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Die Zukunft der Unterhaltungselektronik in Europa

Philips hat die Unterhaltungselektronik-Sparte verkauft. Firmen in ganz Europa tun sich schwer, gegen die Konkurrenz aus Asien anzukommen. Klangvolle Namen sind verschwunden. Wie geht es mit der UE-Branche in Europa weiter?

Die Zukunft der Unterhaltungselektronik in Europa

© Thomas Jansa - Fotolia.com

Die Zukunft der Unterhaltungselektronik in Europa

Die Nachricht ist eingeschlagen wie eine Bombe: Philips verkauft seine Unterhaltungselektronik-Sparte. Emotionen kochen hoch: Die holländische Marke hat die TV-Geschichte Europas wesentlich mitgeprägt und sich auch im Musikbereich einen Namen gemacht. Und das soll nun alles vorbei sein?

Ende Januar wurde der Deal bekannt. Der Käufer ist das japanische Unternehmen Funai, mit dem die Niederländer schon seit Jahren kooperieren. Vorab hatte Philips bereits die TV-Sparte in ein Joint Venture mit dem japanischen Konzern TPV Technology ausgelagert.

Obgleich die Firma klarstellt, dass Forschung und Entwicklung in den Niederlanden verbleiben werden und auch die Deutschland-Zentrale in Hamburg bestehen bleibt, ist eines klar: Die Unterhaltungselektronik von Philips gehört nun Asiaten.

Ein klarer Trend

Philips befindet sich in bester Gesellschaft: Viele deutsche und europäische Firmen sind diesen Weg gegangen. Da gab es zahlreiche schillernde Namen: Braun, Schaub-Lorenz, Telefunken, Thomson, Schneider und Grundig. Heute existieren diese Namen, wenn überhaupt, nur noch als Marken, die von jedem Unternehmen für einen gewissen Zeitraum eingekauft werden.

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Oft interessieren sich asiatische Firmen für die geschichtsträchtigen Logos, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen. Den historischen Qualitätsanspruch von einst verfolgen diese Firmen fast nie. In der Regel wollen sie Billigprodukte nur aufpeppen.

Nur selten liegt der Fall anders. So inspirierte Grundig den jetzigen Besitzer, die türkische Koc-Holding, qualitätsorientierte Audio- und Videoprodukte anzubieten. Von der einstigen Schlagkraft des deutschen Unternehmens in Forschung und Entwicklung, die heute in Istanbul stattfinden, ist dennoch kaum etwas übrig geblieben.

Hohe Marktdynamik

Was allerdings gern in Vergessenheit gerät: Ein- und Verkäufe sind bei Firmen der Unterhaltungselektronik auf dem deutschen und europäischen Markt Tradition. Firmen, die heute nicht mehr existieren, schluckten einst andere. Schaub-Lorenz kam durch Fusion zustande, bevor 1930 die International Telephone and Telegraph Company aus den USA, bekannter unter dem Kürzel "ITT", das Unternehmen übernommen hat. Und bis schließlich der Markenname "ITT Schaub-Lorenz" entstanden war, gab es noch einige weitere Bewegungen bei den Unternehmensanteilen.

Auch Grundig festigte durch Einkäufe und die damit verbundene Diversifizierung seine Marktposition. In den 50ern gingen die Adlerwerke und Triumph in den Besitz des Unternehmens über, woraus schließlich die ruhmreiche Triumph-Adler AG erwuchs. Als Grundig in eine finanzielle Schieflage geriet, stieg Philips mit einem Anteil von über 30 Prozent ein und übernahm die Führung.

Die Schneider Rundfunkwerke AG holte sich 1988 Plattenspielerspezialist Dual und musste 2002 selbst Insolvenz anmelden. Die Türkheimer Produktionsanlagen, Warenbestände und Markenrechte gingen an den chinesischen Elektronikkonzern TCL.

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Geradezu spektakulär waren die Einkaufszüge des Franzosen Thomson (Thomson-Brandt) in den 80er- und 90er-Jahren. Zu guter Letzt vereinigte der Konzern gleich eine ganze Reihe klangvoller deutscher Namen unter seinem Dach wie Telefunken, Nordmende und SABA. Für kurze Zeit besaß er auch Dual.

Interessant dabei: Thomson selbst war eine 1893 gegründete französische Tochterfirma, die aus der US-amerikanischen Thomson-Houston Electric Company hervorgegangen war. Rund 100 Jahre später, 2004, ist auch hier Chinese TCL aufs Parkett getreten, übernahm die TV-Sparte von Thomson samt des Markennamens und galt anschließend als damals weltgrößter TV-Geräte-Hersteller.

Schwierige Bedingungen

Konzentrationsbewegungen fanden also schon immer statt. Im Zeitraum der vergangenen zehn Jahre haben dabei zunehmend asiatische Firmen das Ruder übernommen. Nicht tonangebend, aber finanziell ist etwa bei Loewe Sharp aus Japan eingestiegen. Loewe muss als Aktiengesellschaft seine Zahlen bekanntgeben, und die sehen nicht rosig aus: Umsatz und Gewinn sind rückläufig. Umstrukturierungen stehen an, zu denen wie üblich auch ein Stellenabbau gehört.

Andere bekannte Marktspieler wie Metz, TechniSat oder Kathrein lassen sich nicht so offen in die Karten schauen. Doch eines scheint sicher zu sein: Eng geht es auch bei ihnen zu, wobei laut Metz Unternehmensgröße und Käuferzahl noch stimmig sind.

