DRM killt Vista

Teil 3: DRM killt Vista

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  3. Teil 3: DRM killt Vista

Doch nicht nur die Hardware ist betroffen, auch die Treiber derselben. So muss jedes Gerät regelmäßig einen Hardware Functionality Scan (HFS) überstehen, um zu zeigen, dass nicht ein Hardware-Emulator anliegt (wie Total Recorder). Diese Abfrage gibt eine eindeutige, nur diesem Gerät zuordenbare Antwort zurück, die aber geheim sein muss (sonst ließe sich eben ein Emulator designen.) Diese Geheimniskrämerei wiederum verhindert die Entstehung von Open-Source- Treibern. Ferner wird es künftig keine Treiber für eine ganze Geräteklasse mehr geben, da alle Geräte eindeutig identifizierbar sein müssen. Derzeit weiß das Betriebsystem nicht, ob ein Grafik-Chip auf dem Motherboard oder auf einer eigenen Karte sitzt, in beiden Fällen hängt er am AGP/PCI-Bus. Das muss mit Vista künstlich getrennt werden, denn auch hier soll es möglich sein, den Chip eindeutig zu bestimmen.

DRM killt Vista

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Mehr Unterhaltung verspricht Vista – für die meisten Anwender bringt es aber das Gegenteil.

Der Sinn dieser Eindeutigkeit ist, dass Microsoft sich vorbehält, Treiber zurückzuziehen, wenn Kopierprobleme damit auftreten. Es kann also durchaus passieren, dass der Anwender nach einem Update plötzlich vor dem schwarzen Bildschirm sitzt, weil ein Gerät in Ungnade gefallen ist. Dass er seinen Premium-Film teuer gekauft hat, spielt keine Rolle. Ob er sich in so einem Fall mit einer Reklamation an den Chip-Hersteller oder PC-Händler wenden kann?

Um dieses Zurückziehen zu ermöglichen, nimmt Microsoft es sich heraus, alle Treiber in der DRM-Umgebung zu signieren – auf Kosten des Geräteherstellers. Ein Zurückziehen bedeutet also das – weltweite – Zurückziehen der Signatur des Geräts für Premium- Inhalte. Bei der 64-Bit-Version von Vista müssen sogar alle und nicht nur die DRM-Treiber signiert sein. Mit dem Signaturprozess bekommt Microsoft Kontrolle über die gesamte Hardware-Industrie, kann Vorgaben diktieren und Konkurrenten unterdrücken.

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Ein ähnliches Ansinnen hat Microsoft bereits für Software gestellt, so dass auch Programme fremder Hersteller signiert sein müssen – mit ähnlichen negativen Auswirkungen für die Software-Industrie. Ein weiteres Ärgernis bei Vista-Treibern ist das so genannte Tilt-Bit. Das sendet ein Treiber an das System, wenn er meint, dass etwas nicht stimmt. Das können bereits beispielsweise kleinere Spannungsschwankungen sein oder ein ungewöhnlicher Speicherwert, was beides öfters ohne ersichtlichen Grund vorkommt. Eigentlich sind Treiber auf Stabilität programmiert, so dass sie derartige Turbulenzen überspielen, um den Betrieb so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Anders Vista: Empfängt es ein Tilt-Bit, so startet es ohne Vorwarnung den Server der grafischen Oberfläche neu. Dass soll nur einige Sekunden dauern, doch die Auswirkungen sind bedenklich – gerade auch in zeitkritischer Umgebung. Vista ist instabiler als XP – so ein Rückschritt darf nicht sein.

Teuer und unsicher

Durch all diese Maßnahmen steigt der Overhead des Betriebssystems enorm. CPU und sämtliche Komponenten sind ständig mit Verschlüsseln und Überwachen beschäftigt. Jeder Treiber muss sein Gerät alle 30 ms (!) abfragen, ob noch alles ok ist. Und Vista fragt bei Videoausgabegeräten mit jedem (!) gesendeten Frame das Tilt-Bit ab.

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Für jedermann erhältlich, aber nicht gerade billig sind Geräte, die den HDCP-Schutz einfach abstreifen.

Das alles verteuert die Hardware für den Anwender. Hinzu kommen Entwicklung und Produktion der Krypto-Komponenten. Die Rechnung zahlt ebenfalls der Anwender. "Die PC-Industrie hat sich festgelegt, Inhaltsschutz auf den PC zu bringen, aber nichts gibt es umsonst. Diese Kosten werden an den Verbraucher weitergeleitet.", heißt es in einer Untersuchung von ATI. Auch für andere Systeme wie Linux und Mac steigen durch die neuen Vista-Geräte die Kosten.

