Aus für HDTV?

Hochauflösendes Fernsehen in Deutschland

Nach dem Ausstieg von SAT1 und Pro7 und wachsweichen Statements von ARD und ZDF ist die Zukunft von HDTV ungewisser denn je. Welche Zukunft hat das hochauflösende Fernsehen in Deutschland?

  1. Hochauflösendes Fernsehen in Deutschland
  2. Teil 2: Hochauflösendes Fernsehen in Deutschland
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Glückliche Schweiz: Wenn der Schiedsrichter am 7. Juni in Basel das erste Spiel der Fußball-Europameisterschaft anpfeift, sind die Eidgenossen so nah am Rasengeschehen, dass sie fast die Grashalme zählen können. Denn sie bekommen die Bilder aus dem Stadion als HDTV in ihre Wohnzimmer mit einer Detailschärfe, die etwa fünfmal so viele Bildinformationen auf die Mattscheibe bringt wie das klassische Farbfernsehen.

Schon am 3. Dezember des letzten Jahres war der öffentlich-rechtliche Schweizer Rundfunk SRG SSR in die HDTV-Ära gestartet. Quasi als Weihnachtsgeschenk begann ein neuer Gemeinschaftskanal, regelmäßig Filme, Sportereignisse, Dokumentationen und Konzerte in High-Definition-Qualität auszustrahlen.

Österreich, die andere Ausrichternation des europäischen Fußballfestes, nahm die medientechnische Herausforderung der Nachbarn sportlich und reagierte prompt: Der ORF will die Meisterschaft ebenfalls in HDTV übertragen und danach die Olympischen Spiele in Peking. Anschließend wollen die Wiener das gesamte Programm von ORF 1 parallel in Standard- und in High-Definition ausstrahlen ? teils als echte Hochzeilen- Produktionen, teils auf das feine HD-Raster hoch konvertiert.

Derweil herrscht in Deutschland trostlose High-Definition-Wüste: Weder das Fußballturnier noch die Kämpfe um olympisches Gold wird es über die Kanäle von ARD und ZDF in HD-Qualität geben. Die 576 Zeilen der Standardauflösung, geerbt vom schwarz-weißen Dampf-Fernsehen der frühen 1950er-Jahre, bleiben das Maß aller Dinge.

Dabei hätten die hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender ihren Kollegen in den Alpenrepubliken schon zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 demonstrieren können, wie gestochen scharfe Bilder aus den Arenen auch die Zuschauer in den Wohnzimmern von ihren Sitzen reißen und damit helfen, einen jungen Markt anzukurbeln. Schließlich wurden sämtliche Spiele erstmals komplett in High Definition aufgenommen ? noch dazu vor der eigenen Haustür.

Doch ARD und ZDF ließen die Chance für fruchtbare Pionierarbeit ungenutzt verstreichen. Damals nährten sie wenigstens noch die Hoffnung auf eine High-Definition- Premiere zu den Olympischen Spielen in diesem Sommer ? aber zu früh gefreut: Kurz vor der letzten IFA legten sie sich auf 2010 als HDTV-Starttermin fest.

Immerhin: Wie zur Ehrenrettung des Medienstandorts Deutschland hatten wenigstens SAT.1 und ProSieben schon Ende 2005 begonnen, ihre Programme parallel auch in HD zu übertragen ? anfangs mit freundlicher Unterstützung von Sponsoren aus der Geräteindustrie und ermutigt durch wohlwollende Übertragungs-Konditionen des Satellitenbetreibers Astra.

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Erinnerungen an bessere HDTVTage: Ende 2005 läuteten Dr. Wolf-Dieter Ring (Bayerische Landesmedienanstalt), Guillaume de Poche (damals ProSiebenSAT1- Chef) und Edmund Stoiber (damals bayerischer Ministerpräsident) offiziell die HDTV-Ära der privaten Sendergruppe ? gut zwei Jahre später kam das Aus.

Das lupenreine HDTV-Glück brachte diese Initiative zwar nicht: Nur wenige Programme, etwa die Serien-Dauerbrenner ?Desperate Housewives? und ?Grey?s Anatomy?, gingen als echtes Hochzeilenmaterial über den Orbit. Konvertierte die Münchener Mediengruppe dagegen Filme im 4:3-Letterbox- Format mit schwarzen Balken am oberen und unteren Bildrand auf 1080 Zeilen, so hielt sich die Begeisterung der Heimkino- Fans verständlicherweise in Grenzen. Dennoch: Ein Anfang war gemacht, ein Signal gesetzt.

Umso verheerender wirkt nun die noch frische Entscheidung der beiden Sender, ihre HDTV-Aktivitäten wieder einzustellen. Seit dem 16. Februar herrscht bei SAT.1 und ProSieben HD-Funkstille. ?Das lässt die Diskussion in unserem Hause natürlich nicht unbeeinflusst?, verrät Eckhard Matzel, verantwortlich für technologische Strategien beim ZDF? Nicht wenige Entscheider fühlen sich jetzt in ihrer Festlegung auf den Einführungstermin 2010 zusätzlich bestätigt.?

