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Ein Winter auf Mallorca, Version 2.0

Das Konzept von Open Offices ermöglicht es vor allem Gründern und Selbstständigen Büros zu finanzieren, ohne sich in Unkosten zu stürzen. Noch dazu sind diese ad-hoch-Bürogemeinschaften ein Hort der Vernetzung von Gleichgesinnten. Zwei Hamburger haben dieses Konzept genutzt, um dem norddeutsche Winter zu entfliehen: Sie gründeten die Open Finca auf Mallorca. Und selbst der Otto-Konzern fand diese Idee ansprechend.

Mallorce

© Archiv/IntMag

Mallorce

Mit dem Internet ist alles schön und gut, aber es gibt gewisse Grenzen. Google Earth etwa bringt uns im Winter sekundenschnell auf jeden schönen Platz dieser Welt, aber wenn der Blick dann vom Monitor abschweift auf das heimische Fenster, dann ist es draußen immer noch grau bis grausam.

Um mal kurz in der Karibik eine wenig Sonne zu tanken und sich aufzuwärmen, wäre Vollkörper-Beamen via DSL ideal. Da das aber vermutlich noch etwas Entwicklungszeit benötigt (von Google Labs sind bislang keine derartigen Projekte bekannt), haben sich Marika Müller (36) und Holger Ahrens (34) eine Alternative überlegt: mit Open Finca den Winter einige Monate lang auf Mallorca verbringen. Um genau zu sein, von Mitte November 2013 bis Mitte Januar 2014.

Ganz neu ist das nicht einmal: Gleichfalls im November, jedoch bereits 1838, reisten die französische Schriftstellerin George Sand und der Komponist Frederic Chopin des besseren Wetters wegen nach Mallorca und verbrachten im abgeschiedenen Kloster von Valldemosa genau 98 Tage. George Sand verfasste über die Zeit den Roman >>Ein Winter auf Mallorca<<, der weltberühmt wurde.

Müller und Ahrens haben einen >>Winter auf Mallorca 2.0<< daraus gemacht, denn ihre Zielgruppe sind die Angehörigen der Generation Laptop, die ihren Lebensunterhalt eigentlich überall verdienen können, solange sie schnelles WLAN haben.

Die beiden Open-Finca-Gründer sind dafür Prototypen: Müller ist als freie Lektorin und Redakteurin tätig, Holger Ahrens als Webentwickler, Projektleiter sowie Trainer für Google-Apps. Als Wahlhamburger kennen sie sich außerdem bestens mit fast ganzjährigem Mistwetter aus und wissen, wie gut Sonne und Wärme die kreative Arbeit unterstützen. Das alles ergänzt um >>Netzwerken, Workshops, Open-Space-Veranstaltungen auf einer großzügigen Finca, die Platz für Gemeinsamkeit bietet, aber ebenso Raum fürs Privatsein<<, so der Plan.

Mallorca ist dafür im wahrsten Sinnedes Wortes naheliegend. Von jedemgrößeren deutschen Flughafen sind es nur zweibis zweieinhalb Stunden Flugzeit, ab dem Flughafen der Inselhauptstadt Palma de Mallorca lässt sich auf den bestens ausgebauten Straßen praktisch jedes Ziel in etwa 30 Minuten erreichen. Man ist also schnell da und ebenso schnell wieder daheim, wenn der Job es notwendig machen sollte.

Die Mallorca-Kern-Features der Open Finca aber lauten: 300 Sonnentage im Jahr und sehr gute Versorgung mit Internet, selbst auf dem Lande per LTE. Dazu eine durch und durch deutsche Infrastruktur, die den Wechsel des Arbeitsplatzes so einfach macht wie den Wechsel von einem Coworking Space in Berlin nach Hamburg.

>>Auf Mallorca kommt man ohne ein Wort Spanisch bestens zurecht. Die Leute sprechen entweder Deutsch oder Englisch<<, sagt Ahrens. Er muss es wissen: Er spricht selbst nur wenig Spanisch, seine Geschäftspartnerin Müller ebenfalls - trotzdem haben sie das Projekt auf die Beine stellen können. Der Vermieter der Finca ist Spanier, kann aber bestens Englisch und ist geübt in Verhandlungen mit Ausländern. Die Finca liegt nahe des Ortes Consell im Landesinneren von Mallorca. >>Finca<< bedeutet nichts anderes als Landhaus, und das sollte man wörtlich nehmen. Ein Haus auf dem Land mit einem Schotterweg als Zufahrt, Orangen- und Zitronenbäumen, Katzen, Schafen und Brennholz für den Kamin vor der Tür. Die Ausstattung: zwei Küchen, Aufenthaltsräume mit Kamin, Pool, Terrasse mit Grill und Veranda, Internetanbindung (10-MBit-ADSL), Telefon (GSM und UMTS).