Aber nicht nur die Stabilität, sondern auch die Sicherheit ist durch Vista gefährdet. So kann falsch deklarierter Premium-Inhalt bestimmte Geräte abschalten oder den Bildschirm schwärzen, während im Hintergrund ein Hacker sein Unwesen treibt. Das Tilt-Bit eines schlampig programmierten Treibers kann zum beliebten Anker für Denial-of-Service-Attacken werden. Und die Anwender machen keine Updates mehr, um nicht zu riskieren, dass Microsoft einen Schlüssel zurückzieht. Wer es einmal erlebt hat, dass ein Gerät nicht mehr funktioniert, wird nie wieder ein Update riskieren – ein Rückschritt mehr.

Viele Einschränkungen gelten zwar nur für Premium-Inhalte, aber dieser Begriff ist – wie gesagt – nicht streng definiert. In wenigen Jahren wird vermutlich alles Premium sein. Gutmann fasst zusammen: "Das Level an Sicherheit, das Vista zu erreichen versucht, um Video und Audio zu schützen, ist extremer als alles was die US-Regierung je für nötig empfunden hat, um ihre am höchsten sensibel klassifizierten Daten zu schützen." Und er bedauert: "Wenn doch nur all die Mühen, die an DRM vergeudet wurden, stattdessen für die Bekämpfung von Malware verwendet worden wären. Was für eine Verschwendung. What a waste."

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Inzwischen ist der einzige Rat, den ich Ihnen geben kann:, nicht auf Vista upzudaten. Bruce Schneier, Sicherheitsexperte

Sämtliche Formate wurden bereits geknackt, sowohl einzelne Filme von HD-DVD und Blu-ray, als auch ein Geräteschlüssel für HD-DVD und Blu-ray. Diese fanden Eingang in die Kopiertools muslix64 und AnyDVD. Ferner ist es dem Programmier Alex Ionescu gelungen, das ganze Vista-DRM-System zu umgehen. Windows lässt sich ohne Prüfung der Treibersignatur im Testmodus starten. Dann laufen Premium-Inhalte zwar theoretisch nicht, aber Ionescu hat hier eine Lücke entdeckt (www.alex-ionescu.com). Das wird sicher nicht die letzte gewesen sein.

Erweiterte Monopolstrukturen

Warum also der Aufwand? Gutmanns Kollege, Bruce Schneier, entwickelt in einem Blog-Beitrag (www.schneier.com/blog) die Theorie, dass Microsoft vom bösen Spiel profitiert. Es ist somit nicht nur die Unterhaltungsindustrie, die DRM will, sondern der Software- Konzern selbst. Denn mit DRM kontrolliert Microsoft den Distributionskanal: Multimedia gibt es nur mit Vista – nicht mit Mac und nicht mit Linux. Microsoft strebt laut Schneier eine ähnliche Rolle bei Videos an wie iTunes bei Musik.

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Dem Programmier Alex Ionescu ist es als erstem gelungen, das Vista-DRM-System einfach zu umgehen. Er wird nicht der letzte sein.

Für Software-, Hardware- und die Unterhaltungsindustrie gilt: Nur wer den Stempel aus dem HausSteve Ballmers bekommt, hat Zutritt ins digitale Reich der Zukunft. Und die Regel dafür diktiert der neue Despot aus Redmond. Schneiers Schluss ist: "Microsofts Griff nach dem Unterhaltungsmarkt mag deren Monopolposition weiter festigen, aber er wird beiden, der Computer- und der Unterhaltungsindustrie, ernsten Schaden zufügen ... Inzwischen ist der einzige Rat, den ich Ihnen bieten kann, nicht auf Vista upzudaten."

Zu der Diskussion gibt es eine Stellungnahme von Microsoft (windowsvista blog.com/), die vieles abgemildert darstellt. Gutmann hat daraufhin sein Dokument überarbeitet, besteht aber auf vielen seiner Behauptungen. Sie entsprächen genau den veröffentlichten technischen Vorgaben von Microsoft. Könnte an der abmildernden Haltung aus Redmond schon ein erster Schritt des Rückzugs ablesbar sein? Vielleicht merkten Ballmer und die seinen, dass sie es zu weit getrieben haben.

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