Ratgeber

Kleines Objektiv-ABC

Die Auswahl des "richtigen" Objektivs oder der "richtigen" Brennweite hängt vom Motiv, der Aufnahmesituation und der Objektivcharakteristik ab. Im ersten Teil unseres Praxiswissens Objektive geht es um die theoretischen Werte von Brennweite und Lichtstärke.

Aufmacher

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Aufmacher

In diesem Beitrag geht es darum, unter praktischen Gesichtspunkten die richtige Wahl unter den Objektiven zu treffen, die der Markt bietet.

Die EckdatenDer Einsteiger sieht sich bei Objektiven mit auf den ersten Blick manchmal verwirrenden Werten und Bezeichnungen konfrontiert. Die teils so trocken und theoretisch klingenden Begriffe haben ganz konkrete praktische Auswirkungen. Die hinter ihnen stehenden technischen Gegebenheiten entscheiden mit darüber, wie ein Motiv im Foto wiedergegeben wird, und damit darüber, welches Bild eines Motivs der Fotograf dem Betrachter vermittelt, welchen Standpunkt der Betrachter einnimmt - ob er integrierter oder distanzierter Beobachter einer Szene ist, ob der Fotograf eine Übersicht bietet oder ins Detail geht, ob man noch aus der freien Hand fotografieren kann oder Hilfe von Stativ oder Blitz benötigt wird.

Schärfentiefe-Anzeige

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Das könnten Spiegelreflexkameras von einer Kompakten wie der Ricoh GR-D II "lernen": Schärfentiefe-Anzeige bei manueller Fokussierung.

Brennweite und BildwinkelDie Brennweite (mm) ist für die Bildwirkung die wichtigste charakteristische Größe eines Objektivs. Brennweite heißt in der Optik die Entfernung zwischen der hinteren Hauptebene (vereinfacht gesagt: dem Mittelpunkt des Linsensystems) und dem Brennpunkt (dort schneiden sich parallel einfallende Lichtstrahlen) eines Objektivs. Die Brennweite ist ein entscheidender Faktor für den Abbildungsmaßstab, also dafür, wie groß Ihr Motiv im Foto erscheint. Je kürzer die Brennweite, desto größer ist der Bildwinkel, einen desto größeren Bereich erfasst die Kamera und desto kleiner werden die einzelnen Motivdetails vom Objektiv abgebildet. Bei langer Brennweite und engem Bildwinkel kommt nur ein kleiner Motivausschnitt auf das Bild, dessen Details aber entsprechend groß. Neben der Brennweite beeinflusst natürlich die Aufnahmeentfernung die Abbildungsgröße. Wenn Sie Ihr Hauptmotiv groß im Bild haben wollen - was sich häufig empfiehlt -,  müssen Sie näher herangehen, eine längere Brennweite benutzen oder beides zugleich. Der Abbildungsmaßstab definiert sich aus dem Verhältnis von Bildgröße (auf dem Sensor oder Film) zu Objektgröße (im Original). Der maximale mit einem Objektiv erreichbare Abbildungsmaßstab wird durch die kürzeste Entfernung begrenzt, auf die scharfgestellt werden kann.

Ein Beispiel: Der Sensor in FourThirds-Kameras ist 17 mm breit. Bei 60 mm Brennweite erfasst das Olympus-Zoom 2,8-4/12-60 mm ein etwa 5,5 cm breites Motiv aus 25 cm Entfernung formatfüllend. Das bedeutet dann einen maximalen Abbildungsmaßstab von 17 mm/55 mm, also rund 1:3 oder einem Drittel der Originalgröße.

Dass bei Tele- oder Makroaufnahmen die Verwacklungsgefahr größer wird, liegt in beiden Fällen an den größeren Abbildungsmaßstäben. Sie sorgen dafür, dass nicht nur Motivdetails, sondern auch - durch unsere vermeintlich ruhige Hand bedingte - kleine Bewegungsunschärfen entsprechend mitvergrößert und so auffällig werden. Je länger die Brennweite und je größer der Abbildungsmaßstab, desto eher brauchen Sie bei schlechten Lichtverhältnissen Stativ oder Blitz.

