Big Data in Casinos

Die Bank überwacht immer

Sie glauben vielleicht es ist absurde Übertreibung, was George Clooney und Brad Pitt in "Oceans Eleven" und den Nachfolgerfilmen so anstellen. Tatsächlich aber sind die Casinos von Las Vegas ein totalüberwachtes, hochtechnisiertes Biotop, in dem Betrüger wenig Möglichkeiten haben - doch auch die Chancen der ehrlichen Spieler sinken.

Las Vegas

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Las Vegas

"Oceans Eleven". Was für ein Film. Die Geschichte von Danny Ocean, der die Tresore in gleich drei der großen Casinos von Las Vegas auf einen Schlag leerräumen will. Oder "Oceans 13", in dem die gleiche Bande mit Hilfe einer Tunnelbohrmaschine und einer Magnetfeldröhre auf dem Strip zuschlagen.

Alles Übertreibung? Weit weniger, als Sie denken.

Wo viel Geld im Spiel ist, da ist auch die Kriminalität nicht weit - und das gilt auch für Las Vegas. Digitale Technik hilft einerseits Betrügern und ist gleichzeitig die wichtigste Waffe im Kampf gegen Trickser. Und: Sie hilft bei der Kundenbindung. Oft genug dienen Casinos als Laboratorium für neue Technologien.

>>Casinos nutzen die allerneueste Sicherheits- und Überwachungstechnologie. Ihre Sicherheitsexperten schauen sich erst an, wie diese Einrichtungen in anderen Branchen funktionieren, und adaptieren sie dann für eigene Anwendungen<< sagt Dave Shepherd, ehemaliger Geschäftsführer der Sicherheit im "Venetian" und heute Sicherheitsberater für die Homeland Security. Quasi als Nebeneffekt des Sicherheitswahns erhoben die Casinos die Art, das Verhalten der eigenen Kundschaft zu erforschen, zu einer neuen Kunstform. Anhand gigantischer Datenmengen und Scharen von Analysten analysieren sie die Vorlieben, die Beweggründe und die Interessen ihrer Gäste.

Anthony Carleo, 29, ist Sohn eines Amtsrichters. Um 3 Uhr 45 in der Nacht stellt er seine schwarze Suzuki GSX-R mit laufendem Motor vor dem "Bellagio" ab. Er spaziert gelassen in das Casino hinein, den Motorradhelm behält er auf. Er schaut sich um. Nur wenige Gäste sind anwesend, und wie erwartet sieht er kaum Sicherheitspersonal. Die ganze Etage ist ruhig.

Carleo stoppt vor einem Würfeltisch, zieht eine 40-Millimeter-Taurus-Pistole und fordert die Herausgabe der wertvollsten Spielchips des Hauses. Das Personal reicht ihm Chips im Wert von 1,5 Millionen US-Dollar mit Nennwerten zwischen 100 und 25.000 Dollar pro Stück. Carleo steckt die Chips in eine Tasche und flüchtet aus dem Casino, verfolgt lediglich von den Sicherheitskameras des Hotels. Die Sicherheitskräfte des Casinos leisten keinerlei Widerstand und nehmen auch keine Verfolgung auf. "Aufsehen vermeiden", heißt offensichtlich die Devise.

Carleo steigt auf sein Motorrad und rast davon. Gesamtdauer des Raubüberfalls: keine drei Minuten. Eine obligatorische Verfolgungsjagd im Hollywood-Stil? Fehlanzeige.

Warum? Ein großer Teil der Casinochips ist mit RFID-Tags ausgestattet und jeder Chip ist eindeutig identifizierbar. Ein solcher Chip mit RFID-Tag besitzt eine passive Spulenantenne. Befindet sich ein Transceiver in Reichweite und sendet ein Signal aus, welches mit dem Kondensator harmoniert, kann das Gerät die Identität des betreffenden Chips und seine genaue Lage auslesen.

Während in Kriminalfilmen in verrauchten Hinterzimmern um echtes Geld gespielt wird, sind echte Casinos hier weitaus vorsichtiger. Chips haben keinen fest definierten Wert, dafür aber eine Identifikationsnummer. Der Wert eines Chips ist somit rein virtuell und nur eine Zahl in einem Computersystem. Außerhalb des betreffenden Casinos sind seine Chips tatsächlich völlig wertlos. >>Wenn wir die Chips herstellen und an Casinos ausliefern<<, sagt John Kendall, Präsident von CHIPCO International, eines Gaming-Chip-Herstellers mit über 100 Millionen Chips im Einsatz, >>haben diese überhaupt keinen Geldwert, bis das Casino die zugehörigen Codes registriert.<<

Wie flexibel und schnell die Casinos beim Einbuchen und Entwerten ihrer Chips sein können, zeigt der oben beschriebene Überfall auf das Bellagio. Das Casino hatte die fehlenden Chips bereits innerhalb weniger Minuten nach der Tat problemlos durch neue ersetzt und alle entwendeten RFID-Chips parallel entwertet.

