Fotoindustrie

Erdbeben und Tsunami in Japan: Die Folgen für die Fotoindustrie

Angesichts der Katastrophe vom 11. März 2011 in Japan stellen sich viele Verbraucher die Frage nach den längerfristigen Folgen für die Fotoindustrie. Wir haben die verfügbaren Informationen zusammengetragen.

Wikimedia Commons, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Power_Grid_of_Japan.PNG&filetimestamp=20110425132717

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Wikimedia Commons, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Power_Grid_of_Japan.PNG&filetimestamp=20110425132717

Weil Einzel- und Großhändler mit Lagerbeständen Lieferausfälle überbrücken konnten, waren die Folgen der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe für Verbraucher in Europa bislang kaum spürbar. Das Hauptproblem sind dabei weniger komplette Produktionsausfälle, als vielmehr die zerstörte Infrastruktur in Japan. Dazu gehören:

  • Straßen und andere Transportwege sind beschädigt.
  • Fabrikgebäude müssen repariert werden, was die Produktion beeinträchtigt.
  • Wasser der erforderlichen Qualität ist teilweise nur schwer erhältlich.
  • Fabrikarbeiter müssen zum Teil längere An- und Abfahrten in Kauf nehmen, das mindert die Arbeitseffizienz.
  • Durch die komplexen Produktionsnetze kann schon der Ausfall kleiner und eigentlich unbedeutender Teile den gesamten Produktionsprozess ausbremsen.

Das größte Problem derzeit: Strom ist noch immer rationalisiert, auch Stromunterbrechungen sind jederzeit möglich. Das erscheint bei einem Hochtechnologieland verwunderlich, hat aber zum Teil mit der historisch gewachsenen Situation zu tun, dass der japanische Osten ein anderes Stromnetz hat als der Westen.

Zwar gibt es im gesamten Staatsgebiet eine Spannung von 100 Volt (übrigens die niedrigste Netzspannung weltweit), aber die Stromfrequenz beträgt im Osten 50 Hz und im Westen 60 Hz. Wikipedia erklärt dazu: "Der Unterschied gründet aus der Beschaffung von Generatoren aus Deutschland von AEG im Jahr 1895 für Tokio, die 50 Hz liefern, und von General Electric aus USA im Jahr 1896 für Osaka, die 60 Hz liefern. Die unterschiedlichen Netze können nicht direkt zusammen geschaltet werden."

Das Problem der Stromversorgung wird nach Ansicht von Experten noch mindestens über den Sommer bestehen bleiben, da stromfressende Klimaanlagen in Japan weit verbreitet sind.

Die japanische "Camera and Imaging Products Association" (CIPA) hat die Auswirkungen insgesamt nun wie folgt konkretisiert:

"Im April 2011 wurden rund 7,96 Millionen Digitalkameras hergestellt. Im April des Vorjahres waren es rund 11,4 Millionen Einheiten und damit gut 30 Prozent mehr. Die Zahl der verschifften Geräte lag im April 2011 bei weltweit rund 8,1 Millionen Einheiten - gut gefüllte Lager gibt es offenbar nicht mehr. Nach Europa wurden rund 30 Prozent weniger Kameras verschifft als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Weniger stark getroffen hat es bislang die Hersteller von Objektiven für Spiegelreflex- und Systemkameras. Im Jahresvergleich ging die Produktion nur um 5,8 Prozent zurück."

Das liegt aber vor allem daran, dass viele Hersteller Objektive zumindest teilweise in anderen asiatischen Ländern fertigen.

Canon

Als einer der ersten Firmen hat Canon am 13. März 2011 einen Schadensreport veröffentlicht. Er berichtet von Stromausfällen, Gebäudeschäden und Produktionsunterbrechungen in drei Canon-Werken. Am schlimmsten waren demnach die Schäden bei Canon in Utsunomiya sowie im Werk in Fukushima. Im Werk von Utsnomiya, das zwischen Sendai und Tokio liegt, sind die Optikproduktion sowie die optische Forschung und Entwicklung beherbergt.

Canon hat Teile der Produktion in andere Werke im Süden des Landes verlagert. Im Internet war von Engpässen bei Großformatdruckern sowie bei den SLR-Modellen Canon 7 D und 5 D Mark II zu lesen, in Deutschland ist die Lage aktuell nach Aussage des Handels aber unauffällig.

