Buchtipp

Oliver Kerns "Die deutsche Aussicht": Mit offenen Augen gesehen

Mit fremd wirkenden Bildern aus dem vertrauten deutschen Alltag animiert uns der Fotograf Oliver Kern zum genaueren Hinschauen - auf die Fotos wie auf die Realität.

Oliver Kerns

© Oliver Kern/Hatje Cantz-Verlag

Oliver Kerns "Die deutsche Aussicht": Mit offenen Augen gesehen

Heimat ist das Thema Oliver Kerns, anders gesagt, die Welt, in der wir leben. Der 1965 in Saarbrücken geborene Fotograf fährt durch Deutschland und sucht charakteristische Orte. Seine Bilder in dem Band "Die deutsche Aussicht" wirken wie zufällig, zeigen kurze Impressionen und Begegnungen auf Straßen, auf Veranstaltungen, in Supermärkten und Gärten. Er zeigt uns Bilder von menschenleeren Landschaften, von Menschen und ganz oft von Menschen in der Landschaft. Speziell mit den Letzteren dann macht uns Kern zu Beobachtern der Beobachter, und der Begriff Aussicht erhält eine doppelte Bedeutung, die über die reine Oberfläche des Motivs hinaus weist.

Kern zeigt keine deutsche Reportage, erzählt keine Geschichte, und romantisiert nicht wie viele Fotografen im Stil eines Caspar David Friedrich. Kern sieht seine Heimat, so wie sie ist, nicht wie sie sein sollte, und erweist sich so als Chronist des im Alltag meist übersehenen visuellen Hintergrundrauschens, das uns überall umgibt. Er entwirft ein deutsches Panorama, changierend zwischen schrecklich schön und schön schrecklich. Kerns Fotos sind immer authentisch, nicht inszeniert. Dennoch genau auf den Punkt fotografiert, zeigen sie, wie Ordnung leicht ins Absurde umschlagen kann.

Die manchmal wie Schnappschüsse wirkenden Fotos Kerns - viele aus Berlin und dem Ruhrgebiet, zwei fast prototypisch deutschen Orten - entstanden im Laufe von knapp 10 Jahren, in denen er seine Idee verfolgte. Für "Die deutsche Aussicht" hat Kern rund 50 während seiner Reisen seit 2002 fotografierte Bilder ausgewählt. Einen Teil davon zeigt auch seine Homepage.

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Kern beweist mit seinen Fotos zudem ganz nebenbei, dass für lohnende Motive kein Fotograf in exotische Weltgegenden reisen oder sich gar an den immer gleichen, totfotografierten Sujets abarbeiten muss. All den Amateuren, die immer wieder dem ultimativen Sonnenuntergangs-, Eisvogel- oder Venedig-Foto hinterher jagen, sei Kerns Buch als spannende Anregung empfohlen, mal in ihrer eigenen Heimat auf Entdeckungsreise zu gehen und die Augen offen zu halten. Es lohnt sich oft. Erfolgserlebnisse können so nahe liegen.

Kerns Fotos sind derzeit noch bis zum 12. April in der Freelens-Galerie in Hamburg, montags bis freitags von 11 - 18 Uhr zu sehen.

Oliver Kern - Die deutsche Aussicht Texte von Michaela Heissenberger, Horst Klover, Fabian Lasarzik, (Deutsch/Englisch) Gestaltung von Carsten Eisfeld Hatje Cantz 2012. 144 Seiten, 80 Abb. 30,00 x 23,40 cm, gebunden 29,80 Euro ISBN 978-3-7757-3477-6

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