Nur unwesentlich schwieriger war es, dem Dieb auf die Spur zu kommen. Als eine der ersten Maßnahmen nach dem Raub kündigte das Casino an, alle vermissten Chips der betroffenen Serien künftig nicht mehr zu akzeptieren, und rief die Spieler zum Tausch auf. Das setzte Carleo unter Zeitdruck. Er begann, seine RFID-bestückten Chips weit unter Preis zu verkaufen und gab sogar eine Anzeige im Internet auf. Ein verdeckter Ermittler konnte die Identität der gestohlenen Chips anhand eines Probekaufs mit Hilfe eines RFID-Transceivers zweifelsfrei bestätigen. Auf eine Konfrontation folgte das Geständnis und so landete der Dieb vor Gericht.

Seit diesem Vorfall haben Casinos den Einsatz von RFID und damit die Erfassung großer Datenmengen weiter massiv ausgebaut. Doch RFID-Tags dienen nicht nur der Sicherheit, sondern messen auch den Puls des Casinogeschäfts. >>Dank RFID<<, so Kendall, >>wissen die Casinos ganz genau, wie lange jemand gespielt hat, wie viel Geld er im Durchschnitt wettet, welche Spiele er mag und welche nicht.<< Dank RFID lässt sich sogar problemlos überprüfen, ob der Dealer einem Gast seine Gewinne korrekt ausgezahlt hat.

Überfälle mit vorgehaltener Waffe sind für Casino- betreiber eher ein kleineres und unterm Strich wenig bedeutsames Problem. Eine wirkliche Katastrophe sieht ganz anders aus und nennt sich >>Verlust des Stammkunden<<.

Das Lebenselixier eines Casinos ist der Besucher, der dort Geld verspielt, aber nie so viel, dass er das Casino wechselt oder gar seine >>Spielerkarriere<< komplett an den Nagel hängt. Casinos möchten ihre Stammkunden nicht enttäuschen, sondern sie beschützen, hegen und pflegen und vor allem eines: behalten.

So werden regelmäßige Besucher zu stolzen Besitzern einer Treuekarte, die selbstredend mit einem RFID-Tag versehen ist. Treuekarten erlauben es dem Casino, das Kaufverhalten des Gastes in Echtzeit zu verfolgen und ein detailliertes Kundenprofil zu erstellen. So kommen maßgeschneiderte Angebote zu Stande, die aussehen, als ob Gedankenleser ihre Finger im Spiel hätten.

Gäste, die größere Geldsummen im Casino lassen, bekommen den sprichwörtlichen roten Teppich ausgerollt. Eine Villa mit Butler gefällig? Einen Überflug der Stadt im Hubschrauber? Casinos wissen, wie man die Treue seiner Kundschaft angemessen belohnt. Das Haus nimmt jeden Schritt eines Besuchers genau unter die Lupe, und das nicht nur, um seine Präferenzen zu erforschen, sondern auch um seine Sicherheit zu gewährleisten und manchmal sogar, um ihn vor sich selbst zu beschützen.

>>Die Gäste können viel gewinnen oder viel verlieren oder etwas dazwischen erleben<<, sagt Gary Loveman, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer von Caesars Entertainment in Las Vegas. >>Wir bemühen uns, sicherzustellen, dass unsere Gäste keine wirklich desaströsen Erfahrungen machen müssen<<. So besitzen Casinos wie Treasure Island Zapfgefäße mit eigenem RFID-Tag, mit deren Hilfe das Haus den Alkoholkonsum der Gäste stets im Blick behält. Wann immer ein Barkeeper dem Gast ein Getränk einschenkt, aktiviert er durch das Kippen der Flasche den darin verbauten RFID- Chip und die Messvorrichtung. Sobald die Flasche wieder aufrecht gestellt wird, sendet diese die Messwerte an einen Repeater, der sich in der unmittelbaren Nähe befindet und die Daten zur Analyse an das Rechenzentrum sendet.

