Same day delivery

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Lange Zeit galt der Mythos, dass digitale Technik den stationären Handel ruiniere. Doch Same Day Delivery könnte dieses Machtverhältnis umdrehen.

Same Day delivery

© Collin Stewart

Same Day delivery

Es hatte ein bisschen was von Science Fiction, als Ende Januar die Meldung die Runde machte, dass Amazon künftig Pakete schon vor der Bestellung versenden wolle. >>Antizipatorischer Paketversand<< nennt Amazon das in einem schon im August 2012 beantragten Patent, im Dezember 2013 durchgewunden vom US-Patent- und Markenamt. Die Idee ist so simpel wie verrückt: Durch Analysen des Surf- und Kaufverhaltens des Nutzers möchte Amazon erahnen können, wann er was kauft. Die letzten Suchanfragen, angesehene Produkte, getätigte Käufe, die Dauer, mit der er seinen Mauszeiger über bestimmte Punkte der Seite bewegt: Amazon weiß, was dem Nutzergefällt.

Entgegen der vielfach falschen Berichterstattung, Amazon wolle die Pakete auch schon vor der Bestellung ausliefern, plant der Online-Händler eigentlich mit seinem >>Sci-Fi-Shopping<< nichts anderes als sehr prompte Lieferungen. Die Produkte, die der Algorithmus heraussucht, werden von Amazon verpackt und an ein Logistikzentrum in der Nähe des potenziellen Käufers geliefert. Dort wird es verwahrt, bis die Bestellung eingeht. Dadurch könnte der Kunde sein Wunschprodukt schon wenige Stunden nach Bestellung in den Händen halten. Same Day Delivery nennt man das dann, Lieferung am selben Tag.

Die taggleiche Lieferung ist eine Herausforderung, vor der natürlich nicht nur Amazon steht. Die Weiterentwicklung der Next Day Delivery, die Amazon mit seinem Prime-Paket längst in annähernder Perfektion beherrscht, ist eines der größten Ziele im E-Commerce. Schließlich punktet der stationäre Einzelhandel aktuell noch damit, dass der Kunde sein Produkt nach dem Kauf direkt mitnehmen kann.

Laut Michael Löhr (im Bild oben auf dem Fahrrad), Gründer und Geschäftsführer von Tiramizoo, ist die Same Day Delivery aber nicht nur für den Online-Handel interessant. Auch der stationäre Einzelhandel setzt inzwischen vermehrt auf taggleiche Lieferung. >>In letzter Zeit sehen wir steigende Lieferungen an Endkunden, die in einer Filiale einkaufen und von dort eine Lieferung nach Hause möchten, weil sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind<<, berichtet er von seinen Erfahrungen.

Tiramizoo ist hierzulande einer der ersten und damit einer der bekanntesten Anbieter von Same-Day-Delivery-Lösungen. In 18 großen Städten und weit über 400 Postleitzahlgebieten - unter anderem in Berlin, Bonn, Leipzig, Hamburg und Köln - liefert der Dienst mit Sitz in München noch am Tag der Bestellung im Auftrag der Händler aus. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich der Händler rein auf den Online-Handel spezialisiert hat oder als stationäres Geschäft auch Kaufoptionen im Internet anbietet - etwa über die Website oder einen Webshop. Klickt der Kunde auf die - für Händler simpel einzubauende - Tiramizoo-Option beim Kauf, bekommt der Dienst automatisch alle Informationen über den Lieferauftrag. Während das Paket für den Kunden gepackt wird, schickt Tiramizoo an den nächstgelegenen Fahrer mit für die Lieferung passendem Fahrzeug per App einen Auftrag. So verspricht Tiramizoo teils eine Lieferung in maximal 90 Minuten.

Inzwischen hat Tiramizoo ein breites Firmennetz aufgebaut. Unter anderem kooperiert der Dienst mit Conrad, Nespresso, Thalia und Mercedes Benz und liefert >>sehr regelmäßig<< an 60 der über 400 Locations aus. Im B2C-Bereich bedeute >>sehr regelmäßig<< bis zu 15 Lieferungen pro Tag und Standort, im B2B-Bereich liege die Anzahl bei 40 und mehr Lieferungen - inzwischen schickt Tiramizoo also bereits über 3.300 Artikel am Tag ihrer Bestellung durch Deutschland.

