Tropfenfotografie

Eingefroren: Highspeedfotografie mit Flüssigkeiten

Highspeedfotograf Markus Reugels erklärt, wie Sie Wassertropfen fotografieren und als Tropfenkompositionen im Flug einfrieren. Von der einfachen Tropfenkrone bis zur mehrfarbigen Tropfenskulptur zeigt er die Möglichkeiten der Kunstform Tropfenfotografie auf.

TaT 4 - Tropfen auf Tropfen - Markus Reugels

© Markus Reugels

TaT 4 - Tropfen auf Tropfen - Markus Reugels
Markus Reugels

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Markus Reugels fc-Profil markusreugels.de

"Ähnlich einem Experiment im Chemielabor muss man sich das kunstvolle Ablichten von Wassertropfen vorstellen", erläutert Highspeedfotograf Markus Reugels. Aus Tropfen, die genau berechnet auf ein Wasserbett fallen, werden in Verbindung mit kürzesten Belichtungszeiten komplexe Konstrukte, die wie Skulpturen wirken.

Der Fotograf lässt dafür nicht nur Tropfen von oben nach unten fallen, sondern arbeitet mit Düsen und Ventilen, die Wasser nach oben schießen. Zudem setzt er gezielt Luftstöße ein, um erzeugte Wassersäulen zu verbiegen, beschießt Tropfen mit einem Luftgewehr oder kombiniert sie mit Rauch, Nebel und Wasserfontänen. Diese Verläufe, die nur Sekundenbruchteile sichtbar sind, hält er mit seiner Kamera fest.

Mikroprozessor und Blitz statt Photoshop

"Bildbearbeitungsprogramme, um die Formen und Farben nachträglich zu verändern, sind tabu", urteilt Reugels. Somit legt er sehr großen Wert auf Farbwahl und Bildkomposition. Die Bildbearbeitung dient nur dem Korrigieren von Kontrasten und Tonwerten. "Die Kunst ist, das Bild so festzuhalten, wie man es sich vorgestellt hat", bekräftigt er.

Nutzte er anfangs einen durchstochenen Plastikbecher und eine Auflaufform, arbeitet er mittlerweile mit einem Mikroprozessor, der die Abläufe auf die Millisekunde exakt steuert und Gebilde erzeugt, die das bloße Auge nicht wahrnehmen kann. Das Einfrieren dieser Bewegungen ist nur mittels Blitzgeräten möglich, deren Abbrenndauer dafür kürzer als 1/20.000 Sekunde sein muss.

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Blow Away: Durch den Luftstoß wird die Wassersäule verborgen.

Kronen

Die erste und einfachste Form in der Tropfenfotografie sind die Kronen. Hierfür wird nur ein Tropfen benötigt. Wenn der Fotograf die Kronen allerdings auf einer Plexiglasscheibe abbilden will, muss er auf dem Aufprallpunkt schon einen Tropfen setzen, da ohne diese Basis, keine Krone entsteht.

TaT

Eine weitere grundlegende Form sind die "Tropfen auf Tropfen"-Fotografien (TaT). Hierfür werden zwei Tropfen in einem bestimmten Abstand ins Wasser getropft. Der erste erzeugt eine aufsteigende Wassersäule, auf welcher der zweite landen muss, um die Form hervorzurufen. Reugels erläutert: "Bei absolut stillem Wasser im Becken und einem flachen Kamerawinkel, wirkt die Wasseroberfläche hierbei wie ein Spiegel."

Farbskulpturen

Für seine Farbskulpturen nutzt Markus Reugels hingegen einen Lautsprecher, auf dem als Membran ein schwarzer Luftballon befestigt wird, als Untergrund. Auf dieser Membran platziert er dann mit einer Pipette die farbigen Flüssigkeiten. Beim Abspielen eines Tons schwingt die Membran, und die Farbe springt in die Höhe.

Reugels erläutert: "Bei einigen Bildern habe ich zudem versucht, diesen Aufbau mit einem fallenden Tropfen zu kombinieren. Aber da ich keinen Einfluss auf die Formen habe, ist es Glücksache wo sich eine Säule nach oben bildet, um mit den Tropfen zu kollidieren. Doch das macht für mich auch den Reiz der Tropfenfotografie aus, jedes Bild ist ein Unikat."

XXL-TaTs, Bubble-TaT und Double Pillar

XXL-TaTs sind ausschließlich mit einer elektronischen Steuereinheit realisierbar. Sie funktionieren im Prinzip wie ein TaT, zum Aufbau einer Säule sind allerdings zwei Tropfen in einem exakt berechneten Abstand nötig. Der erste Tropfen formt einen Krater, der zweite Tropfen vertieft den Krater. Dadurch springen die Säulen extrem in die Höhe, und man kann mehrere Tropfen auf der Säule kollidieren lassen. Reugels berichtet: "Ich entdeckte dieses Phänomen Anfang 2011. Jetzt setzen Tropfenfotografen weltweit bereits diese Technik ein."

