Buchtipp

Petra Wittmar "Medebach"

Wie man mit offenen Augen das Charakteristische im Alltäglichen entdecken und auch in der Provinz zu faszinierenden Fotos kommen kann, zeigt exemplarisch Petra Wittmars Medebach-Report aus ihrer Heimat im Hochsauerland. Und Medebach ist überall.

Petra Wittmar / Hatje Cantz Verlag

© Petra Wittmar / Hatje Cantz Verlag

Petra Wittmar / Hatje Cantz Verlag

Die Hochsauerland-Welt besteht aus Mehrfamilienhäusern, Garagen, Bauernhöfen und kleinen Industriebauten. Mit deutscher Gründlichkeit sind die Gehsteige gefegt, der Rasen in den Vorgärten gemäht und die Hecken exakt beschnitten. Petra Wittmar, geboren 1955 in Medebach und Absolventin der Folkwangschule Essen, fängt die aus der Ordentlichkeit resultierende Tristesse ihrer Heimatgemeinde im provinziellen Spannungsfeld zwischen Natur und Stadt ein. Sie tut dies mit dem Blick einer Insiderin, die von außen kommt, gleichermaßen direkt wie distanziert.

Wenige Geschäfte, >>Mega Döner<< als kulinarisches Zentrum, >>Jesus Center<< und Internet-Cafe sowie kleine architektonische Eskapaden in Form einer mediterranen Villa, eines alpenländischen Chalets oder eines kleinen Hochhauses ändern nichts daran, dass die sprichwörtliche Kirche im Dorf bleibt. Halbleere Neubaugebiete, einige Brachen und Bolzplätze, ein roter Kaugummi-Automat in der Schulstraße komplettieren das Bild der Außenwelt, das sich den Bewohnern jenseits ihrer mit Rüschengardinen verhangenen, von Gartenzäunen begrenzten privaten Welt bietet. Die Fotos stehen exemplarisch für das Alltagsgesicht einer ländlichen Kleinstadt in der deutschen Provinz. Medebach ist überall.

Anders als in ihrem früheren Schwarzweiß-Projekt >>Medebach 1979-1983<< setzt Wittmar 2009-2011 auf die Farbfotografie. So vermeidet sie einen unangebracht historisierenden Effekt und kommt zu einem zeitgemäßen Ergebnis. Schade, dass sie in >>Medebach<< nur die halbe Geschichte erzählt. Wittmar hat sich für ein eher künstlerisches als journalistisches Konzept entschieden. Ihre reduzierten Sujets lassen deren Charakter vielleicht noch deutlicher hervortreten. Doch die zweifellos reizvolle Konzentration auf architektonische, urbane und landschaftliche Elemente lässt die Menschen vermissen, die die Kulissen mit Leben erfüllen und das Bild aus dem aktuellen Deutschland erst komplett machen würden.

Ratgeber: Miniaturmodelle fotografieren - so geht's

Für selbst aktive Fotografen interessant zu sehen ist, wie Wittmer bei durch ihre sachliche, nüchterne Art zu fotografieren die Motive für sich selbst wirksam werden lässt. Wittmer kommt völlig ohne Inszenierungen oder ästhetische Extreme aus. Sie verzichtet auf Auf- und Untersichten, fotografiert meist bei bedecktem, grauem Himmel und diffusem Licht. So zeigt sie, dass es für starke Fotos keiner optischer oder perspektivischer Mätzen bedarf.

Petra Wittmar - Medebach Fotografien 2009-2011 Hatje Cantz Verlag Hrsg. Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur, Köln 2013.144 Seiten, 64 Abb. ISBN 978-3-7757-3543-8

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