Das sei für manche Händler >>eine große Herausforderung<<, sagt Löhr. Insbesondere im Bereich der lokalen Warenverfügbarkeit bedeute >>Multichannel Retail<<, also der Verkauf auf mehreren Plattformen, dass >>viele Prozesse neu definiert werden müssen.<< So sei etwa das Liefern aus Filialen für die Händler aufwändiger als das vollautomatische Liefern aus Lagerhallen.

Laut einer repräsentativen Umfrage von Ebay zur >>Zukunft des Handels<< würde die Same Day Delivery auch das Modell der Showrooms für Händler wieder praktikabel machen: Kunden kommen in das Geschäft, schauen sich um und suchen sich ihr Produkt aus, können es testen, anfassen, erleben. Nach der Bezahlung wird es dann aber nicht mehr direkt aus dem Ladenlokal herausgegeben, sondern, etwa über Dienstleister wie Tiramizoo, von einem externen Lager aus direkt zum Kunden geliefert.

59 Prozent würden häufiger online oder mobil einkaufen, wenn sie wüssten, dass die Ware noch am gleichen Tag geliefert wird, 25 Prozent sind unentschlossen. Auch das ist ein Ergebnis der Ebay-Studie. Im Ansatz deckt sich das mit den Erfahrungen von Tiramizoo-Chef Löhr: >>Viele Händler bestätigen, dass sich online bis zu 25 Prozent der Neukunden für Same Day Delivery entscheiden<<, sagt er. Sie sehen die taggleiche Lieferung als ein >>sehr wichtiges und effizientes Kundenaquisetool.<< Schließlich nehmen die Kunden offenbar genau wahr, wie viel Zeit sie geduldig sein müssen, bis es zur Lieferung kommt - dafür muss man die diversen Liefertermine und -möglichkeiten nicht zwingend so offensiv präsentieren, wie es etwa Amazon tut - und damit zeitgleich auch sein Prime-Paket bewirbt.

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© Archiv

70 Prozent der Befragten in der Ebay-Studie erwarten binnen der kommenden 10 Jahre, dass Lieferungen in Ballungsräumen in wenigen Stunden möglich sein werden. Dass das heute schon Realität ist - oder sein könnte - ist vielen aber sicher noch nicht bewusst. Möglichkeiten gäbe es viele. Und doch tut sich der stationäre Einzelhandel meist noch schwer, die schwindenden Grenzen zum Online-Handel und die neuen Chancen zu erkennen. Zu groß ist bei Händlern die Angst, das Web-Geschäft zerstöre die Läden in den Innenstädten. Allein: Als der OTTO-Katalog eingeführt wurde, hatten viele Inhaber die gleichen Ängste. Sonderlich viele Geschäfte sind daran aber nicht zerbrochen. Thomas Bendig, Geschäftsführer des Fraunhofer-Verbundes für Informations- und Kommunikationstechnologie, wertet das Ergebnis der Ebay-Studie sogar sehr positiv: >>Same Day Delivery wird den stationären Handel nicht zerstören, sondern beflügeln.<<

Das könnte auch für den Handel mit Lebensmitteln gelten. Schließlich sind gerade hier Frische und Hygiene die höchsten Güter - und damit auch die größten Hürden bei der Lieferung nach Hause. Wer möchte schon Fleisch an die Haustür geliefert bekommen, das bereits vier Tage in einem Liefertransporter durch Deutschland geschickt wurde? Immerhin: Der Handel mit Lebensmitteln im Internet hat im Vergleich zu 2011 zugenommen. Gaben damals nur 16 Prozent an, >>Online Food Retailing<< zu nutzen, waren es im Oktober 2013 schon 27 Prozent. Einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney in Zusammenarbeit mit den Universitäten Köln, St. Gallen und Wien zufolge liegt der Umsatz des deutschen Online-Food-Markts bei geschätzten 370 Millionen Euro. Das klingt viel, ist aber im Verhältnis fast nichts. Insbesondere deswegen, weil die meisten Käufer aus Neugier oder zu Probezwecken online bestellten - Stammkunden wurden daraus meistens nicht.