Der BlendenwertDas nach der Brennweite zweite charakteristische Objektivmerkmal ist die Lichtstärke, definiert durch die größte Blende. Die Blende ist eine reine Verhältniszahl vom Durchmesser der Objektivöffnung zur Brennweite. Diese Objektivöffnung können Sie steuern, indem Sie die Blende mehr oder weniger weit schließen: Ein Öffnungsdurchmesser von 35 mm bei einem 50-mm-Objektiv ergibt den Blendenwert 1:1,4, oder f/1,4. 25 mm Durchmesser entsprechen f/2. Die gleich große Öffnung bei einem 100-mm-Tele ergibt dagegen nur f/4. Damit wird der physikalischen Tatsache Rechnung getragen, dass man mit zunehmender Brennweite den Durchmesser entsprechend vergrößern muss, wenn hinten gleich viel Licht wie bei einer kürzeren Brennweite auf dem CCD landen soll.

In der Anzeige von Kameras oder auf Objektiven wird nur der Nenner des Verhältnis-Bruchs angegeben, also z.B. "4" für 1:4 oder f/4. Daher kommt es zu der für Anfänger irritierenden Tatsache, dass kleinere Zahlen für größere Öffnungen und höhere Lichtstärken stehen. Die Verwirrung wird noch größer dadurch, dass in der Reihe der genormten Standard-Blendenwerte für Objektive (1 - 1,4 - 2 - 2,8 - 4 - 5,6 - 8 - 11 - 16 - 22 usw.) der jeweils um den Faktor 1,4 größere oder kleinere Wert für den doppelten bzw. halben Lichtdurchlass steht.

Zum Faktor 1,4 kommt es, weil in die Berechnung der Kreisfläche das Quadrat des Radius eingeht. Ein verdoppelter Durchmesser führt so zur vierfachen Kreisfläche und Lichtmenge. Ein um den Faktor √2 größerer Durchmesser dagegen zu einer doppelt so großen Kreisfläche. Der Blendenwert beeinflusst aber nicht nur die Menge des durchgelassenen Lichtes, sondern zudem die Schärfentiefe (siehe unten). Lichtstärkere Objektive erweitern also nicht nur Ihre Möglichkeiten bei Aufnahmen unter schlechten Lichtverhältnissen und mit größeren Abbildungsmaßstäben (Tele, Makro) aus freier Hand, sondern geben auch mehr Spielraum beim gestalterischen Umgang mit mehr oder weniger Schärfentiefe. "Lichtriesen" haben aber auch Nachteile. Sie sind deutlich größer, schwerer und teurer als gleiche Brennweiten mit geringerer Blende. Außerdem sind höchste Lichtstärken immer mit Kompromissen bei der Bildqualität verbunden. Kontrast und Auflösung lassen zu den Bildecken hin bei größeren Blendenöffnungen nach.

Sensoren

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Durch die kleineren Bildfelder von APS- und Four-Thirds-Sensoren ergibt sich scheinbar eine Brennweitenverlängerung in Richtung Tele.

Bildkreis und SensorformatNahezu alle Objektive liefern ein rundes Bild entsprechend dem jeweiligen Bildkreis. Was nun im Foto festhalten wird, hängt von der Fläche des Bildsensors ab. Die Diagonale seines rechteckigen Formates darf nicht größer als der Durchmesser des Bildkreises sein, sonst gäbe es dunkle Ecken. War früher der Bildkreis der meisten Wechselobjektive für das Kleinbildformat 24 x 36 mm ausgelegt, so werden mit den Digital-SLR-Kameras immer mehr Objektive angeboten, deren Bildkreis nur für die Diagonale der Sensoren im APS-Format (ca. 15 x 23 mm) oder Four Thirds (13 x 17 mm) ausreicht. Das ermöglicht kompaktere, leichtere und günstigere Konstruktionen, hat aber zugleich zur Folge, dass die Objektive mit kleinerem Bildkreis trotz gleichem Bajonettanschluss nicht an Kameras mit den größeren Sensoren verwendet werden können. Dagegen "passen" auch die "Vollformat"-Objektive an SLR-Kameras mit kleineren Sensoren. Da in so einem Fall aber nur ein kleinerer Ausschnitt des Bildes genutzt wird, ändert sich der Bildwinkel. Ein 35-mm-Objektiv, das an einer klassischen 24 x 36-mm-SLR-Kamera mit einem Bildwinkel von 63° diagonal (diese Angabe ist üblich, weil sie den maximalen Bildwinkel beschreibt) als Weitwinkel gilt, wird an einer Digital-SLR mit Sensor im gängigen APS-C-Format, zum "Normal"-Objektiv mit nur 47° Bildwinkel und würde an einer Kompaktkamera mit noch kleinerem Sensor sogar wie ein Tele wirken.

