Crowdfunding-Projekt

Die Zukunft des Lichts - finanziert von der Crowd

Die Glühbirne der Zukunft wollte das Projekt Lifx per Crowdfunding verwirklichen. In nur einer Woche sammelten die Macher über 1,3 Millionen Dollar ein. Doch dann begann das Warten: Ein dreiviertel Jahr hat sich die Auslieferung verzögert. Nun aber sind die Birnen da- das Intmag macht den Praxistest: Wie gut ist Lifx wirklich?

Lifx

© Lifx

Lifx

Hätte Wikipedia einen Eintrag für "Depremierendster Arbeitsplatz Mitteleuropas", er würde -  bei allem Respekt vor den dort Arbeitenden - verziert mit einem Foto des Hauptzollamtes Düsseldorf. Schrammelig sind die Wände, abgeschabt der Linoleum-Boden. Die Mitarbeiter bewegen sich mit professioneller Lethargie, sie haben schon vieles gesehen: Zeternde Abholer, die beteuern, die Lieferung aus China sei ein Geschenk - auch wenn die Rechnung auf eine Firma läuft; Menschen, die ein Dutzend Zigarrenkisten abholen; Importeure, die um den Wert der abgefangenen Ware feilschen wollen.

Diese Zollmitarbeiter für den Bruchteil einer Sekunde zu verwirren, sie kurz innhalten zu lassen um in ihren Augen zu lesen: "Hat der das wirklich gerade gesagt?" - dazu braucht es Lifx.

So lautet der Name des Kickstarter-Projektes, das ich im Herbst 2012 unterstütz habe. Immer mehr wird die Crowdfunding-Plattform zu einem Ort der zeigt, wie unsere Alltag in der Zukunft aussehen könnte. Hier suchen Erfinder Geld, deren Ideen nicht heißluftige Vision, sondern machbar erscheinen, gleichzeitig aber doch ein Stück weit wie aus einem Science Fiction-Film erscheinen.

So wie Lifx: eine neue Form der Glühbirne auf LED-Basis, die sich an das heimische Wlan anschließen lässt. Die Macher versprachen, dass via Handy-App jede beliebige Farbe einstellbar und die Intensität dimmbar sei. Mehr noch: Lifx solle eine offen Programmierplattform werden, so dass noch viel mehr möglich sein soll, von der pulsierenden Disco-Beleuchtung passend zur gerade laufenden Musik bis zum Wecken mit langsam angehendem Licht.

Der Zollbeamte fragt: "Und was ist da drin." Ich: "Zwei Glühbirnen."

Einen Moment lang huscht über das graue, beschnauzbartete Gesicht ein Ausdruck, der bei jüngeren Menschen vielleicht umschrieben würde mit "wtf - what the fuck?!?" Für den Bruchteil einer Sekunde scheint er die offensichtliche Frage stellen zu wollen: "Wer ist so bescheuert und bestellt zwei Glühbirnen für 129 Dollar in Hongkong?"

Doch er hat schon viel gesehen. Da sind solche Glühbirnen eine hinnehmbare Anomalie im Strom der Zeit. Ich zahle 16,71 Euro Zoll nach, meine Quittung wird zwei Mal dumpf-krachend gestempelt. Hier ist der Stempel noch ein Machtmittel.

Im März sollten die Birnen eintreffen. Eigentlich. Denn was sich dann zutrug zeigt, wie schwer es ist aus einen Prototypen und einer Kickstarter-Kampagne eine Serienproduktion zu erschaffen. Für das IntMag haben dies Anna Kobylinska und Filipe Martins recherchiert - es liest sich wie ein Krimi.

Erst eine Woche nach Erscheinen unserer Ausgabe 12 erhalte ich endlich die Mail: "Your order has just been shipped from our warehouse!"

Yay! Ankommen soll die Lieferung am 10. Dezember. Nur: Sie kommt nicht - stattdessen erreicht mich ein Brief vom Hauptzollamt Düsseldorf. Denn Lifx hat sich um das Thema Einfuhrbestimmungen nicht gekümmert.

Das Auspacken ist recht unspektakulär. Hübsch in einem Pappkarton eingelassen sind sie, die Lifx-Lampen. Mit dem schlichten Design erinnert das eher an ein skandinavisches Produkt.

Die Bedienungsanleitung ist kurz und für Menschen mit Lesebrille kaum zu entziffern. Doch letztlich ist die Sache ganz simpel.

  1. Die Steuerungs-App aus Apples App-Store oder dem Android Play-Store herunterladen.
  2. Birne einschrauben und das Licht einschalten. Ergebnis: Die Lifx strahlt wie das schlimmste Neonlicht einer Werkshalle, im Kopf singen Geier Sturzflug vom "Bruttosozialprodukt":  "Wenn in der Montagehalle die Neonsonne strahlt und der Gabelstaplerführer mit der Stapelgabel prahlt..."
  3. Die App starten. Sie fordert auf, das Handy mit dem Wlan-Netz Lifx zu verbinden. Tatsächlich: Dieses taucht in der Wifi-Liste auf.
  4. Innerhalb der App weist man der Birne nun das echte Heimnetz zu. Danach muss auch das Handy wieder auf dieses Wlan umgestellt werden.

