Wie russische Raubkopier-Seiten die Justiz austricksen

Die rote Gefahr

Gewiefte Raubkopierer, die auf der Suche nach illegalen Inhalten sind, wissen, wo sie garantiert fündig werden: in Russland. Der Redaktions-Report zeigt, wie erschreckend einfach es ist, russische Web-Warez-Seiten aufzuspüren.

  1. Die rote Gefahr
  2. Teil 2: Die rote Gefahr
Die rote Gefahr

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Die rote Gefahr

Die deutsche Warez-Szene hat sich nahezu komplett aus dem World Wide Web verabschiedet, so dass der Großteil aller Raubkopien derzeit fast ausschließlich per File-Sharing "vertrieben" wird. Dieser Rückzug ist nicht zuletzt den Anstrengungen der Strafverfolgungsbehörden zu verdanken, die in letzter Zeit einige spektakuläre Ermittlungserfolge verbuchen konnten. Warez-Anbieter wurden dabei ebenso hochgenommen wie MP3-Tauscher und Movie-Release-Gruppen.

Was passiert, wenn Gesetze missachtet werden und die Staatsgewalt mit anderen Problemen zu kämpfen hat, zeigt das Beispiel Russland: Ungehindert preisen Warez-Webseiten aktuelle Programme und PC-Spiele, brandneue Audio-CDs und Kinofilme an. PC Magazin hat einen Blick auf die russische Web-Warez- Szene geworfen, um zu zeigen, wie gleichgültig man dort mit Raubkopien umgeht. Das Fazit: In Sachen Urheberrecht ist Russland tatsächlich ein Entwicklungsland.

Der Osten liegt stark im Trend

Die russische Web-Warez-Szene befindet sich derzeit fest in chinesischer Hand. Seiten wie 997d, 9down und Wz222 versorgen Insider nach wie vor mit allen neuen Programmen. Diese Verschiebung nach Osten bedeutet aber nicht, dass es auf russischen Servern, und dazu zählen wir in diesem Beitrag alle ehemaligen Sowjetrepubliken, keine illegalen Inhalte gibt. Ganz im Gegenteil: In Sachen Cracks, Key-Generatoren und Patches ist Russland führend.

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Mit allen Mitteln versuchen Software-Hersteller, russische PC-Anwender zur Nutzung legaler Programme zu bewegen – bislang mit wenig Erfolg.

Und auch auf dem Gebiet von Anwendungen für mobile Endgeräte und Handys sind zahlreiche russische Hacker tätig. Eine aktuelle Studie der IIPA (International Intellectual Property Alliance, www.ii pa.com), einem Verband, dem unter anderem die Business Software Alliance (BSA) und die Recording Industry Association of America (RIAA) angehören, bestätigt dies. Dieser Studie zufolge (www.iipa.com/pdf/IIPA2007301 PRESSRELEASEFINALwithchart021107.pdf) sind China und Russland in Sachen Urheberrechtsverletzungen führend. Den der US-Wirtschaft im letzten Jahr durch russische Raubkopien entstandenen Schaden beziffert die IIPA auf rund 2,2 Milliarden US-Dollar.

Um zu ermitteln, wie leicht man an diese Inhalte gelangt, haben wir uns auf den einschlägig bekannten Servern umgesehen. Das Ergebnis ist erschreckend: Während die Strafverfolgungsbehörden in Europa mit aller Härte gegen Warez-Seiten und sogar Bit- Torrent-Linklisten vorgehen, scheint sich in Russland kein Mensch um illegale Angebote zu kümmern. Ganz gleich ob aktuelle Musikalben, gängige Software oder neue PC-Spiele – es dauert nur wenige Minuten, um urheberrechtlich geschützte Inhalte zu finden und herunterzuladen.

Und zwar nicht versteckt hinter einem Redirektor oder einer der Szene-üblichen Karibik- und Südsee-Top-Level-Domains. Nein, in Russland drehen sich die Uhren anders. Die Betreiber der führenden Warez-Webseiten halten es nicht einmal für nötig, ihre Identität zu verschleiern, wie Whois-Anfragen zeigen. Arthur Buludyan aus der georgischen Hauptstadt Tiflis steckt hinter Ruswarez.net, Alexander V. Chizhov ist der Name des Betreibers von WebSound.ru und Anatoliy B. Amelichev zeichnet für NoNaMe verantwortlich.

