Stadtrundfahrt mit Big Brother

So gefährlich ist Google Street View

Google digitalisiert Deutschland und brave Bürger gehen auf die Barrikaden. Ist der virtuelle Spaziergang eher nützlich oder gefährlich?

  1. So gefährlich ist Google Street View
  2. Teil 2: So gefährlich ist Google Street View
So gefährlich ist Google Street View

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Erfassen ganze Städte: Googles mit Kameras ausgerüsteten Autos.

Wenn dunkle Wagen mit einem hochstehenden Superauge durch die Straßen deutscher Großstädte fahren, ist nicht etwa die von George Orwell heraufbeschworene Gedankenpolizei bei der Arbeit, sondern Google. Im Auftrag des amerikanischen Internet-Giganten werden zurzeit in Deutschland Straßen, Häuser, Fassaden und Vorgärten samt der zufällig dort vorbeifahrenden Autos oder vorbeihuschenden Personen vor die Linse geholt und fotografiert. Aus diesen Bildern entsteht ein dreidimensionaler Stadtplan. Wie bei einer Stadtrundfahrt können darauf Straßenschluchten von New York, Tokio, München oder Madrid virtuell durchstreift werden. Dabei kann jeder einen Blick werfen auf Fassaden, Schau- und Schlafzimmerfenster ebenso wie auf Passanten und PKW. Ganz unauffällig sind Googles Fahrzeuge sicher nicht. Und der Suchmaschinen-Gigant hat aus seinem Vorhaben, Großstädte der Welt zu fotografieren nie einen Hehl gemacht - mehrere Orte in den USA, Japan, Australien, Frankreich, Italien oder Spanien lassen sich im Internet bereits besichtigen. Umso erstaunlicher ist es, dass sich deutsche Google-Gegner gerade in einem beschaulichen Ort im Norden der Republik formieren. In einer Gemeinde, die gerade mal 5.000 Einwohner zählt, wird auf Betreiben des ebenso rührigen wie unbeugsamen Bürgermeisters dem Datensammler aus den USA die Durchfahrt verweigert. Dabei berufen sich die Gemeindevertreter darauf, dass Google die Bilder schließlich auch für die kommerzielle Zwecke nutzen will und dafür wäre eine Sondernutzungsgenehmigung erforderlich. So wenig eindeutig die Rechtslage auch sein mag, so augenfällig ist, dass Molfsee, so heißt die Gemeinde in Schleswig-Holstein, in seiner ländlichen Beschaulichkeit bisher nicht im Visier von Google war.

Das Superauge

Weitaus interessanter und für den Datensammler lukrativer sind Großstädte. Deshalb kurven die schwarzen Autos mit den seltsamen Aufbauten durch München, Hamburg, Frankfurt, Berlin und Köln. Ziemlich verdächtig und unverhüllt ragt das Superauge hoch über dem Dach des Google-Fahrzeugs hinaus. Die 360-Grad-Kamera nimmt während der Fahrt alle zwei Sekunden Bilder auf. Zu jedem Foto werden die Geodaten mitgesichert, sodass die Bilder präzise zu einem Gesamtpanorama zusammengestellt werden können. Aus diesen Bildern der verschiedenen Straßen entsteht dann ein überaus realistischer Stadtplan. Als Zusatzanwendung ist Street View in Google Maps integriert. Ein orangefarbenes Männchen zeigt auf der Übersichtskarte zum Beispiel von Paris an, ob Street View verfügbar ist. Wer die Straßen einer Stadt durchstreifen will, setzt das Männchen auf eine Straße und zieht damit um die Häuser. Per Mausklick und ohne hetzende Passanten, ohne hupende Autos spaziert er auf den Champs-Elysees zum Triumphbogen oder zum Eiffel-Turm. Doch nicht nur für Touristen ist Street View nützlich. Google wird nicht müde, die praktischen Seiten der Stadtansichten zu preisen. Plant beispielsweise jemand einen Umzug von München nach Berlin, kann er auf dem Stadtplan genau sehen, wo er demnächst seine Brötchen kaufen kann und wo seine Haare wirklich einen modischen Schnitt erhalten. Und für Freunde heißt es in der Wegbeschreibung für die Einweihungsparty, dass sie hinter dem gelben Haus links die richtige Einfahrt finden. Richtig faszinierend ist Street View übrigens auf dem iPhone. Mit dem Finger dreht und bewegt man sich da durch die Straßen der Metropolen der Welt.Google selbst stellt den Dienst aber nicht aus purer Menschenfreundlichkeit ins Netz. Vielmehr will der Internet-Riese über Werbung Geld verdienen. Das lohnt sich natürlich in Großstädten eher als auf dem Land.