Wenn der Gast also ein Getränk bestellt, weiß das Casino nicht nur, was er da zu sich nimmt, sondern auch, wie viel - und zwar in Echtzeit und bevor er zum ersten Mal daran nippt. Trinkt ein Gast zu viel, wird ihm vom Personal eine Trink- und Spielpause nahegelegt. Ein Las-Vegas-Casino ist ein integraler Teil eines Ökosystems, fest eingebunden in eine perfekt inszenierte Unterhaltungsmaschinerie. Nicht umsonst gehört eine Spielbank fast immer zu einem Hotel-Resort-Komplex mit Restaurants, Konzerthallen, Einkaufszentren und anderen Attraktionen. Dank Big Data können Casinobetreiber fein abgestimmte Kundenprofile aufstellen und die Kaufentscheidungen des Gastes voraussagen.

Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, Wi-Fi, RFID - moderne Technik schafft ein besseres Verständnis des Kundenverhaltens und somit neue Möglichkeiten der Kundenbindung. Sie erlaubt zudem treffsichere Vorhersagen künftiger Kaufentscheidungen. Generiert werden dabei riesige Datenmengen. Daten, die praktisch niemals verworfen werden, weil sie für die Casinos viel zu wertvoll sind. Anhand von Treuekarten und registrierten Smartphones beispielsweise fischt das Personal aus der scheinbar anonymen Menschenmenge zielsicher Kunden mit hohen Spielumsätzen heraus, um sie mit besonderer Aufmerksamkeit zu versehen.

So kann sich etwa ein Besitzer der Player's Club Card des "Aria Resort" darauf verlassen, beim Club niemals Schlange stehen zu müssen. Ein Aria-Mitarbeiter wird sofort auf ihn zukommen, ihn aus der Reihe herausholen und nach vorn geleiten. Betritt ein Gast sein Hotelzimmer und verändert er die Einstellungen der Beleuchtung oder der Klimatisierung, merkt sich das System seine Präferenzen und stellt relevante Parameter des Zimmers beim nächsten Hotelbesuch automatisch wieder so ein.

Sicherheitskameras sind die Augen und Ohren des Hauses und seit Ewigkeiten ein fester Bestandteil von Casinos. Das größte Gaming-Überwachungssystem der Welt besitzt das "Aria". Tausende von Kameras zeichnen die gesamte Hotelfläche auf, und das natürlich rund um die Uhr. 360-Grad-Geräte liefern einen detaillierten Szenenüberblick, je zwei spezialisierte High-Definition-Kameras mit festem Sichtfeld fokussieren aus verschiedenen Winkeln auf jeden einzelnen Spieltisch. Schwenk-Neige-Zoom-Kameras lassen sich bei Bedarf auf eine Person ausrichten und verfolgen diese durch die Räumlichkeiten des Casinos. Kamerafeeds an Bankautomaten speisen Videomaterial in das "Aria"-Sicherheitssystem in Echtzeit ein. Dank HD-Video kann das Hotel sogar Betrugsversuche bei Würfelspielen aufdecken, berichtete Schichtleiter George Harper im Momentum-Newsletter des MGM Resorts.

Casinos nehmen alle gesammelten Messwerte und Daten konsequent unter die Lupe. >>Casinos stellen die talentiertesten Kryptographen, Computer- Sicherheitsexperten und Spieltheoretiker ein<<, sagt John Pironti, leitender Informationsrisikostratege beim Datenschutzspezialisten Archer Technologies. Alleine das Flamingo-Hotel von Caesars Entertainment in Las Vegas beschäftigt zweihundert Big-Data-Analysten. Das Rechenzentrum von Aria hat 1.000 Quadratmeter Fläche.

Im Überwachungsraum beobachten zu jedem beliebigen Zeitpunkt mindestens sechs Sicherheitsexperten das Geschehen auf über 40 Displays. Via High- Definition-Kameras können sie einem Spieler die Karten aus der Hand ablesen und Chips auf dem Tisch durchzählen. Sicherheitskameras erfassen sogar die Autokennzeichen per Texterkennung und schlagen gegebenenfalls Alarm.

Suspektes Verhalten wie eine ungewöhnliche Handbewegung kann ausreichen, damit ein Team von Analysten Jahrzehnte an Daten auf der Suche nach Hintergrundinformationen zur betreffenden Person durchforstet. Mit wem hat der Gast in der Vergangenheit ein Zimmer geteilt? Saß er mit einem der anderen Spieler schon einmal am gleichen Tisch? Mit Hilfe spezialisierter NORA-Software (die Abkürzung steht für >>Non-obvious Relationship Awareness<<) können Casinos Beziehungen zwischen Menschen aufdecken, um organisierten Betrug ans Tageslicht zu bringen. Nicht alle Häuser finden diese Technik allerdings wirklich hilfreich. Das "Aria" hat den Einsatz von NORA-Software wieder verworfen.