Wie sich eine Brennweite im Verhältnis zum gewohnten 24 x 36-mm-Kleinbildformat verhält, wird bei Objektiven für Digital-SLR-Kameras mit dem sogenannten "Crop"- oder Brennweiten-Faktor beschrieben. Mit ihm muss die Brennweitenangabe multipliziert werden, um die effektive Bildwirkung einschätzen zu können. Der Faktor beträgt für die APS-Sensoren ca. 1,5x, für Four Thirds 2x. Der besseren Vergleichbarkeit unterschiedlicher Systeme wegen werden oft nicht die effektiven, physikalischen, sondern die auf das allgemein vertraute KB-Format bezogenen also relativen Brennweiten der Objektive genannt. Diesen Punkt sollten Sie im Auge behalten, um Missverständnisse zu vermeiden.

Download: Tabelle

SchärfentiefeAls Schärfentiefe wird der Bereich zwischen dem nächstgelegenen und am weitesten entfernten Punkt des Motivs bezeichnet, die in einem Foto für unser Auge noch scharf erscheinen. Die Größe der Schärfentiefe wird oft der Objektivbrennweite zugeschrieben, das ist aber nur teilweise richtig. Tatsächlich entscheiden Abbildungsmaßstab, Blende und Aufnahmeentfernung darüber, wie groß die Schärfentiefe ausfällt. Bei Digitalkameras kommen Sensor- und Pixelgröße hinzu.

Früher war die Schärfentiefe einfach festzustellen. Der zulässige Unschärfekreis in der Bildebene war auf 33 µm festgelegt, das Format war 24 x 36 mm, die Brennweite stand fest. Da hatte jedes Wechselobjektiv eine entsprechende Skala für die verschiedenen Blendenwerte. Bei Zooms mit veränderlicher Brennweite wurde es schon schwieriger, und bei Digitalkameras mit den unterschiedlichsten Sensor- und Pixelgrößen variiert die Schärfentiefe von Fall zu Fall noch stärker. Zudem spielt die Bildbetrachtung eine entscheidende Rolle: Betrachten Sie Ihr Foto mit 100 Prozent am Monitor, einen A4-, A3- oder A2-Ausdruck, und das aus welcher Entfernung? Je stärker Sie Ihr Bild vergrößern, desto geringer ist der zulässige Unschärfekreis. Er hängt bei der Monitordarstellung von der Pixelgröße ab. Bei aktuellen Kompakten sind das teilweise unter 2 µm, bei einer 6-Megapixel-SLR aber fast 8 µm.

In der Praxis kommen Sie jedoch mit wesentlich einfacheren Überlegungen zum Ziel:Machen Sie sich die unterschiedlichen Schärfentiefebereiche verschiedener Brennweiten und Blenden zunutze. Sie erlauben es Ihnen, ganz nach Bedarf Landschaften mit raumgreifender Schärfe von vorn bis zum Horizont aufzunehmen oder durch eine Begrenzung der Schärfentiefe die Aufmerksamkeit des Betrachters ganz gezielt auf ein Detail zu lenken, z. B. bei Porträts, und störende Vorder- und Hintergrunddetails in der Unschärfe verschwinden zu lassen.Im nächsten Ausgabe geht es um Fragen wie die, warum Sie beim Zoomen mit der Brenweitenveränderung allein noch keine neue Perspektive gewinnen.

Grafik Blendenwert

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Grafik Abbildungsmaßstab

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Der Abbildungsmaßstab entscheidet, ob viele Details klein oder wenige umso größer abgebildet werden.

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