Handy-Hersteller Xiaomi im Porträt

Das Gegen-Apple

Derzeit scheint die Smartphone-Welt nur aus Apple und Samsung zu bestehen. Doch aus China kommt Xiaomi: Ein Handy-Hersteller, der ganz anders agiert als die Konkurrenz. Denn bei ihm sorgen die Nutzer für die Weiterentwicklung des Betriebssystems.

Xiaomi MIUI

© Claudia Wanner

Xiaomi MIUI

Yang Zhilin ist mit ganzem Herzen bei der Sache. >>Wenn ich nicht in Urlaub bin, mache ich jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag bei den internen Tests mit, seit eineinhalb Jahren<<, schwärmt der 32-Jährige. Seine große Passion: MIUI (gesprochen "mi ju ei"), die Smartphone-Oberfläche des jungen chinesischen Smartphone-Unternehmens Xiaomi (sprich Schiaumi).

>>Ich liebe es, mit Systemen zu spielen, das ist eine Form der Entspannung für mich. Und einen Fehler zu finden, ist immer wieder eine aufregende Sache<<, betont Yang, der sein Geld als Führungskraft bei einem Catering-Unternehmung in Liaoning in der Provinz Shenyang verdient.

Yang ist nicht allein. Xiaomi, vor dreieinhalb Jahren in Chinas Hauptstadt Beijing gegründet, arbeitet mit Tausenden solcher Tester zusammen, die Woche für Woche begierig darauf warten, die neueste Überarbeitung des Betriebssystems auf Herz und Nieren zu prüfen.

Mit seiner Crowdsourcing-Herangehensweise an Innovationen ist Xiaomi der Gegenentwurf zur abgeschotteten Welt von Apple. Auch wenn Lei Jun (Bild unten), der schillerndste der acht Gründer des Unternehmens, gern von westlichen Medien als chinesische Reinkarnation von Steve Jobs beschrieben wird: In der Art zu arbeiten könnten Xiaomi und der iPhone-Konzern nicht unterschiedlicher sein.

Das Unternehmen hat als Hardwareanbieter angefangen. Im Smartphone-Segment erreichte Xiaomi zur Jahresmitte einen Marktanteil von sechs Prozent und ist damit die Nummer drei hinter Apple und Samsung. Umsatz 2013: rund vier Milliarden US-Dollar. Auch Smart-TV gehören inzwischen zum Angebot. Zu den frühen Investoren gehören Singapurs Staatsfonds Temasek sowie die Risikokapitalgeber IDG Capital und Qiming Venture Partners.

Zunehmend gewinnt bei Xiaomi die Software an Bedeutung, eine für chinesische Ansprüche und die Herausforderungen der Schriftzeichen adaptierte Android-Version. Ziel des Xiaomi-Managements: die Oberfläche MIUI gemeinsam mit den Nutzern kontinuierlich zu überarbeiten und zu verbessern - und so die Fangemeinde besonders eng an sich zu binden.

>>Unser Ursprungsgedanke, als wir MIUI entwickelt haben, war der Versuch, alle Android-Fans zu mobilisieren, um gemeinsam etwas zu entwickeln, das uns allen gefällt<<, sagt Lin Bin, einer der Mitgründer von Xiaomi und heute Präsident des Unternehmens. Googles Android-System habe zunächst wenig Rücksicht auf chinesische Anforderungen genommen.

Ein enger Austausch mit Nutzern sowie regelmäßige Überarbeitungen sollten Abhilfe schaffen. Xiaomi sei >>superoffen<<, nehme jegliches Feedback der Anwender gerne an und stricke daraus Woche für Woche ein Update, so Lin. An die 5 Millionen Nutzer sollen mehr oder weniger regelmäßig bei den Tests dabei sein. >>Wir dürften damit Pionier in unserer Branche sein>>, sagt Lin.

Oder vielleicht gar das erste Unternehmen, das überhaupt so etwas macht - der komplette Gegenentwurf zu Apple. >>Xiaomis entscheidende Charakteristik ist der Fokus auf die Nutzer<<, sagt Hugo Barra, Ex-Chef des Google-Produktmanagements für Android und seit wenigen Wochen als Vice President Global bei Xiaomi. >>Jede Frage, jedes Feedback erhält eine Antwort, und viele der neuen Features sind Vorschläge von Kunden.<<

Interessierte Tester registrieren sich zunächst auf der Plattform MIUI Bulletin Board System (BBS). In dem System müssen sie eine Weile aktiv sein, um zu den Update-Prüfungen zugelassen zu werden.

Zu den Anforderungen an potenzielle Tester gehört, dass sie sich durch die Teilnahme an Diskussionen mindestens 200 positive Bewertungen erarbeitet haben. Außerdem müssen sie für mindestens 50 Stunden die Plattform genutzt haben. Danach genügt eine kurze Online-Bewerbung inklusive Motivation und Begründung einer besonderen Eignung. Gewöhnliche Nutzer bewerben sich für jede Runde neu, nur bestimmte Langzeitnutzer - etwa die >>Honored Developers<< - dürfen automatisch bei jedem Test dabei sein.

>>Wir unterscheiden auf dem BBS Gruppen, Entwickler, Tester und Leute, die neue Themen ermitteln. Diese Gruppen sind gleichwertig, die Anforderungen an die Tester unterscheiden sich aber<<, sagt Wang Pengfei, der im Operations Team von Xiaomi arbeitet. Er ist unter anderem verantwortlich für das Anheuern von Testern und die Auswertung ihrer Berichte.

