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Krimi um die Glühbirne der Zukunft

Innerhalb einer Woche sammelte der Australier Phil Bosua 1,3 Millionen US-Dollar auf Kickstarter ein. Sein Versprechen: eine revolutionäre Glühbirne, die jede Farbe und jede Lichtintensität annehmen kann und die über das häusliche Wlan und das Handy steuerbar ist. Was dann passierte zeigt, wie schwer es sein kann, digitale Welt und die des Kohlenstoffs zu vereinen.

Glühbirne Zukunft

© IntMag

Glühbirne Zukunft

Andrew Birt ist geschockt. Er spürt, dass dieser Moment das Zeug hat, Wirtschaftsgeschichte zu schreiben: >>Ich schüttelte den Kopf und sagte zu Phil: Ich glaube, du hast die Glühbirne der Zukunft erfunden.<<

Phil, das ist Phil Bosua. Australier, Ende 30, non-linearer Lebenslauf: Studium der Elektrotechnik abgebrochen, um Rockmusiker zu werden, nebenbei Lichttechniker für andere Bands, dann Mobile-Programmierer, dessen E-Reader-Apps sechs Millionen Mal heruntergeladen wurden.

Im Herbst 2011 leitet Birt den ersten Startup-Inkubator Australiens namens Inspire9. Doch was ihm Bosua da präsentiert, wird seinen Lebenslauf verändern. Birt steigt ein - und es beginnt ein Wirtschaftsabenteuer, das den Ruf der beiden entweder ruinieren oder ein neues, globales Unternehmen erschaffen wird.

Herbst und Winter 2011

Birt erinnert sich: >>Wir hatten so um die drei Monate an einem anderen Vorhaben gearbeitet, als Phil sich zu mir drehte und fragte, ob ich mir ein Nebenprojekt von ihm ansehen wollte.<< Bosua kramt die handgezeichnete Skizze einer Wifi-fähigen Glühbirne hervor und meint, ein Prototyp sei bereits funktionsfähig und ließe sich per Computer über Kommandozeilenbefehle steuern. Birt ist fasziniert.

Er tritt dem Gründerteam bei, das aus Bosua, seinem Vater John, Andy Gelme, Guy King und Jake Lawton besteht. Eine schlagkräftige Mannschaft: Gelme verfügt über Kontakte in die Melbourner Hackerszene, Birt ist einer der bekannteren Startup-Investoren Australiens, King hat den an der New Yorker Börse gelisteten Coupondienst Retailmenot.com ins Leben gerufen. >>Wir hatten ein vielseitiges und flexibles Team aufgestellt<<, erinnert sich Bosua.

Sommer 2012

Die Gründer tüfteln an Prototyp und Geschäftsplan. Von Experiment zu Experiment, von Prototyp zu Prototyp reift die Glühbirne, die Lifx heißen wird. Ein Melbourner LED-Hersteller stellt dem Team einige LED für Testzwecke zur Verfügung. John Bosua sägt die Spitzen dieser LED ab, montiert RGB-Chipsätze und verlötet diese mit je einem Arduino-Controller. Diese Open-Source-Platinensysteme werden bevorzugt von Künstlern und Designern genutzt. Damit die ganze Konstruktion nicht auseinanderfällt, steckt er die klobigen Komponenten in eine Frischebox. Sie würden in das Gehäuse einer LED nicht passen.

15. September 2012

Früher oder später braucht ein Startup eine stabile Finanzierung, erst recht wenn physikalische Waren hergestellt werden sollen. Bei der Entscheidung, dem jungen Unternehmen eine Finanzspritze zu beschaffen, fällt die Wahl auf die Crowdfunding-Plattform Kickstarter. 100.000 Dollar sollen innerhalb von zwei Monaten zusammenkommen. Wer investiert, bekommt keine Anteile, sondern Glühbirnen - also das Produkt, wie üblich bei Kickstarter. Bosua wählt wuchtige Worte: Bestehende Glühlampen basierten auf einer archaischen Technologie, die unsere Umwelt bedroht. Sie seien für 20 Prozent des Stromverbrauchs in Haushalten weltweit verantwortlich. Im 21. Jahrhundert müsse es doch möglich sein, smarte Glühbirnen zu produzieren. Lampen, die weniger Energie verbrauchen, länger halten, und das Umweltbewusstsein ihrer Benutzer respektieren.

Dazu ein Video, in dem Phil Bosua, angespannt wirkend, erklärt, weshalb Lifx so besonders ist: Die Glühbirne wird über das Handy ansteuerbar sein, und zwar nicht zum Ein- und Ausschalten. Sie kann auch beliebig gedimmt werden und jede beliebige Farbe annehmen. Lust auf Disco? Dann pulsiert Lifx passend zur Musik. >>Ihre Spende macht aus dem Traum, die Glühbirne neu zu erfinden, Realität<<, endet er.

