Privatsphäre in Communities

Tags der offenen Tür

Viele Menschen eröffnen ihren Nachbarn oder Chefs tiefe Blicke ins Privatleben. Im Social Web 2.0 hat sich geradezu eine neue Kultur der Offenheit entwickelt.

  1. Tags der offenen Tür
  2. Teil 2: Tags der offenen Tür
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Es gibt keine dummen Fragen - das haben wir in der Schule gelernt. Im wirklichen Leben kann das anders aussehen. Ein junger Webmaster hat im Forum von SelfHTML eine dumme Frage gestellt. Zu dumm, fand ein Personalchef und entschied sich gegen die Einstellung des Webmasters. Ein versierter Programmierer hätte so eine dumme Frage nicht stellen dürfen, erklärte er ihm im Vorstellungsgespräch - obwohl das Posting drei Jahre zurück lag.

Von oben betrachtet war der Dumme letztendlich der Personalchef. Er konnte nicht würdigen, dass sich jemand selbstständig um seinen Bildungdsstand kümmert. Ob der Webmaster in dieser Firma glücklich geworden wäre? Einen Job hatte er jedenfalls nicht.

Im Netz hinterlässt man Spuren, meist freiwillig. Irgendwann stelltman fest, dass man die Kontrolle darüber verloren hat. Selbst, wenn die Dateien auf dem eigenen Server stehen und dort gelöscht werden können, finden sie sich noch längere Zeit im Google-Cache oder sogar Jahre später in Web-Archiven wie Archives.org. Ganz schlecht sieht es mit Beiträgen auf fremden Webseiten oder in Newsgroups aus, sie sind fast nicht aus der Welt zu schaffen.

Leute, die ihren eigenen Namen bei Google eingeben, wundern sich oft, was alles zum Vorschein kommt. Man fühlt sich wie Dorian Gray in der verkehrten Richtung: Man wird älter, aber das Spiegelbild im Web bleibt jungendlich. Gerade moderne soziale Netzwerke wie Foren, Communities oder Blogs verleiten Teilnehmer zu schnellen Meinungsäußerungen, die sie später oft bereuen.

So etwas passiert nicht nur Greenhorns, sondern auch gestandenen Startup-Geschäftsführern. Recht bekannt ist die Entgleisung des Zoomr-Bosses im Forum des Konkurrenten Flickr. Dort wollte er die etablierte Foto-Community schlechtmachen und seine eigene, noch junge, loben. Mangels Detailkenntnis verstrickte er sich aber in Ungereimtheiten in der Diskussion mit Flickr-Fans.

Zu später Stunde bekannte er dann: "I'm fucking drunk at this point." - "Ich bin scheiß betrunken jetzt". Jeder kann das heute noch nachlesen: sein Angestellten, seine Geldgeber, seine Familie, die Presse - und natürlich Flickr. Dass er sich am nächsten Tag für die beiden Flaschen Wein entschuldigt hat, hilft ihm nichts. Die Flickr-Leute werden es sich nicht nehmen lassen, den peinlichen Eintrag des Selbstgehörnten bis in alle Ewigkeiten stehen zu lassen.

Dass das Bild im Web auf die Person in der Realität zurückfällt, stellen viele Betroffene erst fest, wenn es zu spät ist. Das ist dann der Fall, wenn sie wie obiger Webmaster damit in einer prekären Situation konfrontiertwerden. Das kann in der Arbeit sein, in der Schule oder in der Familie. Vielleicht kommt auch nach Jahren ein Brief vom Anwalt.

Das sollte man nicht über Sie im Netz finden

Wenn Sie folgende Spuren im Netz hinterlassen haben, könnte das nachteilig für Sie sein.

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Wer seinen guten (oder leider schlechten) Ruf von Profis retten lassen will, kann sich Hilfe bei den Reputation Defender einkaufen.

  • Beleidigungen und sonstige Tastaturausrutscher ("Sie Arsch#$§&ß!")
  • Zu persönliche Aussagen über sich und andere ("meine Frau die alte Schlampe hat mir gestern das Bier wieder nicht kalt gestellt")
  • Großkotzig vorgetragene, falsche Behauptungen
  • Beichten über persönliche hartnäckige Charakterschwächen (, seit meinem siebten Lebensjahr...")
  • Beispiele persönlicher Kreativität, die auf eine geringe Begabung schließen lassen könnten
  • Extremistische Ansichten oder Pornografie
  • Chronische Krankheiten
  • Undiplomatische Aussagen über jetzige und unwahre Behauptungen über frühere Arbeitgeber
  • Suff- und Kifffotos - weder von ihnen geschossen noch mit Ihnen als Motiv