Das Prinzip AllofMP3

Bei der Kombination aus Russland und Urheberrechtsverletzungen dürfte fast allen Nutzern ein Gedanke durch den Kopf schießen: AllofMP3. Spätestens seit der Aufregung, die in ganz Europa um das scheinbar illegale Musik-Portal veranstaltet wurde, ist klar, dass Urheberrechtsverletzungen in Russland nicht ganz so konsequent verfolgt werden wie in westlichen Ländern. Dies ist aber wenig verwunderlich. Russische Staatsanwaltschaften haben schließlich auch so jede Menge zu tun, wie man fast täglich in den Tageszeitungen nachlesen kann.

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Das Musik-Portal AllofMP3 ist aus allen Verfahren als Sieger hervorgegangen und verkauft auch weiterhin Musik zu Schnäppchenpreisen.

Nicht einmal massiver Druck von Seiten mitteleuropäischer Behörden konnte die russische Jurisdiktion dazu bewegen, den Online-Musikhändler außer Verkehr zu ziehen. Die Folge: AllofMP3 ist nach wie vor im Geschäft und verkauft Songs und Alben, unter anderem die neue Scheibe von Herbert Grönemeyer, zu absoluten Schnäppchenpreisen. Dabei beruft sich der Anbieter immer noch auf einen Vertrag mit der Russian Multimedia and Internet Society, wie man den Allgemeinen Geschäftsbedingungen entnehmen kann (http://music.allofmp3.com/help /help.shtml?prm=legal). Wie die rechtliche Lage für Käufer aus Deutschland aussieht, ist nicht eindeutig geklärt. Nutzer dieses Services bewegen sich somit in einer rechtlichen Grauzone.

Keine zwei Meinungen gibt es jedoch zur rechtlichen Lage in Bezug auf Inhalte, die von anderen russischen Webseiten geladen werden. Ob Warez – und dazu zählen nicht nur Raubkopien von Software, sondern alle urheberrechtlich geschützte Inhalte – von einem russischen, chinesischen oder pakistanischen Server gezogen werden, spielt keine Rolle. Ausschlaggebend ist einzig und allein der Standort der Person, die die illegalen Inhalte geladen hat. Wer sich also aus Deutschland auf einen Streifzug durch die russische Warez-Szene aufmacht und dabei urheberrechtlich geschützte Inhalte auf seinen Rechner lädt, kann – auch wenn das im Ursprungsland straffrei ist – hierzulande sehr wohl rechtlich belangt werden.

Szene-Glossar: Nicht ohne Z

Wie bei jeder anderen Subkultur hat sich auch in der Warez-Szene im Laufe der Jahre ein eigenes Vokabular durchgesetzt. Dieses findet sowohl in NFO-Dateien, auf Web-Warez-Seiten und in Diskussionsforen Verwendung. Wir haben die wichtigsten Begriffe der Warez-Sprache übersetzt.

