Vorsicht!

Abzocke bei Gratis-Browser-Spielen

Kostenlose Browser-Spiele, die trotzdem Millionen Euro an Umsatz generieren? Wie kann das sein? Ein ehemaliger Marketing-Mitarbeiter einer Browser-Spiele-Firma packt aus!

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© Hersteller/Archiv

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Kurze Zeit nachdem ich einen Job in der Marketing- und Presseabteilung einer Browsergames-Firma angenommen habe, werde ich ins Chefbüro gerufen. Die Ansage: "Wir verkaufen Spaß. Du musst lustiger klingen." Nur: Wie geht das, bei Spielen, die objektiv keinen Spaß machen? Das Portfolio des Unternehmens habe ich schnell durchprobiert. Es sind Spiele im Stil von Farmville. Die Spielmechanik ist im Kern bei allen Titeln die gleiche: Dinge anklicken und warten, dafür bekommt man Währungseinheiten, von denen man sich neue Dinge kaufen kann.

Um bei den Leuten Erwartungen zu schüren, führen meine Kollegen und ich ein seltsames Schauspiel auf. Wir sind Clowns, die ein breites Grinsen aufsetzen, um der Langeweile ein nettes Gesicht zu verpassen. Jede Kleinigkeit ist uns eine euphorische Meldung wert. Dass dabei die Masse über die Qualität geht, wird mir nur zwischen den Zeilen vermittelt. Das ungeschönt zuzugeben, verbietet wohl der Firmenstolz.

Die Wahrheit zu sagen, ist verboten

Wir haben ein Repertoire an Werbelügen. Die wichtigste ist, dass die Spiele kostenlos seien. Überhaupt die Möglichkeit von Ingame- Käufen zu erwähnen, ist uns verboten. Doch jeden Monat, wenn die Kunden neues Geld haben und es nicht wieder für die gleiche Sache ausgeben wollen, wechseln die käuflichen Gegenstände (engl. "Items"). Wir sollen sie ankündigen und das wiederum führt zu einer eigenartigen Neusprech-Politik.

Was unsere Kunden "Echtgeld" nennen, heißt bei uns "Premiumwährung". Mit ihr lassen sich Abkürzungen im Klicken-Warten-Zyklus kaufen. Wir erwähnen nicht, dass einige Items nur gegen Premiumwährung erhältlich sind. Denn wenn wir das verschweigen, merken die Leute es erst, wenn sie das Bild im Shop vor sich haben. Das ist der Punkt, an dem sie oft nicht mehr über den Kauf nachdenken, also bringen sie mehr Umsatz.

Über die Jahre geben Einzelne so vierstellige Beträge aus. Dinge, die es nur gibt, wenn die User ihr Konto mit Premiumwährung zu einem bestimmten Betrag aufladen, nennen wir Geschenke. So veröffentlichen wir Pressemeldungen, in denen es fast ausschließlich darum geht, dem Unternehmen Geld zukommen zu lassen, die aber klingen, als würden wir wie beim Karneval mit Süßigkeiten um uns werfen.

Totalverlust bei Spielende

Ein weiteres Mantra, das wir versuchen den Menschen einzubläuen, ist, dass sie im Besitz der Spielinhalte wären. Es ist dein Bauernhof, dein Zoo, deine Stadt und so weiter. Tatsächlich liegen die Spiele auf den Servern der Firma, ihre Spieler sind im wörtlichen Sinn nur User, Benutzer.

Das merken sie aber in der Regel erst, wenn ein Spiel eingestellt wird, weil die Betriebskosten den generierten Umsatz übersteigen, und alles, was aufgebaut wurde, weg ist. So laut wir sonst jede Neuigkeit hinausposaunen, vom Ende eines Spiels sprechen wir nicht. Die Kunden sollen denken, dass es immer weiter geht. Neue Dinge entdecken zu können, ist auch eine wichtige Motivation für sie. Erfolgreiche Titel bekommen daher Updates, schwache werden kaum weiterentwickelt.