Unter den >>Honored Developers<< seien die Hardcore-Nutzer, die die Entwicklung voran- treiben und >>ohne die MIUI nie so weit gekommen wäre<<. Aber auch die Beiträge der anderen >>Mifen<< seien dem Unternehmen extrem wichtig. Sie alle helfen, die Diskussion voranzubringen, Ideen zu entwickeln, Fragen aufzuwerfen. Mifen ist einerseits die Kurzversion für Xiaomi-Fans. Gleichzeitig ist es eines der in China sehr beliebten Wortspiele: >>Xiaomi<< bedeutet wörtlich übersetzt >>kleiner Reis<< oder Hirse, >>mifen<< steht für die gemahlene Version, Reismehl also.

Die Projektmanager und Systementwickler stehen über diverse Kanäle mit den Nutzern in Verbindung, erläutert Wang: >>Wir haben zum Beispiel spezielle Diskussionsforen, in denen die Nutzer ihre Wünsche loswerden können. Jeder dieser Posts wird geprüft und die wichtigsten Anforderungen herausgefiltert.<<

Sind neue Funktionen in eine Betaversion des Betriebssystems eingeflossen, wird es an die registrierten Tester verschickt. Sie sind verpflichtet, ausführliche Feedbackbögen auszufüllen, nach Fehlern und Problemen zu suchen. Die Kommunikation ist nicht auf BBS beschränkt.

Die Moderatoren prüfen auch zahlreiche andere Kommunikationskanäle wie etwa Weibo, ein in der Volksrepublik sehr populäres Social Network, das Elemente von Twitter und Facebook enthält. Alle Entwickler und Systemexperten im Haus seien angehalten, jeden Tag einen Teil ihrer Arbeitszeit darauf zu verwenden, die Kommunikation auf den verschiedenen Kanälen zu überprüfen, ins System einzuspeisen und Fragen zu beantworten, sagt Wang.

Mithilfe dieses Anwender-Inputs wird zunächst regelmäßig eine Betaversion erneuert. >>Wir organisieren das Feedback, bessern schnellstmöglich die Bugs aus und perfektionieren die Funktionen. Dann bringen wir die Version auf den neuesten Stand. Normalerweise schicken wir jede Woche ein Update<<, sagt Wang. Und das inzwischen bereits seit deutlich über 150 Wochen.

Einmal im Monat komme eine >>stabile Version<< hinzu, die sicherer laufe und auch geeignet sei für weniger technikaffine Anwender. In gut drei Jahren, auf dem Weg von MIUI 1 bis MIUI 5, ist das Entwicklungsteam von gerade einmal drei auf 150 Ingenieure angewachsen. Insgesamt arbeiten inzwischen rund 350 Leute an dem System, sagt Xiaomi-Vorstand Hong Feng, der zum Gründungsteam gehört.

Während es in der Ursprungsversion nur um Telefonate und Nachrichten ging, wurden mit jeder der großen Überarbeitungen neue Funktionen eingefügt. Das jüngste Update bietet beispielsweise auch ein eigenes Bezahlsystem, die Mi-Währung. Und bewegt sich damit schrittweise von Android weg: >>Wir hoffen, dass MIUI eines Tages seine ganz eigene DNA haben wird, dass wir MIUI selbst definieren und nicht mehr auf Android-Updates warten<<, sagt Hong.

Für die eifrigen privaten Mitentwickler gibt es als Lohn nicht mehr als die Ehre, dabei zu sein, und den Spaß an der Sache: >>MIUI mag noch nicht perfekt sein. Aber das macht nichts, so lange das System mich immer wieder überrascht. Und hier gibt es jede Woche eine Überraschung!<<, sagt Li Zan, der in Huludao in der Provinz Liaoning Ingenieurwissenschaften studiert und seit Mitte 2013 als Tester dabei ist. Tester Yang trifft sich auch im echten Leben regelmäßig mit anderen Entwicklern. >>Wir reden über Maschinen, Bugs, das Leben - und helfen einander, wenn es darauf ankommt.<<

Nicht nur bei der Entwicklung und beim Versuch, Nutzer an sich zu binden, geht Xiaomi einen ungewöhnlichen Weg. BeimVertrieb seiner Geräte nutzt das Management die Strategie des >>Hungermarketing<<: Der Absatz wird knapp gehalten, die Telefone sind dafür umso begehrter. Die Smartphones werden nicht über den Handel, sondern direkt online verkauft. Und sie sind regelmäßig binnen Minuten ausverkauft.

Von Mi3, der neuesten Version, brachte Xiaomi Mitte Oktober 100.000 Stück auf den Markt, sie waren binnen 86 Sekunden ausverkauft. Das Smart TV des Unternehmens, die jüngste Ergänzung des Programms, gab es 3000 Mal - die Geräte waren in einer Minute und 58 Sekunden weg.

Insgesamt hat Xiaomi im vergangenen Jahr 7 Milllionen Smartphones verkauft, 2013 wird mit mindestens 20 Millionen gerechnet. Angeboten werden sie bisher lediglich in der Volksrepublik, außerdem in Hongkong und Taiwan. Aber eine Ausweitung ist geplant, dafür ist nicht zuletzt Barra zuständig.

Gleichzeitig mit der Erschließung neuer Märkte muss Xiaomi-Management die Fans in China bei der Stange halten, darf beim Innovationstempo nicht nachlassen. Denn die Ansprüche sind hoch. >>Die letzten Updates waren nicht mehr ganz so verblüffend wie früher, weniger Highlights, viele Fehler<<, sagt Tester Li. >>Manchmal bin ich ein bisschen enttäuscht.<<

Lei Jun

© Claudia Wanner

Lei Jun, Mitgründer von Xiaomi

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