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Ist Google irre? Die 5 wichtigsten Fragen zum Kauf von Nest

Für 3,2 Milliarden Dollar in bar übernimmt Google das Startup Nest - diese Meldung erschütterte gestern die Tech-Szene. Hier die wichtigsten Fragen zum zweitgrößten Deal in der Geschichte Googles nach der Übernahme des Handyherstellers Motorola.

Nest Labs

© IntMag

Nest Labs

1. Wer zum Teufel ist Nest?

Nest Labs - so der eigentliche Firmenname - ist Hersteller von nur zwei Produkten. Einerseits ist da der lernende Thermostat: ein wunderschön gestaltetes Gerät, das sich auch per Mobile App ansteuern lässt. Dass sich ein so schnödes Alltagsgerät derart aufmotzen lässt, hat im vergangenen Jahr für viel Wirbel in der Digitalszene der USA gesorgt.

Erst recht, weil hinter Nest Labs eine Reihe prominenter Namen stehen. CEO ist Tony Fadell, der einst das erste Entwicklungsteam für Apples iPod leitete und der die Mobile Computing Division von Philips gründete. Sein Mitgründer Matt Rodgers gehörte zum ersten Entwicklungsteam des iPhones und leitete später die Softwareentwicklung für den iPod. 2010 gründeten sie Nest Labs und gewannen prominente Investoren. Direkt zu Beginn stieg Kleiner Perkins Caufield & Byers ein, schon 2011 kam auch Google Ventures hinzu.

Im Oktober präsentierte Nest dann sein zweites Produkt: einen vernetzten Feuermelder. Allein: Beide Produkte sind auf die USA gezielt. So lässt sich der Thermostat in Europa überhaupt nicht verwenden - aufgrund der komplizierteren Heizungstechnik. Zusammen mit Google will Nest neue Märkte erobern, wie CEO Fadell gegenüber Gigaom sagte: "Es läuft gut in den USA und Kanada, aber wir müssen nach Europa und rund um den Globus. Allein der Einstieg in Großbritannien hat eine Menge Zeit und Energie gekostet und wenn wir nach Europa schauen, gibt es dort viele Länder und viele Chancen. Es ist ein Atome-basiertes Geschäft und wichtig ist es, das Geschäft zu skalieren ..."

2. Ist Google irre?

Generell? Nun... Also... Ein wenig sicherlich.

Bei der Übernahme geht es aber nicht um den Zukauf eines Thermostatherstellers. Zunächst einmal kauft Google sich eine Reihe Top-Leute ein. Dazu zählen nicht nur Fadell und Rodgers, sondern auch Yoki Matsuoka, die Vice President of Technology bei Nest Labs. Sie ist nicht Expertin in Wärmesteuerung - sondern im Gebiet der Neurowissenschaften und der Robotik. Tatsächlich begreift Nest Labs sich nicht als Haushalts-Helfer sondern als Unternehmen im Bereich Robotik und Künstliche Intelligenz.

Und hier wird es für Google interessant. Denn in den vergangenen zwölf Monaten hat der Suchkonzern acht Roboterhersteller gekauft, darunter auch den Militärzulieferer Boston Dynamics. Was genau Google plant, bleibt der Spekulation überlassen. Doch dürften Technologien wie die Datenbrille Glass und selbstfahrende Autos von den Erkenntnissen der zugekauften Unternehmen - und den dort angestellten Experten - profitieren.

Nun sind 3,2 Milliarden Dollar trotzdem eine Menge Geld. Allerdings handelt es sich hier um die Gesamtbewertung. Ein Teil des Geldes fließt direkt zurück an Google, da der Venture-Capital-Arm des Konzerns ja bereits seit 2011 bei Nest Labs investiert war.

3. Warum hat Apple nicht zugeschlagen?

Glaubt man den Branchendiensten, war Apple kein ernsthafter Mitbieter. Aufgrund der Apple-artigen Schlichtheit des Thermostats war der Konzern immer wieder als möglicher Aufkäufer von Nest ins Spiel gebracht worden. Möglicherweise aber schätzt Jonathan Gaw, Analyst beim Marktforscher IDC, das Geschäft richtig ein. Er sagte dem Tech-Dienst Cnet: "Nest dreht sich um Design. Die Technologie ist nett, aber nicht notwendigerweise revolutionär. Wenn man Apple ist, könnte man denken: Na ja, ich hab Design." Außerdem habe Apple noch nie derart viel Geld für Endgerätehersteller ausgegegeben - Google hingegen schon.

4. Wer ist der größte Gewinner des Deals?

Der Wagniskapitalgeber Kleiner Perkins Caufield & Byers. Einst war die Firma eine Ikone des Silicon Valley: Amazon, Google, Electronic Arts - bei den großen Namen der Digital-Industrie gehörte Kleiner Perkins zu den wichtigen Investoren. Doch in den vergangenen Jahren hatte Gründungspartner John Doerr den Fokus immer stärker auf den Bereich Clean- und Greentech verschoben. Und das funktionierte gar nicht. Seit dem Herbst spekulieren Branchendienste sogar über ein Aus des 1972 gegründeten Geldgebers, im Dezember folgte eine massive Umstrukturierung.

Nach Informationen von Techcrunch steckte Kleiner Perkins 20 Millionen Dollar in Nest Labs - und erhält dafür jetzt 400 Millionen zurück. Endlich hat Kleiner Perkins damit mal wieder einen Grund zum Feiern. Das dürfte dem Management ein wenig mehr Ruhe geben.

5. Und wer ist der größte Verlierer?

Vaillant. Gira. Danfoss. Also so ziemlich jeder klassische Hersteller von Thermostaten und Gebäudetechnik. Sie alle haben zwar bereits Lösungen für eine digitale Steuerung einer Wohnung oder eines Hauses im Angebot. Doch sind all diese Systeme, langsam, unpraktisch und - für de Vermarktung noch schlimmer - uncool. Nun wird Nest den europäischen Markt angreifen und ihn gleichzeitig öffnen. Denn natürlich werden auch andere Anbieter, wie die deutsche Lösung Tado, neue Investoren finden: Das Thema hat nun Sex Appeal.

Diese Startups werden den aufbrechenden Markt dominieren und unter sich verteilen. Natürlich könnten die klassischen Anbieter aufholen. Ihre bisherigen Bemühungen machen in diesem Punkt aber wenig Hoffnung.

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