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Das Gamedesign der Spiele ist ganz auf Kommerz ausgelegt.

Alles auf Kommerz getrimmt

Unsere Werbung im TV zeigt kein einziges Bild aus den Spielen. Sie sind nicht telegen. Stattdessen spielen die 3D-Animationen der Spots Fantasien vor, nette Charaktere, die bei den Kunden Sympathie wecken sollen. Die Grafik der Spiele ist weit von diesem Spektakel entfernt. Das Gamedesign ist ganz auf den kommerziellen Gedanken ausgelegt.

Jedem Entwicklerteam ist klar, dass der finanzielle Erfolg das vorrangige Kriterium ist, nach dem es gemessen wird. Den Entwicklern wird nahegelegt, saisonale Aktionen in den Spielen zu starten, um Ressourcen von den Spielern abzuziehen. Denn das hat sich bewährt. Neue Spielmechaniken sind nicht gefragt. Einige Titel, die versucht hatten, den engen Rahmen mit kleinen Minispielen aufzulockern, waren finanzielle Flops.

Die Spieler werden überwacht

Da die Browsergames über die Firmenserver laufen, sind die Spieler gläsern. Die Daten sind als Abbild der Masse wichtig. So wird ständig probiert und optimiert. Welche Startseite bringt mehr Leute dazu, sich anzumelden? Welche Items sind beliebt? Welche Bezahlmöglichkeiten erfolgreich?

Bei Millionen Nutzern werden kleine statistische Unterschiede zu großen beim Umsatz. Zwischen fünf und zehn Prozent der aktiven Nutzer zahlen. Die Designer betreiben experimentelle Psychologie zur Gewinnmaximierung. Es darf nicht zu früh notwendig werden zu bezahlen, sonst springen die Kunden ab. Je länger man sich mit einer Sache beschäftigt, desto schwieriger wird es, sich von ihr zu trennen. Doch wenn zu wenig Druck auf die Spieler ausgeübt wird, entgeht der Firma Umsatz.

Gefällige Berichterstattung

Ich bin mit dem Image der Firma beschäftigt. Die Kollegen am Tisch nebenan kaufen Spieler ein. Das nennen sie wirklich so. Sie versuchen, möglichst viele Affiliate-Verträge auszuhandeln, die andere am Umsatz beteiligen. Das verspricht hohe Streuung mit wenig Geldeinsatz. Es bringt uns viele Blogs und Portale, die gefällige Berichterstattung liefern.

Sie paraphrasieren jede kleine Pressemeldung. Im Text steckt ein Partnerlink mit besonderem Referrer, der die Kunden, die von dieser Seite kommen, identifizierbar macht. Auch die etablierten Medien verdienen so mit. Die privaten TV-Sender besitzen alle entsprechende Spieleseiten, auch Zeitungen machen mit. Was redaktionelle Empfehlungen sind und was Geschäft ist, ist für Laien kaum unterscheidbar.

Verträge mit den Portalen kommen meistens zustande, indem die Kollegen diese ansprechen und ihnen Vorteile aufzählen: Mit kaum Arbeit, nur ein paar Links, sollen sie teilhaben am Wunder, mit kostenlosen Spielen reich zu werden. Websites, die die Spiele von sich aus verlinken, werden kontaktiert. Mit der Beteiligung sollen sie dazu gebracht werden, uns prominenter zu bewerben. Die Geschäftsführung weiß, wie leicht die Spiele zu kopieren sind und ist daher entsprechend paranoid. Der Konkurrenzdruck macht Suchmaschinenoptimierung enorm wichtig.

