Vernetzte Stadt

New York - Vorbild für die Stadt von morgen

Keine Kommune der Welt ist die Digitalisierung der Verwaltung und der Beziehung zwischen Bürgern und Stadt so strategisch angegangen wie New York. Unter der Führung seiner Chief Digital Officer Rachel Haot hat sich der Big Apple zum Vorbild für die Stadt der Zukunft entwickelt - inklusive eines Crowdsourcing-Schlaglochsuchdienstes und einer Kondom-App.

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© Archiv/IntMag

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Die New York Times, sang einst Billy Joel, und die Daily News, brauche man für den >>New York State of Mind<<. Rachel Haot sieht das anders: Sie braucht eher Twitter, Instagram, Buzzfeed, Techcrunch, The Verge und die Hacker News. Ein großer Fan ist die 30-Jährige auch von Tumblr und Facebook, mit denen sie den >>ganzen Tag verbunden ist<<.

Und doch denkt und lebt sie seit Jahren in einem >>New York State of Mind<<, hat sie doch die Arbeit der Stadtverwaltung maßgeblich verändert, seit sie 2011 ihren Posten als Chief Digital Officer der City of New York antrat. Seit Anfang des Jahres will sie Gleiches anstoßen für den Bundesstaat New York - womit sie die erste, staatlich bezahlte Ober-Geekette der USA ist.

Doch warum Haot? Weil sie trotz ihres Alters schon reichlich Digital-Erfahrung mitbrachte. Mit 23 Jahren hatte sie die Leserreporterseite Groundreport gegründet und später die digitale Beratung Upward. Forbes und Fortune zählten sie zu den >>30 Top-Unternehmern unter 30<<. Fast Company ernannte sie 2011 zu einer der >>einflussreichsten Frauen in der Technologie<<. Und 2012, als sie bereits das >>digitale Gesicht New Yorks<< verkörperte, gab ihr das World Economic Forum den Titel >>Young Global Leader<<.

Doch es gab auch Kritik an ihrer Besetzung: >>Ihr größter Erfolg ist es, dass sie, ohne große Erfolge aufzuweisen, so hoch und so schnell aufgestiegen ist<<, spottete das Marketingmagazin Brandweek. Andere wiederum lehnten einen Digitalchef wegen der >>Verschwendung von Steuergeldern<< generell ab.

Drei Jahre später sind die Kritiker verstummt. New York ist wieder ein respektabler Startup- Standort. >>Sie hat massiv geholfen, das Ökosystem für diesen Boom zu geschaffen<<, sagt Nora Abousteit, deutsche Gründerin von Kollabora, einer Handwerks-Community. Abousteit kann sich noch an das >>digitale New Yorker Brachland<< erinnern, als sie 2006 an den Hudson kam: >>Heute ist die Stadt digital kaum wiederzuerkennen.<<

Doch die Standortförderung istder weniger spannende Teil von Haots Arbeit. >>Mein Job ist es auch, die Bürger mit der Stadt online zu verbinden<<, hatte sie bei ihrem Jobantritt angekündigt. Dafür müsse man >>die Verwaltung transparenter machen<< und >>die Privatwirtschaft aggressiv in öffentliche Projekte involvieren<<. Dinge, für die die Stadt kein Geld mehr habe.

Um dieses Ziel zu erreichen, schrieb Haot, damals noch Sterne, in ihren ersten 90 Tagen im Amt eine 62 Seiten starke >>Road Map for the Digital City<<. Dies ging sie im Geist der Hackerkultur an, wie sie auf der Digitalkonferenz SXSW in Austin vergangenes Jahr erklärte: >>Und eine Stadt hacken, das geht nur gemeinsam. Es ist keine Stimmung von uns gegen die. Wenn wir uns technologisch und kulturell richtig aufstellen, können wir coole Sachen schaffen.<<

Ihr Team arbeitete als interne Unternehmensberatung für alle Teile der Verwaltung. Wenn sie sich mit einem Verwaltungsbereich zusammensetzen, >>fragen wir: Woran wird Euer Erfolg gemessen?<< Von da an arbeite man gemeinsam rückwärts, analysiere die Bevölkerungsteile, die von jenem Verwaltungsbereich betreut werden, und entwickle passende Lösungen. Beispiel: >>Viele ärmere Bürger haben keine Internetleitung - aber ein Smartphone. In diesem Segment braucht man mobiloptimierte Angebote.<<

Klar war auch: Die Stadt allein kann nicht alles schaffen. Doch wenn man Bürgern Zugang zu Daten verschafft, werden Freiwillige eigene Lösungen schaffen. >>Seit 2011 haben wir mehr als 900 Datensätze freigegeben<<, erklärte Haot stolz auf der Konferenz des Magazins Economist >>The World in 2013<<. Dabei kam heraus, dass >>Big Data jedem hilft und sogar Leben retten kann<<. So habe man die Unfälle von Feuerwehrleuten in drei Jahren um 50 Prozent reduzieren können, nachdem man Daten über illegale Hauserweiterungen veröffentlichte. Und auch Notarztwagen seien heute im Schnitt eine Minute schneller vor Ort - nur weil sie besser auf die Stadt verteilt werden konnten. Die kompletten Datensätze sind im Portal NYC Open Data zugänglich.