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  • 0-Dayz: Kleine, in den meisten Fällen über das Internet vertriebene Programme, die noch am Tag ihrer Veröffentlichung gecrackt und im Web zum Download angeboten werden. In den meisten Fällen handelt es sich um Anwendungen, von denen der Hersteller eine Shareware- oder Demo-Version zum Download bereitstellt. Der Szene- Ausdruck 0-Dayz (ausgesprochen Zero Days) steht dabei stellvertretend für die Tatsache, dass diese Raubkopien null Tage alt sind.
  • Appz: Oberbegriff für alle Anwendungen, die illegal im Internet zum Download angeboten werden. Appz ist die Abkürzung von Applications. Die Raubkopierer unterscheiden nicht zwischen den einzelnen Betriebssystemen, so dass alle Programme mit dem Label Appz versehen werden.
  • Crackz: Beschreibt kleine Zusatzprogramme, mit deren Hilfe sich die Schutzmechanismen von Software und PC-Spielen aushebeln lassen. In den meisten Fällen handelt es sich um eine von den Crackern modifizierte EXE-Datei, die nach der Installation des Programms die Original-EXE- Datei ersetzt.
  • E-Bookz: Bücher, die in digitaler Form vertrieben werden (Electronic Books), finden sich im Internet ebenfalls. In den meisten Fällen werden diese Raubkopien als PDF-Dateien angeboten, das CHM-Format ist ebenfalls beliebt. Liegen die Originale nicht in digitaler Form vor, werden die Seiten eingescannt oder abgetippt.
  • Gamez: Oberbegriff für Spiele. Dabei ist es egal, ob es sich um PC-Games, Konsolenspiele oder Titel für Handhelds wie das Nintendo DS handelt. Zur exakten Beschreibung der jeweiligen Raubkopie geben die Hacker noch an, ob es sich um eine Iso-Datei, einen Rip oder ein Rom handelt.
  • Isoz: Beschreibt 1:1-Kopien von Software und PC-Spielen. Diese Form der Raubkopien macht den Herstellern am meisten zu schaffen, da Isoz – im Gegensatz zu 0- Dayz und Ripz – oft zum gewerbsmäßigen Handel missbraucht werden.
  • Key-Generator: Diese Variante der unrechtmäßigen Freischaltung von Software ist unter Crackern sehr beliebt, da der Raubkopierer mithilfe eines Key Gens, so die Kurzform, eine auf seinem Namen basierende Seriennummer generieren kann.
  • Moviez: Alle im Internet zur Verfügung gestellten Kinofilme und DVD-Videos fallen unter das Label Moviez. Lediglich Fernsehmitschnitte, die im Internet landen, sind in der Szene als TV-Ripz bekannt.
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Zu jeder von einer Release-Gruppe veröffentlichen Raubkopie gehört eine NFO-Datei.

  • NFO: Raubkopierer, die illegale Inhalte unter die Leute bringen, sind auf Ruhm aus. Um sich selbst gebührend zu feiern und gleichzeitig Infos zu einer Raubkopie weiterzugeben, dienen NFODateien. NFO-Files können mit einem einfachen Datei- Editor gelesen werden.
  • No-CD: Nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit PC-Spielen zum Einsatz kommender Crack, der dem Kopierschutzmechanismus vorgaukelt, dass im Laufwerk die Original-CD/DVD eingelegt ist.
  • Patch: Mithilfe eines Patches lassen sich Dateien dahingehend modifizieren, dass ein eventueller Kopierschutz ausgehebelt wird. In den meisten Fällen stellen die Cracker Patches zur Verfügung, um EXE-Dateien zu manipulieren.
  • Ripz: Um die Dateigröße klein zu halten, sind Release-Gruppen vor Jahren auf die Idee gekommen, nicht zwingend benötigte Inhalte aus Software und Spielen zu entfernen. Diese Form der Raubkopien sind als Ripz bekannt. Heutzutage spielen solche abgespeckten Releases kaum mehr eine Rolle, da die zur Verfügung stehende Download- Bandbreite kein Problem darstellt.
  • Romz: Beschreibt Raubkopien von Spielen für die als Handhelds bezeichneten, portablen Spielekisten Nintendo DS, Play- Station Portable und Gameboy.
  • Serialz: Serialz sind nichts weiter als Seriennummern, mit deren Hilfe sich Shareware- Versionen und kommerzielle Produkte freischalten lassen.

Nicht ohne Übersetzungs-Tool

Um den Weg zu russischen Webseiten zu finden, bedienen sich Raubkopierer völlig legaler Suchmaschinen wie Google. Dort genügt es, den Suchbegriff "russische warez" einzutippen. Unter den rund 37 000 Hits finden sich zahlreiche Links auf Seiten, die die einschlägigen Anlaufstellen vorstellen. Die gleiche Suchanfrage auf englisch ("russian warez"), erhöht die Anzahl der Treffer auf mehr als 1,2 Millionen, darunter direkte Links auf Ruswarez.net, NoNaMe und WebSound.ru.

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Mit Unterstützung des Online-Services Babelfish lassen sich russische Webseiten ins Englische übersetzen.