Was er verschweigt: Es gibt Konkurrenz. Philips bietet mit seiner Birnenserie >>Hue<< ähnliche Lichteffekte. Nur: Hue braucht einen eigenen Router, das macht das System unflexibler - allerdings möglicherweise auch weniger störungsanfällig. Und: Philips vertreibt seine Birnen nur über Apple-Läden und den Apple-Online-Shop. Somit ist das System in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Es hilft wenig, dass die Hue-Website so unübersichtlich ist, dass Nutzer gar nicht wissen, wo das System erhältlich ist.

16. September 2012

24 Stunden später ist das Finanzierungsziel auf Kickstarter erreicht. >>Das war, ehrlich gesagt, einer der besten Momente meines Lebens<<, sagt Bosua. Die Bestellungen reißen nicht ab. Quer über durch die Welt wird das Video in Blogs, auf Facebook und Twitter weitergereicht - alle wollen die Birnen haben.

21. September 2012

Das Kickstarter-Konto steht bei 1.314.542 Dollar - nach sechs Tagen. Das Team beendet die Kapitalsammlung, beteiligt haben sich 9.236 Nutzer, darunter rund tausend Deutsche. Doch das Interesse lässt nicht nach. Über 20.000 Benutzer registrieren sich für Updates über die Website des Projektes, mehr als 600 Distributoren bekunden ihr Interesse an einer Partnerschaft mit Lifx Labs.

Als leitender Ingenieur tritt Marc Alexander dem Team bei und beginnt, die Komponenten zu miniaturisieren und das Design zu verfeinern. Die Frischebox landet auf der Müllhalde. >>Der Dual-Core-Computer in jeder Lifx-LED legt heute mehr Leistung an den Tag als der erste Apple Mac<<, sagt Birt.

Kapital ist jetzt da - aber dadurch ein neues Problem: Kapazitäten. >>Ursprünglich visierten wir ein Produktionsvolumen von insgesamt vielleicht einmal 5.000 Stück an<<, erinnert sich Bosua. Nach dem spektakulären Erfolg mit Kickstarter muss das Startup schleunigst einen neuen Produktionspartner finden, denn der bisherige Lieferant in Melbourne ist mit den benötigten Stückzahlen überfordert. Bosua wird schnell klar, dass die Finanzierung durch Kickstarter für die Vorbestellungen nicht ausreichen wird. Mit Hilfe zusätzlicher Finanzierungsrunden verschafft sich das Startup weitere 4,35 Millionen Dollar Kapital.

Oktober 2012

Es gibt Tausende möglicher Produktionsstätten, vier mögliche Partner filtert das Team heraus und reist nach Belgien, Hong Kong und ins chinesische Shenzhen. Bosua analysiert den Produktionsablauf und bespricht die Planung mit seinem Team - die Projektmanagementsoftware Basecamp wird zum wichtigsten Hilfsmittel.

Januar 2013

Der erste Prototyp des Außengehäuses verlässt die Fabrik. Ein Prototyp eben, nicht mehr und nicht weniger. Nur: Eigentlich soll im März bereits ausgeliefert werden, so wurde es auf Kickstarter angekündigt.

Februar 2013

Die miniaturisierte Elektronik, hineingequetscht in das Außengehäuse, wird nach China geflogen, die endgültigen CAD-Zeichnungen werden übersandt. Serienproduktion? Fehlanzeige. Simulationen der Wärmeentwicklung offenbaren dringenden Verbesserungsbedarf. Die Birne soll 900 Lumen Lichtinten- sität erreichen, um es mit einer 75-Watt-Glühbirne aufnehmen zu können. Doch bei dieser Helligkeit erreicht sie Backofenhitze - und das senkt die Lebensdauer. Ein Kühlkörper muss her.

Dieser senkt zwar die Temperatur, sieht aber grauenhaft aus. Die zwei Designer werfen erneut ihre Grafiksoftware an. Nur: Die ästhetischen Optimierungen in letzter Minute kosten enorm viel Zeit. Der Auslieferungstermin verschiebt sich auf Mai 2013

März 2013

Das endgültige Design steht im Großen und Ganzen fest. Bosua beauftragt die Fabrik mit der Ausrüstung der Produktionsanlagen.

3. April 2013

Der Entwurf der Verpackung hat sich als eine harte Nuss erwiesen. Auf der einen Seite gilt es, die Versandkosten und damit die Paketgröße zu minimieren, auf der anderen Seite müssen sich auf der Verpackung postalische Aufkleber komfortabel anbringen lassen. Seit der Ausschreibung auf Kickstarter sind nun sechs Monate vergangen. Auch der Mai-Termin ist nicht mehr haltbar. Das Team versucht über Videos, E-Mail-Newsletter und Social Media die Käufer bei der Stange zu halten. Sie versuchen, jede einzelne Beschwerde zu beantworten.

