Digitaler Maskenball

Das steckt hinter den Aktivisten von Anonymous

Grinsende Pappmasken ärgern Finanzdienstleister, Abgeordnete und sogar die Nato. Unter dem Label Anonymous attackieren Aktivisten das Böse nicht nur im Netz.

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Das steckt hinter Anonymous

Attentäter Guy Fawkes ist lange tot. Doch über 400 Jahre nach seinem versuchten Anschlag auf den englischen König Jakob I. am 5. November 1605 ist das Antlitz des katholischen Offiziers als grinsende Papp-Grimasse Markenzeichen eines weitläufigen, anarchischen Protestes geworden.

Unter dem Label Anonymous, verborgen hinter einer Guy-Fawkes-Maske aus der 1980er Comicserie V wie Vendetta, attackieren identitäts- und gesichtslose Nonames im Namen eines diffusen Freiheitsbegriffes Internetseiten - ob die von Visa, Mastercard, PayPal, der GEMA, der NPD oder die des CSU-Politikers Hans-Peter Uhl.

Andere demonstrieren ganz real auf der Straße gegen Scientology, Finanzmärkte und Bankenmacht. Genauso zeigten sich Anhänger von Anonymous solidarisch mit den Aufständischen des Arabischen Frühlings oder erklärten mal eben einem mexikanischen Drogenkartell und den Helfern der Drogenbarone den Krieg.

Ab und an stellen sie ferner erbeutete Daten ins Netz - beispielsweise veröffentlichte Anonymous Austria Adressen von rund 25.000 österreichischen Polizisten als Reaktion auf die Vorratsdatenspeicherung, wie österreichische Medien berichteten.Die WurzelnDer Ursprung der Anonymous-Idee liegt wohl in anonym nutzbaren Webforen wie dem Imageboard 4chan.org. Zur Kommunikationsplattform der Bewegung zählen genauso die Kanäle des Klassikers Internet Relay Chat (IRC). Hier entwickelt sich der Konsens darüber, was viele verärgert - frei nach dem Grundsatz "Lass uns die Websites der Internetfeinde aus dem Netz kicken".

Dafür werden Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) gefahren - das bedeutet das Fluten und Niederringen von Webseiten mithilfe einer großen Menge von Datenpaketen beziehungsweise Anfragen. Dafür muss niemand Hacker sein - denn es gibt zum Beispiel ein Tool dafür mit dem witzigen Namen Low Orbit Ion Cannon (LOIC).

Anonymous inszeniert sich als Gruppe, die sich dauernd im Wandel befindet. Die Hürde zum Mitmachen ist gering, die Zustimmung zur "gemeinsamen großen Sache" und ein paar Mausklicks genügen. Die Gemeinschaft findet sich auf Facebook sowie bei Twitter und verkündet ihre Botschaften in bedeutungsschwangeren Videos auf YouTube.

Zu Brüdern und Schwestern im Geiste wurden die Protagonisten von Occupy Wall Street erklärt, die ab 17. September 2011 nach einem Aufruf des konsumkritischen kanadischen Adbusters Magazine den Zuccotti Park in New Yorks Finanzdistrikt besetzten. Keine Hierarchien, keine Wortführer, keine zentrale Steuereinheit - dieser egalitäre Ansatz macht die inzwischen globale Occupy-Bewegung offenbar für Verfechter des Anonymous-Gedankens anziehend.

Den Zeitgeist getroffen

"Die mediale Wirkung von Anonymous ist durchaus machtvoll", beobachtet Dr. Stephan Humer, Forschungsleiter im Arbeitsbereich Internetsoziologie an der Universität der Künste Berlin. Nach dem Widerstand gegen Scientology im Jahr 2008 habe die Gruppe vor allem mit Blockade-Angriffen auf Mastercard und Visa als Reaktion auf die Sperrung von Wikileaks-Konten den Zeitgeist getroffen, aber ebenso mit der Unterstützung des Arabischen Frühlings.

In weiten Teilen der Bevölkerung sei aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise der Widerstandsgeist erwacht. Bei digitalen Aktivisten und Hackern wiederum sei die Wut gewachsen angesichts der Ignoranz von Politikern und Unternehmen gegenüber den Entwicklungen im Internet.

"Aktuelle gesellschaftliche Strömungen und Experimentierfreude technikaffiner Menschen trafen da zusammen", so Humer. "Technische Kompetenz - a la ich mach das, weil ich es kann - ist oftmals größer als die soziale Reflektionsfähigkeit. Solange dies weitgehend gesellschaftskompatibel läuft, gebilligt vom Kollektiv, geht alles gut." Als ein Noname zum Beispiel als Anonymous Facebook angreifen wollte, wurde er von der Community abgekanzelt. Schließlich zählt das soziale Netzwerk zu den Verständigungsplattformen der Truppe.

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Bei YouTube kursiert eine Vielzahl an selbstbewussten Anonymous-Videos.

Die Aktivisten seien jedoch keine Spinner, dies hätten ihre weltweit beachteten Attacken bewiesen, erklärt der Internetsoziologe. "Die Zahl der Mitstreiter ist dabei absolut zweitrangig. Die Konzentration auf die Sache und nicht auf charismatische Führer, die Gesichts-, Neid- und Hierarchielosigkeit, sind Basis dieses Phänomens."

Interessant sei, ob Anonymous dies durchhalte. "Menschen tendieren zu Hierarchien. Irgendwann muss es meist einen Vorsitzenden geben - dies belegt die Entwicklung von Parteien aus dem Protestspektrum. Ein Beispiel sind die Grünen." Mindestens 2012 werde aber mit Anonymous weiter zu rechnen sein: "Sie haben das Potenzial, zu einem allgemeinverbindlichen Synonym für den Widerstand durch Online-Aktivitäten zu werden."

Um größere Schäden anzurichten, fehle dem Anonymous-Fußvolk aber das technische Know-how, meint Technik- und Sicherheitsforscher Sandro Gaycken von der Freien Universität Berlin (siehe Interview). Die finanziellen Folgen von DDoS-Attacken seien überschaubar: "Selbst bei dem großen Angriff auf Estland 2007, der wie eine Staatskrise behandelt wurde, lag der Schaden im völlig erträglichen Bereich."

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