Wie wichtig Open Government ist, konnte Haot im Oktober 2012 beweisen, als Hurrikan Sandy über New York hinwegfegte. Als Bloomberg einen Evakuierungsbefehl - auf Drängen seiner Digitalchefin auch über Youtube - für Bewohner in den gefährdeten Flutgebieten erließ, waren viele darauf bereits vorbereitet.

>>Wir hatten im Vorfeld unsere Evakuierungskarten proaktiv auf den neuesten Stand gebracht<<, sagt Haot. Außerdem waren die über 300 Social-Media-Kanäle der Verwaltung für den Notfall konsolidiert worden: Nur die wichtigsten wurden in diesem Moment noch aktiv betrieben, um die Informationskanäle zu konzentrieren: >>Das ist entscheidend, um die Leute auf dem Laufenden zu halten.<<

Um darauf aufmerksam zu machen, bat sie Twitter um kostenlose Werbetweets, die auf die Stadt-Accounts hinwiesen. Der Kurznachrichtendienst entsprach diesem Wunsch, ohne zu zögern. Die Followerzahl des Haupt-Accounts wuchs so um 50.000 innerhalb von zwei Tagen.

Haot selbst saß, so geht zumindest die Legende, mit Laptop, Blackberry und iPhone bewaffnet, während des Hurrikans im notdürftig mit Strom versorgtem Rathaus. Von dort versuchte sie die Feeds der Regierungsseite NYC.gov mit Twitter, Facebook, Tumblr und Crowdmap zu koordinieren. Dabei konnte die Digitalchefin nicht nur Informationen und Warnungen des Bürgermeisters herausschicken, sondern auch Fotos und Infos von Bürgern über Stromausfälle und Überflutungen mit anderen teilen.

>>Mehr als 50.000 Menschen haben sich allein am Twitter-Feed über das Sandy-Wochenende daran beteiligt<<, bilanzierte Haot. Und auch über 300 Fragen, zum Teil auf Spanisch, wurden beantwortet. Dabei spielte Twitter eine besondere Rolle, erklärte Haot auf der SXSW: >>Wir hatten Strom- und Mobilfunkausfälle. Twitter benötigt aber weniger Datenverkehr als andere Dienste.<< So landete >>I am OK<< auf Platz eins der Twitter-Schlagwort-Charts - so ließ sich mit minimalen Datenmengen eine kurze Nachricht an alle Interessierten schicken.

Geholfen hat auch die überarbeitete Regierungswebsite NYC.gov. Das digitale Aushängeschild der Stadt wird heute jeden Monat von vier Millionen Besuchern angeklickt. In einem Hackathon namens >>Reinvent NYC.gov<< hatte Bloomberg 2011 Entwickler aufgerufen, die Seite zu erneuern; über 100 IT-Experten kamen. >>Wir haben nur unsere Datensätze geliefert sowie Bagel und Kaffee<<, sagt Haot. Ansonsten habe die Aktion den Steuerzahler keinen Cent gekostet.

36 Stunden lang diskutierten die Teilnehmer ohne große Pausen über ein neues Design der Website und die Möglichkeiten für Social Media.Entstanden ist durch den Hackathon, der zwei Monate später durch den mit 50.000 Dollar dotierten Wettbewerb >>BigApp<< ergänzt wurde, zum Beispiel das Tumblr-Blog >>Daily Pothole<<. Hier können New Yorker Straßenschäden melden und beobachten, wie die Stadt Schlaglöcher repariert - monatlich kommt eine vierstellige Zahlvon Meldungen über Tumblr zur Verwaltung.

Beliebt ist auch die App >>NYC Condom<< des Gesundheitsamtes, die Verliebte zum nächsten Kondomautomaten dirigiert. Und über Foursquare kann jeder Hungrige vor der Auswahl eines Restaurants herausfinden, welche Hygienenote das Lokal von der Gesundheitsbehörde bekommen hat. >>A<< gilt als bedenkenlos, >>B<< ist schon mit Vorsicht zu genießen.

