Start-Up

Berlin statt Silicon Valley

An diesem Wochenende erschütterte eine Meldung aus dem Hause Soundcloud die deutsche Internet-Wirtschaft. Das Berliner Startup schloss eine neue Finanzierungsrunde ab, die ihm 60 Millionen Dollar frisches Kapital bringt - bei einer Bewertung von 700 Millionen. Gegründet wurde Soundcloud von zwei Schweden und steht damit für einen Trend in Berlin: Immer mehr Ausländer gründen ihre Startups in der Hauptstadt. Warum, das erklärt der Amerikaner Justin Custer.

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© Archiv

Der Deal soll schon vergangenes Jahr abgeschlossen worden sein, wurde aber erst jetzt bekannt. Soundcloud selbst nannte nicht die Höhe des Geldzuflusses, aber die Investoren: einerseits IVP, die sich früh an Twitter beteiligten, andererseits The Chernin Group, das Investment Vehikel des ehemaligen News Corp. Managers Peter Chernin. IVG erläuterte den Deal auf seiner Homepage.

Für die Berliner Startupszene bedeutet dies eine erhebliche Aufwertung. International war die Stadt bisher vor allem durch Promi-Investments in Gestalt von Ashton Kutcher und Copycat-Vorwürfen, die sich gegen die Samwer-Brüder richteten, aufgefallen. Nun aber könnte Soundcloud das erste Startup mit einer Milliarden-Dollar-Bewertung werden.

Dabei ist der Musikdienst aber nur eine Art halbes, deutsches Unternehmen. Zwar hat es sein Hauptquartier in Berlin, gegründet wurde es jedoch von zwei Schweden. Und die setzten damit einen Trend: Einige ihrer Landsleute wurden nach Berlin gezogen, es folgten Gründer anderer Nationalitäten.

Dazu gehört auch Justin Custer, der Chef von Chatlingual. Für das IntMag beschrieb er, warum ein Amerikaner in Berlin gründet:

Wenn man es früher in der Startup-Welt zu etwas bringen wollte, musste man sich zwangsläufig im kalifornischen Silicon Valley ansiedeln, um sowohl finanzielle Mittel als auch persönliche Unterstützung zu bekommen. Aber weil Startup-Ökosysteme jetzt auch anderswo zu wachsen beginnen, ist der Standort Kalifornien keine notwen- dige Voraussetzung mehr. Amerikanische Unterneh- mensgründer denken zunehmend globaler und dieser Wandel beeinflusst, wo sie ihre Firmen gründen. Ich ging einen anderen Weg, entschied mich für Eu-ropa, um mein Unternehmen voranzubringen und habe viele Unterschiede und Eigenheiten in der Berliner Startup-Welt vorgefunden. Als ich überlegte, wo ich meinen Startup aufbauen sollte, schien mir Berlin aufgrund seiner gut dokumentierten Mischung aus Szene, Infrastruktur, lächerlich niedrigen Preisen und kreativer Grundstimmung eine hervorragende Standortwahl für ein junges, europäisches Unternehmen zu sein. Das Vertrauen in Europa ist längst über den ursprünglichen Hype hinaus gewachsen. In jüngster Zeit erlebten die europäischen Aktionsfonds einen Mittelzufluss aus den USA, und in Europa vermehrten sich Akzeleratoren, die Startups nicht nur Zugang zu Räumlichkeiten und Kontakten zu Mentoren ver- schafften, sondern vor allem auch zu den aktivsten Investoren der Region.

Von Coca-Cola über Microsoft, von T-Mobile bis Daimler haben sich große Firmennamen dem europäischen Akzeleratorenmodell in halsbrecherischer Geschwindigkeit angeschlossen. Während die Top-Akzeleratoren schon immer internationale Mitarbeiterteams angezogen haben, stammten die Unternehmer allerdings bisher traditionell aus Europa. Doch nun stellen wir fest, dass auch die globaler denkenden US- Unternehmer nach Europa blicken, um ihre Geschäftsgründungen zu realisieren.

Ich zog nach Berlin, um am Startup-Bootcamp teilzunehmen, einem global tätigen Akzelerator mit Sitz in Berlin und weiteren Programmen in Amsterdam, Dublin, Kopenhagen und Haifa. Als Gründer von Chatlingual, einem Internetdienst, der es ermöglicht, in jeder Sprache sofort per Chat zu kommunizieren, machte es Sinn, meinen Standort in Europa zu haben. Die meisten Amerikaner haben kein persönliches Verständnis für Sprachbarrieren - warum sollten sie auch? Der amerikanische Markt umfasst 300 Millionen Menschen mit einer gemeinsamen Sprache, während die Europäer über 25 Sprachen sprechen. Chatlingual musste also in der Nähe unserer Kunden sein, und sowohl das Startup-Bootcamp als auch Berlin boten sich als ideale Möglichkeiten an.

Beim Eröffnungsprogramm letztes Jahr in Berlin gab es im Startup-Bootcamp drei US-Teams. Dieses Jahr hielt dieser Trend an: Chatlingual repräsentiert sowohl die Vereinigten Staaten als auch zwei weitere ortsansässige, amerikanische Unternehmen. Europa lag schon längst in meinem Blickfeld. Techstars London interessierte mich sehr, und ich habe in Deutschland gelebt, als ich jünger war. Während meiner Zeit bei Accenture arbeitete ich monatelang europaweit, also fühlte es sich für mich ganz natürlich an, nach Berlin zu kommen.

