Auswirkungen der Finanz-Krise auf kleine Investoren

Als Angela Merkel fast die Startups gekillt hätte

Gern gibt sich die Kanzlerin technologiefreundlich und den Wünschen der Gründerszene gegenüber offen. Tatsächlich jedoch hätte ihre Regierung im Frühjahr beinah die Venture-Capital-Finanzierung in Deutschland beerdigt. Doch auch so hat sich für Gründer und ihre Investoren einiges geändert.

Angela Merkel

© Archiv/IntMag

Angela Merkel

Glaubt man Beobachtern, so hat Angela Merkel viel genickt. Anfang März, der Wahlkampf war noch ganz, ganz frisch, besuchte sie in Berlin Startups (im Bild mit Wooga-Chef Jens Begemann) und hörte sich deren Wünsche an: leichteren Zugang zu Visa für ausländische Mitarbeiter, schnellerer Breitbandausbau, weniger Bürokratie.

Während die Kanzlerin viel genickt hat, war an anderer Stelle das Ende jedweder Startup-Kultur in Deutschland eine realistische Möglichkeit. Denn im Zuge der EU-Regulierung >>Alternativer Investmentfonds<< (AIF) war die Bundesregierung kurz davor, der Venture-Capital-Branche derartrige Vorschriften zu machen, dass der Betrieb eines Wagniskapital-Fonds in Deutschland nicht mehr wirtschaftlich gewesen wäre.

Wie es dazu kommen konnte, zeigt, dass in Deutschland gerne reguliert wird und dass dabei für junge Unternehmen, gerade aus dem Techniksektor, die Gefahr besteht, unter die Räder zu geraten - egal, wie oft die Kanzlerin nickt.

Die Geschichte beginnt schon im Jahr 2009. Die Finanzkrise stieß bei der EU eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte an. Dabei sollten neben Banken, Versicherungen und Hedgefonds auch Private-Equity- und Venture-Capital-Gesellschaften enger an die Kandare genommen werden. Doch in den Verhandlungen zwischen EU-Kommission und den nationalen Regierungen sah es zunächst aus, als sollten milliardenschwere Finanzinvestoren und kleine Risikokapital-Fonds über einen Kamm geschert werden. >>VC-Investoren hätten dann dieselben Anforderungen erfüllen müssen wie global aufgestellte Private-Equity-Gesellschaften<<, sagt Christoph Stresing, stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK).

Hinzu kommt, dass Deutschland zu dem neigt, was Juristen >>Gold Plating<< nennen: Jede EU-Vorgabe wird aufs Äußerste verschärft - so auch hier. >>Man wollte die angeblich bösen Heuschrecken erwischen und hätte dabei fast eine äußerst wichtige Branche abgewürgt<<, sagt Tanja Aschenbeck-Florange, Partnerin und VC-Expertin bei der Wirtschaftskanzlei Osborne Clarke in Köln. So drohten etwa >>Verwahrstellen<<; Fonds hätten dann Treuhandfirmen beauftragen müssen, ihre Geschäftsaktivität umfassend zu überwachen. Eine teure Angelegenheit. >>Das wäre unverhältnismäßig gewesen<<, so Hubertus Leonhardt, Geschäftsführer des VC-Investors SHS in Tübingen.

In Brüssel und Berlin stießen die Einwände zu guter Letzt auf offene Ohren. Gerade der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler, der mit jungen Unternehmern ins Silicon Valley gereist war, hatte schließlich wiederholt bessere Bedingungen für Gründer propagiert. Da wäre es ein Treppenwitz der Geschichte gewesen, wenn ausgerechnet zu seiner Amtszeit die deutsche Risikokapitalbranche kaputtreguliert worden wäre.

Was hat sich nun geändert?

Am 22. Juli traten die neuen Regellungen in Kraft. Seitdem können VC-Gesellschaften zwischen zwei Varianten wählen: Entweder sie unterwerfen sich den Deminimis-Regeln des neuen Kapitalanlagegesetzbuches oder sie befolgen die Vorschriften der parallel in Kraft getretenen >>VC-Verordnung<<. Nach De-minimis-Regeln - frei übersetzt >>Minimalanforderungen<< - gibt es kaum neue Informations- und Organisationspflichten. Manager brauchen keine  Erlaubnis und müssen nur noch bei der Finanzaufsicht registrieren lassen.

Die Sache hat aber einen Haken. >>VC-Fonds sind nach De minimis verpflichtet, den Sachverstand, die Erfahrungen und die Kenntnisse sämtlicher Investoren zu bewerten<<, erklärt Anwältin Aschenbeck-Florange.Auf diese Weise will der Gesetzgeber verhindern, dass sich Anleger beteiligen, die sich der Risiken eines VC-Investments nicht bewusst sind. Die Vorschrift sei >>eine echte Hürde<<, sagt Aschenbeck- Florange. Wer sie nicht ernst nehme, laufe Gefahr, später mit Schadenersatzklagen von Anlegern konfrontiert zu werden, die die Risiken angeblich nicht kannten.

