Trolle im Internet

Strategien gegen Störenfriede im Netz

Trolle vergiften die Diskussionskultur im Internet - Mit diesen Strategien entledigt man sich der Störenfriede endgültig.

Mann kommt aus dem Laptop und ballt die Faust

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Trolle im Netz: Mit diesen Strategien entledigt man sich der Störenfriede endgültig.

Joshua Peters ist ein junger Mann, der in seiner Freizeit Videospiele spielt, dies auf der Streaming-Plattform Twitch.tv ausstrahlt und live kommentiert. Diese Art der Unterhaltung wird immer populärer, kein Wunder bei 55 Millionen registrierten Benutzern, von denen 58 Prozent durchschnittlich 3 Stunden täglich dort verbringen. Während einer dieser Sendungen im Februar dieses Jahres klopfte es an Joshuas Tür. Ein Einsatzkommando der Polizei nahm ihn gewaltsam in Gewahrsam. Einer von Joshuas Zuschauern hatte die Privatadresse seiner Familie veröffentlicht und ein weiterer hatte einen anonymen Notruf in seinem Namen abgeschickt. Diese bislang extremste Form von Terrorisierung durch das Internet ist nicht etwa ein Querschläger - es passiert in Streamer-Kreisen schon so häufig, dass ein Fachbegriff dafür existiert: Swatting.

Die Niederungen der Kommentarkultur

Wenn nicht gerade aus Jux und Tollerei das Leben eines jungen Menschen und seiner Familie aufs Spiel gesetzt wird, bringt es das Internet als Schmelztiegel unterschiedlichster Meinungen immerhin mit schockierender Regelmäßigkeit fertig, so gut wie jedes Thema im Keim zu ersticken. Solange eine Diskussionen genug Aufmerksamkeit genießt, ist ein Abdriften in Polemik, Provokationen, sinnlose Haarspaltereien oder persönliche Angriffe fast schon vorprogrammiert. Die Schuld trägt meist eine widerliche Kreatur namens Internet-Troll.

Belästigungs-Meme-Center

© 4chan

Das komplett anonyme Forum 4chan ist nicht selten Brutstätte für die schlimmsten Formen von Trolling. Opfer müssen oft jahrelang die Verbreitung ihrer Bloßstellungen hinnehmen.

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes aus den frühesten Tagen des Internets lässt sich auf das englische Verb to troll zurückführen. Das ist Anglerjargon und bedeutet so viel wie "ködern". Ein typischer Troll hinterlässt also auf einer Webseite seinen Kommentar als Köder und hofft darauf, möglichst viele Personen anzulocken, die sich darüber empören. Der populäre Leitsatz Don't feed the Trolls soll auf dieses Verhalten aufmerksam machen und Leser daran erinnern, erst gar nicht darauf zu achten. Denn ohne Aufmerksamkeit verliert jeder Troll das Interesse an seinem Tun.

Der Troll von heute

Doch diese Definition ist heutzutage nicht mehr breit genug. Als Trolle werden ebenfalls Menschen bezeichnet, die sich schlicht unmanierlich benehmen, lautstark ignorante Meinungen vertreten oder andere fortwährend lächerlich machen, beleidigen oder gar bedrohen. Laut einer Umfrage des Pew Research Center im vergangenen Jahr sind 40 Prozent der Internet-Benutzer Opfer von Belästigung geworden. 73 Prozent gaben an, dies bei anderen beobachtet zu haben.

Auch Internet-Stalker und Mitglieder sogenannter Hatemobs fallen darunter. Ein Hatemob ist eine mehr oder weniger organisierte Menschenmenge, die gegen ein bestimmtes Ziel vorgeht. Damit einher gehen massenhafte fortwährende Belästigungen, Hacking-Angriffe oder sogar Doxing (die Veröffentlichung von persönlichen Informationen wie Adresse, Telefonnummer oder Arbeitsplatz der Opfer) und Swatting (wie oben beschrieben).

PEW Umfrage

© Pew Research Center

Die Tendenz ist klar: Internetbenutzer werden sehr viel häufiger Opfer von belästigendem Verhalten, je jünger sie sind. Junge Frauen sind darüber hinaus unverhältnismäßig hoch von Stalking und sexueller Belästigung betroffen.

Ein schwerwiegendes Problem für alle Webseitenbetreiber, die Benutzerinteraktion zulassen. Die Online-Ausgabe des amerikanischen Wissenschaftsmagazins Popular Science hat im September 2013 Kommentare kategorisch ausgeschaltet und damit Schlagzeilen gemacht. Unhöfliche Kommentare seien nicht nur polarisierend, sondern werfen ebenfalls ein schlechtes Licht auf den Inhalt des Artikel selbst. Darüber hinaus ist der kommerzielle Aspekt nicht zu unterschätzen, besonders im Bereich Online Gaming und Social Media.

Schlechtes Klima ist schlecht fürs Geschäft

Große Betreiber sehen Milliarden Euro an Umsatz in Gefahr, wenn die Kunden aufgrund negativer Stimmung abwandern. Twitter-CEO Dick Costolo hat als Reaktion auf massenhafte Belästigung der User untereinander im März dieses Jahres eine Funktion angekündigt, mit der Benutzer in den USA bedrohliche Twitter-Nachrichten direkt an die örtlichen Behörden weiterleiten können.

