Buchtipp

Edith Tudor Hart: Bilder aus einem richtigen Leben

"Edith Tudor Hart - Im Schatten der Diktaturen" zeigt eine Retrospektive des Schaffens einer der bedeutendsten Dokumentarfotografinnen der 1930er-Jahre.

Demonstration von Arbeitslosen in Wien, 1932

© Wolfgang Suschitzky / National Gallerie of Scotland, Edinburgh

Demonstration von Arbeitslosen in Wien, 1932

Edith Tudor-Hart (1908-1973) war eine schillernde Persönlichkeit. In Wien in einem sozialdemokratischen Elternhaus geboren, studierte sie am Bauhaus und wandte sich dann der Fotografie und der Politik zu.

In ihren Fotos ist beides verbunden. Sie ging ihren Weg als Fotojournalistin und Porträtfotografin, fand ihre politische Heimat in kommunistischen Kreisen und emigrierte nach einer Verhaftung mit ihrem Mann 1934 von Wien nach Großbritannien. Dort entstand von 1936 bis 1951 ein Großteil der vorliegenden Fotos.

Nebenbei fand Tudor Hart noch Zeit für kleinere Agententätigkeiten im Umfeld der >>Cambridge Five<< mit dem sowjetischen Meisterspion Kim Philby. Nach dessen Enttarnung Anfang der 50er-Jahre verlangten die britischen Behörden von Tudor-Hart das Ende ihrer fotografischen Aktivitäten. Daraufhin fand sie im Antiquitätenhandel einen Weg, ihre finanzielle Existenz zu sichern. Fotos veröffentlichte sie seitdem nicht mehr.

Der Katalog zu den in Wien und Berlin gezeigten Ausstellungen fasst ihre in Wien, London, Wales und Schottland entstandenen, direkten, ungeschminkten, dokumentarischen Fotografien zu sozialen Themen zusammen. Tudor-Hart steht dabei in der Tradition eines engagierten Realismus der Arbeiterfotografie der 1920-30er-Jahre in einer Reihe mit sozial motivierten Fotografen wie Paul Strand oder Tina Modotti. Tudor-Harts Schwarz-Weiß-Fotos zeigen durchweg eine ausgeprägte Nähe zu den Menschen. Ihr wenig distanziertes Herangehen an die Protagonisten ihrer Bilder trägt maßgeblich zur Wirkung der Fotos bei.

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Förderlich dabei war sicher auch, dass Tudor Hart mit einer zweiäugigen Rolleiflex-TLR fotografierte, deren Lichtschacht es ihr erlaubte, mit ihren Modellen bei der Arbeit ungehindert über die Kamera hinweg zu kommunizieren, statt sich durch die Kamera am Auge zu distanzieren.

Ein ausführlicher Text-Teil im Katalog erläutert Zusammenhänge in Tudors-Harts Leben und die Entstehungsgeschichte ihres fotografischen Werkes und ergänzt den nicht nur für Freunde der sozialkritischen und Reportage-Fotografie empfehlenswerten Katalog - trotz seines angesichts der meist aus Großbritannien stammenden Fotos irreführenden Untertitels.

Lesetipp für Interessierte: Mehr Hintergrundinformationen zur Fotografin, ihrer Geschichte, der Ausstellung und zum Katalog finden sich beim österreichischen Fotohistoriker Timm Starl.

Edith Tudor Hart - Im Schatten der DiktaturenVerlag: Hatje-Cantz

Hrsg. National Galleries of Scotland, Edinburgh, Wien Museum, Wien, Texte von Duncan Forbes, Anton Holzer, Roberta McGrath, Gestaltung von Marc Naroska, Deutscher Text

2013. 127 Seiten, gebundenISBN 978-3-7757-3566-7Preis: 35 Euro

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