem gibt es so genannte Mini-Artikel, die ein erstes Schlagwort zu einem Suchbegriff geben. Noch heißt es zwar auf der Infoseite search.wikia.com: "Wir sind uns bewusst, dass die Qualität der Suchergebnisse schlecht ist", aber "wir erwarten, dass sie sich in den nächsten Wochen schnell verbessert, also fügen Sie die Seite bitte zu den Bookmarks und kommen Sie oft wieder."

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