Microsofts Dienst Xbox Live war ebenfalls als giftige Umgebung verschrien, in der Beleidigungen ohne Provokation zur Tagesordnung gehörten. Daher hat die Firma zumindest für gespeicherte Videos ein Zensursystem eingeführt. Wenn das Mikrofon glaubt, Beleidigungen erkannt zu haben, ertönt stattdessen ein digitaler Pfeifton. Wiederholungstäter riskieren, ihre Aufnahmeprivilegien zu verlieren. Die automatische Zensur unterscheidet natürlich nicht, ob der Kraftausdruck an einen Mitspieler gerichtet ist oder nicht. Oftmals ist dies nur zur humoristischen Untermalung des Videos gedacht.

Andere Anbieter nutzen zusätzliche Clients zum Zugriff auf ihre Dienste mit eigenen Identifikationsnummern, die lokal gespeichert werden. So kann man Störenfriede aussperren, auch wenn sie sich mit einer neuen IP einloggen. Der Videospielehersteller Valve implementiert auf seinem digitalen Marktplatz Steam ein ähnliches Erkennungssystem, das Cheatern automatisch den Zugang zu einem Großteil der Server verwehrt. Diese Art von Bann kann auch angewandt werden, wenn ein Nutzer gegen die Nutzungsbedingungen verstößt.

Zuckerbrot und Peitsche

Es gibt aber auch weniger extreme, indirekte Methoden, der Sache Herr zu werden. Das Forum und benutzergesteuerte Nachrichtenportal Reddit erzeugt durch seine Struktur eine für Trolle feindliche Umgebung: Jeder geschriebene Beitrag kann von jedem Benutzer positiv oder negativ bewertet werden - entweder aufgrund von Informations- oder Unterhaltungswert. Nachrichten mit den meisten positiven Bewertungen werden zuerst angezeigt, während solche mit vielen negativen Bewertungen am Seitenende an Beachtung verlieren. Das Resultat: Schwerwiegende Fälle von Trolling sind auf Reddit zur Seltenheit geworden. Kritiker bemängeln hingegen die Homogenität der Kommentare, denn negative Bewertungen sammelt man auch oft, sobald man eine Meinung vertritt, die nicht dem Konsens entspricht. Darüber hinaus ist das Reddit-System erst im großen Umfang nützlich, wenn pro Beitrag mindestens mehrere Dutzend Benutzer bereit sind, mehrere Bewertungen abzugeben.

Eine weitere Methode ist die Restriktion von Nutzerrechten. Je schwerwiegender das Vergehen, desto höher ist nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass der Troll trotz aller Anonymität ein Wegwerf-Konto unter falschem Namen registriert. Der Störenfried möchte sich schließlich nicht noch Monate später für seine Fehltritte verantworten müssen. Setzt man für neue Accounts allerdings Auflagen fest, wie z. B.: Private Nachrichten lassen sich erst verschicken, wenn der Account zwei Wochen alt ist, so verringert das die Anzahl der Trolle signifikant. Ein Großteil der Hatemobs auf Twitter stammt z. B. von Neu-Accounts ohne einen einzigen Follower.

Stupid Filter

© StupidFilter

Das StupidFilter-Projekt entwickelt eine Software, mit der Kommentare von Trollen automatisch ausgeblendet werden.

Für kleinere Anbieter ist Software wie StupidFilter interessant (derzeit noch im Beta-Stadium). Die Entwickler wollen sich laut Webseite gegen die "Tyrannei der Idiotie" zur Wehr setzen. Bei StupidFilter handelt es sich um eine Filtersoftware, die das Prinzip Spam auf die Trolling- und Belästigungsthematik anwendet. Nicht jeder Beitrag ist aber gleich unwillkommen, daher muss das Programm verschiedene Schärfegrade unterscheiden können. Dazu sammeln Mitarbeiter des Projekts derzeit Beispieltexte als Basis für den Algorithmus. Die fertige Version soll als Quellcode für eine Reihe von Systemen fungieren: Blogs, Wikis, Content-Management-Systeme und sogar als Firefox- und Wordpress-Plug-in für den Consumer. Hier stellt sich natürlich die Frage, wie gut eine solche Software Zitate oder Ironie erkennt.

Den Grundstein legen

Ein perfektes System, effektiv für jede Webseite und jeden Dienst, gibt es natürlich nicht. Mit wachsenden Nutzerzahlen steigt auch immer mehr der Aufwand, der für ein angenehmes Umfeld nötig ist. Kleine Webseiten sollten eine whitelisting policy in Betracht ziehen. So wird jeder Kommentar begutachtet und freigeschaltet, wenn nichts zu beanstanden ist. Ein zusätzlicher positiver Effekt ist die Atmosphäre, die dadurch entsteht. Sind die ersten Kommentare bereits konstruktiv und setzt sich dieser Effekt auf der gesamten Plattform fort, hat dies einen entmutigenden Effekt auf potenzielle Trolle.

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Mittelgroße Seiten sollten zusätzlich ein erweitertes Team von verlässlichen Moderatoren bzw. Community-Managern anstellen, damit im Notfall Ansprechpartner vorhanden sind. Für die Moderatoren sollte auch eine klare Verhaltenslinie bestimmt werden. Darin werden grundsätzliche Fragen geklärt, wie etwa, ob sich Moderatoren an den Diskussionen beteiligen oder sich ihre Interaktion mit den Benutzern nur auf die Handhabung von Problemfällen beschränken soll. Welche Art von Regelbruch wird öffentlich diskutiert (um Zuschauern zu verdeutlichen, dass die Regeln durchgesetzt werden), und welche beredet man lieber unter vier Augen?

Nur so ist zumindest der Grundstein für eine Community gelegt, die zur Interaktion einlädt und deren Mitglieder im besten Fall ein Klima herstellen, das Trollen erst gar keinen Ansatzpunkt erlaubt.

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