Casinos sind Vorreiter in puncto innovative Überwachungstechnik. Ted Whiting, Leiter der Sicherheitsüberwachung bei "Aria", beklagt zwar die hohe Fehlerrate der heutigen Gesichtserkennungstechnik, freut sich aber schon auf den Tag, an dem er sein Team von Überwachungsexperten nicht mehr so dringend brauchen wird. Die Zukunft gehört seiner Ansicht nach Sicherheitskameras mit künstlicher Intelligenz, die nicht nur das Blatt eines Spielers ablesen, sondern auch seine Geschicklichkeit einschätzen können.

Fiktion oder schon bald Realität? Vermutlich Letzteres.

Beim Roulette oder bei Automatenspielen hat das Haus automatisch die besseren Gewinnchancen. Im Falle von Kartenspielen wie Blackjack ist sein Bankvorteil dagegen klein - und das Betrugsrisiko ist hoch. Auch dies wurde schon von Hollywood festgehalten: "21" erzählt die wahre Geschichte von Studenten, die über das gesamte Spiel hinweg Karten zählen und so Gewinne einfahren - zum Ärger der Casinos.

Deshalb verfügen die Blackjack-Tische in Vegas über eines der fortschrittlichsten Überwachungstools der Gaming-Branche. Bei TableEye21 speisen Overhead- Videokameras Daten in eine Analysesoftware ein. RFID-Transceiver verfolgen die Bewegungen von Spielchips mit eingebetteten RFID-Tags. Das Management bekommt in Echtzeit einen Bericht über den Geschicklichkeitsgrad eines jeden Spielers am Tisch.

Dem Bericht liegt eine Einschätzung bei, wie viel Geld das Casino von dem jeweiligen Spieler gewinnen kann, erklärt der Erfinder des Systems, der kanadische Computertechniker Prem Gururajan. Sollte der Croupier einmal einen Fehler machen, wird auch dies dem Management berichtet - völlig automatisch, versteht sich. Ein ähnliches System mit dem Namen Mindplay war bei Kartenspielen wie Blackjack in einigen Casinos schon vor Jahren im Einsatz. Vierzehn winzige Kameras fotografierten die Karten beim Austeilen aus dem Kartenschuh. Eine Software führte blitzschnell eine Wahrscheinlichkeitsanalyse eines Verlustes durch das Casino durch und übermittelte das Ergebnis drahtlos an den Bankhalter. Dies verschaffte dem Haus einen zusätzlichen Vorteil.

Als die Existenz von Mindplay ruchbar wurde, ging eine Welle der Entrüstung durch die Spieler-Gemeinde. In einer Beschwerde an die Casinokontrollbehörde argumentierten empörte Stammgäste, das System würde es dem Bankhalter ermöglichen, die Spieler durch gezieltes Neuausteilen zu übervorteilen. Der Hersteller zog das Produkt zurück; die Idee lebt trotzdem weiter.

Beim Blackjack und Baccara nutzen Casinos weiterhin einen modifizierten Austeil-Schuh. Während dieser die Karten austeilt, liest die eingebaute Infrarotkamera mit unsichtbarer Tinte aufgedruckte Barcodes von der Rückseite der Karten ab und präsentiert sie dem Dealer. Sollte ein Spieler eine Karte illegal austauschen, gibt es Unstimmigkeiten mit dem Protokoll und der Betrug fällt sofort auf. Infrarotleser sind jedoch im Handel frei erhältlich. Es wäre also möglich, dass ein Komplize die Karten der anderen Spieler mit Hilfe eines solchen Lesers entziffert und dem Spieler bei der Strategie mit Gesten zur Seite steht.

Eines dürfte angesichts der enormen technischen Möglichkeiten moderner Digitaltechnik allerdings ziemlich klar sein: Mit reinem Glücksspiel hat ein Casinobesuch nur noch recht wenig zu tun. Das Wettrüsten geht weiter.

Die Autoren Anna Kobylinska und Filipe Martins leben in Las Vegas. Sie sind Geschäftsführer der McKinley Denali Inc. und Autoren von zwölf Fachbüchern.

George Clooney

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