Das alles dauert vielleicht eine Minute und ist somit gewaltig einfacher als das Konkurrenzsystem Hue von Philips.

Nun erscheint auf dem Display der App eine Art Drehrad. Mit dem lässt sich die Intensität und die Lichtmischung regulieren. Der Nutzer hat die Wahl zwischen verschiedenen Weißtönen oder einer Farbenpalette.

Und die weckt natürlich das Spielkind. Blau - die Lifx wird im Bruchteil einer Sekunde blau. Grün - grün. Rot - rot. Jede einzelne Nuance ist machbar, das Drehrad bestimmt die Intensität der Mischung. Diese Form der Steuerung ist nicht wirklich nutzerfreundlich, auch wenn man sich schnell daran gewöhnt.

Und doch ist der da, der Wow-Effekt. Aus einer simplen Stehlampe wird ein Lichtobjekt, die Hängeleuchte zum Disco-Accessoire. Die Optik der Wohnung verändert sich grundlegend - beeindruckend.

Lichtschemata können in der App gespeichert und somit jederzeit aufgerufen werden. Auch sind wahlweise einzelne Lampen oder alle im Netz befindlichen ansprechbar. Leider sind dies Schemata noch nicht von Nutzer zu Nutzer tauschbar - das wäre ein definitiver Gewinn für die App.

Noch interessanter als die Farbwucht ist die klassische Beleuchtung. Denn viele Menschen verfluchen Energiesparlampen ja wegen ihres "kalten" Lichts. Liefert LED den Ausweg?

Ein Praxistest mit der besten aller Ehefrauen, die genau dieser Meinung ist. Ich schraube die Lifx in eine der insgesamt sieben Lampen im Wohnzimmer und wähle über die Weißlicht-Palette einen angenehmen warmen Ton. Die Liebste kommt heim, ich zeige ihr zunächst die farbige Variante im Arbeitszimmer. Dann das Wohnzimmer - wo ist die Lifx eingeschraubt? Sie stutzt. Schaut von Lampe zu Lampe zu Lampe. Setzt an, zeigt - auf die falsche Lampe. Tatsächlich sind die Lifx von klassischen Birnen für den Laien nicht unterscheidbar.

Defizite sind wenige auszumachen. Eines davon ist die Zeitspanne bis die App erkennt, dass eine Birne ansteuerbar ist. Das einmalige Einrichten ist zwar flott, im täglichen Betrieb können bis zu 30 Sekunden vergehen, bis Lampen auf dem Display auftauchen. Rätselhaft ist die Frage, wann sich Lampen zurücksetzen. In zwei Dritteln aller Fälle nehmen die Lifx beim Betätigen des physischen Lichtschalters die Farbe an, die sie beim Ausschalten hatten - doch es kann auch passieren, dass sie sich auf das hässlichste, kalte Licht zurückstellen.

40.000 Stunden sollen die Birnen halten - das reicht bis in die Rente. Sollte diese Zeitspanne tatsächlich erreicht werden, wäre der Preis von 89$ (zzgl. Versand) pro Birne gerechtfertigt. Bestellt werden kann Lifx auf der Homepage - allerdings muss einiges an Wartezeit eingerechnet werden. Denn nach der Charge der Kickstarter-Investoren werden die Vorbestellungen abgearbeitet. Wer heute ordert muss bis ins erste Quartal 2014 warten.

Tatsächlich hat Lifx aber die Chance, Großes zu schaffen. Der Irrtum Energiesparlampe könnte tatsächlich korrigiert werden. Und wenn Programmierer beginnen, eigene Apps zu entwickeln könnte Licht eine neue Bedeutung bekommen - sowohl im Wohn- wie im öffentlichen Bereich. Eine das Licht wechselnde LED-Lampe ist nicht neu. Doch die simple Steuerung über eine App und ohne große technische Einrichtungen, das ist tatsächlich eine kleine Revolution.

Mehr zum Thema

IT,Social-Enterprise,Microsoft
Microsoft

Wie mit Microsofts Social-Enterprise-Knigge Unternehmen kulturell auf dem Weg in Richtung durchgehender vernetzter Organisation begleitet werden.
Studie,Unternehmen
Studie

Eine von Ricoh Europe gesponserte Studie der Economist Intelligence Unit zeigt, dass das Unternehmenstempo häufig überschätzt wird.
image.jpg
Bewertung

Das Beratungsunternehmen Pierre Audoin Consultants hat die führenden Anbieter von Application Management in Deutschland auf den Prüfstand gestellt.
Zielorientierte Planlosigkeit
Kolumne

Matthias Kolbusa über Ziele ohne Plan: Zielorientierte Planlosigkeit ist die Kunst, vor und während einer Umsetzung kontinuierlich den Fokus auf das…
Las Vegas
Big Data in Casinos

Die Casinos von Las Vegas sind ein totalüberwachtes, hochtechnisiertes Biotop, in dem Betrüger wenig Möglichkeiten haben.