>>Alles kostet mehr, als man gedacht hat, und dauert doppelt so lange<<, sagt Birt nachdenklich. >>Es ist so ein altes Klischee, aber in unserem Falle hat es sich als eine Binsenweisheit erwiesen.<< Die Kosten für die Ausrüstung der Produktionsanlage und für die mehrfachen Zertifizierungen liegen etwa doppelt so hoch wie die bisherigen Schätzungen. Zum Glück verfügt Lifx Labs über ausreichende finanzielle Reserven, um durchzuhalten. Mittlerweile nimmt das Unternehmen Vorbestellungen weit über das Kickstarter-Volumen hinaus über die eigene Website an. Mit der physikalischen Distribution beauftragte Bosua den Weblogistikdienst Shipwire.

1. Mai 2013

Bosua versucht in einer Mail an die Kunden die Wogen zu glätten. Er schreibt: >> Der neue Termin für die erste Charge von 500 Stück ist jetzt der 14. Juni und die Zertifizierung (durch die US-Behörden, d. Red.) sollte drei Wochen dauern, so dass wir in der Lage sein sollten, am 8. Juli die Hauptproduktion zu starten und die Birnen zu versenden, sowie sie vom Fließband kommen. Dies ist auch für uns frustrierend und ich muss mich selbst ermahnen, dass wir die Fertigungslinie schaffen, nicht nur eine erste Ladung. Sobald die ersten 500 getestet und zertifiziert und wir 100 Prozent glücklich damit sind, sollten wir es doch schaf- fen, die Dinger in kurzer Zeit rauszuhauen und sie euch zu schicken .<<

Juli 2013

Der Smilie war übereilt. Die Auslieferung verschiebt sich nochmals, denn die ersten Tests waren >>grauenhaft<<, wie Bosua gesteht: Die Stromversorgung schwankt. Die Erkenntnis trifft das Team aus heiterem Himmel. Den Ingenieuren steht ein komplettes Redesign der Stromversorgung ins Haus; das eine oder andere Teil muss neu bestellt werden - schnell und auch in großen Stückzahlen.

12. August 2013

Neue Qualitätstests, neue Überraschungen. Diesmal ist es das Zusammenspiel mehrerer Birnen. Schwaches Reaktionsvermögen der Elektronik führt die ganze Idee vernetzter LEDs ad absurdum. Nach vielen Experimenten gelingt der Durchbruch.

September 2013

Ende August hat die US-Kontrollbehörde FCC einen Vortest abgeschlossen - mit grünem Licht. Selbst solch ein Routineakt wird inzwischen als Erfolg gefeiert. Seit der Ausschreibung auf Kickstarter ist ein Jahr vergangen. Die Käufer üben sich in Geduld - was bleibt ihnen anderes übrig? Bosua versucht zumindest die Logistikwege zu beschleunigen, also die Time-to-Market: Statt per Schiff sollen die Birnen per Luftfracht rausgehen. Nach zahlreichen Redesigns und Terminaufschüben läuft zumindest die Zertifizierung auf vollen Touren.

4. Oktober 2013

Die Lifx ist zugelassen. Bosua gibt grünes Licht für die Serienproduktion. Im ersten Monat erreicht die Wochenkapazität 7.000 Birnen. Schwarze Zahlen wird Lifx Labs mit den Kickstarter-Bestellungen kaum schreiben: >>Alleine an sonstigen Kosten verbrannten wir eine satte Million US-Dollar<<, sagt Birt: >>Wir hatten bisher noch keine Gelegenheit, die dauerhafte Lieferkette zu optimieren. Unsere Produktionskosten sind nach wie vor hoch, unsere Vorlaufzeiten sind lang. 2014 wollen wir uns darauf fokussieren. Unsere Priorität 2013 bestand ganz einfach darin, das Vorhaben überhaupt erfolgreich hinzukriegen.<< Ohne zusätzliche Finanzierungsrunden wäre die Produktion unmöglich - Kickstarter allein reicht für ein solch komplexes Projekt nicht.

4. November 2013

Es scheint vollbracht: Die Produktion der ersten 19.158 Birnen läuft. Auch die US-Behörden haben das Modell nun abgenommen. Die erste Version der iOS-App ist finalisiert und befindet zur Freigabe bei Apple und auch die Android-App ist so gut wie fertig. Innerhalb der folgenden zwei bis drei Wochen sollen alle Kickstarter-Investoren ihre Lifx erhal- ten. In seinem E-Mail-Newsletter schreibt Bosua: >>Die alles überwältigenden Gefühle bei uns sind Erleichterung und Aufregung<<.

Mitte Dezember

Nach langer Lieferzeit treffen die Birnen auch in Deutschland ein.

LIFX Batch Two Pre Order Announcement

Quelle: LIFX
1:34 min

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