Prognose

Unsere Top 5 Digital-Trends für 2014

2014 könnte eines der bedeutendsten Jahre in der Geschichte des Internets werden. Und deshalb blicken wir in die Glaskugel - hier unsere Trends des Digital-Jahres 2014.

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© Archiv/IntMag

Die Politik kümmert sich - wachgerüttelt durch die Snowden-Affäre - ganz neu um digitale Themen. Viele Unternehmen, die nun schon einige Zeit mit Digitalmarketing experimentieren, bauen erhebliche Teams auf, um das Feld konsequent zu bespielen. Das Internet der Dinge wird zum Alltag und durchdringt dank neuer Endgeräte weitere Bereiche unseres Lebens. Und der Lockruf der Börse könnte einerseits neue Webriesen schaffen, andererseits übertriebene Erwartungen erzeugen.

Was bringt 2014? Wir zeigen die 5 Top-Trends.

1. Internet of Things: der Höhepunkt des Hypes

Es war die vielleicht richtungsweisendste Meldung des Jahres - und sie ging völlig unter. Am Silvestertag 2013 verkündete der Hersteller des Fitness-Trackers Fitbit, dass ein maßgeblicher Teil seiner Funktionen künftig auch ohne Kauf seines kleinen Plastiksensors zu haben seien - dank der neuen Ausgabe seiner iPhone-App. Das klingt nach Fußnote, ist aber tatsächlich der Auftakt für eine Bereinigung in dem Thema, das viele Medien für das heißeste im Jahr 2014 halten: das Internet of Things.

Die Verbindung zwischen physischen Objekten und Datenströmen ist in einigen Bereichen bereits Alltag: So sind die Autos der Carsharing-Systeme Drivenow und Car2Go nichts anderes als Connected Objects im Internet der Dinge.

Übersehen wird im Hype, dass viele der neuen Gerätschaften gar nicht selbst mit dem Web verbunden sind, sondern Surfhilfen brauchen. So sind Fitnessmesser meist bestenfalls per Bluetooth verbunden, einige müssen gar manuell an einen Computer angeschlossen werden, um ihre Daten auszulesen.

Sie alle wird es bald schon nicht mehr geben. Ein Connected Object wird künftig Online-Zugang besitzen, um eine Chance am Markt zu haben - entweder weil es selbst eine Mobilfunkkarte beinhaltet, sich an ein WLAN anschließt oder unmittelbar mit dem Handy verbunden ist. Pseudolösungen über Bluetooth oder Kabel sind viel zu umständlich zu bedienen und deshalb nicht zukunftsfähig.

Das bedeutet nicht, dass die Idee des Internet of Things nur heiße Luft ist: Sie verändert unser Leben jetzt schon und wird dies weiter tun. Nur wird der Hype darum im kommenden Jahr seinen Höhepunkt erreichen: Es wird viel Lärm um reichlich wenig geben.

Wir haben das 2013 schon am Beispiel der Drohnen gesehen: Ein australisches Startup zeigt eine Buchlieferdrohne, dann zieht Amazon nach und schon lässt DHL einen >>Paketcopter<< über den Rhein fliegen. Dass kommerzielle Drohnen in Australien erlaubt sind, in Deutschland und den USA dagegen nicht - mit solchen Details mag sich in den Medien niemand befassen.

Seinen Hype-Höhepunkt erreicht auch ein anderes Feld der Connected Objects: Wearables, also Technik, die am Körper getragen wird. Viel wird 2014 als Studie oder Prototyp gezeigt werden und flott durch die Medien wandern. Allerdings haben diese Gerätschaften das Zeug, zum nächsten Kühlschrank mit Internetanschluss zu werden: Auch der wird seit über 10 Jahren auf jeder Funkausstellung gezeigt - nur haben will ihn niemand.

Zwei Produkte werden 2014 determinieren, ob und wie es mit Wearables mittelbis langfristig weitergeht: Einerseits wird Google seine Online-Brille Glass auf den Massenmarkt bringen. Kaufen dürften sie viele Menschen. Die Frage ist: Werden sie Glass auch dauerhaft verwenden? Oder wandert die Brille flott in den Schrank mit den anderen Gadgets, die nur ein paar Wochen lang unterhaltsam waren?

