Rennmaschinen für Filmemacher

Apple Final Cut Pro Express gegen Canopus Edius Neo

Schluss mit Ruckeln: Wer eine AVCHD-Kamera verwendet, will seine Filme flüssig bearbeiten. Für den kleinen Geldbeutel bieten sich dazu die kleineren Brüder zweier Profi-Boliden an, die unter Windows und Mac OS für Furore sorgen.

Apple Final Cut Pro Express gegen Canopus Edius Neo

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Apple Final Cut Pro Express gegen Canopus Edius Neo

Spannende Zeiten für anspruchsvolle Filmemacher: Für ein Fünftel des Preises von Premiere Pro bieten sich auf dem Mac wie auf dem PC zwei Programme an, die mit dem stark komprimierenden AVCHD-Format umgehen können: Apple Final Cut Express 4.0 und Canopus Edius Neo 1.01. Express läuft unter Mac OS, Neo nur unter Windows. Beide Programme werben mit Performance satt, hoher Funktionalität und lassen sich dennoch schnell erlernen.

Videoschnitt: Farbkorrektur in Final Cut Express

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Farbenspiel: Farbkorrektur von Express lässt anspruchsvolle Eingriffe zu.

Theoretisch unterstützen zwar eine ganze Reihe von Videoschnitt-Lösungen das AVCHD-Format, das sich immer mehr durchsetzt: Dazu zählen die Consumer-Programme Ulead VideoStudio, Pinnacle Studio oder Sony Vegas. Doch Spaß macht es nicht, damit AVCHD-Filme zu bearbeiten: Die Clips lassen sich bearbeiten, doch nach der Ablage in der Timeline spielen die meisten Schnittprogramme AVCHD-Filme nicht mehr flüssig ab, erst recht nicht mit mehreren Spuren und Effekten.

Mit Neo wie mit Final Cut Express ist dagegen selbst auf schwachen Maschinen flotter AVCHD-Schnitt möglich. Final Cut erkennt zwar den AVCHD-Stream nicht, importiert das Material aber vom Videorekorder mühelos über Loggen und Aufnehmen und wandelt es in ein Intermediate-Format.

Um AVCHDs mit Neo zu bearbeiten, empfiehlt es sich, den von Canopus kostenlos auf der Webseite bereitgestellten AVCHD2AVI-Konverter einzusetzen, der die komprimierten Daten in den HQ-AVI-Codec von Canopus wandelt. Das dauert zwar etwas und die Datenmenge vervielfacht sich, dann ist jedoch tatsächlich Echtzeit-Bearbeitung mit allen Filtern möglich.

Der Express-Abkömmling gleicht dem Pro-Bruder oberflächlich wie ein Apfel dem anderen - auch Edius Neo sieht exakt so aus wie die professionellere Edius-Variante.

Gestutzte Medienverwaltung

Videoschnitt: Final Cut Express

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Mächtig: Final Cut Express richtet sich an Könner - und die, die es werden wollen.

Bei der Medienverwaltung und den Ausgabe-Optionen haben Apple wie Canopus gegenüber ihren größeren Programm-Brüdern den Rotstift angesetzt: Final Cut Express fehlt der Medienmanager von Pro, der fertige Projekte wahlweise nur mit den verwendeten Clips an einem neuen Speicherort sichert und nicht verwendetes Quellmaterial löscht.

Auch Neo hat im Gegensatz zu Pro keine derartige Option. Neo fehlen zudem die mannigfaltigen Ausgabe-Optionen von Procoder Express, den Pro mitliefert. Dafür unterstützen Express wie Neo sogar ausgefallene Im- und Exportformate, Neo kann jedoch keine QuickTime-Filme schreiben.

Mächtige Schnitt-Werkzeuge

Videoschnitt: Farbkorrektur in Final Cut Express

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Farbenspiel: Farbkorrektur von Express lässt anspruchsvolle Eingriffe zu.

Bei den Schnittfunktionen fehlen beiden Testkandidaten die Multicam-Unterstützung. Dennoch sind die Werkzeugpaletten gut gefüllt - mehrere Sequenzen pro Timeline sind wie Optionen, alle Clips links vom Slider per Tastenkürzel auf einmal zu markieren, Standard.