Auch der BDU rät: "Jeder sollte sich insbesondere gut überlegen, ob persönliche Ansichten oder alle Informationen zur Person immer ins Netz gehören." Falls andere Sie beleidigt haben oder etwas Falsches über Sie behaupten, so haben Sie die Möglichkeit, juristisch die Löschung solcher Aussagen durchzusetzen - falls der entsprechende Server nicht in China steht. Eine weitere Möglichkeit ist es, eine Firma zu beauftragen, die sich darauf spezialisiert hat, den guten Ruf der Kunden zu wahren. Bei Reputation Defender kostet eine Mitgliedschaft ab 10 Dollar im Monat. Hat die Firma etwas gefunden, kostet ein Löschauftrag 30 Dollar pro Stück. Einen speziellen Service gibt es für besorgte Eltern: MyChild.

Arbeitszeugnis

Der Bundesverband der Unternehmensberater (BDU) führte im November 2006 eine Befragung unter 300 Personalberatern durch, mit dem Ergebnis, dass 28 Prozent von ihnen das Internet nutzen, um an Informationen "zur fachlichen und persönlichen Eignung oder zu Referenzen und Freizeitaktivitäten von Kandidaten zu gelangen", so steht es in der entsprechenden Pressemitteilung. 26 Prozent der Befragten äußerten, dass sie bereits Kandidaten wegen der Internet-Recherche aussortierten - das aber selten.

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Ich bin scheiß betrunken“, sagt der Geschäftsführer einer Firma im Forum des stärksten Konkurrenten.

Knapp jeder zehnte gab an, dass die Häufigkeit zunehme. "Oft veranlassen mich Fragwürdigkeiten im Lebenslauf oder Zweifel, die bei einem Vorstellungsgespräch geblieben sind, im Web noch mal nachzurecherchieren", berichtet Doris Wahlgren, Personalbeauftragte eines Münchner Unternehmens. Der BDU warnt auch davor, die Quellen aus dem Web nicht überzubewerten, da sie oft unseriös oder einseitig sind.

Arbeitgeber haben viele Möglichkeiten, sich im Web Informationen über Angestellte oder Bewerber zu beschaffen. "Der Einstieg wird immer über eine Suchmaschine erfolgen, das macht 95 Prozent der Suchen aus", erklärt Sörge Drosten von der Unternehmensberatung Kienbaum. Denn darüber finden sich die meisten Spuren. Das können positive Dinge sein, wie Presseberichte über die gesuchte Person, deren Beiträge zu Konferenzen oder deren Teilnahme an Veranstaltungen. Aber Personalchefs suchen auch nach Unstimmigkeiten in den Bewerbungsunterlagen. "Das, was man findet, sollte konsistent sein mit dem, was im Lebenslauf steht" warnt Drosten. "Interessant sind auch die Gründe, warum ein Bewerber das vorherige Unternehmen verlassen hat."

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Das Web hat ein langes Gedächtnis: Hier unsere etwas dürftige Webseite aus dem Jahr 1996 bei Archives.org.

Doch mit Google ist es nicht getan. Das Web 2.0 mit seinen persönlichen, aber öffentlich zugänglichen Netzwerken bietet eine Fülle an Details: den schulischen Werdegang bei Passado oder Stayfriends; das Studienbuch bei StudiVZ; ein berufliches Profil bei LinkedIn oder Xing. Xing bietet zahlenden Kunden sogar einen Zugriff auf alle Daten per Programmierschnittstelle, um eine Art automatisierte Rasterfahndung in Zehntausenden von Profilen durchzuführen.

Manche Bewerber legen ihrer Bewerbung heute einen Link zu einem Video bei YouTube bei. Das sollte allerdings professionell gemacht sein und nicht von Selbstüberschätzung strotzen. Der bekannteste derartige Fehlgriff ist die Bewerbung von Aleksey Vayner. Die Person hat zwar wahrscheinlich nie existiert, dennoch ist der Fake ein Beispiel, wie man sich nicht bewerben sollte. Den Personalchef interessieren keine Aufnahmen aus dem Fitness-Studio oder vom letzten Ski-Urlaub. Gerade durch die moderne Mashup-Technik verbreiten sich Web-2.0-Inhalte rasend schnell über viele Webseiten hinweg. Gerade missglückte YouTube-Bewerbungen landen schnell auf Seiten wie Spiegel und Focus. Und da möchte sich niemand als neue Lachnummer des weltweiten Netzes sehen.

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