Als Speerspitze der Innovation aber möchten SAT.1 und ProSieben nach wie vor wahrgenommen werden: Bereits seit Januar 2008, so rühmen sich die beiden Programmanbieter in ihrer Pressemeldung, strahlen sie immer mehr Sendungen im Breitbild-Format 16:9 aus ? eine wahrhaft mutige Entscheidung im 18. Jahr nach der Markteinführung der ersten Breitbildfernseher. Die PR-Botschaft, dass die ?strategische Entscheidung für 16:9? unabdingbar mit dem Verzicht auf das ?HDTV- Engagement? verbunden sein soll, ist mit Mitteln der Logik nicht zu erklären, eher schon mit schnöden Kosten-Nutzen-Rechnungen, denen privatwirtschaftliche Unternehmen nun einmal folgen müssen. Die wären allerdings ganz anders ausgefallen, wenn sich weitere Medienhäuser mit eigenen Initiativen an einer konzertierten HDTV-Einführung beteiligt hätten.

Komplett HDTV-los ist Deutschland zwar nicht: So hält Premiere mit seinen Doku- Kanal ?Discovery HD? und mit ?Premiere HD ? die High- Definition-Fahne hoch. Aber jedes dieser Angebote kostet 9,99 Euro - zusätzlich zum regulären Premiere-Abo. Und da setzen dann beim medialen Normalverbraucher die Kosten- Nutzen-Rechnungen ein: Kaum mehr als 80.000 zahlende Zuschauer konnte Premiere bisher für seine HD-Programme gewinnen.

Damit bleibt Deutschland ein HDTV-Entwicklungsland, zwar nicht auf dem allerletzten Platz in Europa, aber zum Beispiel weit abgeschlagen hinter Großbritannien: Dort empfangen bereits über 300.000 BskyB-Abonnenten die hochaufgelösten Programme von Sky HD und BBC HD. Vergleiche mit Nordamerika und Japan lassen die deutsche HDTV-Provinz vollends alt aussehen. In den USA begannen die ersten öffentlichen HDTV-Ausstrahlungen bereits im November 1998, als der Weltraum-Pionier John Glenn mit dem Start der Raumfähre Discovery zu seinem Comeback ins All aufbrach. Schon im Jahr 2005 strahlten über 1000 Stationen HD-Fernsehprogramme aus ? sowohl terrestrisch als auch über Kabel und Satellit. Heute bestreiten alle großen Netzwerke regelmäßig einen Teil ihres Programms in HD; Premium-Sender wie Cinemax HD, HBO HD, Movie Channel HD, Showtime HD oder Starz HD bieten ausschließlich Programme in hoher Auflösung an.

In Japan startete der nationale Rundfunk NHK im Jahr 2000 die Ausstrahlung terrestrischer HDTV-Programme. Alle großen japanischen Sender waren von Anfang an mit im Boot. Heute tüfteln die NHK-Techniker bereits an einem Standard für die Zeit nach HDTV ? an Ultra High Definition mit 7680 mal 4320 Bildpunkten. Erste Tests plant NHK für das Jahr 2015. Voraussichtlich wird sich dieser Pixel- Overkill nie im Wohnzimmer etablieren - allenfalls in Kinos und anderen großen Präsentationsarenen. Die Arbeit an der Extrem- Auflösung zeigt aber, dass die öffentlichen Medienmacher in Fernost bereits zwei Technik-Generationen weiter vorausdenken als die hiesigen Helden der 16:9-Revolution.

Dabei wären die Voraussetzungen, jetzt in Deutschland mit attraktiven HDTV- Programmangeboten durchzustarten, durchaus günstig. Allein in diesem Jahr werden die Hersteller 4,8 Millionen HDTV-taugliche Fernsehgeräte verkaufen; damit sind bis zum Ende des Jahres voraussichtlich 11,2 Million Flachbild-Fernseher im Markt, die hochauflösende Bilder darstellen können. Das sollte als kritische Masse für den HDTV-Einstieg reichen. Die Geräteindustrie ist folglich mit dem gegenwärtigen Stand der HDTV-Entwicklung denkbar unzufrieden; sie hadert insbesondere mit der Beschlusslage bei ARD und ZDF. So fordern Unternehmen wie Loewe, Panasonic, Philips, Sharp und Sony von den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern jetzt eine ?Roadmap? mit klaren Ansagen zu HDTV-Aktivitäten, die sukzessive an den offiziellen Start in zwei Jahren heranführen.