Bei den Nachbearbeitungs-Möglichkeiten bieten die Preisbrecher eine Menge fürs Geld. Doch vor allem Final Cut Express fehlen wertvolle Filter der Pro-Variante - darunter mit der 3-Wege-Farbkorrektur leider auch grundlegende. Wer sich bisher mit iMovie gequält hat, kann damit erzeugte Projekte mühelos importieren und weiterverarbeiten. Eine ausgefeilte Bildstabilisierung würde Final Cut Pro Express aufwerten, für Edius ist ein Zusatzprogramm wie Mercalli Expert in beiden Varianten ratsam, mit dem wir gute Erfahrungen gemacht haben. Es ist nur nicht ganz billig: über 100 Euro.

Bildergalerie

Videoschnitt: Farbkorrektur in Final Cut Express
Galerie
Software:Audio, Video, Foto

Farbenspiel: Farbkorrektur von Express lässt anspruchsvolle Eingriffe zu.

Bedienung und Performance

Neo bietet voreingestellt eine angenehm dunkle Oberfläche mit klaren Symbolen. Sie lässt sich leicht und intuitiv anpassen, auf Wunsch lassen sich sogar die Tastaturkürzel anderer Programme übernehmen - praktisch für Anwender, die sich bereits an ein anderes Programm gewöhnt haben und/oder spezielle Tastaturen verwenden.

Neo wirkt aufgeräumt, die Bedienung fällt nach - gemessen am Funktionsumfang - kurzer Einarbeitungszeit leicht. Unbedingt empfehlenswert ist jedoch der Einsatz von mehreren Monitoren, da sonst bei vielen offenen Paletten der Überblick bei größeren Projekten schnell verloren geht. Hier hilft dann die Option, die Voreinstellung wieder herzustellen.

Videoschnitt: Effiektfilter in Edius Neo

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Effektvoll: Für den Effektfilter Blinds gibt es anpassbare Presets - einige der Filtermenüs wurden jedoch nicht übersetzt.

Etwas ärgerlich ist, dass trotz eingestellter deutscher Programmoberfläche einzelne Untermenüs in Englisch erscheinen. Die Rückmeldungen des Programms an den Anwender könnten besser sein. So ist die integrierte, für den Heimgebrauch völlig ausreichende, DVD-Ausgabe lediglich ausgegraut, wenn in der Timeline Dateien mit der falschen Fieldorder liegen. Um leichter nach Ton schneiden zu können, empfiehlt es sich, für die Wellenform des Tons die Option Linear zu wählen. Zeit spart die Option, eine Standardüberblendung in einen Übergang einzufügen.

Express eignet sich eher als Neo für die Arbeit an einem einzelnen Monitor. Um AVCHD-Filme zu verarbeiten, setzt Apple einen Intel-Prozessor voraus. Empfehlenswert, aber nicht zwingend erforderlich, ist eine schnelle Grafikkarte. Verwenden Sie eine weniger leistungsfähige, verringert Final Cut die Darstellungsqualität. Auch mit Express lässt sich sehr schön und schnell arbeiten. Die Oberfläche wirkt im Vergleich zu Media Composer oder Neo etwas altbacken, die Timeline verschwendet im linken Bereich Platz.

Videoschnitt: Edius Neo

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Misch-Meister: HDV- und DV-Clips lassen sich mühelos mischen. Nur für Überblendungen muss der Clip neu berechnet werden.

Durch den klaren Programmaufbau, der jedoch nur innerhalb einzelner Module aufgabenorientiert ist, gelingt die Einarbeitung rasch. Praktisch: Beim Verschieben eines Fensters passen sich die übrigen offenen Fenster automatisch an. Express lässt sich wie Neo bereits mit geringen Vorkenntnissen in kurzer Zeit einsetzen.

Wie Neo kann auch Express Videomaterial aus unterschiedlichen Quellen und in unterschiedlichen Formaten in einer Timeline bearbeiten - etwa AVCHD-Filme mit HDV und DV mischen. Beim Bearbeiten sollte die Hintergrund-Berechnung ausgeschaltet sein. Dann erfolgt die Bearbeitung wie bei Neo praktisch immer in Echtzeit, sogar bei ausgefallenen Filtern und hoch auflösendem Filmmaterial. Lediglich bei der Ausgabe genehmigt sich Express (stark abhängig von den eingesetzten Filtern und dem Ausgabeformat) teilweise deutlich mehr Zeit als Neo.