Hackathons und App-Wettbewerbe gehören heute zum Alltag des digitalen New York. Zuletzt wurde im Dezember 2013 bei >>Reinvent 311<< die Bürgerhotline 311 weiterentwickelt, bei der jedes Jahr 90 Millionen Anrufe eingehen. Sie ist nun über Skype, Twitter und eine eigene App erreichbar.

Bei einer anderen Aktion entstand die Idee, die 12.360 öffentlichen Telefonzellen aus alten, analogen Zeiten zu WLAN-Sendern umzurüsten. In einem Umkreis von 100 Metern, so der Plan des >>Hackathon Reinvent Payphone<<, soll man sich künftig kostenlos ins Netz einloggen können. Ein mühsames Projekt: Bisher konnten erst zehn umgebaut werden.

Bei allen positiven Entwicklungen scheint New York beim Internetzugang die meisten Probleme zu haben und ist gefühlte Lichtjahre von der Konkurrenz Silicon Valley entfernt. Schuld daran sind Monopolstellungen der Kabelgiganten Time Warner und Verizon, die sich den Markt untereinander aufteilen. Immer wieder kommt es zu Klagen über Systemausfälle und schlechten Service. Bloomberg konnte daran weder mit seiner Initiative zum Ausbau des Breitbandkabelnetzes in allen fünf Bezirken noch mit seiner Ankündigung in Harlem das >>größte WLAN-Netz Amerikas<< zu schaffen, etwas ändern.

Knapp 80.000 Bewohner und Besucher sollen sich bis Mai 2014 zwischen der 110th und der 138th Street kostenlos ins Internet einloggen können. Dass weiterhin in großen Teilen der New Yorker U-Bahn nicht mit dem Smartphone im Netz gesurft werden kann, ist mittlerweile auch Rachel Haot peinlich. >>Wir arbeiten daran<<, verspricht sie gebetsmühlenhaft in Interviews auf die immer wiederkehrende Frage.

Dabei scheint auch die Digitalchefin an die Grenzen ihrer Befugnis zu stoßen: Die Verkehrsbetriebe MTA unterstehen nicht der Stadt. Dafür gibt es aber einen anderen großen und langfristigen Erfolg: die Errichtung eines IT-Campus auf Roosevelt Island - ein Lieblingsprojekt von Bloomberg. Die Hochschule soll den anhaltenden Mangel an gut ausgebildeten Informatikern in New York beseitigen.

Entwickeln wird den Tech-Campus auf der schmalen Insel im East River zwischen Manhattan und Queens die Cornell Universität in Ithaca, New York. Einen auf die neue digitale Welt zugeschnittenen Studiengang hat die Eliteschmiede inzwischen bereits eingerichtet. Finanziert werden soll das zwei Milliarden Dollar teure Projekt aus rein privaten Investitionen. Eine erste Spende des früheren Cornell-Studenten und Milliardärs Charles F. Feeney von 350 Millionen Dollar steht bereits zur Verfügung.

Bis der Cornell NYC Tech Campus allerdings voll funktionsfähig ist, wird die neue IT-Elite in der New Yorker Zentrale von Google im Stadtteil Chelsea unterrichtet. Erst im Jahre 2017 soll der erste Jahrgang nach Roosevelt Island ziehen; der gesamte Campus mit einmal 5.000 Studenten, Professoren und Mitarbeitern ist sogar erst in digitaler Ferne, im Jahr 2037, fertig.

Ob Rachel Haot dann in der New Yorker U-Bahn im Internet surfen kann, hängt auch vom neuen Bürgermeister der Stadt ab. Bill de Blasio scheint seine Prioritäten in sozialen Bereichen zu sehen. Dass er sich zur digitalen Zukunft der Stadt bisher nicht geäußert hat, löste Diskussionen aus: >>De Blasio ist ein klassischer Politiker<<, sagt ein Startup-Gründer, der lieber ungenannt bleiben möchte: >>Bloomberg dagegen hat die Stadt als Manager geführt und uns als Teil eines Unternehmens gesehen.<<

Auch der Wechsel von Rachel Haot zu Gouverneur Andrew Cuomo an den Regierungssitz des Bundesstaates New York wird in der Internetbranche mit Sorge gesehen. Jetzt wartet man darauf, ob der Posten des Chief Digital Officer für die Stadt wieder besetzt wird - oder ob die positiven Veränderungen der Stadtverwaltung durch digitale Technologie ein Ende haben.

Autor Michael Remke lebt in und schreibt aus New York seit 1997 für Publikationen wie "Welt" und "Bild am Sonntag". Er bloggt über US-Politik auf seiner Homepage und ist auf Twitter unter @Michael_Remke zu erreichen.

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