Max Senges von Google

& - der Traum von Berlin

Berlin könnte zum Treiber der Innovation in Deutschland werden, glaubt Googles Policy Manager Max Senges. Denn die Stadt hat eine &-Kultur.

Max Senges

© Archiv/IntMag

Max Senges

Max Senges ist Internet Policy & Innovation Manager bei Google in Berlin. Als Bindeglied zu Wissenschaft, Entrepreneuren und Zivilgesellschaft arbeitet er an den Schnittstellen von Internet Governance, Innovation und Technikphilosophie. Bevor er zu Google kam, war er in akademischen, staatlichen und privaten Organisationen in den Bereichen Wissensmanagement, E-learning und IT-Governance tätig. Sengels ist Doktor der Philosophie und diplomierter Wirtschaftsinformatiker.

Für das Magazinprojekt "The Hundert - Standpunkte zur Online-Hauptstadt Berlin" schrieb er diesen Text, den wir freundlicherweise veröffentlichen dürfen.The Hundert ist unter diesem Link erhältlich. 

Berlin ist ein Mythos. New York, London, Paris, Rom - Hauptstädte entwickeln eine kollektive Halluzination. Sie sind Symbole des 24/7, Orte von politischen und kulturellen Phänomenen wie Punk oder #Occupy. Sie sind Spiegelbild der Volksseele und repräsentieren Geschichte und aktuellen Zeitgeist.

Berlin ist für mich die faszinierendste Stadt Deutschlands. Es ist die deutsche Stadt, die sich am besten durch ihre Vielseitigkeit, durch das Leitmotiv des "&", erschließt. Berlin hat kein Zentrum, hat keinen dominanten Wirtschaftszweig. Es ist Ost & West, Kiezkneipe & Kosmopolitanismus, Hipster & Icke, Schwaben- & Hamburger-überflutet, Philharmonie & Panoramabar, Hausbesetzer- & Kanzlerheimat. Berlin ist groß genug für alle. Berlin ist groß genug für alle Träume.

Während Paris und New York ihre Marke schon geprägt haben, steht uns noch in großen Stücken frei, unser Märchen zu erfinden. Am letzten Augustwochenende kamen auf Einladung von Google, der Deutschen Bank, Shell und in Kooperation mit dem Innovations- und Gründer-Campus Factory auf dessen Baustelle 34 Vordenker aus Startups, Mittelstand, Dax-Unternehmen sowie Kultur und Wissenschaft zusammen. Sie debattierten und entwickelten eine Charta mit den potentesten Chancen für den wirtschaftlichen & gesellschaftlichen Fortschritt Deutschlands. Für mich liest sich die Charta wie der Traum eines Berlins, das als nationales Zugpferd und Vorbild die Chancen des neuen digitalen Milleniums realisiert.

Unternehmer sein ist sexy: Startups und mutige Unternehmer, die die Umbrüche der transformation unserer Zeit opportunistisch angehen. Diese Unternehmer bergen ungeahnte Motivations- und Produktivitätspotentiale, indem sie Mitarbeiterbeteiligung und Flexibilität im Sinne der Anpassungsfähigkeit in die Lebensträume ihrer Mitarbeiter systemisch integrieren.

Besser als in Frankfurt mit seinen etablierten Institutionen kann sich bei Berliner Finanzdienstleistern ein Fokus auf transformative Innovation und speziell bei der Bereitstellung von Risikokapital und Förderung von Startups im Finanzbereich entwickeln. So könnte Berlin zukünftig als Vorreiter eines reformierten und integrierten Finanz- & Wirtschaftsstandorts gelten, der Startups als emergenten Mittelstand versteht.

Berlin hat Erfahrung im Niederreißen von Mauern. Sie könnte die erste deutsche Stadt werden, die die Transformation schafft von einer Papier und Öffnungszeiten unterworfenen Verwaltung zu einer offenen Verwaltung, die das Netz als Betriebssystem der Gesellschaft mit offenen Armen empfängt und damit von Unternehmensgründung bis Kiezentwicklung online Angebote aus einer Hand anbietet.

Im selben Geist verstehen und gestalten Berliner die Daten, die ihr digitales Leben repräsentieren, als ihr privates Eigentum. Sie schätzen und nutzen ihre digitale Umwelt, einerseits um demokratische Entscheidungen auf solide empirische Daten zu stützen und andererseits, um mit Hilfe der egalitär zugänglichen digitalen Produktionsmittel ihren Stimmen Gehör zu verschaffen. Durch eine differenzierte Praxis der "Pflege des guten Rufs" übertragen sie Prinzipien wie Toleranz für Extravaganzen und unterschiedliche Lebenskonzepte aus der analogen Kiezgemeinschaft in die des vernetzten "Global Village".

Genauso gehört eine integriert und synergetisch gedachte Infrastruktur für Daten, Energie und Mobilität zur Grundlage dieses Berliner Traums. Damit könnte Berlin als Überholer der Energiewende eine Kettenreaktion im Ländle auslösen.

Berlin kann seine Attraktivität für Künstler und andere Produzenten von informationellen Gütern ausbauen, indem wir zeitgemäße Monitarisierungsmodelle für's Digitale entwickeln und damit eine wirkliche Reform der Magna Charta der Informationsgesellschaft, des Urheber- und Patentrechts, in der Praxis bewirken. Frei nach dem Motto "das neue System funktioniert in der Theorie nicht, aber in der praxis" (adaptiert von Jimmy Whales, Gründer von Wikipedia).

Ein Ineinandergreifen von Wissenschaft und Unternehmertum, das durch Politik und Verwaltung kontrolliert und gefördert wird, kann einerseits Innovationen und Startups wie am Fließband produzieren und andererseits eine offene Bildungsinfrastruktur entstehen lassen, die mehr Spaß und Relevanz in Bildungsangebote von Kindergärten, in Seniorenheime oder Einbürgerungsprogramme bringt.

Eine Diskussion über das Berlin unserer Träume, über die Helden unserer Zeit, wird uns bei der Gestaltung unserer kollektiven Ziele helfen und damit die gesellschaftliche & wirtschaftliche Bewegung zu deren Realisierung befeuern.

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