Mit offenen Karten spielen

Transparenz verändert Unternehmen

Digitale Technologie bringt Transparenz in Unternehmensstrukturen - und führt so zu einer massiven Machtverschiebung, glaubt Thomas Vollmoeller, CEO der Xing AG. In einem Gastbeitrag analysiert er die Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch diesen Trend.

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© Archiv/IntMag

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Thomas Vollmoeller ist CEO der Xing AG. Für uns beschreibt er den aus seiner Sicht derzeit wichtigsten Trend im Web und seine Folgen für Unternehmen und Gesellschaft.

Mich bewegt ein Phänomen, das das Internet naturgemäß mit sich bringt, dessen Auswirkungen wir zu spüren beginnen, das aber, dessen bin ich sicher, unsere Gesellschaft wie kaum etwas anderes auf den Kopf stellen wird: Transparenz.

Ich habe zu Beginn meiner Karriere für mehrere Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Dort erlebt man naturgemäß viele Firmen von innen. Deren Kultur, die Arbeitsatmosphäre, den Führungsstil. Und ich muss sagen, auch deshalb macht es mir so viel Spaß, bei XING zu arbeiten, weil wir dazu beitragen, dass es etliche Dinge, die ich in früheren Jahren erlebt habe beziehungsweise beobachten musste, nicht mehr geben wird.

Was ich meine? Vorgesetzte, die ihren Mitarbeitern das Leben zur Hölle machen. Eine Arbeitsatmosphäre, in der Mitarbeiter keinen Raum für eigene Entfaltung bekommen. Dinge, die wahrscheinlich so ziemlich jeder kennt. Warum sich das ändert? Weil jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, der aus eigener Erfahrung weiß, wie es bei einem Arbeitgeber aussieht, für den ich mich interessiere.

Ich kann heute vergleichsweise einfach in Erfahrung bringen, ob nach allen Regeln der Kunst beworbene Produkte auch den Konsumenten gefallen - oder eben nicht. Noch viel wichtiger: Ich weiß heute vorab, wie zufrieden Mitarbeiter von Unternehmen sind. Wie sie Atmosphäre, Bezahlung und Kommunikationskultur beurteilen.

Das ist wichtig deshalb, weil es hier um mich geht. Darum, wo hinein ich meine Energie und Lebenszeit investiere. Im 19. Jahrhundert war es die industrielle Revolution, die nicht nur Wertschöpfungs- und Produktionsprozesse radikal veränderte, sondern auch das gesamte Arbeitsleben. Während vorher das Gros der Bevölkerung in einer Agrargesellschaft lebte, führte insbesondere der Fortschritt von Technik, Produktivität und Wissenschaften dazu, dass innerhalb vergleichsweise weniger Jahre der Übergang in die Industriegesellschaft vollzogen wurde. Dass wir hier von >>Gesellschaft<< sprechen, zeigt, dass die Art der Arbeit die Art des Zusammenlebens definierte. In dieser Zeit entstanden die Strukturen und Normen, die unsere Arbeitswelt seitdem bestimmt haben.

Heute ist es wieder eine technische Entwicklung, die den entscheidenden Impuls für Veränderung gibt: das Internet beziehungsweise die Digitalisierung - von so ziemlich allem! Dies trifft auf einen Arbeitsmarkt, der durch den sogenannten >>War for Talents<< geprägt ist. Dessen Ursache ist die demografische Entwicklung, die ganz einfach dazu führt, dass nicht genug Fachkräfte nachwachsen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit rechnet bis 2025 mit einem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials (EPP) von 6,5 Millionen. Davon sind voraussichtlich 5,4 Mio. Fachkräfte. Gleichzeitig ist die Innovationsfähigkeit von Unternehmen in einem hohen Maße davon abhängig, die besten Köpfe zu bekommen oder zu halten.

Wozu führt all das?

Zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse. Zu einer Welt, in der sich die Unternehmen bei den Talenten bewerben, nicht umgekehrt. In der diese sich den Arbeitgeber und die Arbeitsbedingungen immer mehr aussuchen können. Oder dazu, eben keinen Arbeitgeber mehr zu haben. Sascha Lobo und Holm Friebe beschreiben dies in ihrem Buch >>Wir nennen es Arbeit<< etwas ketzerisch so: >>Etwas Besseres als Festanstellung finden wir allemal.<<

Kein Wunder, dass wir vor diesem Hintergrund häufig vom Wertewandel der nachwachsenden Generation, der >>Generation Y<< lesen. Ich behaupte: Die Generation Y stellt andere Ansprüche an ihre Tätigkeit - weil sie es sich erlauben kann. Kürzlich hat das eine junge Frau auf den Punkt gebracht, die bei uns einen Vortrag hielt und uns Einblicke in das Lebensgefühl ihrer Generation gewährte. Sie sagte: >>Für meine Generation gilt: Ich bin, was ich tue.<<

Denn im Gegensatz zu Zeiten, in denen man froh war, einen Job zu haben, hat die gut ausgebildete nachwachsende Generation von Wissensarbeitern die Wahl. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Umso wichtiger ist es, für welche sie sich entscheidet. Denn ihr Umfeld, ihr Netzwerk, verfolgt jederzeit, was sie gerade tut. Die Tätigkeit - nicht zu verwechseln mit der Position! - wird identitätsstiftend.

Der Arbeitnehmer wird so gleichsam zum User, der eine Aufgabe übernimmt, aber keine Position. Der etwas tut, aber nicht etwas ist. Der nur solange etwas tut, wie er daran glaubt.Was heißt das für den Arbeitsmarkt und das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern?

Es wird völlig anders aussehen, als wir das aus der Vergangenheit gewohnt sind. Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom, spricht davon, dass aus dem Angestellten künftig eher ein >>Unternehmensbürger<< wird, der, wie sein politisches Pendant, souverän Entscheidungen des Unternehmens und die Bedingungen der gemeinsamen Arbeit mitdefinieren wird. Voraussetzung dafür, dass dieser Unternehmensbürger souverän sein kann, ist seine Freiheit. Wahlfreiheit genauso wie die Freiheit, nein zu sagen.

Zu Ende gedacht heißt das, der künftige Unternehmensbürger hätte einerseits die Freiheit Dinge zu tun, die er für richtig hält. Aber genauso, das nicht zu tun, von dem er nicht überzeugt ist. Oder die Dauer seiner Arbeit zu definieren. Mitzuentscheiden, wie er geführt werden möchte.

Ich werde immer wieder von Geschäftsführern und HR-Verantwortlichen gefragt: Wie geht man am besten mit dieser Entwicklung um? Meine simple Antwort ist dann immer: Sie müssen sich anstrengen. Nicht nur versuchen, Preise als bester Arbeittgeber zu gewinnen, sondern guter Arbeitgeber sein. Dazu muss man zuallererst die Bedürfnisse der Mitarbeiter kennen. Und Antworten darauf finden. Die von Unternehmen zu Unternehmen, von Abteilung zu Abteilung und zum Teil sogar von Individuum zu Individuum verschieden sind.

Transparenz verringert Kontrolle. Transparenz verändert Machtstrukturen. Jeder Art. Wir stehen erst am Anfang der Transparenz. Vieles ist in naher Zukunft denkbar. Offene Gehälter. Beurteilungen. Eigenschaften und Fähigkeiten von Führungskräften. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Thomas Vollmöller

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