Pokerphilosophisches

Pokerphilosophisches

Gerne erkläre ich Zusammenhänge im Pokerspiel mit Vergleichen aus unserem Alltag. Oft bietet sich Sport als Brücke an. Der Wettkampf ist ein wesentliches gemeinsames Prinzip dieser Welten. Die Freude am gewonnenen Spiel und auch die Notwendigkeit der Niederlage des Gegners folgen daraus. Trainingsmethoden leiten sich ab. Dies leuchtet alles ein. Doch Friedrich Nietzsche in der Royal Flush? Das sollte ich erklären...

Pokerphilosophisches

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Pokerphilosophisches

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer befreundeten Philosophin unterhalten. Ihr Focus liegt auf Nietzsche. Zunächst lief alles wie immer, wenn ich Freunde treffe, die ich nur selten sehe. Ich beantworte die Frage, ob es denn noch "läuft" mit "diesem Poker", als ob ich es das erste Mal täte. Auch der zweite Schritt solcher Gespräche ist immer ähnlich. Kinnladen fallen, die Augen gehen auf.

"Das ist ja richtig interessant, was hinter und in diesem Spiel steckt!" Meist verkommt dann viel der gemeinsamen Zeit zu einem Seminar. Ich erfahre oft gar nichts über die aktuelle Lebenssituation meines Freundes. Alle haben sie klassische Berufe, empfinden diese im Vergleich zur schillernden, faszinierenden und "gefährlichen" Pokerbranche keiner Erzählung wert.

Immerhin ist wieder jemand bekehrt und sieht ein, dass Poker kein Gezocke ist, sondern etwas für Könner. Doch mein Poker-Credo für die Philosophin verlief anders. Es wurde schnell zum Dialog. Immer wieder warf sie Denkansätze aus ihrer Welt in die meine. Für sie ist alles Nietzsche, für mich Poker.

Da es nur einmal alles gibt, scheint da wohl so manches zu passen. Im Wesentlichen möchte ich für euch auf drei Punkte aus Nietzsches Leistung eingehen und diese pokertechnisch verkleiden:

Wille zur Macht

Laut Nietzsche versucht jedes Wesen, mehr Macht zu erlangen. Sogar das Leben selbst strebt nach mehr Macht. Dies hat nichts mit Moral zu tun. Es ist naturbedingt. Es ist demzufolge "OK", den eigenen Vorteil trotz Nachteil beim Gegenüber durchzusetzen. Das schlechte Gewissen ist eine Erfindung. Es ist eine Erfindung der Obrigkeit aus der Unmöglichkeit heraus, zur Machtsicherung alles zu kontrollieren.

Hat man dies im Hinterkopf, so begreift man das eigene Handeln auch als Reaktion auf das Handeln der anderen. Man objektiviert sich selbst, kann sich selbst leichter verzeihen. Nietzsche meint: "Das metaphysische Subjekt ist das Ich. Es ist unschuldig."

Wir streben nach moralischer Auszeichnung und wissen doch: Die rein altruistische Tat gibt es nicht. Am Pokertisch liegt dieses Setup in Reinform vor: Ich will alle Jetons und dafür bin ich bereit, sie allen anderen wegzunehmen. Jetons sind Macht am Pokertisch. Moral ist hier fehl am Platz. Wer sich dem Spiel und dessen Regeln stellt, der weiß, dass ihm die anderen nichts Gutes wollen.

Gott ist tot

Unsere Welt will die Dinge bis zu den letzten Gründen durchschauen können. Was ist die Grundlage menschlichen Denkens und Handelns? Wir haben die Grundlosigkeit der Moral entdeckt. Ihre letzte Instanz, Gott, ist somit unnötig. Alles lässt sich ohne ihn erklären. Es gibt die Wissenschaft.

Die Fähigkeit alles wissenschaftlich kalt zu erklären, nimmt der Welt den Zauber, kostet die Liebe und den Enthusiasmus. Es gibt keine Werteunterschiede in der Objektivität. Wir haben Gott getötet durch Indifferenz und Nihilismus. So wird Nietzsche gelesen. Nach diesen Sätzen wirkt die Welt am Pokertisch schon arg klein, aber auch hier gelten sie.

Welche Zauber hat noch ein suited Connector, der Draw an sich, wenn ihn rationale Spieler (wie ich) als defizitär entlarven und ausbeuten? Wohin verliert sich die Liebe zum Spiel, wenn man immer schon weiß, was wohl passieren wird?

Übermensch

Nietzsche rät einzusehen, dass man außermoralisch ist. Ich muss die Kraft haben, ohne Moral leben zu dürfen, leben zu können und auch leben zu müssen. Schuldzuweisung kann eine Erleichterung sein. Ich muss meine Bedürfnisse beherrschen können, sodass ich keine Kausalitäten brauche, um erklären zu können. Wer diesen Gedanken in letzter Instanz erträgt, ist der Übermensch. Er ist eine mächtigere Lebensform. Er ruht in sich, ist mit sich im Reinen.

Überlegenes Pokerspiel wird nicht nur am Tisch performt. Es ist ganzheitlich zu sehen. Man entscheidet die Verwirklichung der eigenen Ziele optimierend - immer und überall. Gerade wenn dies gut gelingt, bemerkt man, dass es oft massiv auf Kosten anderer geschieht. Trotzdem trifft man diese sinnvollen Entscheidungen weiter. Nietzsche folgert korrekterweise, dass das Ertragen dieser Situation übermenschlich ist.

Ich stimme ihm zu. "In sich zu ruhen" ist etwas sehr Erstrebenswertes. Ich mag nicht glauben, dass man dafür wirklich die Moral ablegen und Übermensch werden muss. Ich bin gerne Mensch und spiele gerne Poker. Ich glaube auch ganz gut in mir zu ruhen. Einzig den Mathematiker in mir stört es, dass ich Nietzsches Argumente als folgerichtig sehe und trotzdem widersprechen will. Das ist unlogisch und treibt mich somit um.

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