Verantwortlich für die Probleme sind verschiedene Marktgegebenheiten. Die atemberaubende Entwicklungsgeschwindigkeit gibt einen Takt vor, der nicht nur technische Kreativität, sondern auch ein enormes Finanzpolster erfordert. Gleichzeitig lässt der Konkurrenzkampf mit den erstarkten asiatischen Firmen die Preise fallen. Das sind keine guten Voraussetzungen für Qualitätsgeräte der alten Garde.

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Parallel dazu verändert sich das Käuferverhalten. Produkte, die "ein Leben lang halten", sind weniger gefragt als ständig wechselnde Innovationen. Man ist technisch verspielter und möchte lieber auf dem neuesten Stand bleiben.

Ein Kennzeichen dieses Trends ist der wachsende "Update-Markt". Käufer und Hersteller bauen darauf, dass Produkte durch nachlieferbare Software den letzten Schliff erhalten. Das eröffnet die Möglichkeit, sogar nicht völlig ausgereifte Geräte auf den Markt zu bringen.

Bei alldem spielen schließlich die Kostenstrukturen und damit die Produktpreise eine tragende Rolle: Die asiatischen Global Player beweisen hohe Innovationskraft, können ihre Leistungen aber deutlich günstiger erbringen als Europa.

Trotz dieses Standortvorteils haben sogar die Unternehmen in Übersee zu kämpfen. Das zeigt, welche Heftigkeit der Konkurrenzkampf erreicht hat. Sharp hat genauso finanzielle Probleme wie Sony. Samsung und LG leben vor allem von Smartphones sowie vom wachsenden Tablet-Bereich. Mit Fernsehern oder der Herstellung von den darin integrierten Bildschirmen lässt sich derzeit offensichtlich kein hoher Gewinn erzielen.

Chancen für die Zukunft

Statt nur einen Fernseher zu verkaufen, strebt man nun Gesamtkonzepte an. Loewe positioniert sich schon länger als hochwertiger Anbieter von TV-Kombinationen mit passendem Audio-Equipment. Einzug hält zunehmend auch der interaktive Bereich: Alle TV- und Audio-Hersteller paaren ihre Geräte mit der Fähigkeit, ins Internet zu gehen oder sich ins heimische Netzwerk einzuspannen. Die Boom-Produkte Smartphone und Tablet spielen dabei eine tragende Rolle, alle etwas kostspieligeren Audio- und Video-Spieler kooperieren mit ihnen.

Chancen bieten aber auch jene Konstellationen, die zu den Verkaufsbewegungen im Markt führen. Kooperationen oder das gezielte Zusammenlegen von Sparten unterschiedlicher Firmen kann dazu führen, in zumindest anderer Form weiter existieren zu können. So stellt Philips die Niederlage eher als Sieg dar: Man habe die Vorteile zweier Firmen zusammengeführt, sagt Sebastian Lindemann, Manager Public Relations bei Philips.

Der neue Besitzer der Unterhaltungssparte, Funai, operiere weltweit und weise hervorragende Distributionskanäle auf, die sich mit denen von Philips bestens kombinieren lassen. Auch in der Fertigung arbeite man gut zusammen. Forschung und Entwicklung als Philips-Stärke würden in Europa bleiben und auf rege Unterstützung von Funai warten. So habe sich ein schlagkräftiges und zukunftssicheres Team gebildet, das auch die bisherigen Philips-Mitarbeiter einbeziehe. 

So bleibt zu hoffen, dass sich daran nichts ändert und Philips der Unterhaltungselektronik nicht nur als Marke, sondern auch als Qualitätslieferant erhalten bleibt.

Die letzten Deutschen

Deutsche TV-Hersteller haben eine extreme Konzentration erfahren. Als letzte ihrer Art können Loewe, Metz und TechniSat auftreten. Die Unternehmensgeschicke samt Forschung und Entwicklung liegen noch komplett in eigener Hand. Die Unterschiede zwischen ihnen sind dennoch groß:

  • Loewe existiert bereits seit 1923 und hat sich im Laufe seiner Geschichte mit hochwertigem Design einen Namen gemacht. Heute ist die Aktiengesellschaft ein AV-Systemanbieter im oberen Preissegment mit einem hohen Innovationsanspruch.
  • Metz erblickte 1938 das Licht der TV-Welt. Erfolgsentscheidend sind hier nicht nur die Fernseher. Auch die Produktion von Blitzen für Fotoapparate und eine Kunststofffabrik sind im Besitz des Familienunternehmens. Die TV-Zielgruppe ist eher konservativ. 
  • TechniSat wurde erst im Jahr 1987 von Peter Lepper gegründet. Hier geben drei Geschäftsführer den Ton an. Ursprünglich als reiner Anbieter von Satellitentechnik gestartet, ist TechniSat inzwischen auch im hochwertigen TV-Bereich positioniert. Die Modellpalette ist relativ klein.

Vorsprung durch Technik

Deutsche Firmen der Unterhaltungselektronik stachen im Laufe ihrer Geschichte durch bahnbrechende Erfindungen oder neue Ideen heraus, die europa- und weltweit technische Entwicklungen beeinflussten sowie Trends setzten. Hier herausragende Leistungen im Überblick.

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