Service-Angebot

Ausgedruckte Shortcuts oder Tastaturaufkleber sind bei beiden Anbietern Fehlanzeige. Umgekehrt bieten sie viele Video-Tutorials, betreute Online-Foren und verzichten auf nervige Kopierschutz-Maßnahmen a la Dongle oder Zwangsregistrierung. Apple punktet durch ein umfassendes Ausbildungskonzept mit zertifizierten Schulungszentren, das Canopus erst aufbauen will. Die mitgelieferte Dokumentation von Apple ist fundiert, ausführlich und umfassend, leider fehlen gedruckte Handbücher.

Enthalten im Lieferumfang sind Beispiele einschließlich Vorlagen und LiveType 2.1 für Textanimationen: Über 200 anpassbare Texteffekte liegen vor, über FontMaker lassen sich eigene Schriften erzeugen. Umgekehrt bietet Canopus auch einen E-Mail-Support und schickt ein ausführliches Referenz-Handbuch auf Anforderung kostenlos zu.

Fazit

Apple glänzt mit mächtigen Schnitt- und Nachbearbeitungs-Optionen. Schade, dass einige grundlegende Optionen der Pro-Version fehlen.

Kriterien Apple Final Cut Express 4.0 Canopus Edius Neo 1.01
Preis ca. 200 Euro ca. 200 Euro
Info www.apple.de www.canopus.de
Betriebssystem Mac OS X ab 10.4.10 Windows XP SP2/Vista
Datenübernahme
720P 50/AVCHD-Import ja/ja (nicht Stream) ja/ja
Blu-ray/DVD-Brennen von der Timeline nein/nein (Verweis auf iDVD) nein/ja (Absturz)
Projekte komplett sichern (Arbeitsdatei + verwendete Clips/Daten) in Ordner speichern nein (FCP: Medienmanager) nein
Export in frei wählbarem Ausgabeformat (auch 4K) ja (Fehlermeldung zu wenig RAM) nein (nur Voreinstellung)
Schnittfunktionen/Nachbearbeitung
Übernahme mehrere markierter Clips in die Timeline in fester Reihenfolge/Quellenfenster in Textform + Thumbnail in einer Einstellung nein/ja nein/ja
Kombinierbare Suchkriterien/Drehbuch ja (A+F)/ja ja/ja
In- und Outpoints vorgeschnittener Quellen übernehmen/Filmschnipselsuche ja/nein ja/nein
Clipmarkierung links vom Slider in der Zeitleiste per Tastaturkürzel/Trimmfensternavigation wahlweise mit 1 und 10 Frames ja (eigenes Werkzeug)/ja ja/ja
Bildstabilisierer, einstellbar/Referenzbildabgleich nein/nein nein/nein
Entrauschen Video/Ton (Störtöne farbig) ja/ja ja (Median Filter)/ja
Bedienung/Performance
Arbeitsumgebungen speicherbar? ja ja
HD-Vorschau bei 100 Prozent ruckelfrei? ja ja (Ruckeln bei AVCHD)
Verzögerungsfrei: Standardaufgaben, Vorschau von Effekten/Blenden ja ja
Quellenübernahme ohne Umkodieren oder Berechnen der Waveform (etwa von AVIs) ja (bei Voreinstellung) ja
Flüssiges Bearbeiten von AVCHD/HDV-Material/Ausgabe unkomprimiertes AVI in 1440 x 1080 schneller Echtzeit ja/nein (abh. u.a. von Filtern) ja/ja
Service & Support
Video-Tutorials auf Datenträger ja ja
E-Mail-Support/Betreutes Online-Forum nein/ja ja/ja
Kopierschutz nein nein

Neo ist ein sehr schnelles Programm für Anwender, die unter Windows etwas Zeit investieren wollen, um dann umso fixer tolle Projekte umzusetzen. Beide Programme sind aufgrund des überragenden Preis-/Leistungsverhältnisses die erste Wahl für anspruchsvolle Heimanwender. Sie liegen zwar eine ganze Klasse unter ihren größeren Brüdern - schlagen jedoch beide sogar Premiere Pro CS3, das fünfmal so viel kostet.

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