Laut Ebay könnte ein Teil der Zukunft des Handels aber genau in diesem Bereich liegen, etwa mit Abomodellen, wie sie bereits einige Lebensmittelmärkte im Netz anbieten. So findet sich auf den Seiten von Edeka recht schnell der Online-Shop. Ein bisschen Orangensaft, Ketchup, Spülmaschinentabs und schwarzer Tee: 13,74 Euro zuzüglich knapp fünf Euro Versand. Einmalig oder als Abo in einem bestimmten Zeitraum: kein Problem.

Lebensmittel, bei denen Frische und Schnelligkeit im Vordergrund stehen, findet man nicht. Ein Markt wäre jedoch vorhanden. 35 Prozent der unter 30-Jährigen und sogar knapp 40 Prozent der 30- bis 45-Jährigen könnte sich eine automatische Lieferung von alltäglichen Lebensmitteln in Form eines Abos vorstellen. Selbst bei den 46- bis 60-Jährigen sind es noch 28 Prozent. Das zumindest sagt die Ebay-Studie.

Die Studie von A.T. Kearney zeigt aber auch ganz klar die aktuellen Problemstellen bei diesen Plänen auf. 55 Prozent zweifeln an der Produktqualität und 80 Prozent vermissen die Möglichkeit, Lebensmittel bei der Lieferung zu überprüfen und auch ablehnen zu können. Flexibilität ist also ein wichtiger Punkt, dem man auch bei der Konzeptionierung des Online-Shops von Edeka offenbar keine sonderlich hohe Priorität einräumte.

Da sind die amerikanischen Tech-Firmen dem Handel in Deutschland schon etwas voraus. Amazon etwa verkauft und liefert in ausgewählten Regionen schon jetzt alles an Lebensmitteln aus, was das Regal hergibt - natürlich am Tag der Bestellung. Google hat durch den fehlenden Online-Shop nicht die Möglichkeit, Lebensmittel zu verkaufen. Mit dem >>Google Shopping Express<< versucht sich der Konzern aktuell in Kalifornien aber an einer Kooperation mit lokalen Geschäften. Der Lieferservice liefert dann das gesamte Angebot des Geschäfts binnen Stunden nach Hause. Bestellungen können per Computer oder mobil mittels App aufgegeben werden. Zugegeben: Das ist nicht wahnsinnig weit weg von Deutschland - aber das Verständnis für die künftige Verzahnung von lokalen Geschäften, dem Online-Handel und externen Lieferdiensten ist in Amerika weitaus fortschrittlicher.

Was wird aus dem stationären Einzelhandel? Aus der taggleichen Lieferung und aus allerhand Science Fiction, die man in den Medien immer öfter liest?

Eine Prognose ist derzeit schwer zu treffen, schließlich wird aktuell viel experimentiert. Etwa mit dem Dienst Mytaxi, der versucht, Taxifahrer kurzfristig zu Kurieren umzufunktionieren und so ein breites Netz an Kurierfahrern aufzubauen. Oder bei Tiramizoo, die laut Michael Löhr noch in diesem Jahr planen, in weiteren 20 bis 30 Städten nutzbar zu sein.

Auch das Drohnen-Shopping, das Amazon und andere Tech- und Lieferriesen aktuell PR-wirksam testen, dürfte die Branche - eher in etwas entfernterer - Zukunft immer wieder beschäftigen. In Australien ist es beim Buchhändler Zookal zwar schon Realität, wenn auch bislang nur in kleinem Stil, für eine Lieferung in Ballungsgebieten aber ist die Technik definitiv noch zu unausgereift und unsicher. Und auch ob man vom >>antizipatorischen Paketversand<< von Amazon in naher Zukunft hören wird, kann durchaus bezweifelt werden.

Aber immerhin: Es wird probiert und entwickelt, die Grenzen zwischen dezentralem und stationärem Handel verschwimmen immer mehr und es ist höchste Zeit für beide Seiten, das auch zu verstehen. Noch gilt: Je älter der Kunde, desto weniger Bedarf hat er an Online-Bestellungen und taggleichen Lieferungen. Spätere Generationen aber werden zu einem derart großen Markt für die Ausnutzung neuer Möglichkeiten, dass die Unternehmen gut beraten sind, in diese zu investieren.

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