Zum anderen die Apple-Uhr: Ob sie kommt und wann, bleibt völlig offen. Schafft Apple es jedoch, sie zu einem eigenständigen Gerät zu machen (und nicht zu einem Bluetooth-Anhängsel des iPhones), wird sie der allererste Anlaufpunkt für alle Programmierer werden, die Ideen im Bereich von Wearables im Kopf haben.

Für Unternehmen bedeutet dieser zwiespältige Trend zweierlei: Einerseits müssen sie sich damit beschäftigen, ob und wie Connected Objects ihr Geschäft verändern. Ein Beispiel dafür ist Haustechnik: Während Vaillant seine Heizungen mit einem klotzigen Wandgerät steuern lässt, ist das Münchener Startup Tado längst vorbeigezo- gen mit einer funktionsreicheren Heizungsregulierung, die ausschließlich per Mobile App funktioniert.

Dieses Beispiel zeigt, worauf es bei der Beurteilung von Connected Objects ankommt: Welchen Zusatznutzen bringen sie den Käufern? Kann ich meine Heizung steuern, ohne vom Sofa aufstehen und mir ein zusätzliches Gerät an die Wand dübeln zu müssen, so ist dies ein handfester Vorteil. Und mit einem Mal droht Vaillant ein substanzieller Teil des Geschäfts wegzubrechen.

Zweitens können Unternehmen in diesem Feld relativ unaufwendige PR-Coups liefern. Die Medien werden jede visionäre Idee großräumig berichten, selbst wenn dahinter wenig steckt, was wirklichkeitstauglich wäre.

2. Neue Börseneuphorie

156 Prozent: So viel Gewinn machte, wer eine Aktie von Twitter zum IPO-Preis bekam und diese bis Ende Januar hielt. Der irrwitzige Lauf des Papiers löste Stück für Stück eine neue Tech-Aktien-Euphorie aus. Facebook verdoppelte seinen Kurs im Laufe des vergangenen Jahres, auch Werte wie Netflix schossen nach oben. Das wird auch 2014 so bleiben, wobei Täler nicht ausgeschlossen sind. Die Zentralbanken halten die Zinsen niedrig, also fließt viel Geld in den Aktienmarkt. Und auf dem haben Internetwerte den höchsten Sexappeal. Diese Stimmung werden etliche Unternehmen für ihren Börsengang ausnutzen.

In Deutschland ist der offensichtlichste Kandidat der Online-Händler Zalando. Schon im vergangenen Jahr wurden die Eigentumsverhältnisse so geordnet, dass ein schneller IPO möglich wird, nun verdichtet sich die Gerüchteküche. Auch der Möbelhändler Westwing könnte diesen Weg wählen. Der Spieleprogrammierer Wooga und der Musikdienst Soundcloud sind weitere Namen, auf die man achten sollte.

Ein erfolgreicher Börsengang Zalandos könnte dabei die gesamte deutsche Startup-Szene verändern. Denn bisher sind neue, deutsche Internetaktien die absolute Ausnahme. Die Aussicht auf Börsengänge dürfte die Venture-Capital-Branche massiv befeuern und ganz neue Investitionsmöglichkeiten für Internetgründer eröffnen.

Auch in den USA werden Investoren die Chance nutzen. Candy-Crush-Produzent King.com (gut, ein britisches Unternehmen, das aber in New York an die Börse gehen will) hat bereits die Papiere eingereicht, ebenso der Cloudserver-Dient Box. Schnell fällt dann das Wort von einer neuen Dotcom-Blase. Doch von den wilden Zeiten Ende der Neunziger sind wir derzeit noch weit entfernt: 1999 gab es über 100 Technik-IPOs in den USA - 2013 nur eine Handvoll.

3. Sicherheit vs. Fortschritt

Die Welle der immer neuen Enthüllungen über Abhörmethoden der amerikanischen und britischen Geheimdienste reißt auch 2014 nicht ab. Alles nur zum Schutz vor Terroranschlägen, die keine der Institutionen glaubhaft nachweisen kann? Wohl kam. Jedes Unternehmen muss sich fragen, wie groß die Rolle der Wirtschaftsspionage bei diesen Praktiken ist.