Im ersten Quartal sank der operative Gewinn in der Folge um fünf Prozent auf umgerechnet 693 Millionen Euro (82,5 Milliarden Yen), für das Gesamtjahr 2011 senkte Canon seine Prognosen. Die Zulieferung für die Werke im Süden soll mittlerweile wieder so laufen wie vor der Katastrophe.

Was die Einführung einer neuen Systemkamera ohne Spiegel angeht, hält sich Canon ohnehin bedeckt; laut unbestätigten Gerüchten aus mehreren Quellen beträgt die Verzögerung mindestens ein Jahr. Bei Canon kommen wahrscheinlich zu Fertigungs- auch Entwicklungsprobleme hinzu.

Epson

Epson hat ein Werk in Minami-Soma (Präfektur Fukushima), das offensichtlich stark beschädigt wurde. Zudem liegt es innerhalb der Evakuationszone des beschädigten Atomkraftwerkes Fukushima 1 und fällt deshalb auf unvorhersehbare Zeit aus. Von Lieferengpässen ist derzeit aber nichts bekannt.

Fujifilm

Die meisten Werke von Fujifilm waren weit genug vom Epizentrum entfernt, um die Katastrophe ohne Schäden zu überstehen. Im etwa 20 km nördlich von Sendai gelegenen Werk in Taiwa-cho, kam es jedoch zu erheblichen Schäden, in der Folge zu Lieferverzögerungen bei der FinePix X100.

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Mittlerweile wird wieder produziert und geliefert, Deutschland gehört hier offensichtlich zu den bevorzugten Märkten. Trotzdem ist die Kamera nicht immer lieferbar - laut Fujifilm liegt das aber an der unerwartet hohen Nachfrage.

Nikon

Nikon berichtet unter anderem von Schäden im Werk in Sendai, das etwa 30 Kilometer von der Küste entfernt ist. Hier werden unter anderem die Highend Spiegelreflexkameras D3S, D3X und D700 hergestellt, rund 3 Wochen ruhte die Produktion. Weitere Produktionsstopps sind aber jederzeit möglich, da offensichtlich auch Zulieferer mit Problemen zu kämpfen haben.

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Vor allem die gedrosselte Sensor-Produktion bei Sony dürfte hier ins Gewicht fallen. Ob es deshalb bei den Profigeräten längerfristig Lieferschwierigkeiten gibt, können wir Stand heute nicht beurteilen. Die Lieferzeit für bestimmte Objektive betrug auch vor der Katastrophe schon bis zu sechs Monate, hier gibt es offensichtlich andere Gründe.

Die beiden Kompakten Coolpix S4100 und S6100 wurden wegen des Produktionsengpasses in Europa nicht eingeführt. Die spiegellose und von Nikon nicht bestätigte Systemkamera wird wohl mit einer Verzögerung von grob geschätzten sechs Monaten auf den Markt kommen.

Olympus

Die großen für die Produktion der Fotoprodukte zuständigen Werke liegen außerhalb Japans. Zwar ist Olympus über Zulieferer auch betroffen, von Produktionsschwierigkeiten will man dort aber nichts wissen. Längere Lieferzeiten bei Objektiven für die E-Serie schiebt man auf die hohe Nachfrage.

Panasonic

Panasonic unterhält Werke in Sendai und Fukushima, in denen die Produktion zunächst eingestellt war. Anhaltende Nachbeben verhinderten hier das Betreten der Werke. Generell war der Fotobereich weniger betroffen als andere Sparten der Unterhaltungselektronik, bei Kompaktkameras gab es jedoch zeitweise Produktionsengpässe. Das soll vor allem die TZ-Reihe betroffen haben. Mittlerweile hat man eine Fertigungsstraße auf das Festland ausgelagert.

Pentax

Produktionsstätten von Pentax sind offensichtlich nicht direkt betroffen. Da Spezialglas für hochwertige Objektive zur Zeit aber knapp ist, kommt es hier bei Pentax - wie auch bei manch anderem Anbieter - zu Lieferzeiten. Dass angeblich eine Systemkamera mit APS-C-Sensor geschoben wird, durfte vor allem an fehlenden Teilen liegen (z.B. Sensoren von Sony).

Sigma

Sigma unterhält zwei Werke in der Präfektur Fukushima, die allerdings in den Bergen im Landesinnern gelegen sind. Angaben über die Schäden an Gebäuden und Einrichtungen gibt es nicht, die Energieversorgung in dieser Gegend gilt aber als schwierig. In welchen Stückzahlen die neue SD-1 geliefert werden kann, wird man in den nächsten Wochen sehen.

