Interview

Rafi Haladjian: "Das Internet of Things wird die Industrie grundlegend ändern."

Das Internet der Dinge ist ein Megatrend der Digitalwirtschaft. Wir haben mit dem 1961 in Beirut geborenen Rafi Haladjian gesprochen, einem der Pioniere auf diesem Gebiet.

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© Rafi Haladjian

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Wie will man "Internet of Things" definieren?

Internet Magazin: Internet of Things ist auch hier auf der Le Web das Buzzword Nummer 1. Versucht man diesen Begriff zu fassen, findet man eine Unzahl an Definitionen. Es beginnt bei RFID-Technologie bei Verpackungen und hört bei 3D-Druck als Print-on-Demand-Service noch lange nicht auf. Was bedeutet das Internet der Dinge für Sie?

Rafi Haladjian: Internet of Things ist ein falscher Begriff, aber jetzt, wo er einmal da ist, ist es völlig egal, was er bedeutet. Man sollte sich nicht mit Definitionen aufhalten. Im Kern bedeutet es, dass Dinge nicht mehr rein virtuell hinter einem Bildschirm passieren, sondern mit echten Produkten verbunden sind. Wir gehen raus aus dem Goldfischglas hinein in die reale Welt.

Internet Magazin:  Die neuen Startups, die sich auf dem Gebiet des Internet of Things bewegen, sehen sich völlig neuen Herausforderungen gegenüber: Plötzlich gibt es Herstellung, Handel, Vertriebswege, Support und so weiter. Wie ändert das die Startup-Kultur? Braucht es eine neue Art Gründer?

Rafi Haladjian: Vielleicht. Zunächst benötigt man viel Geld. Reichten für ein Internet-Startup 20.000 Euro, so benötigt eine Firma beim Internet der Dinge jetzt mindestens 2 Millionen. Viele Startups haben eine Website oder gute Apps und wollen das jetzt mit vernetzten Produkten verbinden. Das die Produktionsphase 18 Monate dauert, haben sie nicht auf dem Schirm. Es ist teuer, es dauert lange, und dabei werden Fehler gemacht. In der Anfangszeit des Internets gab es viele Websites mit guten Ideen, aber schlechter Umsetzung. Bis daraus ein gutes Produkt wurde, gab es viele Verbesserungsrunden. Jetzt dauert so eine Runde aber 18 Monate und kostet 2 Millionen Euro!

Internet Magazin: Wie wird das Internet der Dinge die traditionelle Industrie verändern?

Rafi Haladjian: Es ändert die Industrie grundlegend. Wenn man heute ein Matratzenhersteller ist, nimmt man Materialen, fertigt seine Matratze, stellt sie in den Laden und verspricht in der Werbung, dass man mit dieser Matratze gut schläft. Packt man jetzt aber Sensoren in die Matratze und misst den Schlaf jeden Tag, ändert das den Blickwinkel. Jetzt verkauft man keine Matratze mehr, sondern guten Schlaf.

Man wird vom Matratzenhersteller zum Schlafexperten. Die Industrie wird sich von Warenherstellern hin zu Nutzenexperten entwickeln. Und da die Industrie inzwischen 24 Stunden am Tag mit dem Kunden verbunden ist, wird die Beziehung zu ihm sehr viel näher. Viel näher als mit Websites und Apps oder früher mit kostenfreien Servicetelefonnummern oder noch früher mit Coupons aus Magazinen. Und die Beziehung ist direkt vom Kunden zum Hersteller - kein Mittelsmann, kein Zwischenhandel

Internet Magazin: Man stellt also keine Produkte mehr her, sondern erfüllt Bedürfnisse?

Rafi Haladjian: Man schafft Erfahrungen und Nutzen. Und Nutzen ist der Maßstab, an dem Hersteller genmessen werden. Ich verspreche nicht nur guten Schlaf, ich beweise, dass es so ist, und zwar jeden Tag. Ich gehe eine enge Beziehung ein mit dem Kunden. Ich messe seinen Schlaf, ich liege quasi mit ihm im Bett. Als Hersteller bin ich verpfl ichtet, mein Versprechen zu halten. Unternehmen, die INTERNET MAGAZIN 2014 >> 02 31 diesen Schritt nicht gehen, werden es in Zukunft schwer haben, Produkte zu verkaufen.

Internet Magazin: Hat die Industrie das schon begriffen?

Rafi Haladjian: In Teilen. Marketingabteilungen sehen den Trend, haben aber Probleme, das Management von diesem fundamentalen strategischen Wandel zu überzeugen.

Internet Magazin: Es gibt Google Glass, die Samsung Smart Watch, demnächst vielleicht die Matratze mit Sensoren. Existiert ein Lebensbereich, der in Zukunft nicht erfasst, verarbeitet und in den großen Informationsfl uss gegossen wird?

Rafi Haladjian: Im Prinzip nein. Jeder Industriezweig wird sich überlegen müssen, wie er seine Kundenbeziehung intensiviert. Derzeit passiert das über Websites, in Zukunft über vernetzte Produkte. Das gilt für Zahnbürsten, Matratzen oder Telefone gleichermaßen.

Internet Magazin: Wird der Kunde das in Zeiten von NSA-Überwachungsdiskussionen akzeptieren?

Rafi Haladjian: Die ganze Big-Brother-Diskussion rührt ja daher, dass Firmen und Institutionen Informationen haben, die man selbst nicht hat. Es geht also darum, die Hoheit über seine Daten zu erhalten. Der normale Nutzer muss also die Tools bekommen, um ebenfalls diese Informationen zu erhalten. Es ist also keine Frage, weniger Daten zu erfassen. Es geht um die Transparenz der erfassten Daten. Nur wer weiß, was über ihn erfasst wird, kann auch entscheiden, welche Daten er erfasst haben will und welche nicht.

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