Deutsche Unternehmen hätten ihre IT-Security in den vergangenen Jahren vernachlässigt, kritisierte jüngst Rainer Baumgart, Chef des Security-Softwareunternehmens Secune, es gebe großen Nachholbedarf. Tatsächlich haben sich zum Beispiel viele Unternehmen noch nie Gedanken darüber gemacht, ob eine generelle Verschlüsselung jedweden E-Mail- Verkehrs eine Option wäre.

Solche Sicherheitsfragen gibt es viele und die NSA- Schlagzeilen haben interne Debatten ausgelöst. Diese nötigen Sicherheitsbestrebungen werden oft genug kollidieren mit den Ansprüchen von Mitarbeitern. Gerade die Jüngeren wollen die gleichermaßen bequemen wie nützlichen Dienste wie Evernote oder Dropbox nutzen - und nicht die behäbigere Konzernsoftware. Und auch die digitalen Aktivitäten an der Marketingfront werden nicht immer kohärent sein mit diesem neuen Sicherheitsstreben.

Es ist absehbar, dass erhebliche Konflikte und Reibungsverluste entstehen werden, wenn die IT-Verantwortlichen versuchen, ihre - meist strengen - Sicherheitsansprüche durchzusetzen. Das Topmanagement wird deshalb in diesem Jahr gefordert sein, die Security-Debatte zu moderieren und die Abteilungen nicht allein aufeinander prallen zu lassen.

4. Crowdfunding: Der Blick in die Zukunft

Ein Stecker, der sich per Handy-App anund ausschalten lässt? Eine unauffällige Plastikscheibe, ans Fenster geheftet, die Straßengeräusche filtert und dämpft? Ein T-Shirt, das dank Nanotechnologie nie mehr gereinigt werden muss?

All das gibt es nicht von den großen Weltkonzernen, sondern von kleinen Startups. Und diese suchen ihr Startkapital nicht bei Venture-Capital-Firmen sondern auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo. Hier sehen wir, was tatsächich möglich ist, einen Blick in unseren Alltag der kommenden fünf Jahre.

Solche Produkte könnten größere Unternehmen genauso entwickeln. Doch viele Konzerne sind zu behäbig geworden, um Innovationen schnell auf den Markt zu bringen. Ein gutes Beispiel ist die per App steuerbare vielseitige Glühbirne Lifx, deren Weg von Kickstarter bis zur Auslieferung das IntMag verfolgte. Zwar hat Philips ein Konkurrenzprodukt auf dem Markt, doch dieses wurde eher zögerlich eingeführt und ist bis heute nur in Apple Stores zu bekommen.

Kickstarter und Co. boomen. Denn wer als Gründer einen Wagniskapitalgeber sucht, braucht einen kompletten Businessplan, er muss mehrere Schritte vorausdenken, bevor sein Produkt den Status des Prototyps verlassen hat, und er holt sich Anteilseigner ins Geschäft, die mitreden wollen. Vor allem aber: Diese Kapitalsuche braucht Zeit für Verhandlungen und Vertragsentwürfe.

Crowdfunding-Plattformen sind dagegen die Snackkultur der Unternehmensfinanzierung: schnell, unkompliziert, erst einmal sättigend. Doch wie bei jedem Snack kehrt auch hier der Hunger schnell zurück. Das bekam Lifx zu spüren: Das Unternehmen brauchte mehr Kapital, um eine dauerhafte Produktion aufzuziehen.

In dieser Situation aber haben die Gründer dann bei Gesprächen mit Investoren eine bessere Verhandlungsposition, denn eine erfolgreiche Crowd-Finanzierung belegt, dass es zahlende Kunden für die Idee des Startups gibt. Und deshalb werden wir 2014 erheblich mehr Projekte dieser Art sehen, die uns einen Einblick in die nähere Zukunft unseres Alltagslebens liefern werden.