Europa war mir also nicht neu, aber die Startup-Szene schon; deshalb bat ich meine Berater, Business Angels und Investoren um Hilfe, bevor ich mich zum Umzug entschloss. Auch sie rieten mir, nach Berlin zu gehen, am Startup-Bootcamp teilzunehmen und mir einen tieferen Einblick in den Markt zu verschaffen. Nach nur 12 Wochen hat unser Team expandiert und es lief besser und besser. Wenn Chatlingual weiter Fortschritte macht und ich die richtige Marktbewertung bekomme, würde ich auch hier gern Kapital beschaffen.

Genau das ist eines meiner Anliegen: die Marktbewertung. Wenn man die Beträge vergleicht, die innerhalb Europas und in den USA investiert werden, ist die Abweichung etwas beunruhigend. In den USA sind Serie-A-Bewertungen erheblich häufiger, obwohl Europa doppelt so viele Menschen beherbergt und ein höheres Bruttoinlandsprodukt besitzt. In den USA denken wir: >>Europäische Union = 750 Millionen Menschen.<< In Europa tendieren die Investoren dazu, zu denken: >>Deutschland = 80 Millionen Menschen.<<

Abgesehen von der niedrigeren Marktbewertung stellte ich fest, dass die Haltung der Investoren ziemlich unterschiedlich ist. Investoren in den USA haben eine optimistischere Einstellung: >>Tja, das ist ein großes Problem, aber die Möglichkeiten sind gewaltig; was unternehmen wir also, um die Hindernisse zu überwinden?<<. Investoren, mit denen ich hier gesprochen habe, tendieren eher dazu, die Nachteile hervorzuheben: >>Wir glauben nicht, dass Sie das schaffen, und hier sind die Gründe, warum Ihre Idee keinen Erfolg haben wird.<< Diese Einstellung steht Investitionen in frühen Phasen im Weg.

Außerdem habe ich eine unterschiedliche Auffassung des Begriffs >>Unternehmen<< festgestellt. In den Staaten sind Startup-Investoren daran interessiert, ein Risiko einzugehen, um einer Vision zum Erfolg zu verhelfen. Um dem Ganzen den nötigen Schwung zu geben, braucht man Zeit und Geld, und die US-Investoren sind eher bereit, einen Startup auf dem Weg dorthin zu unterstützen. Betrachten wir nur die Top-US-Akzeleratoren, die Wandelanleihen anbieten. In Europa gehen die Investoren das viel konservativer an: >>Zeigen Sie uns ein Geschäftsmodell, das wir schon kennen. Beweisen Sie uns, dass Ihre Lösung für die Kunden funktioniert, und wir werden Ihr Wachstum unterstützen.<<

Trotz der unterschiedlichen Investmentperspektive erwies sich Berlin als großartig. Fachberichte vergleichen heutzutage jedes wachsende Hightech-Zentrum mit dem Silicon Valley; aber Berlin versucht nicht, Silicon Valley zu sein und hat das auch nicht nötig. Berlin hatte immer seinen eigenen Stil. Es ist eine Weltstadt voller Wildwuchs mit einer komplizierten Geschichte und prädestiniert für eine aufregende Zukunft. Ein Vorteil ist, dass man sich Berlin leisten kann. Ich lebe in einer riesigen, voll möblierten Altbauwohnung mit hohen Decken in Kreuzberg, dem energetischen Mittelpunkt Berlins, und meine Monatsmiete beträgt 650 Euro. In den Anfangstagen einer Firma spielen 1.000 Dollar durchaus eine Rolle, und deshalb sind selbst kleine Einsparungen ein guter Grund, nach Berlin zu kommen.

In Berlin leben begabte Entwickler aus aller Welt und die Gehälter sind wesentlich geringer als in den USA, wo gute Entwickler in Topfirmen Gehälter von umge- rechnet 60.000 EUR verdienen. Außerdem floriert hier die innere Kultur und es gibt (noch) kein generelles Mindestgehalt. Dennoch: die großartigen Praktikanten bei Chatlingual haben beide ihren Master's Degree. Sie wollen Erfahrungen sammeln und wir konnten uns auf eine Bezahlung einigen, die vergleichbar ist mit einer für jemandem, der ein Startup per Bootstrapping betreibt.

Was Wachstum angeht, ist Europa jetzt für Chatlingual genau der richtige Ort. Bei so vielen Kulturen und Sprachen sind die Menschen sehr offen für die Idee, mit anderen zu kommunizieren, die nicht dieselbe Sprache sprechen.

Im weiteren Verlauf des Wachstums von Chatlingual ist es unser Ziel, sowohl in den USA als auch in Deutschland Niederlassungen zu haben - in den USA, um mit Investoren verbunden zu sein, in Europa, um unsere Kunden zu erreichen. Mehr Firmen sollten in Betracht ziehen, was Europa an strategischen Vorteilen zu bieten hat, und ich empfehle, in Berlin anzufangen."

Justin Custer

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