Miracast-Technik im Test

Bild- und Videoübertragung zum TV-Gerät via WLAN

Mit Miracast tritt ein firmenübergreifender Standard an, um einfach und drahtlos Inhalte von Smartphone, Tablet oder PC auf Fernseher zu zaubern. Wir haben die neue Technik für Sie im Test.

Wir testen Miracast, ein neuer Streaming-Standard.

© Sergey Nivens - Fotolia.com

Wir testen Miracast, ein neuer Streaming-Standard.

Die neue Miracast Technik für Sie im Test: Der Trend geht zum Zweitbildschirm, denn Unterhaltung findet nicht mehr nur im Wohnzimmer auf dem Fernsehgerät statt. So hört man über ein Smartphone mittlerweile nicht nur Musik, sondern schaut auch fern, konsumiert Internetvideos und spielt Spiele. Noch besser dafür geeignet ist ein Tablet dank seines größeren Bildschirms.

Immer mehr TV-Zuschauer setzen sich mit ihrem neuen Pad oder einem älteren Laptop vor den Fernseher und beschäftigen sich interaktiv mit ihrem mobilen Gerät, sobald das TV-Programm mal nicht ganz so mitreißend ist. Um den Rest der Familie an seinem Internetausflug teilhaben zu lassen, wäre es toll, wenn man schnell und einfach sein Display auf den TV projizieren könnte. Genau das soll mit dem neuen Standard Miracast jetzt möglich sein: mal eben seinen Lieben zeigen, welche Techniken bei Angry Birds am besten den Vogel abschießen, die neuesten Handy-Fotos vorführen oder gar mit einer Powerpoint-Präsentation am Großbildschirm die Kollegen und Geschäftspartner verblüffen.

Im September 2012 verkündete die Wi-Fi-Alliance - die Organisation, die sich die Standardisierung der kabellosen Heimnetzwerke auf die Fahnen geschrieben hat und bei der praktisch alle relevanten IT- und CE-Firmen Mitglied sind -, dass ein Zertifizierungsprogramm namens Miracast ins Leben gerufen wird, um eine einfache Punkt-zu-Punkt-Übertragung von Videoinhalten zu entwickeln. Es setzt diverse Techniken voraus, die bei der kabellosen Datenübertragung längst möglich sind, und rundet diese durch eine Spezifikation der Inhaltsformate und des Handshakes der beteiligten Geräte ab.

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Miracast standardisiert also, wie diese Geräte miteinander Kontakt aufnehmen, wie sie ihn pflegen und wie Inhalte aufbereitet werden müssen, damit die Übertragung funktioniert. Dabei darf der Name Miracast nur für Produkte verwendet werden, die erfolgreich durch die Wi-Fi-Alliance auf Funktionsfähigkeit geprüft sind.

Jetzt wird es ernst

Im Herbst 2012 waren die Normen verabschiedet, und es konnte losgehen. Aber bis zum Frühling hat man kaum etwas gehört vom neuen Standard, der Apple AirPlay Konkurrenz machen soll und offen auf jedem Device funktionieren könnte. Intel hat versprochen, dass die proprietäre Technik WiDi, die ähnlich wie Miracast funktioniert und letztlich dessen Vorbild ist, durch ein Treiber-Update kompatibel gemacht werden würde. Und Google hat verkündet, dass Miracast fester Bestandteil des Betriebssystems Android 4.2 sei.

Erst bei den Vorstellungen der Produkte für 2013 von den Großen der Unterhaltungselektronik kam wieder konkretes Leben in die Welt von Miracast. TV- und Smartphone-Hersteller wie LG, Sony, Philips, Samsung und Panasonic führten vor, wie Handy-Bildschirme mit nur wenigen Tastenoperationen auf die neuen Top-Fernseher gezaubert wurden. Nicht alle Hersteller kommunizierten dabei aber den Namen Miracast. Und tatsächlich funktioniert bisher längst nicht alles so einfach und problemlos in der magischen Welt der Display-Inhaltsspiegelung, wie es sich die Wi-Fi-Alliance, Redakteure und Endkunden vorstellen und es auch erwarten können.

Die Technik hinter Miracast

Damit das Miracast funktioniert, bedarf es - wie eingangs erwähnt - einiger Bausteine der WLAN-Technik. Die Basis bilden die Funkfrequenzen und Bandbreiten des WLAN- Standards 802.11n im Zusammenspiel mit der Videobeschleunigung WMM und der Sicherheitstechnik WPA2 mit dem automatischen Schlüsselaustausch von Wi-Fi Protected Setup. Die eigentliche Verbindung benötigt keinen Router, da sich die Geräte über Wi-Fi Direct verbinden. Darauf setzen dann die Protokolle, Codecs und Container auf, die die Inhalts- und Kommunikationsdaten definieren. Das Bild wird in H.264/MPEG-4 AVC kodiert, wobei die Auflösungen bis hin zu echtem Full HD reichen. Beim dazugehörigen Ton ist unkomprimiertes Stereo Pflicht, doch auch auf AA C und Surround-Sound in AC3 können sich die Geräte verständigen. Das macht Miracast zu einer qualitativ ernst zu nehmenden Übertragungsform.