5. Politik: die große Planlosigkeit

Wenn sich in einer Regierung niemand für ein Thema zuständig fühlt, ist dies vermeintlich das Schlimmste, was passieren kann. Dabei gibt es noch etwas Grauenvolleres: Wenn alle per Dekret zuständig sein müssen.

Genau das ist im Rahmen der Großen Koalition mit Digitalthemen passiert, weshalb wenig Hoffnung besteht, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland in diesem so wichtigen Feld innovationsfreundlicher und rechtssicherer wird als bisher.

Allein die Zerstreuung der Zuständigkeiten lässt Böses ahnen. So ist das Innenministerium verantwortlich für IT-Sicherheit, E-Government und Datenschutz; das Justizministerium soll sich um Urheberrecht, Verbraucher- und technischen Datenschutz bemühen; Kultusstaatsministerin Monika Grütters wiederum obliegt die digitale Medienordnung; der Bereich Open Data, also das Zugänglichmachen öffentlicher Daten, gehört zum Bereich der Forschungsministerin, die Familieministerin kümmert sich um die angeblich besonders zu schützenden Kinder; Außenminister Frank-Walter Steinmeier soll Cyber-Außenpolitik machen und Kanzleramtsminister Peter Altmeier gehört die Geheimdienstkontrolle. Superminister Sigmar Gabriel obliegt die Digitale Agenda, die Förderung sowie das Thema >>Internet als Standortfaktor<<. Besonders lustig: Verkehrsminister Alexander Dobrindt darf sich um die Breitbandförderung und damit um ein Thema wie Netzeutralität kümmern.

Selbst die erzkonservative >>Welt<< ist entsetzt: >>Einen Plan gibt es schon gar nicht<<, kommentierte sie die "das netzpolitische Chaos" der Großen Koalition von Angela Merkel. Und schon in den ersten Tagen der Großen Koalition kracht es bei einem Digitalthema: Justizminister Heiko Maas (SPD) weigert sich, ein Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung einzubringen, solange der Europäische Gerichtshof nicht entschieden hat, ob solch eine Massenüberwachung nicht gegen geltendes Recht verstößt.

Diese Weigerung hat nicht nur den bekannten Überwachungsbefürworter Hans-Peter Uhl (CDU) verärgert - auch Maas' Parteichef Gabriel dürfte sauer sein: Er ist ebenfalls pro Vorratsdatenspeicherung. Um diese durchzusetzen, log er sogar die Öffentlichkeit an und behauptete, der grausame Anschlag des Norweger Anders Breivik wäre durch Überwachung schneller aufgeklärt worden - was nachweislich unwahr ist. Und siehe da: Der einst so mutige Herr Maas rudert pflichtschuldigst zurück und benennt die Vorratsdatenspeicherung einfach um.

Auf solche Kompetenzkabbeleien dürfen wir uns serienweise einstellen im Jahr 2014. Bisher sagte nur der etwas zum Internet, der wollte. Nun aber gibt es klare Zuständigkeiten, weshalb sich die Kabinettsmitglieder gezwungen sehen werden, aktiv zu werden. Doch wo soll ihre Kompetenz herkommen?

Schon bisher dilettierte die Regierung Merkel munter vor sich hin, ein Wissensgewinn ist nicht wirklich erkennbar. Einzige Hoffnung ist da noch Innenminister Thomas de Maizière, der bei seiner erste Phase auf diesem Posten ehrliches Interesse erkennen ließ.

Das bedeutet für Unternehmen weiterhin die Gefahr hoher Rechtsunsicherheit. Egal ob Datenschutz, Cybersecurity oder Startup-Förderung: Nichts darf 2014 und in den Folgejahren als gegeben angenommen werden.

Ganz im Gegensatz zum Thema Überwachung: Weiterhin macht Angela Merkel keine Anstalten, deutsche Unternehmen vor internationaler Spionage schützen zu wollen. Im Gegenteil: Im Einklang mit Gabriel steuert Deutschland auf einen Überwachungsstaat zu. Das wiederum dürfte den Cyberaktivismus stärken - auch etwas, was viele Unternehmen eher kritisch sehen werden.

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