Also doch lieber das zweite Regime, die VC-Verordnung? Hier müssen Fondsmanager zwar ihre Investoren nicht bewerten, aber umfangreichere Informations- und Organisationspflichten erfüllen und beispielsweise ihre Beteiligungen jährlich bewerten und einen geprüften Jahresabschluss vorlegen. >>Viele Pflichten sind allerdings sehr schwammig formuliert<<, kritisiert Aschenbeck-Florange. So müssen Fondsmanager zum Beispiel >>im besten Interesse des verwalteten Fonds<< handeln, >>ausreichende Eigenmittel<< vorhalten und über >>angemessene und geeignete<< personelle und technische Ressourcen verfügen. Alles klar?

Auch wenn professionelle Fondsgesellschaften davon ausgehen, dass sie solche Vorgaben meist sowieso erfüllen: Die schwammigen Formulierungen bergen die Gefahr, dass die Finanzaufsicht die Vorgaben in >>Anwendungsschreiben<< konkretisiert - und dabei die Zügel anzieht. Die Tendenz bei ihren Mandanten, sagt die Kölner Juristin, gehe deshalb derzeit >>Richtung De minimis<<.

Diese neuen Regeln bringen zwar einige Neuerungen, die aber für mehr Transparenz sorgen und das Risiko für Investoren reduzieren sollen. Keine der Vorschriften erzürnt Fondsmanager jedoch über Gebühr. >>Wir mögen die Regulierung nicht, können aber mit dem Kompromiss leben<<, sagt Leonhardt von SHS. Die Kosten hielten sich bei seiner Gesellschaft im Rahmen, vor allem habe man kein zusätzliches Personal einstellen müssen. Das ist auch für Investoren ein wichtiges Signal - schließlich geht jeder Euro Nebenkosten zulasten ihrer Rendite.

Aufatmen können neben VC-Investoren auch Betreiber von Crowdfunding-Plattformen wie Seedmatch oder Innovestment, bei denen sich jedermann an der Startup-Finanzierung beteiligen kann: Diese Plattformen sind in der Regel nicht von der neuen Regulierung betroffen. Im ersten Halbjahr sammelten sie 5,2 Millionen Euro ein, was nahezu einer Verdopplung gegenüber dem vorangegangenen Halbjahr entspricht. >>Eine Gefahr besteht aber, wenn ein Portal ausschließlich zur Finanzierung eines bestimmten Projekts - etwa eines Films - frei- geschaltet wird<<, warnt Anwältin Aschenbeck-Florange. Denn solche Projektgesellschaften könnten von der Finanzaufsicht unter Umständen als regulierungspflichtige Fonds eingestuft werden.

Nun besteht sogar die Hoffnung, dass die neue Regulierung neue potente Investoren anlockt, etwa Vermögensverwalter und Pensionskassen. Derzeit bekomme man >>leichter Termine bei institutionellen Investoren wie etwa Pensionskassen<<, berichtet SHS-Geschäftsführer Leonhardt. Diese täten sich leichter, >>in regulierte Produkte zu investieren<<. Zudem gibt es einen weiteren Trend, der für eine positive Entwicklung spricht: Die Konzerne forcieren derzeit ihr VC-Geschäft, treten also verstärkt als Direktinvestoren auf oder investieren via VC-Fonds in junge Unternehmen.

Nach Zahlen des Informationsdienstleisters CB Insight ist der Anteil der Konzerne an den 100 größten Risikokapitalfinanzierungen seit 2009 von 22 auf 39 Prozent gestiegen. Das Kalkül der Konzerne: Sie suchen Innovationen, die womöglich irgendwann in ihr Portfolio passen - und schieben via VC frühzeitig einen Fuß in der Tür. Der Softwaregigant SAP etwa gab Anfang Oktober bekannt, eine Milliarde Euro zusätzlich für VC-Investments in die Hand zu nehmen. Damit ist das Budget der Walldorfer auf 1,4 Milliarden Euro gestiegen. Ziel sei es, interessante Firmen in das >>Ökosystem<< des Konzerns einzubinden, sagte SAP-Ventures-Chef Nino Marakovic. Und zwar nicht nur im Silicon Valley, sondern auch in Europa.

SHS-Geschäftsführer Leonhardt hält den Aufwärtstrend, der sich dank moderater Regulierung und aktiver Konzerne abzeichnet, allerdings für unzureichend. >>Volkswirtschaftlich betrachtet liegt das Investitionsvolumen hierzulande noch immer auf lächerlich niedrigem Niveau<<, sagt er. In vielen Bereichen gebe es weit mehr attraktive Unternehmen als Risikokapital. Ob aus dem zarten Aufschwung irgendwann ein Boom wird, dürfte sich wiederum in Berlin entscheiden, meint BVK-Mann Stresing. >>Die neue Bundesregierung sollte für bessere Rahmenbedingungen sorgen, etwa durch Steuervorteile für Investoren von Risikokapitalfonds.<<

Nach dem Abgang von Philipp Rösler, der ein offenes Ohr für Gründer und VC-Investoren hatte, hofft Stresing nun, >>dass das Thema beim künftigen Wirtschaftsminister auf der Agenda bleibt.<< Und die Kanzlerin nicht nur nickt, sondern handelt.

Autor Daniel Schönwitz ist freier Wirtschaftsjournalist in Düsseldorf.

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