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Hintergrund: Film-Technik CGI: Computer-Effekte im Film

Die Zukunft des Kinos liegt im Computer – und den so genannten „Hybrid-Filmen“.

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© Hersteller/Archiv

Wer kennt noch das Gefühl, als Filme magisch waren? Als man sich nicht nur fragte "Wie haben die das nur hingekriegt?", sondern man nur noch mit offenem Mund das Spektakel auf der Leinwand betrachten konnte? Für viele kam dieser Moment in Steven Spielbergs Abenteuerfilm "Jurassic Park" (1993). Als sich der riesige Diplodocus nach dem höchsten Baumwipfel streckte, verschmolzen Realität und Fiktion.

Genauso aber gefror das Blut in den Adern, als der Tyrannosaurus Rex aus seinem Gehege ausbrach. Die Verwendung von Computereffekten, kurz CGI, erweiterte den Horizont des Kinos mit diesen Szenen schlagartig. Dabei hatten Computereffekte zu Zeiten von Jurassic Park eigentlich schon einen langen Weg hinter sich.

Der erste digitale Effekt der Welt: In „Westworld“ verzerrten Computer die Sicht des Revolverheld-Androiden, als er zum Schuss ansetzt.
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© Bild: xMetro-Goldwyn-Mayer
Der erste digitale Effekt der Welt: In „Westworld“ verzerrten Computer die Sicht des Revolverheld-Androiden, als er zum Schuss ansetzt.

Der erste Film, der CGI verwendete, weist zufälligerweise viele Parallelen mit dem Dino-Actionfilm auf: In "Westworld" (1973) geht es um einen Freizeitpark, der außer Kontrolle gerät, allerdings mit Robotern statt Dinosauriern. Westworld markiert das Debut von CGI im Film, als wir in einer Szene die Welt mit den Augen des Revolverheld-Androiden sehen. Dabei wurde ein computererzeugter Effekt über das Bild gelegt, der die Welt in blockförmigen Umrissen darstellt.

Das Land von Übermorgen

Bis dahin war es üblich, jedes einzelne Bild im Filmstreifen per Hand zu bemalen, wenn ein visueller Effekt nötig war. Doch mit "Westworld" änderte sich alles recht schnell. Nur drei Jahre später, in der Fortsetzung "Futureworld – Das Land von Übermorgen", sieht der Zuschauer die erste 3D-Computeranimation in Form eines CGI-Nachbaus von Peter Fondas Gesicht. Während der 1970er Jahre sind diese ersten digitalen Schritte Hollywoods besonders beeindruckend, schließlich waren Lochkarten verbreiteter als PCs.

Wenn CGI und Realität verschmelzen

1982 begann schließlich die CGI-Revolution – wenn auch zunächst im kleinen Maßsstab. In "Star Trek II – Der Zorn des Khan" kann eine futuristische Maschine jeden leblosen Planeten innerhalb von Minuten in einen grünen Garten Eden verwandeln. Dieser so genannte Genesis-Effekt ist die erste komplett computeranimierte Filmszene der Welt. Um die Planeten zu generieren, erzeugte die Effektabteilung Bergpanoramen per Bildkompression und entwickelte für die Feuereffekte der vulkanischen Landschaft ein eigenes System zum Rendern von Partikeleffekten.

Wie Magie mutet der Morph-Effekt in „Willow“ an. Der Lehrling verzaubert im Handumdrehen eine Schildkröte in einen Tiger.
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© Bild: Metro-Goldwyn-Mayer
Wie Magie mutet der Morph-Effekt in „Willow“ an. Der Lehrling verzaubert im Handumdrehen eine Schildkröte in einen Tiger.

Nur einen Monat später kam dann TRON in die Kinos und stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Die revolutionäre Idee: Hacker Flynn (Jeff Bridges) wird buchstäblich in ein Computerprogramm gesperrt und muss sich dort gegen Sicherheitskräfte von Master Control wehren. Dieses Programm, das von außen wohl nur einige Code-Zeilen umfasst, führt sich im Cyberspace wie ein böser Diktator auf, woraufhin Flynn sich aufmacht, es zu stürzen.

Nichts ist, wie es war

Eine glaubwürdigere Darstellung des Cyberspace auf der Leinwand hatte es bis dato nicht gegeben – und das zu einer Zeit, als der Begriff Cyberspace noch gar nicht existierte. Hinzu kam, dass Computer damals zwar statische Bilder erzeugen, aber nicht automatisch animieren konnten. Die gesamte 3D-Welt mitsamt der Computer-Panzer oder der berühmten Licht-Motorräder musste also Bild für Bild immer neu angeordnet werden.

Für eine Sekunde Film waren 150 dieser manuellen Einstellungen notwendig, die entsprechenden Koordinaten wurden dabei teilweise handschriftlich zwischen den Rechnern transportiert. Viel "analoge" Arbeit also, zumal die Schauspieler vor einer blanken Kulisse in Schwarzweiß gefilmt und dann per Hand mit dem Hintergrund sowie den leuchtenen Neonfarben der Computer-Welt per Rotoskopie zusammengefügt wurden.