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Ähnlich dem XXL-TaT werden auch für ein Bubble-TaT zwei Tropfen für die Wassersäule benötigt. Der Fotograf platziert sie in einem größeren Abstand zueinander. Somit entsteht am Fuß der Säule eine Wasserblase, durch die der Strahl nach oben schießt. Auf den Strahl lässt sich wieder einen Tropfen setzen, der verschieden Formen annehmen kann. Fallen zwei Tropfen absolut synchron, in einem genau berechneten Abstand ins Wasser, ziehen sich zudem die aufsteigenden Wassersäulen gegenseitig an und bilden eine einzelne Säule (Double Pilar).

Shot 'em up, Blow Away und Bubble Shot

Shot em ups sind eine technische Herausforderung. Die Tropfen werden hier mit einem Luftgewehr beschossen. Das bringt Unruhe ins Bild. Dadurch ist es schwer, die Bilder ausgewogen zu komponieren. Vergisst ein Fotograf wie ich, Munition nachzuladen, wird statt durch die Kugel die Wassersäule durch den Luftstoß verborgen. Das Ergebnis: Ein Blow Away. Mir gefiel das Resultat so gut, dass ich daraus eine eigene Technik entwickelte. "Speziell für das Team der Fernsehserie Galileo habe ich dann noch weiter erkundet, ob sich ein TaT in einer schwebenden Seifenblase realisieren lässt", erläutert Reugels. Das Ergebnis, ein Water Balloon, der sich mit viel Geduld gestalten lässt.

Solid Surface

Genauso kreativ mit Seifenblasen lassen sich Solid-Surface-Aufnahmen gestalten. Den Untergrund bildet hierbei eine Plexiglasscheibe mit einem kleinen Loch, durch das der Fotograf einen Wasserstrahl nach oben schießen lässt. Die fallenden Tropfen von oben kollidieren dann mit dem Wasserstrahl und erzeugen Solid-Surface-Formen.

Smoker, Bokeh und Refraktion

Natürlich lassen sich auch zusätzliche Elemente mit ins Bild bringen. Markus Reugels färbt beispielsweise Rauch mittels Farbfolien ein. Er erklärt: "Der Rauch zieht zwar viel Aufmerksamkeit auf sich, aber die Aufnahmen erhalten dadurch eine spezielle, mystische Atmosphäre." Auch mit einem Bokeh-Hintergrund lässt sich wahlweise arbeiten, dieser lässt sich mittels einer zerknitterten Alufolie im Hintergrund erzeugen.

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Bei der Refraktionstechnik hingegen wird gezielt ein Motiv hinter den fallenden Wassertropfen platziert. Durch die Lichtbrechung wird dieses im Tropfen spiegelverkehrt abgebildet. Daher muss das Bild im Hintergrund auf dem Kopf stehen, um es im Tropfen richtig herum abzubilden. Die Schwierigkeit besteht hierbei darin, den richtigen Fokus zu finden und das Licht so zu setzen, dass der Tropfen plastisch abgebildet wird.

Markus Reugels

© Markus Reugels

Set und Aufnahmentechnik

  • Tropfenflüssigkeit: Das Wasser wird mit Guarkernmehl oder Xanthan Gum angedickt. Die Viskosität lässt sich so wie Milch oder Sahne wählen. Dadurch bestehen die Formen länger und sind wesentlich ruhiger.
  • Farbspiele: Die Tropfenflüssigkeit lässt sich mit Druckertinte einfärben, so sind extreme Farbenspiele und Formen möglich.
  • Hintergrundfarben: Dazu werden farbige Folien vor den Blitzen befestigt.
  • Blitzabbrennzeiten: Die Basis der Highspeedfotografie bilden die schnellen Abbrennzeiten der Blitze. Da der Blitz die Bewegung einfriert, sind die Verschlusszeiten der Kamera fast zu vernachlässigen. Markus Reugels arbeitet zum Beispiel mit 1/160 s, weil sein Funkauslöser damit am besten funktioniert. 
  • Schärfe: Soll alles scharf abgebildet werden, empfiehlt sich eine Blende wie f16. 
  • Nachbearbeitung: Die Kunst besteht darin, die Tropfen schon bei der Aufnahme richtig einzufrieren. Standard sind jedoch Tonwert- und Kontrastkorrektur sowie das Entfernen von Spritzern und Sensorflecken. So lässt sich das Potenzial der Bilder ausschöpfen.

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