Die einfachste Maßnahme wäre ja, sich am Schweizer Modell zu orientieren: Was hält beispielsweise die ARD davon ab, einen ihrer vielen digitale Satellitenkanäle, etwa Eins extra, zu nutzen, um alle in HD produzierten Programm-Highlights auch in Hochzeilen-Qualität zu übertragen? An Materialmangel würde die Idee kaum scheitern: Schon jetzt werden immer mehr Dokumentationen und Filme mit HD-Kameras aufgenommen ? schon deshalb, weil sie sonst auf internationalen Märkten keine Chance mehr hätten. Und auch die Finanzierung würde keine unlösbaren Probleme aufwerfen. So gibt die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, kurz KEF, in ihren jüngsten Bericht zu Protokoll: ?Für den Zeitraum 2009-2012 wurde von der ARD zur Finanzierung von Projekten ein Entwicklungsbedarf von rund 338 Millionen Euro angemeldet. Vom ZDF wurde ein Bedarf von 183 Millionen Euro geltend gemacht.? Als Verwendungszweck dieser Posten nennt die KEF HDTV an erster Stelle ? neben digitalem Hörfunk und mobilem Fernsehen.

Toshiba Gigashot K

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HD-Camcorder: Toshiba Gigashot K

Was dem gesunden Menschenverstand so plausibel erscheint, ist in den Niederungen des wirklichen Lebens allerdings komplizierter. ?Die geltenden Staatsverträge erlauben nicht einfach veränderte Nutzungen unserer bestehenden Übertragungswege?, sagt Jörg-Peter Jost, Technik- Chef des Hessischen Rundfunks und Koordinator der digitalen Satelliten-Aktivitäten der ARD. Tatsächlich beobachten die werbefinanzierten Konkurrenten ebenso wie die europäischen Regulierungsinstanzen mit Argusaugen, ob und wo die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter den abgesteckten Rahmen ihrer Aktivitäten überschreiten; die zunehmende Internet-Präsenz von ARD und ZDF zum Beispiel ist seit Monaten Gegenstand heftiger einschlägiger Meinungsverschiedenheiten. Doch Medienexperten wie Dr. Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, finden das Staatsvertragsargument nicht so zwingend. Hege hält die bestehenden Regelungen für flexibel genug, um im beschriebenen Sinne zu verfahren: ?Wenn man es wirklich ernsthaft wollte, dann ließen sich auch Lösungen finden.?

Auch wenn der HDTV-Sonderkanal vorerst ebenso wenig kommt wie die hochauflösende Übertragung der Fußball-Europameisterschaft: Ganz HD-abstinent wollen ARD und ZDF nicht bleiben, Ansätze einer ?Roadmap? sind in Sicht. So planen die öffentlich- rechtlichen Sender eine Reihe von ?HDTV-Showcases?, zeitlich begrenzte Testausstrahlungen also, die zugleich Appetit auf die neue Technik machen sollen. Schon zur letzten IFA gingen solche Sendungen über den Äther. Weitere ?Showcases? planen ARD und ZDF zur IFA 2008 und zu Weihnachten. Für das kommende Jahr haben sie ähnliche Pläne, hinzukommt voraussichtlich die HD-Übertragung der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die vom 15. bis zum 23. August 2009 in Berlin stattfindet. Darüber hinaus plant der Kulturkanal Arte HDTV-Ausstrahlungen vom Sommer dieses Jahres an.

Und noch eine andere Good-Will-Aktion verdient Erwähnung: Ebenfalls in diesem Sommer wird die ARD einen zusätzlichen Astra-Transponder in Betrieb nehmen und dadurch so viel Bandbreite gewinnen, dass dann auch die dritten Programme ihre Datenraten auf das Niveau der Hauptprogramme hochfahren können. Das Erste und das ZDF funken schon seit zwei Jahren mit bis zu fünf oder gar sechs Megabit je Sekunde aus dem Orbit, noch dazu überwiegend in 16:9. Damit erzielen sie eine Qualität, die sich nicht hinter der Bildschärfe gut produzierter DVDs verstecken muss. Etliche Sendungen von ARD und ZDF sehen deshalb, mit Verlaub, auf großen Bildschirmen besser aus als manches, was SAT.1 und ProSieben von lausigen Letterbox- Vorlagen auf das HDTV-Zeilenraster hoch konvertierten.

Fussball im Fokus

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Detailschärfe: Dank HDTV können die Zuschauer fast die Grashalme auf dem Fußballrasen zählen.

Ob sich ARD und ZDF noch weitere Schritte in Richtung HDTV abringen lassen, ist offen. Fest steht immerhin, dass die Geräteindustrie nicht locker lassen wird. Und das ist gut so: Blühende HDTV-Landschaften sehen einfach besser aus als mediale Problemzonen, in der das Breitbild-Format 16:9 als zentrale Innovation des 21. Jahrhunderts gilt.

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