Interview: Filmstudios planen Premium-Video-on-Demand

Film-Downloads bald schon kurz nach Kinostart

Auf neuen Flat-TV-Modellen vieler Hersteller sind Filmdownload-Angebote vorinstalliert und auch Handelsketten wie Media Markt bieten mittlerweile günstige Download-Möglichkeiten an. Dennoch ist Video-on-demand (VoD) hierzulande weiterhin nur ein Ni-schengeschäft. Der Spielfilmdownload auf Leih- oder Kaufbasis kommt nur langsam in Schwung. Mit einer neuen Strategie der Filmstudios soll sich das nun ändern.

Video-on-Demand ist noch immer ein Nischenthema

© Philips Consumer Lifestyle

Video-on-Demand ist noch immer ein Nischenthema

Insbesondere die Hollywoodstudios wollen neue Filme demnächst schon kurz nach Kinostart und deutlich vor dem Verkaufsstart auf DVD und Blu-ray Disc als Download anbieten. Erste Versuche in Europa laufen bereits. Der Name dafür lautet: Premium-VoD. Auf diesem Weg sollen Filmfans, die eher selten oder nie ins Kino gehen, aber trotzdem die neuesten Streifen sehen wollen, die Möglichkeit erhalten, einen Film zu einem höheren Preis frühzeitig per Download zu erwerben. Video-HomeVision sprach über Chancen und Risiken des Modells und die Zukunft des Filmdownload-Geschäfts mit dem Berliner VoD-Experten Dr. Peter von Ondarza. Die Hollywoodstudios, bereiten die Einführung von Premium-VoD vor. Welche Chancen räumen Sie dieser neuen Auswertungsstufe für Kinofilme ein?

Von Ondarza: Premium-VoD kannibalisiert andere Auswertungsfenster. Es macht also dann Sinn wenn es für Rechteinhaber dennoch zusätzliche Erlöse generiert. Entscheidende Frage ist insoweit, "wer" welches Auswertungsfenster kontrolliert und wie margenstark das jeweilige Auswertungsfenster ist. Kontrolliert man alle oder viele Fenster (Beispiel "Major Studios") kann man durch Premium-VoD die Erlöse über die jeweiligen Fenster anders verteilen ohne einen Gesamt-Erlösverlust zu erleiden. Verlagert man sie von margenschwachen in margenstarke Fenster so kann man den Gesamterlös sogar optimieren. Da VoD ein margenstarkes und gleichzeitig sehr gut kontrollierbares Geschäft für die Studios ist (70% Revenue Share für die Studios sind nicht selten, Zwischenhändler in der Regel nicht vorhanden) erscheint der Versuch einer Privilegierung dieses Fensters gegenüber anderen Fenstern theoretisch sinnvoll. Übergangsweise ist jedoch darauf zu achten, die klassischen Auswertungsfenster (nicht zu vergessen: das sind meist langjährige gute Partner!) nicht übermäßig zu belasten sondern das VoD-Fenster so zu konfigurieren, dass es bei maximaler Margenoptimierung das klassische Geschäft nur minimal beeinträchtigt.  

VoD-Experte Dr. Peter von Ondarza

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VoD-Experte Dr. Peter von Ondarza

Wann wird Premium-VoD in Deutschland auftauchen und mit welchen Modellen ist zu rechnen? Von Ondarza: Premium-VoD gibt es in Deutschland jenseits der Major-Studios bereits. Hier wird seit ca. 2 Jahren fast alles ausprobiert. Wann die Majors damit beginnen vermag ich nicht zu sagen. Wie hat sich der klassische VoD-Markt in Deutschland bis dato entwickelt?

Von Ondarza: Insgesamt leidet der (legale) VoD-Markt immer noch stark an der fehlenden technischen Infrastruktur und dem "lack of top content". Nach wie vor ist mir weltweit kein VoD-Dienst bekannt, der profitabel ist oder gar einen ROI erzielt hätte (ggf. iTunes, aber hier fehlen mir Zahlen). Das Problem ist, dass der digitale Konsum immer noch nicht gleichwertig oder attraktiver ist als bei bisherigen Verwertungsformen. Extreme Ladezeiten und unausgereifte Endgeräte verhindern dies nach wie vor. Selbst ein "ach so tolles" iPad hilft einem kaum wenn das Herunterladen eines Spielfilms stundenlang dauert. Von mobilem Streaming ganz abgesehen. Quantitativ und qualitativ wirklich überzeugende legale Contentangebote a la Netflix (USA) kann man im deutschen WWW ebenso kaum finden. Hohe Kosten und strategische Interessen der Studios sind hier Hindernisse. Dennoch: der Markt wächst derzeit stark. Der Grund dafür liegt primär in besseren Endgeräten und Bandbreiten verbunden mit dem Markteintritt der "Großen" (iTunes, Sony, Microsoft, Amazon, Mediamarkt, Kabelnetze, etc.). Wird Premium-VoD dem VoD-Markt generell einen Schub verleihen?

Von Ondarza: Das glaube ich nicht, Premium-VoD ist eher eine Art Finetuning im Rechtebereich. Was dem Markt derzeit einen Schub verleiht sind die oben erwähnten Endgeräte und Infrastrukturanbieter. Was muss passieren, damit VoD ein richtiger Massenmarkt wird?

Von Ondarza: Wir brauchen drei Dinge. Erstens eine signifikante Verbesserung der Stetigkeit mobiler Bandbreiten (es gibt nach wie vor kein flächendeckendes mobiles Breitbandnetz, UMTS ist geradezu lächerlich). Zweitens bräuchten wir endlich ein (sehr unwahrscheinliches) Ende des restriktives Content-Lizenzierungs-Verhaltens der Major Studios um die vielen kleinen und mittelgroßen legalen VoD-"Regale" mit Topcontent zu füllen und illegale Plattformen unattraktiv zu machen. Und drittens müssen wir abwarten bis es ausgereifte Endgeräte (auch im Wohnzimmer) gibt. Geräte wie bspw. ein iPad oder nagelneuer Samsung Internet-Fernseher sind ist hier erst der Anfang. Sollten die Major Studios ihre Content-Politik kosten- und DRM-technisch nicht lockern, so müssen wir alle weiter abwarten bis die mächtigen Gerätehersteller mit ihnen Verträge geschlossen und die technische Umsetzung auf ihren jeweils neuesten Geräten vorgabegemäß realisiert haben.  Zur Person:Peter von Ondarza ist ein Berliner Medienunternehmer mit einem Beteiligungsportfolio das auf verschiedene Bereiche im VoD-Markt spezialisiert ist. Dazu gehört die Visono GmbH, die Medienmotor Ltd. und die CLA GmbH. Er hat in den letzten elf Jahren zahlreiche VoD-Projekte beraten, begleitet, beliefert oder entwickelt. Seine CLA GmbH bestückt alle deutschen sowie zahlreiche internationale VOD-Dienste.

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Tipp: Mehr zum Thema Premium-VoD lesen Sie in der neuen Print- und iPad-Ausgabe von Video-HomeVision (4/2011), die ab sofort im Zeitschriftenhandel und im AppStore von iTunes erhältlich ist.

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