Internetnutzer und Webaktive

Die digitale Digitalspaltung

Wenn von der digitalen Spaltung die Rede ist, geht es um die Differenz zwischen Web-Nutzern und Analogen. Doch auch innerhalb des Webs tut sich eine Kluft auf: Viel-Nutzer bilden eine besondere Avantgarde, wie das Institut für Strategieentwicklung IFSE aus Berlin ermittelte.

Webaktive

© Archiv/IntMag

Webaktive

Hergen Wöbken ist Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Strategieentwicklung und erforscht dort Fragen zu Recht und Eigentum, den Umgang mit digitalen Inhalten sowie Strategien und Wettbewerb im Internet.

Eine digitale Kluft verläuft in Deutschland nicht nur zwischen den >>Onlinern<< und >>Nonlinern<<. Die digitale Kluft tut sich vor allem im Netz selbst auf, wo sich unter den Onlinern die Avantgarde einer neuen Gesellschaftsform ausgebildet hat. Von den mehr als 50 Millionen deutschen Internetnutzern sind etwa zehn Prozent überproportional stark im Netz vertreten.

Diese Webaktiven gestalten, verändern und prägen das Internet und damit auch unsere Wirklichkeit. Sie integrieren das Internet in all seinen vielfältigen Erscheinungsformen so in ihren Alltag, dass sie ohne es nicht einfach nur offline wären - sie hätten nicht mehr das Leben, das sie jetzt führen.Wie unterscheiden sich Webaktive und >>normale<< Internetnutzer in Deutschland? Wie gehen sie mit digitalen Inhalten um? Wie unterscheidet sich die Mediennutzung? Welche Werte vertreten sie? Und warum sollte all das auch Politik und Wirtschaft interessieren?

In der Studie >>Digitale Mentalität II<< geben wir Antworten auf diese Fragen. Die Avantgarde im Netz ist typischerweise jung, männlich, urban und verfügt über einen über- durchschnittlich hohen Bildungsstand. Die meisten älteren Menschen werden wahrscheinlich nie mehr den Anschluss finden. Zu ihnen gehören viele Entscheider in Unternehmen und Behörden.

Auch Frauen haben das Internet als Gestaltungsmedium für gesellschaftliche Veränderungsprozesse noch nicht für sich entdeckt. Knapp 20 Prozent der Webaktiven sind Frauen, die damit an den Entwicklungen im und durch das Internet nur einen geringen Anteil haben. Das muss für eine Gesellschaft, die noch nicht einmal die letzten Etappen einer vollständigen Gleichstellung der Frau abgeschlossen hat, ein immenses Alarmsignal sein.

Webaktive verbringen täglich fast drei Stunden mit dem privaten Computer. Auffällig hieran ist, dass sie mehrere Medienaktivitäten über ein Endgerät abwickeln, beispielsweise Radio hören, TV schauen oder online Nachrichten lesen. Teilweise tun sie alles gleichzeitig. Die Netz-Avantgarde erstellt daneben viel eigenen Content, zum Beispiel in Form von Forumsbeiträgen, eigenen Websites und Twitter. Durch diese Eigenproduktion von digitalem Content sind Webaktive Meinungsführer bei netzpolitischen Themen. Aber sie sind auch in wirtschaftlicher Hinsicht relevant: Generell geben Webaktive mehr für Medieninhalte aus als andere Internetnutzer.

Ein weiterer Unterschied zwischen Webaktiven und gewöhnlichen Internetnutzern liegt im Besitz sogenannter Raubkopien: Ein überwiegender Teil der Webaktiven gibt an, mehr als die Hälfte ihrer Musik, Filme, Software und Spiele illegal kopiert zu haben. Unter Internetnutzern hingegen sind es nur elf Prozent. Das Raubkopieren ist unter den Webaktiven immer noch als Massenphänomen einzustufen.

Doch auch sie nutzen illegal kopierte Inhalte weniger als zuvor. Als Gründe dafür geben sie an, dass sie stattdessen auf mehr legale kostenpflichtige oder legale kostenfreie Angebote aus- weichen und dass sie entschiedener selektieren. Eine Minderheit der Webaktiven nutzt eigenen Angaben zufolge heute mehr illegal kopierten Content als zuvor und gibt dafür vor allem Kostengründe, aber auch die bessere Kundenfreundlichkeit beziehungsweise >>Usability<< von illegalem Content an.

Damit sind die Argumente für die Nutzung beziehungsweise Zunahme der Nutzung von illegal kopiertem Content zwar eher unpolitisch und zielen hauptsächlich auf Bequemlichkeit ab. Ob es jedoch ein Zeichen für strategisch cleveres Antwortverhalten der Webaktiven oder eine Aufforderung an Medienunternehmen ist, in mehr Nutzerfreundlichkeit zu investieren, bleibt ein spannender Diskussionspunkt. Die Antworten der Webaktiven deuten darauf hin, dass ein leichter und kundenfreundlicher Zugang zu digitalem Content (>>Access<<) eine wichtige Rolle für sie spielt.

Ein großer Teil beider Nutzergruppen spricht sich dafür aus, Inhalte aus Bildung und Wissenschaft im Internet kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Wie diese Inhalte finanziert werden sollen, ist eine offene, aber dringend zu diskutierende Frage. Werbefinanzierte Online-Angebote als Möglichkeit der Finanzierung digitaler Inhalte empfinden fast alle Internetnutzer als störend. Die Hälfte aller Internetnutzer und mehr als drei Viertel aller Webaktiven benutzen bereits einen Werbeblocker, um sich vor Werbung zu >>schützen<<.

Für die Webaktiven ist Transparenz in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen extrem wichtig. Es ist davon auszugehen, dass sich angesichts jüngster Entwicklungen wie dem NSA-Skandal die Meinungen dazu noch verstärkt haben. Ebenso deutlich befürworten die Webaktiven das Recht auf Anonymität im Internet. Sie sei zur Wahrung der Meinungs- und Ausdrucksfreiheit und zur Aufrechterhaltung sozialer Rollen in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wichtig und erfülle somit eine Schutzfunktion für alle.

Des Weiteren lehnen die Webaktiven die Einführung einer Klarnamenpflicht klar ab. Diese würde es Unternehmen ermöglichen oder erleichtern, Verknüpfungen zwischen den Bewegungen einzelner Nutzer im Netz zu identifizieren. Es ist zu vermuten, dass die Webaktiven die Klarnamenpflicht genau deshalb ablehnen.

Webaktive äußern deutliche Skepsis gegenüber staatlicher Überwachung. Sie sprechen sich mit klarer Mehrheit gegen Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung aus. Die Hälfte der durchschnittlichen Internetnutzer hingegen befürwortet beides. Beide Nutzergruppen möchten eine stärkere Regulierung, wenn es um Datenvoreinstellungen geht, die wenig persönliche Daten erfassen (>>Privacy by default<<). Ein überragender Anteil der Internetnutzer möchte mehr gesetzliche Schutzvorkehrungen im Netz. Bei den Webaktiven wünscht sich nur jeder Dritte mehr Gesetze zum Schutz der User.

Nur im Hinblick auf die wertneutrale Übertragung von Daten (Netzneutralität) befürworten die Webaktiven staatliche Eingriffe: Fast zwei Drittel von ihnen sind der Meinung, dass Netzneutralität nur durch einen staatlich regulierenden Eingriff gewährleistet werden kann.

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