Sony

Sony musste nach dem Beben mehrere Fabriken stilllegen. Dank der globalen Verteilung der Produktionsstätten gab es anfangs keine Lieferengpässe. Da insgesamt zehn Fabriken und zwei Forschungszentren betroffen sein sollen, ist aber mit erheblichen langfristigen Folgen zu rechnen.Vor allem die Produktion der digitalen Filmkameras HDCAM SR soll erst zögerlich wieder angelaufen sein. Sony erwägt nun, einen Teil der heimischen Fertigung zeitweise ins Ausland zu verlagern.

Für das im März abgelaufene Geschäftsjahr revidierte Sony seine Prognose mittlerweile auf einen Nettoverlust von umgerechnet 2,25 Mrd. Euro, vorher war man von einem Gewinn von gut 600 Mio. Euro ausgegangen.

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Die Sensorproduktion für SLRs soll im Juni nur bei etwa einem Fünftel der Vorkatastrophenmenge gelegen haben. Das wollte Sony so nicht bestätigen. Das betrifft neben den hauseigenen SLRs aber auch solche von Ricoh, Nikon, Pentax, Leica und Fuji und wenn hier von zeitweisen Engpässen bei wichtigen Bauteilen gesprochen wird, könnte das schon auf die Sensoren hindeuten.

Neue Systemkameras kann Sony offensichtlich launchen, muss allerdings die Terminpläne im niedrigen Monatsbereich strecken.

Tamron

Tamron, dessen Werke im Großraum Tokios liegen, berichtet über keine direkten Schäden. Doch auch hier sind Produktionsausfälle nicht auszuschließen, da vor allem die Glasherstellung auf kontinuierliche Stromversorgung angewiesen ist. 

Blick in die Zukunft

"Einige unserer Industriepartner haben angekündigt, dass es zeitversetzt zu Lieferverzögerungen kommen könnte, da sie einzelne Komponenten für die Produkte aus Japan beziehen", sagte eine Sprecherin von Media-Saturn im Juni. Im Umschlagplatz Shanghai wurden nach der Katastrophe höhere Preisschwankungen als üblich beobachtet - auch wenn es keinen allgemeinen Preisanstieg gab.

Das soll so bleiben. "Für die Verbraucher werden die Auswirkungen bis auf weiteres kaum spürbar sein", versicherte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder Ende Mai. Nach unseren eigenen Recherchen sehen deutsche Hersteller im Fotobereich im Moment keine Probleme, weil sie kaum Teile in Japan zukaufen. Der Photo-Industrieverband sieht "geringfügige Verknappung in einigen Produktbereichen". Größere Beschränkungen erwartet aber auch deren Sprecherin Constanze Clauss nicht.

Der deutsche Handel betont, dass zur Zeit ca. 90 Prozent der Bestellungen fristgerecht kommen. Einzelne Produkte wie Nikon D3s und D700 sowie manche Objektive von verschiedenen Herstellern haben derzeit längere Lieferfristen. Auf der anderen Seite: Manche Produkte kämpften schon vor der Katastrophe mit Lieferfristen, letztes Jahr schob man das auf den Vulkan....

Teilweise streichen oder reduzieren einzelne Hersteller die Vorzugskonditionen für den Handel, die Händler können das aber kaum an die Verbraucher weiter geben. Auswirkungen auf Verbraucherpreise auf breiter Front sind daher nicht zu erwarten, bei einzelnen Produkten kann es aber durchaus Preiserhöhungen geben.

Dass es insgesamt trotz der von der CIPA errechneten Lieferrückgänge aus Japan (30 Prozent im April) kaum zu Engpässen gekommen ist, kann mehrere Gründe haben:

  • Deutschland wird bevorzugt beliefert .
  • Die Lager waren übervoll.
  • Die Nachfrage ist zurück gegangen.

Eine vierte Möglichkeit sollten wir zumindest nicht völlig ausschließen: Die Lieferengpässe kommen erst. Darauf deutet konkret zwar wenig hin, aber dass die Fotofachmesse PMA in Las Vegas im September 2011 abgesagt wurde, wird dort nicht zuletzt auf die Katastrophe in Japan zurückgeführt. Offensichtlich verschieben viele Firmen tatsächlich ihre Neueinführungen - auch wenn kaum einer bereit ist, das so zu bestätigen. Die PMA soll jetzt zusammen mit der Consumer Electronics Association (CEA) Anfang Januar 2012 stattfinden.

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