4 Tipps um unfaire Browsergames zu erkennen

  • Auffällige Werbung für Gratisspiele Kostenlose Spiele, die im Fernsehen und auf Internetseiten groß beworben werden? Wären die Spiele wirklich gratis, würde sich die Investition in Werbung für die Hersteller nie lohnen.
  • Richtig Haushalten Kennen Sie Ihr Limit? Rechnen Sie nach! Kleine Beträge können sich schnell summieren. Überlegen Sie, was Ihnen das Spiel wert ist. Vermeiden Sie Impulskäufe und vergleichen Sie Preise. Ältere normale Spiele kosten oft unter zehn Euro - ein Betrag, den manche jeden Monat für ein "kostenloses" Browsergame ausgeben.
  • Premiumwährung: versteckte Kosten Gibt es neben erspielbarer Währung eine "Premiumwährung"? Wenn Sie sich durch diese echte Vorteile erkaufen können, ist es wahrscheinlich, dass das Spiel irgendwann ohne Geldeinsatz kaum noch spielbar ist.
  • Zuvor Informationen einholen Lesen Sie die AGB, um sich über das Geschäftsmodell und Ihre Rechte zu informieren. Googeln Sie nach Meinungen zum Spiel, aber verlassen Sie sich nicht auf Blogs, die die Spiele bewerben oder die Foren der Hersteller. Ein Stichwort für unfaire Spiele ist "Pay2win".

Idioten, die gemolken werden

Intern herrscht ein zynischer Ton. Die Meinung dominiert, dass die Kunden ein Haufen Idioten sind, die nur darauf warten, gemolken zu werden. Sind sie wirklich nur doof? Ich möchte wissen, mit was für Leuten ich es zu tun habe. An den Supportanfragen gemessen, sind viele technisch und im Umgang mit dem Internet unbedarft. Hin und wieder kommt es vor, dass ein Kunde nicht erkennt, dass er sich nicht an ein offenes Forum, sondern eine Unternehmensseite wendet, und fragt uns nach Cheatprogrammen.

Nach unseren Statistiken liegt das Alter relativ hoch, viele sind zwischen 40 und 60 Jahren. Aber auch Kinder spielen, obwohl die AGB sie ausschließen. Das Alter wird aber nicht geprüft. Einige Spiele haben extra niedliche Cartoongrafik und sind noch einfacher als andere, sprechen also Kinder gezielt an. Wie das Geld ankommt, ob die Eltern für ihre Kinder bezahlen oder die mal eben mit Papas Handy per SMS Geld überweisen, interessiert uns nicht. Im Gegenteil: Wir belohnen Leute, die Videos unserer Spiele auf YouTube stellen, mit ein paar Einheiten Premiumwährung, auch wenn sie eindeutig Kinderstimmen haben.

Mein gesamter Bekanntenkreis hält die Spiele zu Recht für Abzocke. In den Userforen gibt es Fairness-Diskussionen. Ein Teil der Leute jammert, dass die Spiele immer teurer werden, ein anderer verteidigt die Firma. Auch sie müsste ja von etwas leben. Sie scheinen keine Ahnung zu haben, dass Millionenumsätze gemacht werden und der Gewinn die oberste Priorität vor allen anderen Überlegungen zum Spiel haben. Unsere offizielle Antwort lautet immer gleich: Niemand sei gezwungen, Geld auszugeben. Die Kunden schätzen auch den langsamen Rhythmus der Spiele.

Doch ein Titel verlangt relativ viel Aufmerksamkeit. Es hagelt Beschwerden: Das Spiel mache die Leute inkompatibel zum Arbeitsalltag. Sie fühlen sich abgehängt, weil sie nun abends, statt zu fernsehen, sich durch ihre virtuellen Farmen klicken. Ich würde den Leuten gerne sagen, dass es bessere Spiele gibt. Dass viele von ihnen wirklich kostenlos sind oder dass es für einmalig ein paar Euro alte Spiele gibt, die ein ähnliches Spielerlebnis bieten. Ob sie das wissen wollen? Selbst wenn, ich dürfte es ihnen nicht verraten, denn das würde dem Geschäft schaden.

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