Allerdings stellen nur die wenigsten Anbieter eine englischsprachige Version der Seite zur Verfügung und Deutsch wird in diesem Teil desWeb überhaupt nicht gesprochen. Raubkopierer nutzen deshalb Services wie Babelfish (http://babelfish.altavista.com/babel fish/tr). Mit diesem Online-Übersetzer lassen sich beliebige Webseiten in einer vom Benutzer ausgewählten Zielsprache anzeigen – Deutsch gehört nicht dazu, so dass Besucher russischer Webangebote zumindest über grundlegende Englischkenntnisse verfügen sollten. Die Vorgehensweise bei der Online-Übersetzung ist sehr einfach: Der Nutzer kopiert die URL der russischen Webseite, zum Beispiel Gerz.ru und fügt sie in das Feld "Übersetzen Sie eine Webseite" ein.

Anschließend wählt er aus dem Ausklappmenü das gewünschte Sprachpaar, in diesem Fall "Russisch ins Englische" und bestätigt mit einem Klick auf "Übersetzen". Nach einer kurzen Wartezeit, während der die Inhalte übersetzt werden, zeigt Babelfish die Webseite in "lesbarer" Form an. Praktischerweise übersetzt der Service auch alle von dieser Homepage aus angewählten Webseiten automatisch, wodurch "Besucher" der illegalen Warez-Seiten nicht jeden einzelnen Link kopieren und wieder in die Babelfish-Eingabemaske einfügen müssen.

Revival der File-Hoster

Nicht nötig ist dieser Umweg auf VPSite.ru. Die Betreiber dieser Seite stellen ihren Besuchern diesen Service standardmäßig zur Verfügung. Es genügt, auf der Startseite den in der linken Spalte untergebrachten Link "In English" anzuklicken, um die Seite von Babelfish übersetzen zu lassen. In diesem speziellen Fall ist das Übersetzen aber nicht zwingend nötig, da der Aufbau der Seite auch so klar ersichtlich ist. Nach einem Klick auf den Menüpunkt "Software" gelangt der Raubkopierer auf die Detailseite, auf der die angebotenen Programme vorgestelltwerden.

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Die meist bei einem File-Hoster wie Depositfiles gespeicherten Warez landen ziemlich schnell auf der Festplatte der Raubkopierer.

Zu den meisten Downloads gibt es ein Produkt- oder Bildschirmfoto, wodurch die illegalen Kopien gleichsam wie im Regal eines Selbstbedienungsladen, für jedermann erkennbar sind. Über einen Klick auf den unter der Beschreibung zu findenden Link ruft der Raubkopierer die Folgeseite auf – hier sind die Download-Links versteckt. In den meisten Fällen liegen die Dateien auf den Servern so genannter File-Hoster wie Rapidshare (www.rapidshare.com) und Depositfiles (www.depositfiles.com).

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Die Vorgehensweise ist bei beiden Services nahezu identisch: Hat der User einen Downloadlink angeklickt, landet er auf der Seite des entsprechenden File-Hosters. Hier sind zwei mit "Download" beschriftete Schaltflächen zu finden. Der linke Button ist für Mitglieder dieses Dienstes reserviert, über die rechte "Download"-Schaltfläche laden alle anderen User herunter. Abhängig von der Beliebtheit der Datei kann es in der Praxis durchaus vorkommen, dass der Service überlastet ist und der Download nicht startet. Erfahrene Warez-Sucher kommen in solchen Fällen einfach zu einem späteren Zeitpunkt wieder vorbei. Startet der Download, ist die Datei in den meisten Fällen zügig geladen. Die im Rahmen der Recherchen stichprobenartig heruntergeladenen Dateien landeten mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 150 kByte/s auf der Festplatte.

Eine kostenlose Registrierung ist lediglich bei Filefactory (www.filefactory.com) nötig, einem ebenfalls von vielen russischen Warez-Seiten als Web- Speicherplatz genutzten Service. Klickt der User auf den entsprechenden Downloadlink, öffnet sich automatisch die Filefactory-Seite. Im oberen Abschnitt werden Name und Beschreibung des Downloads angezeigt, weiter unten ist der Link "Download for free with FileFactory Basic" zu finden. Dieser Verweis führt zu einer weiteren Seite, auf der – aus Gründen der Verifizierung – ein vierstelliger Code eingegeben werden muss, bevor der Download mit einem Klick auf "Continue" gestartet werden kann.

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