Bis zu sechs Arbeitsräume inklusive Schlafgelegenheiten konnten in diesem Winter gebucht werden, und zwar für ein, zwei oder vier Wochen. Die Preise: ab 300 Euro pro Woche - mit Rechnung fürs Finanzamt. >>Denn die Kosten für das Winterbüro sind natürlich als Betriebskosten absetzbar<<, sagt Holger Ahrens. >>Das ist das Gleiche, als wenn ein Hamburger für einige Zeit in Düsseldorf oder Hannover arbeitet und dort Coworking Space anmietet.<< Die Nebenkosten für Strom, Wasser und Brennholz sind inklusive.

Äh, Kamin? Ja, braucht man. Im Winter wird es auf Mallorca kalt, ein heiß gelaufenes Laptop ist da als Bettwärmer keine dumme Idee. Oder man hat eben genug Holz vor der Hütte, kriegt rechtzeitig das Feuer an und macht es sich vor dem Kamin gemütlich, so wie die ersten Open- Finca-Gäste der Wintersaison 2013/2014.

Die in der Softwareentwicklung tätige Unternehmerin Katrin Kaden (36) aus Berlin war eine davon. >>Irgendwo im Internet<< hatte sie von dem Projekt erfahren, reservierte online zwei Wochen von Anfang bis Mitte Dezember und buchte ihren Flug bei Air Berlin. >>Ich war schon öfter im Sommer und Herbst als normale Urlauberin auf der Insel, kenne mich hier aus und dachte: Warum nicht mal den Winter mit Arbeiten hier verbringen?<< Einen Mietwagen für die Zeit hat sie günstig über den Vergleichs-Broker CarDelMar gemietet, ein weiterer Sponsor von Open Finca, der Gästen zehn Prozent Rabatt auf den Normalpreis bietet.

>>Tagsüber sitze ich auf der Terrasse, erledige einige Arbeiten fast wie in Deutschland - nur dass mir dabei die Sonne ins Gesicht scheint<<, sagt sie. >>Abends fahre ich gerne mal nach Palma de Mallorca rein und genieße das Nachtleben. Und es ist gar nicht mal so schwer, hier Anschluss zu finden.<<

Dass Kaden im Internet über Open Finca gestolpert ist, hängt auch mit dem Marketing der beiden Macher zusammen. So hatten sie für die geplanten 5.000 Euro Basisinvestition ein Crowdfunding bei der Plattform Nordstarter gestartet. Diesen Betrag hätte die Sparkasse Hamburg sicher auch als Kleindarlehen herausgegeben und am Ende kam der Wunschbetrag nicht einmal zusammen, >>aber die Crowdfunding-Aktion brachte viel kostenlose Publicity im Internet<<, berichtet Müller. Unter anderem wurde so Otto Office, der Büromittel-Ableger des Otto-Konzerns, auf Open Finca aufmerksam und sponserte das Projekt mit Büroausstattung.

Ihren ersten Winter auf Mallorca sehen die Gründer als Erfolg. Sechs Gäste kamen, ohne dass groß in Werbung investiert werden musste. Kontakte entstanden ebenfalls, wie so oft bei Open Offcies. >>Mallorca wird unser Winterbüro bleiben<<, sagen sie.

Das Geschäftsmodell von Open Finca soll aber modifiziert werden: >>Wir wissen jetzt, dass es viele Fincas gibt, die im Winter auf Mallorca leer stehen und für Coworking geeignet sind. Wir werden daran arbeiten, solche Fincas zu finden, auf Coworking-Qualitäten zu testen und dann die Arbeitsplätze an Winterflüchtlinge zu vermitteln<<, sagt Ahrens.

Autor Andreas Kunze ist freier Finanzjournalist in Düsseldorf und profunder Mallorca-Kenner. Er schreibt als Finblogger über Anlage- und andere Finanzthemen.

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