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Automatisch sollen Kennzeichen und Personen unkenntlich gemacht werden, was nicht immer klappt.

Das Ende der Privatsphäre

Was den Spähern dort vor die Linse gerät, wird gnadenlos erfasst, gesichert und ins Internet gestellt. Und schon kurz nachdem der Dienst im Mai 2007 online ging, häuften sich die Beschwerden von Bürgern, die in mehr oder minder peinlichen Situationen unfreiwillig abgelichtet wurden. Frauen ohne Oberteil beim Sonnenbad im Park, pinkelnde Radfahrer am Straßenrand, Kunden beim Verlassen eines Sexshops gehören zu den ebenso skurrilen wie vielleicht peinlichen Lebenslagen, die bei Googles Street View für Aufregung sorgten. Zwar lässt der Suchmaschinen-Gigant automatisiert Gesichter und Autokennzeichen unkenntlich machen. Doch immer wieder kommen Bilder im Netz in Umlauf, auf denen Personen oder Autokennzeichen erkennbar sind. Blogs, in denen das beste und das schlechteste Street-View-Bild prämiert werden erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Und auch bei YouTube laufen witzige Filme zu Street-View-Peinlichkeiten. Klagen der Betroffenen häufen sich. Dazu muss der Betroffene aber auch wissen, dass er in Googles Bildersammlung zu sehen und zu identifizieren ist. Sollte das der Fall sein, kann er sich über ein Formular bei Street-View mit Google in Verbindung setzen und die Löschung des Fotos verlangen. Kursiert das peinliche Bild aber bereits im Internet, dürfte es schwierig sein, ein vollständiges Verschwinden durchzusetzen. Kritisch sehen auch Datenschützer Googles Fotosafari (s. Interview auf Seite 2). Problematisch dabei ist, dass sich standort- und personenbezogene Daten verbinden lassen. So lassen sich noch einfacher Rückschlüsse auf die persönlichen Lebensumstände ziehen. Der Bankberater kann genau sehen, wo der Kunde wohnt. Ob er kreditwürdig ist, entscheidet die Bank am PC. Google hält dagegen, dass Bankberater oder Immobilienhändler die verschiedenen Viertel einer Stadt ohnehin kennen und so auch ohne Google Earth die Lebensumstände eines Kunden einschätzen können. Dass Einbrecher gemütlich am Computer potenzielle Opfer ausspähen, ist eher unwahrscheinlich. Zwar gibt es Bilder aus amerikanischen Städten, bei denen am Gartenzaun erkennbar ist, welches der Hersteller der Hausalarmanlage ist, doch lässt sich dies schließlich auch bei einem echten Spaziergang leicht feststellen. Zweifellos ist es weitaus bequemer, dass sich Ganoven für diese Erkundungstour nicht vor die Tür begeben müssen. Es verwundert sicher nicht, wenn die faszinierenden Möglichkeiten, die Street View bieten, auch zu Missbrauch verleiten. Die Sorgen und Bedenken von Kritikern von Googles weltweiter Fotosafari sind also durchaus verständlich. Und gerade was den Datenmissbrach angeht, sind zahlreiche Horrorszenarien vorstellbar.

Google Street View

Gefahr oder falsche Paranoia - für wie gefährlich halten Sie Google Street View?

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Finde es schon bedenklich, wie der Datenschutz mit Füßen getreten wird.39.9%

Dazu gehört auch die Frage, wie sicher die gesammelten Daten bei Google sind und was der amerikanische Internet-Riese mit seiner Wissensdatenbank in Zukunft plant. Eines jedenfalls ist klar, wäre Street View zu Goethes Zeiten schon verfügbar gewesen, hätte der Dichterfürst gar nicht erst nach Italien reisen müssen. Statt einer beschwerlichen Reise über den Brenner, wäre er virtuell durch die italienische Städte gereist. Auf seine wunderbaren Reisebeschreibungen hätten wir dann wohl verzichten müssen. Dafür hätte sich Goethe sicher nicht in Venedigs Gassen verirrt. "Gegen Abend verlief ich mich wieder ohne Führer in die entferntesten Quartiere der Stadt. (...) Ich suchte mich in und aus diesem Labyrinthe zu finden, ohne irgend jemand zu fragen." Mit Google Maps und Street View wäre das garantiert nicht passiert.

Was Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, und Googles Pressesprecher Stefan Keuschel zu Google Street View sagen, erfahren Sie auf Seite 2...

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