Momentan sprechen alle nur davon, einen Handy-Schirm auf ein TV-Gerät zu spiegeln, doch mit Miracast ist auch das Streamen von Filmen möglich - unabhängig von der schwachen Auflösung eines Smartphones und sogar in beide Richtungen. Und Kontrollbefehle können ebenfalls übertragen werden. Das erhöht die Auswahl an Quell- und Display-Geräten sowie die Anzahl an denkbaren Einsatzgebieten. So könnten bald digitale Fotoapparate und Camcorder ihre Diashows oder Filme mit wenigen Klicks auf moderne TV-Geräte beamen. Und ein TV-Gerät oder Blu-ray-Player könnte zur Quelle des Tablet-Bildes werden.

Die Realität ernüchtert

Bei so vielen Möglichkeiten wollten wir natürlich wissen, was schon funktioniert und haben fünf TV-Geräte, vier Smartphones, drei Blu-ray-Player, ein Tablet, einen PC mit Intels Wireless Display und einen Miracast-Adapter im Labor auf ihre Kompatibilität geprüft. Bei den ausgiebigen Tests kam heraus, dass längst nicht jedes Display mit jedem Handy zusammenarbeitet - jedenfalls noch nicht.

Der erste Schreck war, dass nicht alles, was einen Smartphone-Bildschirm auf einen TV-Screen spiegeln kann, auch Miracast genannt wird. Teils weil es eine inkompatible Eigenentwicklung ist, teils aber auch weil der Hersteller aus politischen Gründen einen eigenen Namen für die Technik verwenden möchte.

So sind viele Sony-TVs zertifiziert, die Sony-Smartphones jedoch (noch) nicht. Dabei bieten sie sogar die erweiterte Funktionalität, dass man das Handy nur an die Fernbedienung eines neuen Top-Fernsehers von Sony halten muss, damit die Geräte Datenschlüssel über NFC (Nahfeldkommunikation) austauschen und zu spiegeln beginnen. Die Sony Xperia-Modelle akzeptieren jedoch keinen Philips-TV, da er den Inhaltsschutz HDCP nicht anbietet.

Am TV-Gerät von LG wiederum funktioniert es genauso prima wie am Adapter von Netgear. Das Smartphone Optimus G von LG konnte sich wiederum mit allen TVs und Blu-ray-Playern verbinden, inklusive denen von Philips.

Unser Testgerät Google Nexus 4 brach die Verbindung zu allen Devices ab. Da dieses Modell bei Herstellerdemos eingesetzt wurde, kamen wir nach langen Tests zu der Schlussfolgerung, dass es defekt war.

Samsung setzt schon lange auf eine proprietäre Technik und war damit Vorreiter beim Datenverkehr. Dennoch ließen die Koreaner bereits einige TVs für Miracast zertifizieren. Aktuelle Fernseher und BD- Player (nicht zertifiziert) verbanden sich theoretisch mit unseren Miracast-Handys, jedoch blieben die Bildschirme dunkel. Ein Firmware-Update könnte das in Ordnung bringen. Beim Google-Tablet Nexus 7 von Asus haben wir die Miracast-Funktion vergeblich gesucht, obwohl es unter Android 4.2 läuft. Es muss auch die Hardware mitmachen, damit es funnktioniert. Unter den Miracast-Zertifizierungen (man findet die Liste aller bisher zertifizierten Geräte bei der Wi-Fi-Alliance unter der Adresse www.wi-fi.org) sind bereits viele Referenz-Designs der wichtigsten Chiphersteller aufgelistet, aber noch relativ wenige Tablets. Die Chancen stehen allerdings gut, dass künftige Modelle das magische Spiegeln beherrschen. Die Kompatibilität wird sich sowieso verbessern. Schon während unseres dreiwöchigen Tests ging am Ende mehr als am Anfang - eigentlich alles, was sich offiziell Miracast nennen durfte.

Miracast befindet sich trotz rigidem Zertifizierungsprozess erst am Anfang. Es gibt noch viele Möglichkeiten zu entdecken. Das Ganze könnte sich zu einem breit akzeptierten Standard entwickeln, der viel Spaß in unsere Wohnzimmer bringt.

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