Fotopraxis

Psychologie des Akts

Creativ-Fotografin Andrea Brenn im Interview: Wie entstehen gute Aktaufnahmen? Wie lässt sich das Vertrauen des Models gewinnen? Henriette Struss im Gespräch mit Andrea Brenn, Erotik- und ColorFoto-Creativ-Fotografin.

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© Archiv

Henriette Struss: Frau Brenn, die meisten Aktfotografen sind Männer. Welche Rolle spielt es für ihre Models, dass sie eine Frau sind?

Andrea Brenn: Als Frau kenne ich die Problemzonen anderer Frauen genau. Auch habe ich selbst schon Bilder mit Fernauslöser von mir selbst gemacht. Die zeige ich manchmal, um Hemmungen abzubauen. Anfangs habe ich mich allerdings sehr, sehr schwer getan mit männlichen Models zu arbeiten. Ich war mir nicht sicher, wie ich mit den Männern reden sollte. Ich wollte nicht anzüglich klingen oder Fantasien wecken.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es männlichen Fotografen mit weiblichen Models genauso geht. Auch heute fotografiere ich einzelne Männerakte nur in Ausnahmen. Ich habe mich auf Frauen und Paare spezialisiert, obwohl ich mittlerweile Männer sehr leicht mit ein paar aufmunternden Worten durch das Shooting führe. Sie hören auf einen, wenn sie nichts anhaben, und man muss nicht so viel schminken und erklären.

Henriette Struss: Und die Arbeit mit dem Model, wie sieht die aus?

Andrea Brenn: Direkte Anweisungen helfen nur bedingt. Ich zeige meinen Kunden während der Arbeit  gelungene Aufnahmen am Display, damit sie sehen, was Licht undSchatten zeigt oder verdeckt. Viele Menschen verbessern dann automatisch ihrePose oder sagen, welche Details sie stärker hervorzuheben wünschen. Das Zeitfenster, in dem alles stimmt, in dem der Gesichtsausdruck zur Körperhaltung passt und einzigartige Bilder entstehen, ist in der Regel klein.

Ratgeber: Aktfotografie - eine Einführung

Oft dauert das Fotografieren von 200 Bildern nur eine Stunde, die restlichen drei nehmen Vorgespräche, Vorbereitung, Pausen und die Nachbesprechung ein. Auf dem Rechner zeige ich die Fotos dann nicht mehr. Was wirklich herausragend ist, sehe ich erst hier und bestimme entsprechende Ausschnitte, um ein Grübchen am Po oder eine aufgestellte Brustwarze zu betonen. In die Endauswahl kommen rund 120 Bilder, aus denen sich die Kunden die schönsten auswählen können.

Henriette Struss: Wie bereiten Sie sich auf ein Shooting vor?

Andrea Brenn: Über die Location zerbreche ich mir nicht den Kopf, da 99 Prozent der Kunden Studioaufnahmen wünschen. So unterhalte ich mich als erstes telefonisch oder per Mail mit den Auftraggebern. Sind Sie sich als Fotograf unsicher, empfiehlt sich ein persönliches Kennenlerngespräch, das habe ich in meiner Anfangszeit auch gemacht. Auf Basis der gewonnen Informationen erarbeite ich dann erste Bildideen.

Ich entscheide aber erst zum Shooting gemeinsam mit den Models, was wir fotografieren. Ich höre genau zu, welche Wünsche sie haben, und bereite Beispielbilder vor, um zu sehen, was gefällt. Wichtig ist zu erfahren, was jemand an sich mag, Mund, Augen, Brüste, Hände, Bauch, Po ... und was jemand weniger schätzt. Mit einer entsprechenden Pose und Tiefenschärfe rücken Sie dann die richtigen Details in den Vordergrund. Wenn eine Frau zum Beispiel ihre Hände schön findet und ihren Bauch nicht, dann verdeckt sie beim Shooting ihren Bauch mit ihren Händen. Wenn sie ihre Augen mag, aber ihre Brust nicht, dann liegt sie auf dem Rücken und der Fokus liegt auf ihren Augen. Ihre Brust verschwimmt dank einer offenen Blende. Diese Details müssen Sie vor dem Shooting wissen, sonst gefällt Ihnen das Bild vielleicht, aber nicht dem Model. Auch ist es wichtig, nach Fetischen wie Stiefeln, Highheels oder sonstigem Spielzeug zu fragen, um diese gegebenenfalls einzubauen. Finden Sie heraus, ob Ihr Modell devot oder dominant ist und welche sexuellen Vorlieben Ihre Kunden haben.

Wichtig ist zudem die Frage: Wie sollen die Bilder verwendet werden? Nehmen Sie sich die Zeit, Ihr Model kennen zu lernen, mancher braucht länger, um aufzutauen, und bei anderen geht es ganz schnell. Auf jeden Fall müssen alle Bildideen gemeinsam erarbeitet werden, damit das Modell sich nie als Objekt fühlt. Am besten haben Sie das fertige Bild im Kopf, bevor Sie zur Kamera greifen.

Henriette Struss: Wie sieht die Ausrüstung eines Akt-fotostudios aus?

Andrea Brenn: Es ist wichtig, dass ein Aktstudio groß genug ist, um mit ausreichend Distanz ein Paar oder eine Einzelperson vollformatig abzulichten. Mein Studio ist insgesamt 100 qm groß, und die Raumhöhe beträgt vier Meter.

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Ich fotografiere in der Regel mit einem Striplight  für die Körperkonturen, einer großen Softbox für Porträts, weiche Ganzkörperaufnahmen oder auch Teilaktfotos sowie einem Hilite, um die Haut der Models insgesamt sanft auszuleuchten. Die Schmink- und Umkleidekabine bietet zudem in allen Variationen Schmuck, Höschen, Kleider, Mieder, Strümpfe, Schuhe sowie Fetischsachen wie Ketten, Seile,  Bänder, Tücher. Das alles blitzsauber ist, ist natürlich selbstverständlich.

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