Rotoskopie ist die nachträgliche Bemalung realen Filmmaterials, meist um die Bewegung der Charaktere möglichst authentisch wirken zu lassen. Bei der Oscar-Verleihung 1982 wurde TRON aber trotz der atemberaubenden Effekte bewusst übergangen, da die Jury meinte, Computer für Effekte zu verwenden sei "geschummelt".

Die vergessenen Helden

Während TRON seine Lorbeeren als Science-Fiction-Klassiker nachträglich eingefahren hat, sind die dann folgenden Meilensteine der CGI-Geschichte meist nur Kennern bekannt: In "Starfight" (1984) soll etwa ein Teenager aufgrund seines Geschicks mit Videospielen das Schicksal einer außerirdischen Rasse entscheiden.

Als erster Film seiner Art integrierte Starfight CGI-Erzeugnisse als Repräsentation tatsächlicher Raumschiffe in spannenden, dynamischen Verfolgungsjagden. In Filmen wie "2001: Odyssee im Weltall" (1968) und "Krieg der Sterne" (1977) behalf man sich da noch mit dem Bau von Miniaturen.

Gefangen im Computer: TRON revolutionierte die Filmwelt mit seinen CGI-Welten. © Bild: Disney
Gefangen im Computer: TRON revolutionierte die Filmwelt mit seinen CGI-Welten.

In Deutschland ebenfalls weniger bekannt ist "Young Sherlock Holmes" (1985), eine Abwandlung der Romane mit dem berühmten Detektiv als Jugendlichen, der eine ägyptische Sekte an der Ermordung britischer Geschäftsleute hindert. In einer etwa 30-sekündigen Szene sieht das Publikum den ersten computeranimierten Charakter – in Form eines magischen Ritters, der sich aus Glasscherben zusammensetzt. Die gleiche Technik wurde später in "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" (1988) eingesetzt.

Vergleichsweise einfach und dennoch verblüffend ist die Technik des Morphens. Damit ist die scheinbare Verwandlung eines Objekts in ein völlig anderes gemeint. 1988 sah man dies im Abenteuerfilm "Willow" in vollem Umfang. Ein Zauberlehrling tut sich mit einem Schwertkämpfer zusammen, um eine alte Prophezeihung zu erfüllen und die böse Magierin zu stürzen.

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Diese hat die Fähigkeit, Menschen in Tiere zu verwandeln und deren Form nach Belieben zu verändern. Der Übergangseffekt wird an bestimmten Fixpunkten festgemacht (Augen, Hände oder Füße morphen in die gleiche Richtung), damit die Szene realistischer wirkt. Dieser Effekt verlieh auch in "Terminator 2 – Tag der Abrechnung" dem T-1000-Roboter die Fähigkeit, seine Form zu verändern.

Mensch als Blaupause

Andy Serkis, Routinier des Motion Capturing, haucht dem Schimpansen Cäsar in „Planet der Affen: Prevolution“ (2011) Leben ein. © Bild: 20th Century Fox
Andy Serkis, Routinier des Motion Capturing, haucht dem Schimpansen Cäsar in „Planet der Affen: Prevolution“ (2011) Leben ein.

Apropos Arnold Schwarzenegger: In dessen Scifi-Actionfilm "Total Recall – Die totale Erinnerung" (1990) wird zum ersten Mal die heute unentbehrliche Technik des Motion Capturing (Mo-Cap) verwendet. Als Douglas Quaid versucht Schwarzenegger, auf dem Mars eine Verschwörung aufzudecken und muss im Raumflughafen eine Art Röntgen-Gang durchqueren, der Menschen von außen als Skelette darstellt. Um durch Motion Capturing diese natürlichen Bewegungen einzufangen, ziehen Schauspieler einen Anzug mit Sensoren am gesamten Körper an.

Diese registrieren jede Bewegung und geben die Daten an einen Computer weiter, auf deren Grundlage die tatsächliche Figur im Film animiert wird. Diese Technik ist aus der Produktion moderner Blockbuster und auch vor allem aus der Videospiel-Industie gar nicht mehr wegzudenken. Zur Perfektion haben vor allem die beiden letzten Teile der "Herr der Ringe"-Trilogie die technik gebracht: "Die zwei Türme" (2002) und "Die Rückkehr des Königs" (2003). Die Kreatur Gollum wirkt hier völlig lebensecht, doch auch hier verzichtete die Oscar-Jury auf eine Würdigung dieser Leistung.

Mit Schauspielern in digital veränderten Welten wie TRON holte man Anfang der 1990er Jahre niemand mehr hinter dem Ofen hervor. Doch als Tom Hanks in "Forrest Gump" (1994) zusammen mit John F. Kennedy auf der Leinwand zu sehen war, staunte die Welt.

