Studie

Europäische Internet-Wirtschaft holt auf

Europas Internetwirtschaft wird bald ihren Rückstand zu den USA einholen, sagt eine Studie eines führenden US-amerikanischen Private-Equity-Unternehmens voraus. Dabei werden sich ihre Schwächen in Stärken verwandeln.

Turm,Berlin,Funkturm

© Archiv/IntMag

Turm,Berlin,Funkturm

Die europäische Internetwirtschaft wird die US-amerikanische einholen, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden, sagt die Denkschmiede eines führenden US-amerikanischen Private-Equity-Unternehmens.

Das KKR Global Institute schreibt in einer Studie, dass in der europäischen Union zwar mehr Menschen online gingen - 368 Millionen im Vergleich zu 245 Millionen in den USA -, aber dennoch US-amerikanische Firmen wie Google oder Facebook die Internetwirtschaft dominierten. Dies liege unter anderem daran, dass US-amerikanische Firmen leichteren Zugang zu Kapital hätten. Allein im zweiten Quartal 2013 investierten Geldgeber 4,7 Milliarden US-Dollar in US-amerikanische Internetfirmen. In Europa betrugen solche Investitionen lediglich eine Milliarde US-Dollar.

Zudem sei der amerikanische Markt homogener als der europäische, was es Unternehmen in den USA leichter mache, sehr schnell sehr groß zu werden - auch um eventuelle europäische Konkurrenten aufzukaufen. In Europa sei es hingegen schwieriger, eine Technologie großflächig einzuführen - schließlich müsse man sie den einzelnen Kulturen, Sprachen und Gesetzesvorschriften der Mitgliedsländer anpassen. So hätten auch deshalb nationale Trittbrettfahrer mehr Chancen, dem Erfinder die Idee zu stehlen, weil sie die Begebenheiten ihres Heimatlandes besser kennen würden.

Ein anderer Vorteil der USA sei die ausgeprägte Risikofreudigkeit ihrer Unternehmer. Bis zu zwei Drittel der Einwohner bestimmter europäischer Mitgliedsländer sagten 2012 bei einer Befragung der EU-Kommission, dass sie die Angst vorm Versagen von einer Firmengründung abhielte. In den USA liegt dieser Prozentsatz nur bei rund einem Drittel. Ein Grund dafür könnten die komplizierten und langwierigen Insolvenzverfahren in Europa sein - sie können bis zu zehn Jahre dauern. In den USA ist es zudem sehr viel einfacher, Investoren zu gewinnen, um Schulden abzulösen und damit Unternehmern den Neuanfang zu ermöglichen.

Doch einige europäische Regierungen - wie Deutschland und Frankreich - hätten die Insolvenzregeln bereits vereinfacht. Auch sei laut dem KKR Global Institute ein generelles Umdenken im Gange - Unternehmer sein würde immer attraktiver. Überhaupt sei die europäische Internetwirtschaft auf dem besten Wege, der US-amerikanischen Paroli zu bieten. Und gerade ihre Schwächen könnten ihr in Zukunft zum Vorteil gereichen.

Denn die Tatsache, dass es bisher schwierig gewesen sei, Kapital für ein Internet-Startup in Europa zu finden, habe hervorragende Investitionsgelegenheiten geschaffen, so die Autoren der Studie. Der Chef der Pariser Venture-Kapital-Firma ISAI Jean-David Chamboredon formuliert dies so: "Die Konkurrenz zwischen Investoren ist relativ gering, so dass der Einstiegspreis für Geldgeber sehr viel niedriger ist als in den USA - und das bei gleicher Kompetenz der Startups."

Außerdem habe der Flickenteppich der europäischen Kulturen Unternehmern beigebracht, ihre Innovationen an unterschiedliche Begebenheiten anzupassen. Nur so habe eine Idee auf dieser Seite des großen Teichs bei einer internationalen Markteinführung Aussicht auf Erfolg. Gerade vor dem Hintergrund eines sinkenden US-amerikanischen Marktanteils werde eine solche Flexibilität immer wichtiger, und europäische Unternehmen seien gut aufgestellt, große Stücke des globalen Internetkuchens zu ergattern. Ein Beispiel dafür ist das Gründungszentrum Rocket Internet, das inzwischen in Osteuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika präsent ist.

Gründungszentren spielen generell eine immer größere Rolle in der europäischen Internetwirtschaft. Neben Rocket Internet gibt es unter anderen das von der Otto-Gruppe und dem Axel-Springer-Verlag finanzierte Project A Ventures und Epic Companies, das der Mediengruppe ProSiebenSat.1 gehört. Solche Inkubatoren sind Geldgeber, aber auch Entwickler von neuen Ideen. Sie seien besonders wichtig in einem Wirtschaftsraum, in dem es an Finanzgebern für spätere Entwicklungsphasen mangelt. Zusammen mit US-amerikanischen Investoren, die mehr und mehr Geld in Europa steckten, und privaten Kapitalgebern könnten sie sehr wichtig für die europäische Internetwirtschaft werden. Das sei umso dringlicher, als Erstemissionen von Technologieunternehmen in Europa sehr schwierig seien - unter anderem, weil es kein Pendant zur amerikanischen Technologiebörse Nasdaq gibt.

Diese Geldgeber könnten in die zahlreichen europäischen Mini-Silicon-Valleys investieren, die sich laut dem KKR Global Institute gebildet haben - und zwar gerade, weil der Markt hier so fragmentiert ist. Londons Startups - rund 1400 an der Zahl - haben in der ersten Hälfte von 2013 etwa ein Drittel der 1,8 Milliarden Dollar an Venture-Kapital angezogen. Das Finanzzentrum ist ein attraktiver Standort für Internetunternehmer, und die britische Regierung lockt außerdem mit Steuervergünstigungen für Startups und generell niedrigen Unternehmenssteuern.

Platz zwei und drei nehmen die Internet-Hubs Stockholm und Berlin ein. Die Schweden springen generell schnell auf technologische Innovationen an - die Hauptstadt ist also ein idealer Testmarkt. Berlin ist ein kreatives Umfeld mit niedrigen Mieten, vielen qualifizierten Fachkräften und einem guten Netzwerk aus Gründungszentren.

Andere Städte auf der Liste der europäischen Mini-Silicon-Valleys sind Paris, Helsinki, Barcelona, Amsterdam, Moskau, Talinn und Estland.

Damit die Internetwirtschaft in all diesen Innovationszentren aber auch wirklich vorankomme, müsse der Zugang zu Kapital weiter verbessert werden, so die Autoren der Studie. So fehlten bislang größere Börsengänge, die Kapitalgebern signalisierten, dass eine Investition in die Internetwirtschaft sich lohne. Dies würde dem Sektor einen Schub geben. Zudem müssten europäische Staaten den Markt für Arbeitnehmer und Unternehmer flexibler machen. Dies fordern auch einige Unternehmer in einem Startup-Manifesto.

Schenkt man dem KKR Global Institute Glauben, ist die europäische Internetwirtschaft jedoch schon auf einem guten Wege dahin.

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