Der erste Film mit dieser Technik ist aber "In the Line of Fire – Die zweite Chance" (1993) mit Clint Eastwood als alternden Geheimdienstler, der den US-Präsidenten vor einem Anschlag schützt. In einer Rückblenden-Sequenz sieht der Zuschauer leicht veränderte Aufnahmen eines jungen Eastwood aus dessen "Dirty Harry"-Filmen. Diese Bilder baute die Effekt-Abteilung sodann nahtlos in Archivaufnahmen des Kennedy-Attentats ein.

Zeitalter der Bombastik

Im Gegensatz dazu sind die Computereffekte in Jurassic Park ganz und gar nicht auf Subtilität ausgelegt. Das Dinosaurier-Spektakel mit seinen vielen einfallsreichen Effektideen war bahnbrechend für eine neue Klasse von Blockbustern. Nun war klar, dass Computereffekte eine ernstzunehmende Angelegenheit sind. Animierte Figuren können seitdem sogar eine tragende Rolle spielen. Ganz zu schweigen vom kommerziellen Erfolg, den die "Computerhelden" mit sich bringen. Es dauerte nicht lange, bis Filmstudios mit der Anzahl ihrer verwendeten Computer-Effekte pro Film warben.

Kaum wieder zu erkennen: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ zeigt Brad Pitt im Körper eines greisen Teenagers.
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© Bild: Warner Bros.
Kaum wieder zu erkennen: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ zeigt Brad Pitt im Körper eines greisen Teenagers.

Aufgrund dessen erlebten wir in den letzten zwanzig Jahren eine regelrechte Flut actiongeladener CGI-Spektakel in der Industrie. In letzter Zeit wurden CGI-Effekte jedoch immer mehr dafür eingesetzt, Kosten zu sparen, da traditionelle Effekte wie Pyrotechnik, Make-Up oder Miniaturen mittlerweile teurer und aufwändiger als die computeriersierten Varianten sind – die anfangs übrigens viel teuerer als "echte" Effekte waren.

Und dann gibt es noch die Effekt-Blockbuster, die ganz auf den Computer setzen. Berüchtigte Beispiele dieses "CGI-Missbrauchs" sind etwa die neuen Star-Wars-Filme (2001 – 2005), Hulk (2003), die Transformers-Serie (2007 – 2012) und viele mehr. Diese stehen in der Kritik, ihre Effekte im Exzess zu verwenden, während das Ergebnis auf der Leinwand dennoch all zukünstlich wirkt.

Als Spielzeuge das Laufen lernten

Ähnlich bedeutende und folgenschwere Auswirkungen hatte "Toy Story" (1995): der erste Kinofilm, der hundertprozentig computeranimiert wurde. Die Fabel um Spielzeugfiguren im Kinderzimmer, die immer dann zum Leben erwachen, wenn keiner hinsieht, war das Sprungbrett für den Erfolg der Animationsfirma Pixar, die sich auf diese völlig neue Art von Kinderfilm spezialisierte. Diese Entwicklung gipfelte in der Schließung von Disneys Zeichnerabteilung 2004 zu Gunsten eines CGI-Bereichs; traditionell animierte Zeichentrickfilme sind seitdem zur Seltenheit geworden.

Auf der letzten Station dieser Zeitreise durch die CGI-Geschichte wartet ein Film, der seine bahnbrechenden Effekte möglichst unauffällig zur Schau stellt: "Der seltsame Fall des Benjamin Button" (2008) nach der fantastisch-skurrilen Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald. Brad Pitt spielt darin einen Jungen, dessen Körper schon bei der Geburt aussieht, als wäre er 80 Jahre alt. Als Ausgestoßener findet er Zuflucht in einem Waisenhaus, doch je älter er wird, desto jünger sieht er aus.

Diese emotionale Reise durch die Nachkriegsgeschichte Amerikas zeigte uns noch nie dagewesene CGI: Brad Pitts Gesicht wurde während des Films auf viele verschiedene Motion-Capture-Körper modelliert. Allerdings nicht als simple Textur, sondern mit Hilfe der Software "Contour", die Gesichter und deren Bewegungen im dreidimensionalen Raum nachverfolgt. Auf diese Weise ist es möglich, einem 46-jährigen Schauspieler dabei zuzusehen, wie er einen gebrechlichen, an Arthritis leidenden 16-Jährigen spielt.

Gleichzeitig ist dies so effektiv gelöst, dass niemand den Effekt hinterfragt. Verschwimmende Grenzen Dieser moderne, nahtlose Übergang von Computereffekten zu Realaufnahmen ist es, der heutige Filme erneut wie Magie erscheinen lässt – ganz wie zu Anfang dieser Entwicklung, als Computereffekte noch "Ohs" und "Ahs" auslösten. Gut gemachte CGI-Effkete sind als solche nicht mehr auszumachen – auch nicht, welcher Darsteller im Film seine Szene "real" gedreht hat und wer nicht.

"Hybrid-Filme" nennt James Cameron, Regisseur von "Avatar" (2009), diese Entwicklung. Als Verschmelzung aller bisheriger Techniken wären Hybrid-Filme die logische Konsequenz. Ob diese teuren Produktionen aber Erfolg haben, entscheiden Sie – an der Kinokasse.

 
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